Viveka Chudamani – Vers 453

Deutsche Übersetzung:

453. Der auf einen vermeintlichen Tiger abgeschossene Pfeil bleibt nicht stehen, wenn man hinterher erkennt, dass es eine Kuh ist, sondern durchbohrt das Ziel mit voller Wucht.

Sanskrit Text:

vyāghra-buddhyā vinirmukto bāṇaḥ paścāt tu go-matau |
na tiṣṭhati chinatty eva lakṣyaṃ vegena nirbharam || 453 ||

व्याघ्रबुद्ध्या विनिर्मुक्तो बाणः पश्चात्तु गोमतौ |
न तिष्ठति छिनत्त्येव लक्ष्यं वेगेन निर्भरम् || ४५३ ||

vyaghra-buddhya vinirmukto banah pashchat tu go-matau |
na tishthati chhinatty eva lakshyam vegena nirbharam || 453 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vyāghra-buddhyā : in der Meinung (Buddhi, das Ziel sei) ein Tiger (Vyaghra)
  • vinirmuktaḥ : ein abgeschossener („losgelassener“, Vinirmukta)
  • bāṇaḥ : Pfeil (Bana)
  • paścāt : hinterher (Pashchat)
  • tu : jedoch (Tu)
  • go-matau : beim Erkennen („Urteil“, Mati, dass es sich um) eine Kuh (handelt, Go)
  • na : nicht (Na)
  • tiṣṭhati : bleibt stehen (sthā)
  • chinatti : (sondern) durchbohrt (chid)
  • eva : gewiss (Eva)
  • lakṣyam : das Ziel (Lakshya)
  • vegena : Heftigkeit (Vega)
  • nirbharam : mit voller („starker“, Nirbhara)     || 453 ||

Kommentar

Dieses Beispiel gebraucht Shankara für das Karma. Wenn Karma schon begonnen hat, dann wird es sich auch einstellen. Es wird die Früchte geben. In diesem Sinne musst du dir keine Sorgen machen, was passiert. Du wirst die Früchte deines Karmas ernten; zumindest die, die schon begonnen haben, Früchte zu tragen.

Es gibt ja auch öfters die Frage, warum es Selbstverwirklichte gibt, die schwere Krankheiten haben. Wäre es nicht angemessen, dass ein Gottverwirklichter, ein Wohltäter nur gesund ist und alles schön bei ihm ist?

Oder die weitere Frage: Warum geschehen einem Menschen, der nur Gutes bewirkt, auch schlimme Sachen?
Hier würde man antworten, dass das Karma abläuft. Vielleicht braucht der Selbstverwirklichte keine Lektionen mehr zu bekommen. Vielleicht hat der grundgütige Mensch schon so viel Liebe, dass er kein weiteres Karma braucht. Trotzdem läuft das begonnene Karma ab. Und deshalb, wenn dir Schlechtes widerfährt, obwohl du so viel Gutes getan hast, dann mache dir keine Sorgen. Du hast nicht notwendigerweise etwas falsch gemacht, aber der Pfeil deines Karmas ist schon abgeschossen. Du musst nicht ständig überlegen, warum dir das passiert und was du daraus lernst.
Manches geschieht, obwohl du schon die Lernlektion vorher gelernt hast. Natürlich kannst du dich in einer karmischen Situation fragen, welche Erfahrung du in der Situation machst, was du daraus lernen könntest und was für Erkenntnisse du für deine spirituelle Entwicklung daraus ziehen könntest. Wenn dir aber nichts einfällt, dann mache dir keine weiteren Sorgen. Sage dir, dass du die Lernlektion vielleicht schon längst gelernt hast, aber der Pfeil ist weitergegangen. Vielleicht bin ich vom Tiger zur Kuh geworden und nicht mehr bedrohlich für andere, aber der Pfeil hat mich trotzdem getroffen.
Daher mache dir nicht zu viele Sorgen um das Karma. Gehe bewusst durch die Welt. Lerne von dem, was du lernen kannst. Lerne von Kritik. Lerne von Ereignissen. Lerne von den Situationen, aber wenn dir die Lernlektion nicht einfällt, lass einfach los. Vielleicht hast du die Lernlektion längst gelernt.

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