Viveka Chudamani – Vers 422

Deutsche Übersetzung:

422. Gleichmut im Erfahren von Leid wird als Frucht der Erkenntnis gepriesen. Wie könnte ein Mensch die verabscheuungswürdigen Taten, die er im Zustand der Verblendung begangen hat, noch vollbringen, wenn er die Kraft der Unterscheidung hat?

Sanskrit Text:

dṛṣṭa-duḥkheṣv anudvego vidyāyāḥ prastutaṃ phalam |
yat kṛtaṃ bhrānti-velāyāṃ nānā-karma jugupsitam |
paścān naro vivekena tat kathaṃ kartum arhati || 422 ||

दृष्टदुःखेष्वनुद्वेगो विद्यायाः प्रस्तुतं फलम् |
यत्कृतं भ्रान्तिवेलायां नानाकर्म जुगुप्सितम् |
पश्चान्नरो विवेकेन तत्कथं कर्तुमर्हति || ४२२ ||

drishta-duhkheshv anudvego vidyayah prastutam phalam |
yat kritam bhranti-velayam nanakarma jugupsitam |
pashchan naro vivekena tat katham kartum arhati || 422 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • dṛṣṭa-duḥkheṣu : angesichts erfahrenen („gesehenen“, Drishta) Leids (Duhkha)
  • anudvegaḥ : Gelassenheit (Anudvega)
  • vidyāyāḥ : der Erkenntnis („des Wissens“, Vidya)
  • prastutam : (ist) der gepriesene (Prastuta)
  • phalam : Lohn („Frucht“, Phala)
  • yat : was (Yad)
  • kṛtam : getan wurde (Krita)
  • bhrānti-velāyām : zur Zeit (Vela) der Verwirrung (Bhranti)
  • nānā-karma : vielerlei (Nana) Dingen („Taten“, Karman)
  • jugupsitam : (an) Abscheu erregenden (Jugupsita)
  • paścāt : danach, später (Pashchat)
  • naraḥ : ein Mensch („Mann“, Nara)
  • vivekena : (der) mit Unterscheidungsfähigkeit (begabt ist, Viveka)
  • tat : das (Tad)
  • katham : wie (Katham)
  • kartum : zu tun (kṛ)
  • arhati : wäre (noch) imstande („vermag“, arh)     || 422 ||

Kommentar

Manchmal überlegt man, woran man erkennen kann, dass man voranschreitet. Was sind Früchte? Was sind Zeichen, dass ich in der Erkenntnis voranschreite? Woran kann ich erkennen, dass es nicht nur intellektuelles Wissen ist, sondern vollendetes Wissen ist? Jesus sagt ja auch in der Bibel, dass er sie an den Früchten erkennen sollen. Es heißt nicht, dass man nach den Früchten streben soll, aber man anhand der Früchte erkennen kann.
Wenn du wissen willst, welche Baumart es ist, kannst du es leicht an den Früchten erkennen. Wenn Äpfel am Baum hängen, dann weißt du, dass es kein Kirschbaum ist. Wenn du Pfirsiche siehst, dann weißt du, dass es keine Eiche ist. Natürlich kannst du es auch an den Blättern, der Rinde, dem Wachstum des Baumes erkennen, aber für jemanden, der kein Baumkenner ist, ist es am leichtesten, anhand der Früchte zu erkennen, was für eine Art Baum es ist.
Und was sind die Früchte des spirituellen Vorankommens auf dem Weg der Erkenntnis? Er sagt zum einen ist das Gleichmut im Erfahren von Leid. Wenn du also eine Erkrankung hast, eine Erkältung hast, Kopfweh hast, Knieprobleme, einen Unfall hattest, dich jemand schäbig behandelt hat oder wenn etwas, was du getan hast, schief gegangen ist, wie gleichmütig bist du? Vielleicht nicht, wie gleichmütig bist du in dem Moment, denn das ist auch eine Temperamentfrage. Aber was macht es mit dir einen oder zwei Tage später? Wenn du dann gleichmütig bist nach einer großen Leiderfahrung, dann weißt du, dass du etwas vorangeschritten bist auf dem Weg der Erkenntnis. Und als zweites handelst du ethisch. Wenn du weißt, dass das Selbst aller Wesen gleich ist, wenn du weißt dass hinter allem das Göttliche Wirken ist, wirst du dich notwendigerweise ethisch verhalten. Wenn du dich eins fühlst mit dem Anderen, dann wirst du ihn nicht mehr verletzen.
Wenn du weißt, dass dein Glück nicht davon abhängt, mehr Reichtum zu bekommen, wirst du nicht für Reichtum betrügen. Ethisches Verhalten ist eine Frucht der Erkenntnis. Hier gibt es diese Doppelbeziehung, das ist das alte Huhn-und-Ei-Problem. Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Shankara hatte ja vorher gesagt, dass du Gleichmut praktizieren sollst und das würde dir helfen auf dem Weg der Meditation. Samadhi führt zur höchsten Erkenntnis. Er hat auch gesagt, dass ethisches Verhalten zur Weisheit führt.
So sagt es ja auch Patanjali im Yoga Sutra: Wenn du dich unethisch verhältst, dann mündet das in endlosem Leid und Unwissenheit. Daher solltest du dich ethisch verhalten und dann kommst du zu Glück und Weisheit. In diesem Sinne, wenn du wirklich Jnana, höchstes Wissen, erfährst, wirst du automatisch ruhiger und auch ethischer handeln und zum Zweiten, wenn du bewusst an der Ethik arbeitest und an dem Gleichmut, dann wird es dir auch leichter fallen zur höchsten Erkenntnis zu kommen. Und so ist das wie ein Engelskreislauf. Beides zusammen führt dich zur Erleuchtung.

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