Viveka Chudamani – Vers 177

Deutsche Übersetzung:

177. Es ist der Geist, der für den Erfahrenden – sowohl im grobstofflichen als auch im feinstofflichen Körper – stets Sinnesobjekte produziert, und bringt fortwährend Verschiedenheiten der Körper, der Kasten, der Lebensabschnitte hervor, welche alle die Resultate der Eigenschaften (guna), und der Ursache und Wirkung der Taten sind.

Sanskrit Text:

manaḥ prasūte viṣayān aśeṣān
sthūlātmanā sūkṣmatayā ca bhoktuḥ |
śarīra-varṇāśrama-jāti-bhedān
guṇa-kriyā-hetu-phalāni nityam || 177 ||

मनः प्रसूते विषयानशेषान्
स्थूलात्मना सूक्ष्मतया च भोक्तुः |
शरीरवर्णाश्रमजातिभेदान्
गुणक्रियाहेतुफलानि नित्यम् || १७७ ||

manah prasute vishayan asheshan
sthulatmana sukshmataya cha bhoktuh |
sharira-varnashrama-jati-bhedan
guna-kriya-hetu-phalani nityam || 177 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • manaḥ : der Geist, das Denken (Manas)
  • prasūte : bringt hervor („treibt an“, pra + )
  • viṣayān : Sinnesobjekte (Vishaya)
  • aśeṣān : sämtliche (Ashesha)
  • sthūlātmanā : grobstofflicher (Sthula) Art („Wesen“, Atman)
  • sūkṣmatayā : feinstofflicher Art (Sukshma)
  • ca : und (Cha)
  • bhoktuḥ : für den Wahrnehmenden („Genießer“, Bhoktri)
  • śarīra-varṇāśrama-jāti-bhedān : die Unterscheidungen (Bheda) hinsichtlich Körper (Sharira), Standeszugehörigkeit und Lebensstadium (Varnashrama) sowie der Berufskaste (Jati)
  • guṇa-kriyā-hetu-phalāni : (und seine) Eigenschaften (Guna), Handlungen (Kriya), Beweggründe (Hetu) und Ergebnisse (Phala)
  • nityam : immer, ständig (Nitya)    || 177 ||

Kommentar

Der Geist will immer wieder etwas Neues. Der Geist produziert Sinnesobjekte. Auf der einen Seite bist du natürlich jemand, der auch ständig etwas produziert. Auf der anderen Seite, dein Geist produziert auch ständig Wünsche nach Sinnesobjekten. So wie du etwas hast, kurz danach willst du etwas Neues. So wie du dich mit Menschen unterhälst, sofort kommen neue Wünsche. Und wenn du sie nicht bekommst, sofort kommen irgendwelche Emotionen. Also der Geist schafft Sinnesobjekte, Vorstellungen von Sinnesobjekten und Wünsche.

Und dann schafft er Verschiedenheiten. Du denkst dann, ja ich bin zu zu groß, ich bin zu klein, ich bin zu dick, ich bin zu dünn. Oder Verschiedenheiten der Körper oder auch der Kasten, also zu unserem Zeitpunkt würde man sagen, soziale Schicht. Denkst du vielleicht: ja, ich muss was für den beruflichen Aufstieg tun, ich muss zeigen, dass ich ein kluger Mensch bin, ich muss mich um alles mögliche Wichtige kümmern. Ich muss irgendwo einen Status bekommen. All das schafft auch wieder der Geist, die Vorstellungen, dass du irgendwie Ansehen brauchst und dafür eine gute Position hast. Und natürlich – du hast: Oh, der Andere ist viel besser als ich, oh, der Andere hat mehr als ich und so weiter. Und was der wieder über mich denkt. Was wird meine Mutter denken? was werden meine Kinder denken? was wird mein Vater denken? was werden … und so weiter. Ständig überlegst du, bist du so gut wie andere, wirst du von anderen gut angesehen? Ständig produziert dein Geist solche Überlegungen.

