Viveka Chudamani – Vers 350

Deutsche Übersetzung:

350. So wie sich Eisen im Kontakt mit Feuer als Feuer offenbart, so offenbart sich das Gemüt im Kontakt mit dem Absoluten als Subjekt und Objekt. Diese Dualität wird als unwirklich betrachtet wie etwas, was im Wahn, Traum oder in der Fantasie gesehen wird.

Sanskrit Text:

ayo’gni-yogād iva sat-samanvayān
mātrādi-rūpeṇa vijṛmbhate dhīḥ |
tat-kāryam etad dvitayaṃ yato mṛṣā
dṛṣṭaṃ bhrama-svapna-mano-ratheṣu || 350 ||

अयोऽग्नियोगादिव सत्समन्वया-
न्मात्रादिरूपेण विजृम्भते धीः |
तत्कार्यमेतद्-द्वितयं यतो मृषा
दृष्टं भ्रमस्वप्नमनोरथेषु || ३५० ||

ayo’gni-yogad iva sat-samanvayan
matradi-rupena vijrimbhate dhih |
tat-karyam etad dvitayam yato mrisha
drishtam bhrama-svapna-mano-ratheshu || 350 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ayo’gni-yogāt : aufgrund des Kontakts (Yoga) von Eisen (Ayas) und Feuer (Agni)
  • iva : (so) wie (Iva)
  • sat-samanvayāt : infolge des Innewohnens („Zusammenhangs“, Samanvaya) des Absoluten („Seienden“, Sat)
  • mātrādi-rūpeṇa : in der Form (Rupa) von Funken („Partikeln“) bzw. des Erkennenden (Matri) und des Erkannten („usw.“, Adi)
  • vijṛmbhate : erscheint, manifestiert sich (vi + jṛmbh)
  • dhīḥ : (in gleicher Weise erscheint) der Intellekt (Dhi)
  • tat-kāryam : die eine Wirkung (Karya) dieses (Intellekts ist, Tad)
  • etat : diese (Etad)
  • dvitayam : Subjekt-Objekt-Spaltung („Zweiheit“, Dvitaya)
  • yataḥ : insofern („weil“, Yatas)
  • mṛṣā : (als) nicht real („unwahr“, Mrisha)
  • dṛṣṭam : angesehen wird (Drishta)
  • bhrama-svapna-mano-ratheṣu : in der Verwirrung (Bhrama), im Traum (Svapna) und in Tagträumereien (Manoratha)     || 350 ||

*Anmerkung: Der im zweiten Halbvers beginnende Satz wird im folgenden Vers (351) fortgesetzt.

Kommentar

Das ist eine interessante Aussage. Eisen ist zunächst einmal Eisen. Es ist schwer, leuchtend oder dunkel je nachdem, ob es reines Eisen ist oder nicht. Es gibt silbrig-glänzendes Eisen und schwarz-glänzendes Eisen. Wenn du das Eisen ausreichend lange ins Feuer hältst, dann wird es rotglühend und sieht wie Feuer aus. Was ist jetzt Eisen? Rot-glühend oder kalt und dunkel-glänzend? Es hängt davon ab.
Genauso ist es mit deinem Gemüt, deiner Psyche. Auf der einen Seite ist deine Psyche der Wahrnehmende. Du schaust mit deinem Gemüt nach draußen. Du nimmst Dinge wahr und du analysierst. Aber vom Selbst her kannst du das Gemüt auch wahrnehmen. Du nimmst die Gedanken wahr. Du nimmst die Emotionen wahr. Mit den Emotionen reagierst du auf Äußeres. So scheint es, dass deine Psyche mit ihren Emotionen und Gedanken Subjekt ist. Es nimmt die Objekte der Welt wahr und reagiert darauf. Aber vom Standpunkt des Selbst her ist das Gemüt wahrnehmbar und deshalb Objekt. Und so ist es manchmal gut, dass du bewusst nach außen wahrnimmst, Dinge hörst und Dinge riechst, schmeckst und fühlst, so dass du die Außenwelt so wahrnimmst, wie sie ist, anstatt ständig nur Projektionen zu machen. Du siehst einen Menschen und denkst, dass er schlecht über dich denkt. Du siehst Regenwolken und denkst „Oh weia, gleich wird es regnen und ich werde furchtbar nass, es wird eine Überschwemmung geben und ich komme nicht rechtzeitig zum Yogazentrum usw.“ Der Geist fängt sofort an Gedanken zu produzieren. Du kannst mal den Geist zu einem Wahrnehmenden machen, ohne zu viel zu beurteilen, zu viel zu reagieren, zu analysieren. Das ist eine gute Sache, achtsam durch den Tag zu gehen.
Die zweite Möglichkeit ist, dass du die Gedanken und Gefühle beobachtest. Beobachte, woran der Geist denkt. Du kannst dir z.B. vorstellen, dass die Augenlieder wie ein Bildschirm sind und du nimmst die Gedanken wahr wie Bilder auf einer Leinwand. Oder stelle dir vor, dass die Ohren wie Kopfhörer sind oder wie Lautsprecher. Dann höre deinem inneren Dialog zu. Höre, was du innerlich hörst. Sieh, was du innerlich siehst. Wenn du das machst, dann nimmst du deine Psyche wahr als Objekt. Als etwas Wahrnehmbares. In diesem Sinne kannst du sowohl deinen Geist kultivieren als reines Subjekt, als reinen Wahrnehmenden, indem du eine Weile den Prozess des Analysierens und Beurteilens abschaltest. Das hilft dir zu einer größeren Wahrheitswahrnehmung zu kommen. Und als zweites beobachte die Psyche und löse dich davon. Erkenne dich selbst als reines Selbst jenseits der Psyche.

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