Viveka Chudamani – Vers 179

Deutsche Übersetzung:

179. Die falsche Identifikation, die durch die Verblendung und Bindung des Geistes hervorgerufen wird, impliziert den Kreislauf von Geburt und Tod. Für denjenigen, der durch rajas und tamas verhaftet ist und dem die Fähigkeit zur Unterscheidung fehlt, ist das die Ursache von Geburt, Krankheit, Alter und Tod.

Sanskrit Text:

adhyāsa-doṣāt puruṣasya saṃsṛtir
adhyāsa-bandhas tv amunaiva kalpitaḥ |
rajas-tamo-doṣavato’vivekino
janmādi-duḥkhasya nidānam etat || 179 ||

अध्यासदोषात्पुरुषस्य संसृति-
रध्यासबन्धस्त्वमुनैव कल्पितः |
रजस्तमोदोषवतो ऽविवेकिनो
जन्मादिदुःखस्य निदानमेतत् || १७९ ||

adhyasa-doshat purushasya samsritir
adhyasa-bandhas tv amunaiva kalpitah |
rajas-tamo-doshavato’vivekino
janmadi-duhkhasya nidanam etat || 179 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • adhyāsa-doṣāt : aufgrund des Fehlers (Dosha) der irrtümlichen Übertragung (Adhyasa)
  • puruṣasya : des Menschen (Purusha)
  • saṃsṛtiḥ : (besteht) der Daseinswandel (Samsriti)
  • adhyāsa-bandhaḥ : die Bindung (Bandha) an die irrtümliche Übertragung
  • tu : aber, wiederum (Tu)
  • amunā : durch diesen (Geist, Adas)
  • eva : nur, allein (Eva)
  • kalpitaḥ : ist verursacht („gemacht“, Kalpita)
  • rajas-tamo-doṣavataḥ : von einem, (dessen Geist) vom Makel (Doshavant) der Leidenschaft (Rajas) und Unwissenheit („Finsternis“, Tamas) erfüllt ist
  • avivekinaḥ : der keine Unterscheidungsfähigkeit besitzt (Avivekin)
  • janmādi-duḥkhasya : des Leids (Duhkha) der Geburt (Janman) usw. (Adi)
  • nidānam : (ist) die Ursache (Nidana)
  • etat : das (Etad)     || 179 ||

Kommentar

Alles in diesem Universum, was nicht das Selbst ist, geht durch diese Stadien: Geburt, Wachstum, Krankheit, Alter und Tod. Und wenn du dich damit identifizierst, bist du dem auch unterworfen. Weil du aber in der Tiefe deines Wesens weißt, dass du unsterblich bist, stört dich das und du wirst unglücklich, z.B. wenn du dich mit dem Körper identifizierst. Der Körper wurde irgendwann geboren, er wird älter, entwickelt Krankheiten. Er bekommt mal Zahnweh, vielleicht Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Knieschmerzen, er bekommt eine Erkältung, vielleicht eine Neurodermitis, eine Autoimmunerkrankung, vielleicht Krebs, Bluthochdruck usw. Das gehört zum Körper dazu.
Heutzutage denken spirituelle Aspiranten, wenn sie sich nur richtig verhalten, dann wird der Körper schon gesund sein. Und es gibt diese wahnsinnige Verrücktheit, dass Aspiranten meinen, wenn sie ein körperliches Problem bekommen, irgendetwas stimmt an ihrer spirituellen Praxis nicht. Das ist aber Unsinn. Die großen YogaMeister hatten auch Erkrankungen. Manche sind sogar recht früh gestorben. Vivekananda ist in seinen 40ern gestorben. Er hatte auch Krankheiten. Der Heilige Franziskus ist auch nur Anfang 40 geworden. Theresia von Lisieux ist bereits in ihren 20ern gestorben. Natürlich gab es auch solche, die älter geworden sind. Buddha ist über 80 geworden, Krishna hat auch ein hohes Alter erreicht. Swami Sivananda ist 75 Jahre alt geworden, was damals recht alt war für Indien. Aber es gibt eben auch andere, die sehr jung gestorben sind. Waren sie deshalb schlechte Yogis? Natürlich nicht. Gesundheit und Krankheit sagen dir nicht, ob du ein gutes spirituelles Leben führst.
Natürlich gibt es auch psychosomatische Krankheiten und du kannst Krankheit auch als Weg ansehen. Aber vom Standpunkt des Vedanta würde man vor allen Dingen sagen: Höre auf, Gesundheit oder Krankheit überzubewerten. Wenn dein Auto einen Platten hätte, würde dies auch nichts darüber aussagen, wie gut dein spiritueller Weg ist. Oder wenn eine Tür klemmt in deinem Haus sagt dies nichts darüber, ob du deinen spirituellen Weg richtig gegangen bist. Du bist nicht der physische Körper, er ist dein Fahrzeug. Kümmere dich darum, aber lass dich von den Zuständen des physischen Körpers nicht zu sehr blenden und nicht zu sehr durcheinander bringen.
Vielleicht magst du deine Überzeugungen einmal überdenken. Wie reagierst du, wenn du eine Erkältung bekommst? Oder einen Hexenschuss? Wie reagierst du auf Kopfweh? Siehst du es so, als wenn dein Fahrrad einen Platten hätte oder an deinem Auto eine Tür klemmt oder ein Scheibenwischer nicht richtig geht? Oder denkst du „Oh wie schlimm, was hab ich alles falsch gemacht?“ Mach dir klar, du bist nicht der Körper.
Auch alles was in deiner Psyche ist, hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Du magst sagen `ich bin künstlerisch begabt, ich kann tolle Sachen malen` oder `ich kann so schön Mantras singen`. Aber du konntest es nicht immer, sondern hast es irgendwann gelernt. Es kann auch passieren, dass du es für einige Zeit mal nicht kannst. Und irgendwann wirst du älter und dann geht das mit dem Mantra-Singen vielleicht auch nicht mehr so schön. Auch die Fähigkeit des Singens kommt und geht.
Ähnlich ist es mit dem Beruf. Irgendwann hast du ihn begonnen, du wirst besser, dann gibt es irgendwann Krisen, es wird mal schwierig, und irgendwann hört die berufliche Tätigkeit auf. Sei dir der Stadien bewusst.
Mache dir bewusst: Alles mit dem du dich identifizierst, geht durch diese verschiedenen Stadien. Sowohl die regelmäßigen Stadien wie Geburt, Wachstum, Reife, Altern und Tod als auch die zwischenzeitlichen wie Krankheiten. Und auch diese können manchmal direkt zum Tod führen. Rechne also damit, dass alles Relative irgendwann aufhört.
Mache dir kurz Gedanken darüber, was von dem Relativen du überbewertest. Wo erwartest du zu viel vom Relativen? Und wo machst du dir zu viele Gedanken über das Relative? Anstatt Schwierigkeiten im Relativen zu sehen als Aufwecker, als Alarmsignal. Wie oft missinterpretierst du Dinge, die einfach nur sagen wollen `hör auf dich zu identifizieren`.

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