Viveka Chudamani – Vers 196

Deutsche Übersetzung:

196. Das Absolute, der Beobachter/ der Zeuge, – der frei von Eigenschaften ist und nicht handelt, dessen Wesen inneres Wissen und Glückseligkeit ist-, erfährt sich durch die Täuschung/ Unwissenheit des Verstandes/ Geistes als begrenztes Individuum (jivabhavah). Diese ist nicht wirklich. Wenn die Täuschung beseitigt ist/ die Täuschung aufhört, existiert sie nicht mehr, weil sie ihrem Wesen nach unwirklich ist.

Sanskrit Text:

svasya draṣṭur nirguṇasyākriyasya
pratyag-bodhānanda-rūpasya buddheḥ |
bhrāntyā prāpto jīva-bhāvo na satyo
mohāpāye nāsty avastu-svabhāvāt || 196 ||

स्वस्य द्रष्टुर्निर्गुणस्याक्रियस्य
प्रत्यग्बोधानन्दरूपस्य बुद्धेः |
भ्रान्त्या प्राप्तो जीवभावो न सत्यो
मोहापाये नास्त्यवस्तुस्वभावात् || १९६ ||

svasya drashtur nirgunasyakriyasya
pratyag-bodhananda-rupasya buddheh |
bhrantya prapto jiva-bhavo na satyo
mohapaye nasty avastu-svabhavat || 196 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • svasya : des Selbst (Sva)
  • draṣṭuḥ : des Sehers, Beobachters (Drashtri)
  • nirguṇasya : der frei von Eigenschaften ist (Nirguna)
  • akriyasya : (und) frei von Handlung (Akriya)
  • pratyag-bodhānanda-rūpasya : dessen Wesen („Form“, Rupa) innere (Pratyanch) Erkenntnis (Bodha) und Glückseligkeit (Ananda) ist
  • buddheḥ : des Intellekts (Buddhi)
  • bhrāntyā : durch einen Irrtum, eine Täuschung (Bhranti)
  • prāptaḥ : kommt zustande („wurde erlangt“, Prapta)
  • jīva-bhāvaḥ : das Individualseele-Sein (JivaBhava)
  • na : nicht (Na)
  • satyaḥ : (es ist) wirklich (Satya)
  • mohāpāye : beim Verschwinden (Apaya) der Täuschung (Moha)
  • na : nicht (mehr)
  • asti : (es) ist da (Asti)
  • avastu-svabhāvāt : weil es seinem Wesen (Svabhava) nach etwas Unwirkliches (Avastu) ist     || 196 ||

Kommentar

Ist es überhaupt möglich, die höchste Verwirklichung zu erreichen? Diese Frage hatte der Schüler gestellt, vor dem Hintergrund, dass der typische Aspirant sich als ewige Einzelseele fühlt. Ist es möglich, sich als unsterbliches Selbst zu erfahren?
Shankara sagt: Ja es ist möglich. Es ist zwar so, dass du dich seit Urzeiten identifizierst, aber jeder Irrtum kann als solcher erkannt und überwunden werden. Du bist nicht der Körper, auch wenn du es so wahrnimmst. Du bist nicht die Psyche, auch wenn du es so wahrnimmst. Du bist nicht die Eigenschaften deines Geistes, auch wenn du es so wahrnimmst. Du bist nicht die Handlungen, die du getan hast und du bist auch nicht die Pflichten, die du noch tun musst. Du bist das unsterbliche Selbst. Du kannst dir das immer wieder bewusst machen. Die Vorstellung `ich bin der Körper´ ist Irrtum. Die Vorstellung `ich bin die Psyche´ ist Irrtum. Die Vorstellung `ich habe etwas zu tun mit Ärger und Angst´ ist Irrtum. Mache es dir bewusst und löse dich davon. Du bist das unsterbliche Selbst.
Du kannst auch anders zu dir sprechen statt so massiv von Irrtum. Du kannst sagen: Auf der einen Seite spüre ich gerade Schmerzen im Körper und auf der Oberfläche meines Bewusstseins mache ich mir Sorgen darum. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich falsch ernährt habe. Ich hoffe, dass ich mich in Zukunft besser ernähre und einen guten Heilpraktiker oder Arzt finde. Und in der Tiefe meines Wesens bin ich jetzt in diesem Moment Sein Wissen Glückseligkeit, ewig, unendlich, reine Freude. Egal, was an der Oberfläche meines Geistes geschieht und egal welche Sorgen da sind, in der Tiefe meines Wesens bin ich eins mit der Weltenseele, reine Freude, kosmisches Bewusstsein.

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