Viveka Chudamani – Vers 314

Deutsche Übersetzung:

314. Um die Kette der Wiedergeburten zu sprengen, muss der spirituelle Aspirant beide – Anlagen und Triebe sowie deren Wirkungen – vollständig verbrennen. Denn bei Sinnesobjekten zu verweilen und selbstsüchtig zu handeln, führt zur Zunahme von vasanas oder Wünschen.

Sanskrit Text:

saṃsāra-bandha-vicchittyai tad dvayaṃ pradahed yatiḥ |
vāsanā-vṛddhir etābhyāṃ cintayā kriyayā bahiḥ || 314 ||

संसारबन्धविच्छित्त्यै तद् द्वयं प्रदहेद्यतिः |
वासनावृद्धिरेताभ्यां चिन्तया क्रियया बहिः || ३१४ ||

samsara-bandha-vichchhittyai tad dvayam pradahed yatih |
vasana-vriddhir etabhyam chintaya kriyaya bahih || 314 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • saṃsāra-bandha-vicchittyai : zur Aufhebung (Vichchhitti) der Bindung (Bandha) an den Daseinswandel (Samsara)
  • tat : diese (Tad)
  • dvayam : beiden Dinge (Dvaya)
  • pradahet : muss vernichten („verbrennen“, pra + dah)
  • yatiḥ : der Weltentsager (Yati)
  • vāsanā-vṛddhiḥ : (erfolgt) das Gedeihen (Vriddhi) von geistigen Eindrücken, Verlangen (Vasana)
  • etābhyām : aufgrund dieser beiden (Etad)
  • cintayā : durch das Denken (im Innern, Chinta)
  • kriyayā : (und) durch das Handeln (Kriya)
  • bahiḥ : im Außen (Bahis)     || 314 ||

Kommentar

In diesem Vers geht Shankara auf ein weiteres Thema ein. Er hat öfters gesagt, dass man an Ursache und Wirkung gleichzeitig arbeiten soll. An Ursache und Wirkung gleichzeitig zu arbeiten, heißt natürlich, dass du zum einen an der Grundursache arbeitest und die Grundursache ist die Unwissenheit.
Sei dir bewusst, dass du das unsterbliche Selbst bist. Die Identifikation, das Nichtselbst zu sein, ist die Grundursache, Asmita die Identifikation. Dann geht es weiter. Die Wirkung ist nachher, wenn du dich identifizierst mit einem Teil deiner Psyche, mit einer bestimmten Vorstellung, mit einer bestimmten Fähigkeit oder Eingebildetheit, kommen daraus Raga und Dvesha, Mögen und Nichtmögen. Daraus kommt Emotionalität, Abhinivesha in den Grundemotionen Ärger, Angst und Depressionen oder Niedergeschlagenheit. Daraus ergeben sich dann wiederum Mischformen wie Neid, Gekränktheit usw. Das ist wiederum eine Ursache und zwar die Ursache für Handlungen und Wirkungen. Du ärgerst dich, also schimpfst du mit jemandem anderes. Du fühlst dich gekränkt, du ziehst dich zurück. Du wirfst den Kram hin usw. So geht es weiter. Das eine ist die Ursache und die Wirkung und die Wirkung wird zur Ursache und es gibt eine neue Wirkung.
Shankara empfiehlt hier, dass du an allen Ebenen arbeitest. Angenommen du weißt, dass du jemand bist, der schnell dazu neigt, den Kram hinzuwerfen, wenn es schwierig wird. Shankara würde dir empfehlen erst einmal herauszufinden, in welchen Situationen du den Kram hinwirfst. Dann überlege, welche Emotionalität dabei ist. Wenn du die Emotionalität hast, Abhinivesha, dann werde dir bewusst, was du für Erwartungen gehabt hast. Raga und Dvesha. Dann werde dir bewusst, welche Identifikation dahinter steht. Dann werde dir bewusst, dass du nicht das bist, womit du dich identifizierst. Du bist das unsterbliche Selbst.

Und wenn du das soweit erkannt hast, dann entwickele eine Strategie:
1. Mache dir bewusst: Ich bin das unsterbliche Selbst.
2. Mache dir bewusst: Ich bin nicht diese Identifikation.
3. Diese Emotionalität ist ein Hindernis. Ich will sie überwinden.
4. Diese Handlungsweise ist meiner nicht würdig. Ich werde anders handeln. Es kann zum Beispiel sein, dass du dich öfters engagierst für eine gute Sache. Du engagierst dich für einen gemeinnützigen Verein und du meldest dich als Freiwilliger. Dann wird an deiner Stelle jemand anders vorgezogen und dieser andere bekommt mehr Lob. Du wirfst das Handtuch und sagst, dass sie ihren Kram doch alleine machen sollen. Oder jemand gibt dir ein Feedback und sagt, dass du das nicht so gut gemacht hast.

Audio

Video

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.