Viveka Chudamani – Vers 198

Deutsche Übersetzung:

198. Die Unwissenheit (avidya) hat keinen Anfang und auch nicht ihre Folge. Wenn aber Wissen / Erkenntnis (vidya) in Erscheinung tritt, werden die Unwissenheit und ihre Folgen – auch wenn sie ohne Anfang sind – wie Wurzeln und Trieb zerstört.

Sanskrit Text:

anāditvam avidyāyāḥ kāryasyāpi tatheṣyate |
utpannāyāṃ tu vidyāyām āvidyakam anādy api || 198 ||

अनादित्वमविद्यायाः कार्यस्यापि तथेष्यते |
उत्पन्नायां तु विद्यायामाविद्यकमनाद्यपि || १९८ ||

anaditvam avidyayah karyasyapi tatheshyate |
utpannayam tu vidyayam avidyakam anady api || 198 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • anāditvam : die Anfangslosigkeit (Anaditva)
  • avidyāyāḥ : der Unwissenheit (Avidya)
  • kāryasya : (ihrer) Wirkung (Karya)
  • api : (und) auch (Api)
  • tathā : in gleicher Weise (Tatha)
  • iṣyate : ist anzunehmen (wird angenommen, iṣ)
  • utpannāyām : entstanden ist (Utpanna)
  • tu : aber, jedoch (Tu)
  • vidyāyām : (wenn wahres) Wissen (Vidya)
  • āvidyakam : die Wirkung der Unwissenheit (Avidyaka)
  • anādi : anfangslos (Anadi)
  • api : obwohl (Api)*     || 198 ||

*Anmerkung: Der im zweiten Halbvers beginnende Satz wird im folgenden Vers (199) fortgesetzt.

Kommentar

Anaditya – Anfangslosigkeit, Avidya – Unwissenheit. Die Unwissenheit ist ohne Anfang. Sie hat nicht mit der Geburt begonnen und auch davor nicht. Shankara geht ja vom Kreislauf von Geburt und Tod aus. Und selbst wenn du stirbst und weißt `ich bin nicht der Körper, denn der Körper zerfällt´, denkst du ´ich bin der Astralkörper, ich bin die Psyche, ich bin verbunden mit all diesen Menschen´.
Die Unwissenheit ist anfangslos, auch in ihrer Wirkung (karyasya). Aber (tu) wenn wahres Wissen (Vidya) kommt, verschwindet die Wirkung der Unwissenheit (avidyakam).
Man kann es sich vorstellen wie bei einem Keller-Raum, in dem noch nie Licht war. Wenn nun dort zum ersten Mal Licht gemacht wird, ist die Dunkelheit plötzlich verschwunden. Wenn du unwissend bist, ist es nicht so schwer, diese Unwissenheit zu verlieren. Durch Wissen verschwindet die Unwissenheit. Du musst die Unwissenheit nicht bekämpfen oder dich über ihre Existenz ärgern, denn in dem Moment wo du weißt, verschwindet das Unwissen.
Die Identifikation mit dem Körper ist eine Täuschung. Täuschung aus Unwissenheit. Überwinde die Unwissenheit durch wahres Wissen, dann erreichst du die Befreiung. Sage dir heute und morgen und immer wieder: „Ich bin das unsterbliche Selbst.“ Und mache dir bewusst, dass es ein Irrtum ist wenn du dich wieder identifizierst mit dem Körper, wenn du dich gekränkt fühlst, wenn dich jemand nicht richtig behandelt, wenn du dir Sorgen machst. Der Körper und die Psyche gehen durch Zustände. Es gibt Emotionen und Pflichten und Handlungen. Aber ich selbst bin es nicht.
Auf der einen Seite muss ich natürlich dafür sorgen, dass der Körper die Aufgaben macht, das Dharma. Ich muss die richtigen Handlungen tun, kriya karma. Die Psyche versucht in dieser Welt, Erfahrungen zu machen, Handlungen vorzubereiten, Vorschläge zu machen. Aber das sind innere und äußere Instrumente. Sowenig wie ich mich identifizieren sollte mit meiner Kleidung, meinem Computer, meinem Smartphone, meiner Bohrmaschine, sowenig will ich mich identifizieren mit meinem Körper und meiner Psyche. Mache dir daher immer wieder bewusst: Ich bin nicht der Körper, ich bin nicht die Psyche. Ich bin nicht die Handlungen, die durch den Körper geschehen, ich bin nicht die Aufgaben, die ich zu erledigen habe mit diesem Körper. Ich bin nicht die gunas – die Eigenschaften meiner Psyche. All das existiert, aber ich bin es nicht. Ich bin unsterbliches Selbst. Sat chit ananda swarupohamSein Wissen und Glückseligkeit ist meine wahre Natur. Eins mit der Weltenseele, reines Bewusstsein, unendliche Freude, die wahre Natur. Aham brahmasmi – ich bin Brahman.

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