Viveka Chudamani – Vers 200

Deutsche Übersetzung:

200. Obwohl sie anfangslos ist, ist zu beobachten, dass die „vorherige Nicht-Existenz“ ein Ende hat. Genauso ist der verkörperte Zustand, von dem geglaubt wird, dass er im Selbst vorkommt, nicht real, da er sich offensichtlich identifiziert mit den begrenzten Attributen (upadhi) des Intellekts (buddhi).

Sanskrit Text:

anāder api vidhvaṃsaḥ prāg-abhāvasya vīkṣitaḥ |
yad buddhyupādhi-saṃbandhāt parikalpitam ātmani || 200 ||

अनादेरपि विध्वंसः प्रागभावस्य वीक्षितः |
यद् बुद्ध्युपाधिसंबन्धात्परिकल्पितमात्मनि || २०० ||

anader api vidhvamsah prag-abhavasya vikshitah |
yad buddhyupadhi-sambandhat parikalpitam atmani || 200 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • anādeḥ : (sie) anfangslos (ist, Anadi)
  • api : obwohl (Api)
  • vidhvaṃsaḥ : die Vernichtung (Vidhvamsa)
  • prāg-abhāvasya : einer vorherigen Nicht-Existenz (Pragabhava)
  • vīkṣitaḥ : wird beobachtet, erfahren (Vikshita)
  • yat : das (Individualseele-Sein („dasjenige“, Yad)
  • buddhyupādhi-saṃbandhāt : aufgrund der Verbindung (Sambandha) mit dem begrenzenden Attribut (Upadhi), dem Intellekt (Buddhi)
  • parikalpitam : das angenommen wird („vorgestellt“, Parikalpita)
  • ātmani : in Bezug auf das Selbst (Atman)*     || 200 ||

*Anmerkung: Der im zweiten Halbvers beginnende Satz wird im folgenden Vers (201) fortgesetzt.

Kommentar

Viveka heißt Unterscheidung, Chudamani heißt Kronjuwel, also etwas besonders Wertvolles. Es ist wertvoll zu unterscheiden. Mit der Unterscheidung löst du dich von Irrtümern. Mit aufgelösten Irrtümern kommst du zur höchsten Befreiung.
Im vorigen Vers sprach Shankara von der Traumanalogie. Wenn du im Traum bist, scheint es so, als ob die Traumwelt seit ewigen Zeiten existiert. Aber im Moment des Aufwachens ist die Traumwelt verschwunden. Im Traum scheinst du immer schon so gewesen zu sein und die Welt ist anadi – anfangslos. Aber im Moment des Aufwachens verschwindet der Traum. Und dann wird die Vernichtung (vidhvamsah) einer vorherigen Nicht-Existenz (prag-abhavasya) beobachtet (viksita).
Er sagt hier auch: Yat – das Individualsein, entsteht durch Verbindung (sambandha) mit dem begrenzten Attribut (upadhi), dem Intellekt. Es ist also der Intellekt, der eine Identifikation herstellt mit upadhi, und dann erscheint es so, als ob Atma zu Jiva wird. Dies wird angenommen (parikalpitam) in Bezug auf das Selbst (atmani).
Im Moment der Erkenntnis wird dies verschwinden. Genauso wie der Traum aufhört und damit die Traumwelt verschwindet, so verschwindet auch die Identifikation mit Körper und Psyche in dem Moment, wo du erwachst, wo du dich selbst erfährst als unsterbliches Selbst. Freue dich darauf. Du wirst irgendwann die Identifikation überwinden. Die Täuschung dauert nicht ewig. So wie auch jeder Traum, den du träumst, irgendwann aufhört.

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