Viveka Chudamani – Vers 400

Deutsche Übersetzung:

400. Die Auffassung von Vielfalt in der Einen Wirklichkeit (eka-vastu) ist nur eine Einbildung /falsche Vorstellung. Wie können da in der Wirklichkeit, die unveränderlich (nirvikara), formlos (nirakara) und eigenschaftslos (nirvishesha) ist, Verschiedenheit / Getrenntheit (bhida) geben?

Sanskrit Text:

asat-kalpo vikalpo’yaṃ viśvam ity eka-vastuni |
nirvikāre nirākāre nirviśeṣe bhidā kutaḥ || 400 ||

असत्कल्पो विकल्पो ऽयं विश्वमित्येकवस्तुनि |
निर्विकारे निराकारे निर्विशेषे भिदा कुतः || ४०० ||

asat-kalpo vikalpo’yam vishvam ity eka-vastuni |
nirvikare nirakare nirvisheshe bhida kutah || 400 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • asat-kalpaḥ : (ist so gut) wie (Kalpa) irreal („nicht-existent“, Asat)
  • vikalpaḥ : Vorstellung (Vikalpa)
  • ayam : die (Ayam)
  • viśvam : (ausdifferenzierten) Universum (Vishva)
  • iti : von einem („so“, Iti)
  • eka-vastuni : in der einen (Eka) Realität (Vastu)
  • nirvikāre : ohne Wandlung (Nirvikara)
  • nirākāre : ohne Form (Nirakara)
  • nirviśeṣe : dem Absoluten („Ununterschiedenen“, Nirvishesha)
  • bhidā : eine Unterscheidung, Differenzierung (Bhida)
  • kutaḥ : woher (käme da, Kutas)     || 400 ||

Kommentar

Immer wieder will uns Shankara vor Augen führen, dass die Trennungen nur scheinbar sind. Du bist das unsterbliche Selbst überall. Und du kannst dir z.B. bewusstmachen, dass du eins mit allen anderen bist, anstatt dir so viel Getrenntheit zu nehmen. Die Menschen heutzutage sind so von Individualität besessen. Sie meinen jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch ist individuell. Auf einer relativen Ebene mag das auch sein. Aber nicht das Trennende ist wichtig, sondern das Verbindende, das Bewusstsein.
Selbst auf einer relativen Ebene sind wir sehr viel mehr miteinander verbunden als wir das wissen oder uns im Alltag bewusst machen.
Wir atmen dieselbe Luft. Wenn du mit einem Menschen in einem Raum bist, dann sind in diesem Moment Partikel in deinen Lungen, die vorher im Blut des anderen waren. Und in seinen Lungen sind Partikel, die vorher in deinem Blut waren. So weit sind wir miteinander verbunden. Wir sind auf der gleichen Erde. Wir haben die gleiche Schwerkraft. Wir trinken Wasser. Wir essen Nahrung. Diese Nahrung ist schon durch so viele andere Körper hindurchgegangen. In diesem Sinne sind wir auf einer relativen Ebene sehr verbunden. In unseren Bedürfnissen sind wir sehr ähnlich. In Gedanken und Emotionen sind wir sehr ähnlich.
Patanjali sagt, dass die Unterschiede zwischen Individuen nur unterschiedliche Wege durch die gleiche Prakriti sind. Im Grunde genommen gibt es eine Prakriti, durch die verschiedene Wege führen. Das eine Bewusstsein wählt sich unterschiedliche Wege durch diese Prakriti. Mache dir das bewusst! Auf einer körperlichen Ebene bist du mit anderen Menschen verbunden. Auf einer geistigen Ebene haben wir alle ähnliche Bedürfnisse. Die Ausprägung ist anders. Der eine mag mehr süße Speisen, der andere mehr salzige Speisen. Einer mag mehr Rohes, ein anderer mehr Gekochtes. Trotzdem ist es nicht so unterschiedlich. Die Ausprägungen sind temporär anders. Auch deine Bedürfnisse sind heute anders als vor zehn oder zwanzig Jahren. Trotzdem, wenn du ein Foto von dir siehst vor zehn bis zwanzig Jahren, dann sagst du: „Das bin ich.“ Du hast heute weniger gemeinsam mit dem, den du da vor zwanzig Jahren siehst, als mit manchem anderen hier. Es gibt zwar unterschiedliche Ausprägungen, aber letztlich sind sich alle ähnlich. Und was Shankara besonders wichtig findet. Auf der Ebene des Selbst sind alle eins. Deshalb lege nicht so viel Wert auf die Unterschiede. Lege mehr Wert auf die Gemeinsamkeiten und letztlich auf die Einheit.

In diesem Sinne möchte ich euch inspirieren, Gemeinsamkeit zu spüren. Gemeinsamkeit, wenn nicht sogar Einheit. Heute ist also die besondere Aufgabe:
Spüre immer wieder, dass wir ähnlich sind! Und wenn möglich spüre: Wir sind eins.

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