Viveka Chudamani – Vers 197

Deutsche Übersetzung:

197. Solange die Unwissenheit da ist, existiert die begrenzte Einzelseele. Sie ist durch Irrtum und Verblendung entstanden. Solange die Täuschung / Unwissenheit anhält, erscheint das Seil als Schlange. Wird Täuschung /Unwissenheit erkannt /zerstört, existiert die Schlange nicht mehr. Genauso verhält es sich mit der Einzelseele.

Sanskrit Text:

yāvad bhrāntis tāvad evāsya sattā
mithyā-jñānojjṛmbhitasya pramādāt |
rajjvāṃ sarpo bhrānti-kālīna eva
bhrānter nāśe naiva sarpo’pi tad-vat || 197 ||

यावद्भ्रान्तिस्तावदेवास्य सत्ता
मिथ्याज्ञानोज्जृम्भितस्य प्रमादात् |
रज्ज्वां सर्पो भ्रान्तिकालीन एव
भ्रान्तेर्नाशे नैव सर्पो ऽपि तद्वत् || १९७ ||

yavad bhrantis tavad evasya satta
mithya-jnanojjrimbhitasya pramadat |
rajjvam sarpo bhranti-kalina eva
bhranter nashe naiva sarpo’pi tad-vat || 197 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • yāvat : solange, wie (Yavat)
  • bhrāntiḥ : eine Täuschung (dauert, Bhranti)
  • tāvat : solange (dauert, Tavat)
  • eva : genau (Eva)
  • asya : dieses (Individualseele-Seins, Idam)
  • sattā : die Existenz (Satta)
  • mithyā-jñānojjṛmbhitasya : das aus falscher Erkenntnis (Mithyajnana) entstanden ist (Ujjrimbhita)
  • pramādāt : aufgrund von Unaufmerksamkeit (Pramada)
  • rajjvām : in Bezug auf ein Seil (Rajju)
  • sarpaḥ : (die Vorstellung einer) Schlange (Sarpa)
  • bhrānti-kālīnaḥ : (hat) die Dauer („Zeit“, Kalina) der Täuschung (Bhranti)
  • eva : nur (Eva)
  • bhrānteḥ : der Täuschung (Bhranti)
  • nāśe : beim Verschwinden (Nasha)
  • na : nicht (Na)
  • eva : mehr (Eva)
  • sarpaḥ : die Schlange (ist da)
  • api : auch (Api)
  • tad-vat : ebenso (ist es hier, Tadvat)     || 197 ||

Kommentar

Shankara greift hier erneut den Vergleich der Analogie von Schlange und Seil auf. Dazu muss man wissen, dass es früher in Indien viele Schlangen gab, auch solche die gefährlich waren und Angst auslösen konnten.
Er sagt, sobald man erkennt, dass das, was man für eine Schlange gehalten hat, nur ein Seil ist, ist auch die Angst verschwunden. Irrtum ist oft anadhi – ohne Anfang. Aber in dem Moment, in dem du erkennst, die Schlange ist ein Seil, ist der ganze Irrtum der vorigen Zeit verschwunden. In dem Moment, in dem du das Seil wahrnimmst, ist die Schlange weg.
Genauso ist auch die Vorstellung `du bist ein Körper´, `du bist eine Psyche´ ein Irrtum. Dieser Irrtum mag schon immer da gewesen sein. Aber du kannst erkennen, dass es ein Irrtum ist. Du kannst es erkennen, indem du dir bewusst machst: Der Körper verändert sich die ganze Zeit, aber du als Ich bleibst gleich. Der Körper wird alt aber du bleibst gleich. Auch die Psyche geht durch verschiedene Zustände. Vielleicht reagierst du heute anders als vor 20 Jahren, trotzdem würdest du sagen `ich bin ich`. Du kannst die Nationalität wechseln, du kannst den Beruf wechseln, du kannst von der Rolle eines Kindes zur Rolle einer Mutter wechseln, aber du selbst bleibst dabei gleich. Du kannst all deine Aufgaben und Probleme vergessen bei einem enthusiastischen Kirtansingen, und bist trotzdem Ich. Wenn du in der Meditation einen überbewussten Zustand erreichst und dabei die Identifikation mit dem Körper verlierst, bist du weiter Ich. Wenn du nachts träumst und die Wachwelt verschwindet, bist du weiter Ich und auch wenn du aus dem Tiefschlaf aufwachst, bist du weiter Ich.
Du bist also nicht der Körper, das Ich-Gefühl hängt nicht vom Körper ab. Du bist auch nicht die Psyche, das Ich-Bewusstsein hängt auch nicht von ihr ab. Du bist das unsterbliche Selbst. Erkenne das und der Irrtum ist verschwunden.

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