Viveka Chudamani – Vers 187

Deutsche Übersetzung:

187. Sie durchläuft verschiedene Geburten, kommt und geht, hinauf und hinab. Vijnamayakosha, der Erkenntnishülle gehören die Erfahrungen durch Lust und Schmerz an, welche im Wach-, Traum- und anderen Zuständen gemacht werden.

Sanskrit Text:

bhuṅkte vicitrāsv api yoniṣu vrajann
āyāti niryāty adha ūrdhvam eṣaḥ |
asyaiva vijñāna-mayasya jāgrat-
svapnādyavasthāḥ sukha-duḥkha-bhogaḥ || 187 ||

भुङ्क्ते विचित्रास्वपि योनिषु व्रज-
न्नायाति निर्यात्यध ऊर्ध्वमेषः |
अस्यैव विज्ञानमयस्य जाग्र-
त्स्वप्नाद्यवस्थाः सुखदुःखभोगः || १८७ ||

bhunkte vichitrasv api yonishu vrajann
ayati niryaty adha urdhvam eshah |
asyaiva vijnana-mayasya jagrat-
svapnadyavasthah sukha-duhkha-bhogah || 187 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • bhuṅkte : erfährt (bhuj)*
  • vicitrāsu : in verschiedenartige (Vichitra)
  • api : auch (Api)
  • yoniṣu : Schöße („Gebärmütter“, Yoni)
  • vrajan : in dem sie eingeht („wandernd“, vraj)
  • āyāti : kommt (ā +)
  • niryāti : (und) geht (nis + )
  • adhaḥ : abwärts (Adhas)
  • ūrdhvam : (und) aufwärts (Urdhva)
  • eṣaḥ : diese (Individualseele, Etad)
  • asya : dieser (Idam)
  • eva : gewiss (Eva)
  • vijñāna-mayasya : aus Erkenntnis bestehenden (Hülle, Vijnanamaya)
  • jāgrat-svapnādy-avasthāḥ : (sind) der Wachzustand (Jagrat), Traumzustand (Svapna) usw. (zu eigen, Adi)
  • sukha-duḥkha-bhogaḥ : (sowie) die Erfahrung (Bhoga) von Freude (Sukha) und Leid (Duhkha)     || 187 ||

*Anmerkung: Das Wort „erfährt“ (bhuṅkte) bezieht sich syntaktisch auf den vorangehenden Vers (186).

Kommentar

Die individuelle Seele scheint durch verschiedene Geburten zu gehen, mal hoch und mal runter, d. h. mal hast du eine höhere Position, mal eine niedrigere. In einer Inkarnation magst du der König sein, in der nächsten Inkarnation bist du ein Diener. In einer Inkarnation bist du eine großartige Mutter, geliebt von ihren Kindern, im nächsten Leben bist du vielleicht eine Frau, auf die andere herab schauen. Höhen und Tiefen kommen und gehen. Geburt kommt, Tod kommt. Shankara sagt an einer anderen Stelle: „Wieder wirst du geboren, wieder wächst du auf, wieder wirst du alt, wieder wirst du sterben. Wieder wirst du geboren, wächst auf, wirst alt, wirst sterben.“ Jeder Mensch, den du siehst, war schon mal deine Mutter, jeder Mensch den du siehst war schon mal dein Vater. Jeder Mensch, den du siehst, war schon mal deine Tochter und war schon mal dein Sohn. Genug! Wann hast du genug davon, dich immer wieder zu inkarnieren in wechselnden Positionen mit anderen. Höre auf mit diesen Identifikationen. Erkenne deine wahre Natur.
So erfährt die individuelle Seele durch den Intellekt all das, was sie auf sich bezieht. Die weniger hoch entwickelten Tiere haben auch Emotionen und Gefühle und Instinkte. Aber beziehen sie das alles auf sich? Der Mensch bezieht alles in außergewöhnlichem Maße auf sich. Der Mensch hat eine unglaubliche Fähigkeit, alles auf sich zu beziehen. Manche Menschen denken z.B. wenn andere an ihnen vorbei gucken `ihr macht das nur wegen mir´. Oder ein Nicken beziehen sie auf sich und denken `er hat was ganz besonderes mit mir´. Manche Menschen denken `das Wetter ist nur wegen mir´. Mensch bezieht alles auf sich. Und du beziehst dann auch noch deine Emotionen besonders stark auf dich. Bei Kindern und Tieren kommen und gehen die Emotionen und es geht schnell. Wünsche kommen und gehen. Der Mensch mit seinem Intellekt bezieht dagegen alles dauerhaft auf sich. Dann hat man nicht nur Angst in dem Moment, in dem man Angst hat, sondern danach hat man Angst vor der Angst. Man ist nicht nur ärgerlich wenn man mal ärgerlich ist, sondern nachher ist man ärgerlich, dass man ärgerlich geworden ist und ist dauerhaft ärgerlich gegenüber dem, der einen ärgerlich gemacht hat und fragt sich, wie kann ich denjenigen vernichten. Es ist der Intellekt, der die Probleme dauerhaft macht. Ein bisschen Schmerz zu haben ist nicht weiter schlimm. Wenn man aber sagt `warum trifft mich der Schmerz, was habe ich falsch gemacht, damit der Schmerz da ist, was passiert, wenn der Schmerz noch schlimmer wird?´ entstehen die Probleme.
Der Mensch ist das Individuum, dem es gut gehen kann und der sich trotzdem Sorgen macht. Das ist Buddhi – der Intellekt. Das geschieht alles in Vijnanamayakosha. Durch die starke Identifikation und dann das mit sich selbst Beschäftigen entsteht dauerhaft Leid und immer mehr Leid.
Vielleicht magst du noch einmal darüber nachdenken – diese Verse sind Verse, die man seltener liest. Meistens geht man mehr über Körper und Prana und Manas und so weiter. Aber was es mit der ganzen Buddhi auf sich hat ist schwer zu verstehen. Vielleicht möchtest du noch einmal tiefer darüber nachdenken, über das hier Gesagte hinaus. Daher nochmals: Die individuelle Seele durchläuft verschiedene Geburten, kommt und geht, hinauf und hinab. Der Vijnanamayakosha, der Erkenntnishülle, gehören die Erfahrungen durch Vergnügen und Schmerz an, welche im Wach-, Traum- und anderen Zuständen gemacht werden.

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