Viveka Chudamani – Vers 59

Deutsche Übersetzung:

59. Wenn die höchste Wirklichkeit nicht erkannt wird, ist das Studium der Schriften zwecklos/nutzlos. Wenn jedoch die höchste Wirklichkeit erkannt wird, ist das Studium der Schriften ebenso zwecklos/nutzlos (nishphala).

Sanskrit Text:

avijñāte pare tattve śāstrādhītis tu niṣphalā |
vijñāte’pi pare tattve śāstrādhītis tu niṣphalā || 59 ||

अविज्ञाते परे तत्त्वे शास्त्राधीतिस्तु निष्फला |
विज्ञाते ऽपि परे तत्त्वे शास्त्राधीतिस्तु निष्फला || ५९ ||

avijnate pare tattve shastradhitis tu nishphala |
vijnate’pi pare tattve shastradhitis tu nishphala || 59 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • avijñāte : (wenn) nicht erkannt ist (Avijnata)
  • pare : die höchste (Para)
  • tattve : Wirklichkeit (Tattva)
  • śāstrādhītis : das Studium (Adhiti) der gelehrten Schriften (Shastra)
  • tu : doch (Tu)
  • niṣphalā : (ist) zwecklos („fruchtlos“, Nishphala)
  • vijñāte : (wenn) erkannt ist (Vijnata)
  • api : auch, selbst (Api)
  • pare : die höchste
  • tattve : Wirklichkeit
  • śāstrādhītis : das Studium der gelehrten Schriften
  • tu : umso mehr („doch“)
  • niṣphalā : (ist) zwecklos („fruchtlos“)     || 59 ||

Kommentar

Das ist ein lustiger Ausdruck. Shankara schreibt letztlich eine Schrift – die Viveka Chudamani. Aber das Studium der Schriften alleine reicht nicht aus. Es gilt, dich selbst zu erkennen. Es nutzt nichts Schriften zu lernen und nachher über deine Gelehrtheit stolz zu sein. Wichtig ist, dass du das höchste selbst erfährst. Wenn du die Gotterkenntnis, die Selbstverwirklichung, die Selbsterkenntnis hast, dann spielen die Schriften keine Rolle. Wenn du das Ziel des Schriftstudiums erreicht hast, dann sind für dich die Schriften wertlos. Wenn du Schriften studierst, ohne die Selbsterkenntnis zu erreichen, bringt es auch nicht viel. Strebe In diesem Sinne danach, die höchsten Schriften zu erfahren, ihren Weisheiten zu folgen, alles zu tun, was nötig ist, aber denke nicht, dass das Studium der Schriften zum Selbstzweck ist.
Zu Shankaras Zeiten war es sicherlich so, dass es viele Gelehrte gab, die ihren Lebensunterhalt gefristet haben, indem sie die Schriften studiert, ausgelegt, aber selbst keine Selbsterkenntnis gehabt haben. Zu unseren heutigen Zeiten gibt es vielleicht viele Yogalehrenden, die Yogaunterricht geben, aber selbst nicht im spirituellen Weg vorankommen. Irgendwann fangen sie an zu unterrichten und versuchen ihren Unterricht so zu gestalten, dass sie viele Teilnehmer bekommen, und passen den Unterricht sehr stark an die Teilnehmer an. Aber sie machen es nicht mit der Einstellung, dass sie ein Diener Gottes werden und dass sie sich beim Unterrichten mit dem Selbst anderer verbinden wollen.

Überprüfe auch dein Unterrichten. Machst du das Unterrichten wirklich noch als uneigennütziges Dienen? Machst du das Unterrichten wirklich, dass du dich dabei mit dem Meister, der Meisterin, mit dem Göttlichen verbunden fühlst? Machst du das Unterrichten so, dass eine mystische Erfahrung entsteht und du letztlich das Göttliche wahrnimmst? Genauso solltest du unterrichten.

Unterrichte nicht, um mehr Schüler zu bekommen, mehr gelobt zu werden, weniger Beschwerden, mehr Likes auf Facebook zu bekommen, bessere Beurteilungen im Google Places Eintrag oder auf deiner Facebookseite zu bekommen. Das sei nicht deine Hauptmotivation.

Unterrichte als Dienen. Unterrichte, um Gott zu erfahren. Und das Unterrichten von Yoga kann dich zur Gott-Erfahrung führen. Darüber spricht Krishna immer wieder in der Bhagavad Gita: „Das Unterrichten von Yoga kann dich Gott nähern. Aber nicht, indem du nur ein Schwall von Worten in Gelehrsamkeit hast und nur den Prinzipien des Sprechens und Unterrichtens folgst. Die spirituelle Einstellung ist wichtig.“
Auch wenn du Meditation anleitest oder Vorträge gibst – öffne dich, bitte um Erkenntnis und um Führung. Sprich aus deiner Erfahrung und von deinem Herzen her. Gib die Weisheit in der Vorstellung weiter, dass das Selbst durch sich zu sich selbst lehrt. Gott spricht durch dich zu sich selbst. Somit wird Unterrichten eine mystische Erfahrung – und das Unterrichten hilft dir und auch deinen Teilnehmern wirklich.

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