Viveka Chudamani – Vers 144

Deutsche Übersetzung:

144. Durch die Kraft der Verhüllung und Projektion entsteht Bindung. Es verschleiert das Wissen und der Mensch identifiziert den Körper mit dem Selbst und irrt von Leben zu Leben.

Sanskrit Text:

etābhyām eva śaktibhyāṃ bandhaḥ puṃsaḥ samāgataḥ |
yābhyāṃ vimohito dehaṃ matvātmānaṃ bhramaty ayam || 144 ||

एताभ्यामेव शक्तिभ्यां बन्धः पुंसः समागतः |
याभ्यां विमोहितो देहं मत्वात्मानं भ्रमत्ययम् || १४४ ||

etabhyam eva shaktibhyam bandhah pumsah samagatah |
yabhyam vimohito deham matvatmanam bhramaty ayam || 144 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • etābhyām : durch diese (Etad)
  • eva : genau, eben (Eva)
  • śaktibhyām : beiden Kräfte, Energien (Shakti)
  • bandhaḥ : die Gefangenschaft („Bindung“, Bandha)
  • puṃsaḥ : des Menschen (Pums)
  • samāgataḥ : ist entstanden („gekommen“, Samagata)
  • yābhyām : wodurch („durch welche“, Yad)
  • vimohitaḥ : verwirrt (Vimohita)
  • deham : den Körper (Deha)
  • matvā : indem er hält („gedacht habend“, man)
  • ātmānam : (für) das Selbst (Atman)
  • bhramati : (im Daseinswandel) umherirrt (bhram)
  • ayam : er („dieser“, Ayam)     || 144 ||

