Viveka Chudamani – Vers 437

Deutsche Übersetzung:

437. Wer vollkommen gleichgültig gegenüber den Vorgängen im Körper, Geist / Psyche und in den Sinnen ist, frei von den Gedanken an „ich“ und „mein“,  hat das Merkmal eines zu Lebzeiten Befreiten.

Sanskrit Text:

dehendriyādau kartavye mamāhaṃ-bhāva-varjitaḥ |
audāsīnyena yas tiṣṭhet sa jīvan-mukta-lakṣaṇaḥ || 437 ||

देहेन्द्रियादौ कर्तव्ये ममाहंभाववर्जितः |
औदासीन्येन यस्तिष्ठेत्स जीवन्मुक्तलक्षणः || ४३७ ||

dehendriyadau kartavye mamaham-bhava-varjitah |
audasinyena yas tishthet sa jivan-mukta-lakshanah || 437 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • dehendriyādau : in Bezug auf den physischen Körper (Deha), die Sinnesorgane (Indriya) usw. (Adi)
  • kartavye : (und) in Bezug auf Pflichten („Auszuführendes“, Kartavya)
  • mamāhaṃ-bhāva-varjitaḥ : frei (Varjita) von Besitzdenken (Mamabhava) und Ich-Identifikation (ist, Ahambhava)
  • audāsīnyena : durch Gelassenheit (Audasinya)
  • yaḥ : wer (Yad)
  • tiṣṭhet : lebt („bleibt“, sthā)
  • saḥ : der (Tad)
  • jīvan-mukta-lakṣaṇaḥ : (hat) die Kennzeichen (Lakshana) eines zu Lebzeiten Erlösten (Jivanmukta)     || 437 ||

Kommentar

Ich erzähle dir eine kleine Geschichte. Es gab einmal einen König namens Janaka. Dieser ging in die Lehre zu einem Weisen namens Ashtavakra. Und dieser Ashtavakra war ein ganz großer Meister. Am Ende der Lehrzeit ist es in Indien üblich, dass der Schüler dem Lehrer eine Gabe gibt.
Der Janaka wusste nicht, was er Ashtavakra geben sollte und deshalb fragte er ihn:
„Gibt es etwas, was ich dir schenken kann? Was auch immer du haben willst, ich werde es dir geben. Ich bin dir so dankbar für das große Wissen.“
Ashtavakra lächelte und fragte: „Wirklich, du bist bereit mir alles zu geben, um das ich dich jetzt bitte?“
Janaka schluckte und sagt: „Mein Wort gilt.“
Ashtavakra sagte: „Okay, dann überschreibe mir das ganze Königreich.“
Janaka schluckte etwas und Ashtavakra schaute ihn etwas skeptisch an und fragte: „Und gilt dein Wort?“ und Janaka antwortete: „Mein Wort gilt.“
So wurde eine Urkunde ausgestellt, Janaka dankte ab und ernannte Ashtavakra zu seinem Nachfolger. Er übergab ihm das königliche Siegel und es gab einige Schüler von Ashtavakra, die anwesend waren zum Teil auch von edlem Geblüt und die auch mit ihrem Siegelring unterzeichneten. Und dann sagte Ashtavakra zu Janaka: „Gut, du kannst jetzt gehen.“
Janaka wusste nicht wohin er gehen sollte, er war ja nur als König erzogen worden, er kannte nichts anderes. Als er fast außer Hörweite war, hörte er plötzlich den lauten Ruf seines Meisters, der sagte: „Janaka, komm wieder zurück.“ Janaka kam zurück und Ashtavakra sagte: „Ich weiß doch gar nicht, wie ich das Königreich regieren soll. Ich ernenne dich hiermit zum Regierenden des Königreichs in meinem Namen. Ich gebe dir ein paar Aufgaben dabei. Gehe zum Königreich und tue so, als ob du der König bist. Du hast weiterhin den Titel „König“. Setze dich auf den Thron. Andere werden dich als König behandeln, aber ich habe hier die Urkunde. Und wann immer ich will, komme ich und dann werde ich selbst den Thron besteigen oder jemand anderes ernennen. Es ist also ab jetzt nicht mehr dein Königreich, sondern mein Königreich, aber regiere es für mich.
Janaka ging zurück nach Videha, der Hauptstadt, und er tat, wie sein Guru gesagt hatte. Und weil es das Königreich seines Meisters war, hat er es umso bewusster und verantwortungsbewusster regiert, als wenn es sein eigenes gewesen wäre. Aber er wusste auch, dass es nicht sein Königreich ist und es ihm jederzeit genommen werden kann. Jederzeit kann Ashtavakra kommen und Ashtavakra kam auch alle paar Monate vorbei und schaute Janaka prüfend in die Augen und meinte: „Ich glaube, ein paar Monate bleibst du noch hier.“ Und so erreichte Janaka die Gottverwirklichung, weil er seinem Meister uneigennützig diente und natürlich auch die Lehren des Meisters umsetze bzgl. Meditation und Selbstbefragung usw. Aber vor allen Dingen war er frei von ich und mein.

In Wahrheit ist unsere Situation grundsätzlich wie die von Janaka. Uns gehört nichts. Uns ist nur vorübergehend etwas anvertraut worden. Wir sollten uns darum kümmern, so gut wie wir können, denn es ist uns von Gott anvertraut worden und für Gott sollten wir es so gut machen, wie wir können. Gott kann es jederzeit jemand anderem anvertrauen und in diesem Bewusstsein können wir verhaftungslos, verantwortungsvoll und ohne den Gedanken sein von Ich und Mein.

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