Viveka Chudamani – Vers 305

Deutsche Übersetzung:

305. Gib die Identifikation des Ichs (aham) mit dem Handelnden (kartri) unverzüglich auf. Diese Denkweise, als eine schwache Reflexion der Seele – beraubt dich der Verankerung im Selbst. Als Folge der Verwechslung des begrenzten Ichs mit dem Selbst widerfährt dir das wiederholte Erdenleben, eine verkörperte Existenz voll von Leid von Geburt, Alter und Tod – obwohl du im Wesentlichen der Zeuge bist, die Essenz von Wissen- Glückseligkeit- Absolut.

Sanskrit Text:

ahaṅkāre kartary aham iti matiṃ muñca sahasā
vikārātmany ātma-pratiphala-juṣi sva-sthiti-muṣi |
yad-adhyāsāt prāptā jani-mṛti-jarā-duḥkha-bahulā
pratīcaś cin-mūrtes tava sukha-tanoḥ saṃsṛtir iyam || 305 ||

अहङ्कारे कर्तर्यहमिति मतिं मुञ्च सहसा
विकारात्मन्यात्मप्रतिफलजुषि स्वस्थितिमुषि |
यदध्यासात्प्राप्ता जनिमृतिजरादुःखबहुला
प्रतीचश्चिन्मूर्तेस्तव सुखतनोः संसृतिरियम् || ३०५ ||

ahankare kartary aham iti matim muncha sahasa
vikaratmany atma-pratiphala-jushi sva-sthiti-mushi |
yad-adhyasat prapta jani-mriti-jara-duhkha-bahula
pratichash chin-murtes tava sukha-tanoh samsritir iyam || 305 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ahaṅkāre : in bezug auf das Ego (Ahankara)
  • kartari : den Macher, Handelnden (Kartri)
  • aham : (bin) ich (Aham)
  • iti : das („so“, Iti)
  • matim : die Vorstellung („Meinung“, Mati)
  • muñca : lasse los (muc)
  • sahasā : augenblicklich, sofort (Sahasa)
  • vikārātmani : dessen Wesen (Atman) Veränderung (Vikara) ist
  • ātma-pratiphala-juṣi : der sich als ein Widerschein (Pratiphala) des Selbst (Atman) zeigt (juṣ)
  • sva-sthiti-muṣi : der unseren natürlichen („eigenen“, Sva) Zustand (Sthiti) raubt (muṣ)
  • yad-adhyāsāt : aufgrund der fälschlichen Identifikation (Adhyasa) mit diesem (Ego, Yad)
  • prāptā : wurde erlangt (Prapta)
  • jani-mṛti-jarā-duḥkha-bahulā : begleitet (Bahula) von den Leiden (Duhkha) von Geburt (Jani), Tod (Mriti) und Alter (Jara)
  • pratīcaḥ : der Individualseele (Pratyanch)
  • cin-mūrteḥ : deren Natur („Form“, Murti) Bewusstsein (Chit) ist
  • tava : dein (Tvad)
  • sukha-tanoḥ : deren Wesen („Körper“, Tanu) Glückseligkeit (Sukha) ist
  • saṃsṛtiḥ : Daseinswandel (Samsriti)
  • iyam : dieser (Iyam)     || 305 ||

Kommentar

Shankara sagt jetzt hier, dass du dich nicht mit dem Handelnden identifizieren sollst. Er sagt, Ahankara (das Ego) sollte sich nicht mit Kartari, dem Handelnden, identifizieren. Das ist nur Mati, eine Meinung. Munca, lass das los. Sahasa, sofort.
Wie kannst du die Vorstellung, der Handelnde zu sein, loslassen? Du kannst überlegen, wodurch alles geschieht. Letztlich geschieht es durch den Körper. Ich bewege jetzt den Mund, die Hände usw. Aber bewege wirklich ich die Hände und den Mund? Sei dir bewusst, dass dieser Körper Teil dieser Erde ist. Er besteht aus Nahrung, Luft und Flüssigkeiten, die ich zu mir nehme. Daraus ist der Körper gemacht. Und dann kann er nur das tun, was im Rahmen der Erde möglich ist. Die Vedantins sind auch Bhaktas, d.h. Gottesverehrer. D.h. du kannst dir bewusst sein, dass nicht du handelst, sondern Gott handelt. Ishvara handelt. Es geschieht, was geschehen soll. Ich bin nur ein Instrument. Ich bin ein Instrument in den Händen Gottes. Denke darüber nach. Wenn du morgens anfängst, etwas zu tun, dann sage: „Was auch immer ich tue, ich tue es durch dich.“ Was auch immer getan wird, geschieht durch Gott. So wie es auch im Twameva Mata heißt: „Oh Gott, du bist meine Mutter, mein Vater, meine Freundin, meine Verwandten, du bist alles, was ich besitze, du bist mein Intellekt, mein Körper, meine Psyche.“ Du könntest sagen, dass dein Körper Teil des Kosmischen Körpers ist. Du bist eine Zelle im Göttlichen Körper. Deine Psyche ist ein Teil der kosmischen Psyche. Und letztlich geschieht, was geschehen soll. Du bist sein Instrument in den Händen des Karmas. Du kannst auch sagen, dass nicht du etwas tun willst, sondern Gott möge durch diesen Körper und durch diese Psyche wirken. Und wenn du so handelst, dass du immer sagst: „Oh Gott, ich bin dein Diener und du wirkst durch mich. Bitte wirke durch mich und lass mich dieses Gefühl haben.“ Dann verschwinden die Identifikationen und dann erfährst du dich selbst als das höchste Selbst. Überwinde die Identifikation mit dem Handelnden, indem du dich zum Instrument machst und loslässt. Vielleicht noch am Rande bemerkt: In der Bhagavad Gita zeigt Krishna dem Arjuna im elften Kapitel die kosmische Gestalt. Und Arjuna sieht in die Vergangenheit und in die Zukunft und er sieht, dass letztlich alles schon geschehen ist. Dass er eigentlich nichts tut. Gott macht alles. Scheinbar hat Arjuna jetzt eine wichtige Aufgabe. Scheinbar hat er eine wichtige Entscheidung zu treffen. Aber in Wahrheit hat Gott schon alles gemacht. Es geschieht, du brauchst dich nicht zu identifizieren.

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