Viveka Chudamani – Vers 275

Deutsche Übersetzung:

275. Die Erkenntnis des Selbst wird durch zahllose Wünsche nach dem Nicht-Selbst verschleiert. Wenn die Wünsche durch ständiges Verweilen im Selbst überwunden sind, leuchtet Erkenntnis klar (sphuta) und rein (vishuddha) aus sich selbst.

Sanskrit Text:

anātma-vāsanā-jālais tiro-bhūtātma-vāsanā |
nityātma-niṣṭhayā teṣāṃ nāśe bhāti svayaṃ sphuṭam || 275 ||

अनात्मवासनाजालैस्तिरोभूतात्मवासना |
नित्यात्मनिष्ठया तेषां नाशे भाति स्वयं स्फुटम् || २७५ ||

anatma-vasana-jalais tiro-bhutatma-vasana |
nityatma-nishthaya tesham nashe bhati svayam sphutam || 275 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • anātma-vāsanā-jālaiḥ : von einer Unmenge (Jala) auf das Nichtselbst (Anatman) gerichteten Wünschen (Vasana)
  • tiro-bhūtā : ist verborgen (Tirobhuta)
  • ātma-vāsanā : der Duft (Vasana) des Selbst (Atman)
  • nityātma-niṣṭhayā : durch das beständige (Nitya) Hingegebensein (Nishtha) an das Selbst (Atman)
  • teṣām : dieser (Wünsche, Tad)
  • nāśe : beim Verschwinden (Nasha)
  • bhāti : erscheint (das Selbst, bhā)
  • svayam : von selbst (Svayam)
  • sphuṭam : klar, deutlich (Sphuta)     || 275 ||

Kommentar

Om Namah Shivaya und herzlich willkommen zum Viveka Chudamani Podcast. Mein Name ist Sukadev Bretz von Yoga Vidya www.yoga-vidya.de
Ich bin gerade dabei das Viveka Chudamani zu interpretieren und ich will die Verse auch auf Alltagssituationen anwenden.
Angenommen du bist in einem Restaurant, einem vegetarisch oder veganen oder auch einem anderem Restaurant, wo du eine vegane Speise bestellt hast, und du wirst von einem Kellner, einer Servicekraft nicht freundlich behandelt. Was würde Shankaracharya dir dort raten?

anātma-vāsanā-jālais tiro-bhūtātma-vāsanā |
nityātma-niṣṭhayā teṣāṃ nāśe bhāti svayaṃ sphuṭam

„Die Erkenntnis des Selbst wird durch zahllose Wünsche nach dem Nicht-Selbst verschleiert. Wenn die Wünsche durch ständiges Verweilen im Selbst überwunden sind, leuchtet Erkenntnis klar (sphuta) und rein (vishuddha) aus sich selbst.“
Shankara sagt hier: Warum erkennst du dein Selbst nicht? – Weil du zahllose Wünsche hast. Du hast Wünsche nach allem Möglichen, was nicht das Selbst ist. Deshalb erkennst du dein Selbst nicht, deshalb bist du unglücklich. Und wie wirst du glücklich? Du wirst durch Verweilen im Selbst glücklich. Und wie geht das? Indem du die Wünsche überwunden hast. Überwindest du die Wünsche durch Verweilen im Selbst. Es gibt hier zwei Richtungen. In der einen Richtung sagt Shankara, dass die Wünsche durch das Verweilen im Selbst überwunden werden. In der anderen Richtung sagt er, dass du zum Verweilen im Selbst kommen kannst, indem du die Wünsche überwindest.
Was heißt das jetzt für unsere Situation der unfreundlichen Servicekraft?
Zunächst einmal kannst du dir bewusst machen, dass da eine emotionale Reaktion ist. Warum reagierst du so emotional? Warum nervt dich das so, dass diese Servicekraft unfreundlich ist?
Da war irgendein Wunsch. Es war ein Wunsch da, freundlich behandelt zu werden. Der Wunsch, eine gewisse Höflichkeit erwartet zu haben. Da ist der Wunsch, dass du als Person da irgendwo wahrgenommen wirst und vielleicht auch die Einbildung, dass du ja etwas zahlst und deshalb höflich behandelt werden solltest. Du hast gedacht, dass du dir durch Geld Freundlichkeit erkaufen könntest. Das war nicht der Fall. Du könntest dich jetzt über die Servicekraft ärgern oder du könntest es als Lektion nehmen. Du könntest sagen: „Aha, da ist eine emotionale Reaktion, die relativ heftig ist. Diese emotionale Reaktion muss auf einem Wunsch beruhen und dieser Wunsch beruht auf irgendeiner Identifikation. Ich werde jetzt den Wunsch loslassen, die Identifikation ruhen lassen.“ Wie geht das? Es gibt drei Möglichkeiten.

Die erste Möglichkeit ist, schon allein, dass du das erkennst; das hilft dir, denn der erste Schritt zur Besserung ist die Erkenntnis. Du bist nicht unglücklich wegen dem bösen oder unfreundlichen Verhalten der Servicekraft, sondern aus eigener Schwäche heraus.

Die zweite Möglichkeit ist, dass du es einfach beobachtest. Nutze Achtsamkeit, Sakshi Bhav. Du machst dich zum Zeugen. Du sitzt da und beobachtest wie dein Herz etwas pocht, wie etwas im Bauch sich tut, die Kehle zusammenschnürt oder was auch immer sich tut.
Und wenn du das erkannt hast, dann kommt der nächste Schritt.

Die dritte Möglichkeit ist, dass du dich von allem gelöst hast und im Selbst verweilst. Gehe einem Moment lang in das Meditative hinein. Vielleicht lässt dich die Servicekraft etwas länger warten als angemessen. Dann nimm das als Gelegenheit ins Selbst hineinzugehen. In einem Moment ruhe in dir selbst. Verbinde dein Herz mit der Tiefe im Herzen der Servicekraft oder dehne Bewusstheit zu allen im Raum aus. Alles sind wunderbare Gelegenheiten, Vedanta zu üben.

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