Viveka Chudamani – Vers 205

Deutsche Übersetzung:

205. Wenn das Unwirkliche (asat) aufhört zu existieren, kann das innere Selbst (atman) als das Höchste Selbst (sadatman) verwirklicht werden. Deshalb muss das Unwirkliche wie das Ego vom wahren Selbst vollkommen ferngehalten werden.

Sanskrit Text:

asan-nivṛttau tu sad-ātmanā
sphuṭaṃ pratītir etasya bhavet pratīcaḥ |
tato nirāsaḥ karaṇīya eva
sad-ātmanaḥ sādhv aham-ādi-vastunaḥ || 205 ||

असन्निवृत्तौ तु सदात्मना स्फुटं
प्रतीतिरेतस्य भवेत्प्रतीचः |
ततो निरासः करणीय एव
सदात्मनः साध्वहमादिवस्तुनः || २०५ ||

asan-nivrittau tu sad-atmana
sphutam pratitir etasya bhavet pratichah |
tato nirasah karaniya eva
sad-atmanah sadhv aham-adi-vastunah || 205 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • asan-nivṛttau : nach dem Verschwinden (Nivritti) des Unwirklichen (Asat)
  • tu : aber, jedoch (Tu)
  • sad-ātmanā : als wahres (Sat) Selbst (Atman)
  • sphuṭam : klar (Sphuta)
  • pratītiḥ : die Erkenntnis (Pratiti)
  • etasya : dieser (Etad)
  • bhavet : erfolgt („wird sein“, bhū)
  • pratīcaḥ : Individualseele (Pratyanch)
  • tataḥ : daher, deshalb (Tatas)
  • nirāsaḥ : das Entfernen („Hinauswerfen“,  Nirasa)
  • karaṇīyaḥ : ist zu praktizieren („zu machen“, Karaniya)
  • eva : (Eva)
  • sad-ātmanaḥ : vom wahren Selbst
  • sādhu : in der rechten Weise („richtig“, Sadhu)
  • aham-ādi-vastunaḥ : (solcher) Dinge (wie, Vastu) des Ichs (Aham) usw. (Adi)     || 205 ||

Kommentar

Es gibt das Unwirkliche. Was ist das Unwirkliche? Das Unwirkliche sind kleinere Vorstellungen und diese gilt es Schritt für Schritt wegzunehmen.
Wenn du zur großen Verwirklichung kommen willst, musst du die kleinen Irrtümer wegnehmen. Was sind das für kleine Irrtümer. Alles, was zu „aham – ich bin“ und alles, was zur Vorstellung von „mama – mein“ gehört.
Wenn du dich dabei ertappst, von deinem Auto zu sprechen, dann lächle, denn es ist nicht dein Auto. Es ist ein Auto, das jetzt vorübergehend in dieser scheinbaren Welt da ist und dir anvertraut wurde für eine vorrübergehende Zeit. Die Vorstellung, dass es dein Auto ist, ist unsinnig. Es kann in einem Moment geklaut werden. Es kann in einem Moment einen Totalschaden haben. Der Motor kann sich plötzlich entzünden. Es gehört nicht dir.
Oder wenn du sagst, dass das dein Hemd ist. Ist das dein Hemd? Du hast es nicht geschaffen, du hast es gekauft. Womit hast du es gekauft? Kann dieses aus Baumwolle bestehende, gefärbte, von Menschen bearbeitete Hemd, verladene Hemd, transportierte Hemd, vom Schiff geladene Hemd, in ein Geschäft gekommene und von einem Verkäufer an dich verkaufte Hemd wirklich deins sein? Wie kannst du sagen, dass das wirklich DEIN Hemd ist? So viele Menschen waren daran beteiligt, es herzustellen. Es ist nicht dein Hemd. Du hast einen Teil der Prakriti vorübergehend hier. Es hat sich gezeigt, dass es hilfreich ist, wenn Menschen die Illusion haben, dass ihnen etwas gehört, denn dann kümmern sie sich darum usw. Aber es gehört dir nicht wirklich. Und das Wissen kann dir helfen. Shankara sagt öfters, wenn dieses kleine Aham sagt, dass das mir gehört, es wichtig ist, es sofort aufzulösen. Das brauchst du, um nachher die große Verwirklichung zu haben.
Wenn du dich dabei ertappst, wie du von deinem Hemd sprichst, dann lächle darüber und sei dir bewusst, dass es ein Hemd ist, das dir vorübergehend anvertraut worden ist und jederzeit weggenommen werden kann.
So wie Hiob im Alten Testament gesagt hat: „Gott hat es gegeben. Gott hat es genommen. Gepriesen sei Gott.“ Bibel (Hiob 1, 20-21)
Das Gleichnis mit dem Hemd ist noch ein recht einfaches Beispiel. Die meisten Yogaschüler identifizieren sich hoffentlich nicht so sehr mit ihrem Hemd. Aber auch die Identifikation mit meinem Haus, meinem Auto, meinem Garten, meinem Geld kann vorkommen. Sobald du merkst, dass du so etwas sagst, lächle darüber und sei dir bewusst, dass das nicht dein Haus, dein Auto, dein Garten, dein Geld ist. Das Haus besteht aus einem Teil der Prakriti und ich mag jetzt Geld gegeben haben, aber ich habe nicht die Steine geschaffen, nicht die Moleküle geschaffen und allein erst recht nicht und habe nicht die Macht darüber. Jederzeit könnte ein Meteorit einschlagen. Jederzeit könnte das Haus abbrennen, jederzeit könnte ein Erdbeben sein. Jederzeit könnte es eine Wirtschaftskrise geben und dir das Haus weggepfändet werden. Es kann jederzeit geschehen. Du könntest auch von deiner Brille sprechen. Du könntest sie verlieren oder jemand könnte auf sie treten.
Meine Frau, mein Mann – wieso sprichst du von meinem Mann oder meiner Frau? Sie sind Individuen oder Manifestationen des Kosmischen, die sich schon so häufig inkarniert haben. Was du in diesem Leben als deine Frau oder deinen Mann bezeichnest, war im früheren Leben vielleicht der Mann oder die Frau von jemand anderem. Wer weiß es? Und warum dein Mann oder deine Frau? Beschränken er oder sie sich, dir zu gehören? Der betreffende Mensch hat noch so viel mehr Aspekte. Mein Kind – wieso sprichst du von meinem Kind? Das Kind ist schon durch so viele Mutterleibe und Väter hindurchgegangen. Viele Tausende von Inkarnationen. Du hast etwas zur Geburt beigetragen, du hast eine bestimmte Aufgabe. Aber das macht es nicht zu deinem Kind. Es ist ein Kind. In diesem Leben hast du eine besondere Verantwortung zu diesem Kind. Jetzt überprüfe heute und morgen, wie häufig du von „mein“ sprichst, und dann lasse es los. Sei dir bewusst, dass dir nichts gehört. Das ist ein tägliches Training, dir immer wieder bewusst zu machen, dass dir nichts gehört, dass es dir nur vorübergehend anvertraut ist und dir jederzeit wieder genommen werden kann. Es ist Teil des ganzen Universums und das Universum ist ein Teil des Traumes Gottes.

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