Lebensabschnitte – die Verschiedenheit der Lebensabschnitte. Du überlegst jetzt, was muss ich als Nächstes tun, war mein letzter Lebensabschnitt gut, was habe ich geleistet, was muss ich noch leisten: Oder einer der modernen Verrücktheiten ist, zu überlegen, bevor ich sterbe, was will ich noch alles erleben. Menschen machen sich dann große Strichlisten oder Checklisten und sie werden immer länger. Und verbringen dann den Rest ihres Lebens damit, ihre To-Do-Liste abzubauen, abzuarbeiten. Wenn ich das erste Mal meine Ferien verbracht hatte auf Honolulu, wenn ich das erste Mal in Simbabwe war, wenn ich in Kerala, in Backwaters, gewesen bin, wenn ich die große chinesische Mauer angesehen habe, dann kann ich mich der Spiritualität widmen. Unsinnig. Du kannst dich jetzt der Spiritualität widmen. Der Geist wird dir ständig neue Sachen geben, die du noch zu tun hast. Er wird dir ständig neue Sachen vorgeben, was im nächsten Lebensabschnitt noch sein muss.

Gar nicht mal selten habe ich erlebt, dass spirituelle Aspirantinnen gesagt haben, ja, meine Kinder sind jetzt aus dem Haus, jetzt habe ich Zeit für spirituelle Praktiken. Was kommt als Nächstes: Großmutterdasein. Plötzlich kultivieren Aspirantinnen alle möglichen Vorstellungen, was sie alles für ihre Enkel, Enkeltöchter und Enkelsöhne machen müssen, oft sogar ohne das die eigenen Kinder das überhaupt wollen, die Eltern der Enkel. Und wenn selbst die Kinder es wollen, ab 50 – 60, wenn die Kinder aus dem Haus sind, spätestens jetzt wird es Zeit, intensiver dich der spirituellen Praxis dich zu widmen und anderen zu lehren. Es ist jetzt nicht notwendig, dass du alle deine Zeit mit deinen Enkeln verbringst.

Jetzt ist die Zeit, dein Wissen weiterzugeben, jetzt ist die Zeit zu praktizieren. Mache das! Mache es systematisch und bewusst. Schaffe dir nicht wieder neue Pflichten und warte bis die Kinder, bis die Enkelkinder alt sind. Dann kommen vielleicht noch die Urenkel, wenn du noch gesund bist. So kann es endlos weitergehen. Verschiebe das.

Dann sagt Shankara hier noch: Resultate der Eigenschaften (Guna). Wenn Rajo Guna da ist, also Rajas, dann willst du alles mögliche. Wenn Tamo Guna überwiegt also vorherrscht, dann hast du zu allem keine Lust. Und wenn nur Sattwo Guna vorherrscht, also Sattwa, Reinheit, vorherrscht, dann bist du bereit, alles mögliche Spirituelle zu tun. Und so lass dich nicht von Rajas und Tamas beeindrucken, hebe deinen Geist zu Sattwa. Wenn du plötzlich gekränkt bist oder alles mögliche brauchst und denkst, das will ich, folge nicht dem Geist, sondern sage nur: Aha, Rajas ist wirksam. Und statt jetzt dem Rajas zu folgen, überlege nur, wie kriege ich meinen Geist in Sattwa. Und du kriegst deinen Geist eben nicht in Sattwa, indem du allen Wünschen folgst, indem du dich über alles Mögliche aufregst, Menschen die Meinung sagst. Und du wirst auch Tamas nicht überwinden, indem du dich selbst bedauerst und dich zurückziehst.

Du wirst Rajas und Tamas überwinden durch spirituelle Praktiken: Übe Asanas, übe Pranayama, höre Mantras, singe Mantras, meditiere. Sprich ein Gebet, lies spirituelle Bücher und höre vielleicht diesem spirituellen Podcast oder diesen Vorträgen zu. Und ist der Geist in Sattwa, dann fällt es leicht, auf überflüssige Sachen zu verzichten. Dann sei dir noch bewusst, ob du etwas bekommst oder nicht, ist alles Wirkung von Karma.

kriyā-hetu-phalāni: Eigenschaften sind Guna, Kriya sind die Handlungen und Hetu sind Beweggründe und Phalani sind Ergebnisse. Du tust etwas aus einem gutem Motiv, es kommt etwas Gutes zu dir hin. Du tust etwas aus einem schlechten Motiv, du hast schlechtes Karma. So ist das, was du bekommst, zum einen Resultat von dem, wonach du strebst und zum anderen von dem, wie du sonst mit anderen umgegangen bist. Aber letztlich bist du das unsterbliche Selbst. Sei dir dessen bewusst.

Und jetzt überlege einen Moment lang, überlege, wo verschwendest du deine Zeit, wo fällst du einfach deinem Geist zum Opfer, mit seinem Mögen und seinem Nicht-Mögen. Werde dir bewusst, wie wirkt Rajas und Tamas. Und anstatt dem Rajas und Tamas zu folgen, wie kannst du deinen Geist sattwig machen?

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