Kommentar

Ja, zunächst einmal: Kraft der Verhüllung und Projektion. Verhüllung bedeutet: Du vergisst deine wahre Natur. Und Projektion ist: Du projizierst dich selbst auf etwas. Du denkst z. B.: Ich bin der Körper. Du denkst: Ich bin die Psyche. Du denkst: Ich bin groß, klein, dick, dünn, ich bin ein Mann, ich bin eine Frau, ich bin so und so alt. Aber all das ist Projektion. Du hast vergessen, wer du wirklich bist.
Es gibt Projektionen ersten Grades und zweiten Grades. Die Projektion ersten Grades ist, dass du überhaupt denkst, du bist der Körper und du bist die Psyche, und es gibt überhaupt eine Welt.
Und dann, vielleicht für den praktischen Alltag fast noch wichtiger, gibt es die Projektion zweiten Grades. Hierbei machst du dir ein Selbstbild, und dieses beschränkt dich. Z. B. ist es bekannt, dass untergewichtige Menschen größtenteils denken, sie seien zu dick. Oder es gibt Menschen, die sagen: Meine Nase ist zu klein oder zu groß, oder ich bin zu dies und zu jenes, ich bin hässlich – oder manche denken: Ich bin schön.
Und das kannst du dir auch mal bewusst machen. Du kannst überlegen: Welche Attribute schreibe ich „mir“ zu? Und sei dir bewusst: Das stimmt nicht!
Vielleicht denkst du, du bist übergewichtig. Man weiß, die meisten Menschen, die ein normales Körpergewicht haben, denken, sie seien übergewichtig. Mache dir bewusst: So ist es halt normal. Ich entspreche vielleicht nicht dem „Barbie-Ideal“, aber ich bin im normalen Bereich.
Oder vielleicht denkst du in irgendeiner anderen Hinsicht, dass du minderwertig bist, dass du nicht gut genug bist, dass du nicht ausreichend qualifiziert bist. Das ist eine Projektion. Letztlich hast du genau die Fähigkeiten und Eigenschaften, die du brauchst, um deine karmischen Aufgaben zu erfüllen. Dass du irgendwo ungenügend bist – das ist eine Projektion.
Oder vielleicht hast du bestimmte Vorstellungen darüber, was du für ein Temperament hast. Ja, ich spreche auch manchmal davon, dass es gut ist zu wissen, ob man eher Vata, Pitta oder Kapha ist. Ja, und es ist gut zu wissen, ob ich mehr introvertiert oder mehr extravertiert bin. Aber du beschränkst dich damit.
Ich gebe dir ein Beispiel. Als ich auf den spirituellen Weg gekommen bin, das war die Zeit, als die Esoterikwelle in Deutschland war, ca. 1979/1980, habe ich mich mit Astrologie beschäftigt, habe irgendwo erkannt, ja, ich bin Wassermann. Wassermann: Luftelement, Leichtigkeit, Offenheit, bereit für Veränderungen, unkonventionelles Denken, Flexibilität und letztlich annehmen, dass es so viele verschiedene Denkweisen gibt. Ich habe mir gedacht, ja, stimmt. So bin ich. Ich bin flexibel, ich kann mich auf andere einstellen, für mich ist Toleranz ein wichtiger Wert. Es ist ganz klar: Ich bin Wassermann.
Später habe ich mich etwas weiter damit beschäftigt, und dann kam ich drauf – Aszendent: Schütze. Feuerelement. Damit konnte ich mich gut identifizieren. Wenn ich für etwas brenne, dann mache ich das mit vollem Enthusiasmus, mit Begeisterung. Ich kann mich auch durchsetzen, und wenn ich will, wenn ich irgendwo eine Mission habe, kann ich auch begeistert über etwas sprechen. Feuer, ja, klar. Feuer, Schütze – passt auch.
Dann habe ich mich weiter damit beschäftigt: Sonne im 2. Haus. Sonne im 2. Haus entspricht „Stier“. Sofort konnte ich mich damit identifizieren. Stier: Beständigkeit, Erde. Wenn ich mal etwas angefangen habe, mache ich es weiter. Und ich habe ein Pflichtbewusstsein. Und ich tue was. Und man kann sich auf mich verlassen. Und ich werde auch nicht so schnell ungeduldig, wenn ich mir etwas vorgenommen habe.
Und so dachte ich, ja, ich bin jemand, der bereit ist, das Gleiche immer wieder zu machen. Irgendwann mal hat mich mal jemand gefragt: Was zeichnet denn einen Yoga-Ashramleiter aus? Da ist mir irgendwie rausgerutscht: Wer immer wieder bereit ist, das Gleiche zu sagen und dies mit einem gleichbleibenden Enthusiasmus tut – der ist ein guter Ashramleiter. Und dann sagte ich noch: Und wer bereit ist, ständig kritisiert zu werden und ungerechtfertigt Vorwürfe zu bekommen – der ist ein guter Ashramleiter.
Also, zwei Dinge, die man braucht: den Enthusiasmus, immer wieder die gleichen Sachen zu sagen, und letztlich nicht beirrt zu werden, wenn man kritisiert wird. Durchaus Stier-Eigenschaften. So dachte ich: Gut, so bin ich.
Und dann kam irgendjemand und sagte: Du warst schon immer ein kreativer Mensch. Ich weiß noch, wie ich dachte: Ich und kreativ? Ich habe zwar mal Flöte gespielt und als Kind habe ich gerne gemalt, aber ansonsten doch eher nicht. Der andere sagte. Nein, nein, du hast dir immer wieder neue Dinge einfallen lassen, immer wieder neue Kurse und neue Workshops kreiert, neue Weisen, wie man etwas macht, wie man ein Zentrum leitet.
Ich sagte, okay, stimmt. Kreativität. Gut, was bin ich jetzt? Bin ich eher Luft-, Feuer- oder Erd-Element? Bin ich kreativ? Es gab immer etwas, womit ich mich beschränkt habe. Und so kannst du jetzt auch überlegen: Wo beschränkst du dich durch eine kleine Identifikation? Wo sagst du vielleicht auch: Das ist nicht mein Ding, hab ich noch nie gemacht, usw.
Du bist das unsterbliche Selbst. Du hast einen Körper, du hast eine Psyche. Ja, du hast auch bestimmte Beschränkungen. Aber in dir ist viel mehr angelegt als du denkst. Sei dir heute oder vielleicht morgen immer wieder bewusst, wo dein Selbstbild dich beschränkt, wo du dich nicht nur allgemein mit Körper und Psyche identifizierst und neugierig bist, was in Körper und Psyche noch alles ist – sondern wo du deinen Körper und deine Psyche und alle Fähigkeiten beschränkst und deshalb in vielerlei Hinsicht deinem Karma nicht gerecht werden kannst.

Überlege.

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