Viveka Chudamani – Vers 358

Deutsche Übersetzung:

358. Durch Vereinigung mit den vielen konditionierenden/prägenden Attributen ist der Mensch geneigt zu denken, das Selbst sei voller Vielfalt, aber indem er diese Attribute (upadhi) entfernt, gelingt er zu seinem eigenen unveränderlichen Selbst. Daher lasse den Weisen sich hingebungsvoll seiner Praxis/Übung von Nirvikalpa Samadhi widmen, bis die Prägungen (upadhi) aufgelöst werden.

Sanskrit Text:

upādhi-bhedāt svayam eva bhidyate
copādhy-apohe svayam eva kevalaḥ |
tasmād upādher vilayāya vidvān
vaset sadākalpa-samādhi-niṣṭhayā || 358 ||

उपाधिभेदात्स्वयमेव भिद्यते
चोपाध्यपोहे स्वयमेव केवलः |
तस्मादुपाधेर्विलयाय विद्वा-
न्वसेत्सदाकल्पसमाधिनिष्ठया || ३५८ ||

upadhi-bhedat svayam eva bhidyate
chopadhy-apohe svayam eva kevalah |
tasmad upadher vilayaya vidvan
vaset sadakalpa-samadhi-nishthaya || 358 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • upādhi-bhedāt : aufgrund der Unterschiede (Bheda) der begrenzenden Attribute (Upadhi)
  • svayam : er selbst (Svayam)
  • eva : gewiss (Eva)
  • bhidyate : wird fragmentiert („gespalten“, bhid)
  • ca : auch (Cha)
  • upādhy-apohe : bei Ausschließung („Entfernung“, Apoha) der begrenzenden Attribute (Upadhi)
  • svayam : er selbst
  • eva : gewiss
  • kevalaḥ : (ist) ganz, heil („allein“, Kevala)
  • tasmāt : deshalb (Tasmat)
  • upādheḥ : (jeglichen) begrenzenden Attributs (Upadhi)
  • vilayāya : zum Zwecke der Auflösung (Vilaya)
  • vidvān : der Weise („Wissende“, Vidvams)
  • vaset : beschäftige sich („weile“, vas)
  • sadā : stets (Sada)
  • akalpa-samādhi-niṣṭhayā : mit der Praxis („Hingegebensein“, Nishtha) der vorstellungslosen (Akalpa) meditativen Versenkung (Samadhi)     || 358 ||

Kommentar

Geht es dir manchmal so, dass du zerrissen bist? Du weißt nicht, was du noch alles machen solltest? Du hast vielleicht Eltern die deine Aufmerksamkeit brauchen? Du hast eine Yogaschule, um die du dich kümmern willst, egal ob es deine eigene ist oder die eines anderen? Es gibt uneigennütziges Engagement in einer karikativen Gemeinschaft, wo du helfen willst? Es gibt vielleicht eine sonstige berufliche Tätigkeit? Oder dein Haus muss aufgeräumt werden? Du willst über Facebook spirituelles Wissen weitergeben? Du denkst, dass du vielleicht auch mal ein YouTube Video drehen solltest, um Menschen weiter zu helfen? Du denkst aber auch, dass du dir selbst etwas Gutes tun solltest? Ich müsste mal wieder in die Sauna gehen oder ins Schwimmbad. Ich müsste mal wieder in den Urlaub fahren, in den Ashram gehen usw. Du denkst, dass du vielleicht mal deine kreative Ader ausleben solltest, vielleicht mal etwas malen, töpfern oder musizieren solltest. Du bist zerrissen. So vieles, was es zu tun gibt.
Was solltest du machen?
Zunächst einmal ein relativer Ratschlag: Wenn du zerrissen bist zwischen vielen, nennt sich das Freiheit. Freiheit heißt, wählen zu müssen und zu können. Wenn du genau weißt, was zu tun, ist in jedem Moment, dann ist da nicht so viel Freiheit da. Wenn du so viel zu tun hast, dass es nicht machbar ist, dann musst du wählen. Das nennt sich Freiheit. Und wenn du viele Interessen hast, dann heißt das, dass du motiviert bist. Das ist auch gut. Aber hören wir besser noch, was Shankara sagt. Er sagt es von einer tieferen Warte aus.

„Durch Vereinigung mit den vielen konditionierenden/prägenden Attributen ist der Mensch geneigt zu denken, das Selbst sei voller Vielfalt, aber indem er diese Attribute (upadhi) entfernt, gelangt er zu seinem eigenen unveränderlichen Selbst. Daher lasse den Weisen sich hingebungsvoll seiner Praxis/Übung von Nirvikalpa Samadhi widmen, bis die Prägungen (upadhi) aufgelöst werden.“
Deine verschiedenen Anliegen sind letztlich alles Upadhis, begrenzende Attribute. In Wahrheit bist du ein einziges Unendliches. Du brauchst dich nicht zerrissen zu fühlen. Du magst viele Anliegen haben. Du hast einen Körper und eine Psyche. In der Psyche gibt es die verschiedenen Dharmas, die verschiedenen Aufgaben. Du hast verschiedene Samskaras, verschiedene Neigungen und Anliegen usw. und das ist alles schön und gut. Auf einer relativen Ebene kannst du all das spielen. Aber sei dir bewusst, dass du nicht alles erfahren musst. Du musst nicht alles tun, was in deinen Sinn kommt. Letztlich bist du das Selbst in allen Wesen. Es reicht ja, wenn jemand anderes nach Mallorca fährt, dann bist du auch auf Mallorca. Es reicht, wenn jemand anderes nach Bali fährt, dann bist du auch dort. Ob dieser oder ein anderer Körper hinfährt, ist nicht so wichtig. Oder es reicht auch, wenn jemand anderes musiziert, jemand anderes malt oder töpfert. Du musst mit diesem Körper und dieser Psyche nicht alles machen. Du hast so viele Körper, so viele Psychen. Es gibt ein unendliches Bewusstsein. Freue dich, wenn jemand anderes viel musizieren kann. Freue dich wenn jemand anderes schön malt. Freue dich wenn jemand anderes in den Urlaub fährt. All das bist du auch. Du musst nicht alles mit diesem Körper machen.

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