Viveka Chudamani – Vers 425

Deutsche Übersetzung:

425. Wenn angesichts von Sinnesobjekten keine Wünsche mehr auftreten, ist der Höhepunkt der Losgelöstheit erreicht. Wenn sich kein Ichgefühl mehr regt, ist die höchste Stufe der Erkenntnis verwirklicht. Wenn die zur Ruhe gekommenen Gedanken nicht wieder erscheinen, ist die Gedankenstille vollendet.

Sanskrit Text:

vāsanānudayo bhogye vairāgyasya tadāvadhiḥ |
ahaṃ-bhāvodayābhāvo bodhasya paramāvadhiḥ |
līna-vṛtter anutpattir maryādoparates tu sā || 425 ||

वासनानुदयो भोग्ये वैराग्यस्य तदावधिः |
अहंभावोदयाभावो बोधस्य परमावधिः |
लीनवृत्तेरनुत्पत्तिर्मर्यादोपरतेस्तु सा || ४२५ ||

vasananudayo bhogye vairagyasya tadavadhih |
aham-bhavodayabhavo bodhasya paramavadhih |
lina-vritter anutpattir maryadoparates tu sa || 425 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vāsanānudayaḥ : das Nichtentstehen (Anudaya) von Verlangen (Vasana)
  • bhogye : hinsichtlich eines Sinnesobjekts (Bhogya)
  • vairāgyasya : der Gleichgültigkeit („Leidenschaftslosigkeit“, Vairagya)
  • tadā : (ist) dann (Tada)
  • avadhiḥ : der Höhepunkt („Grenze“, Avadhi)
  • ahaṃ-bhāvodayābhāvaḥ : die Abwesenheit (Abhava) des Entstehens (Udaya) des Ichgefühls (Ahambhava)
  • bodhasya : der Erkenntnis (Bodha)
  • paramāvadhiḥ : (ist) das Non plus ultra („höchste Grenze“, ParamaAvadhi)
  • līna-vṛtteḥ : der verschwundenen („aufgelösten“, Lina) Funktion (des empirischen Bewusstseins, Vritti)
  • anutpattiḥ : Nichtwiederkehr („Nichtentstehung“, Anutpatti)
  • maryādā : (ist) der Höhepunkt („Endpunkt“, Maryada)
  • uparateḥ : des Anhaltens, Innehaltens (Uparati)
  • tu : wiederum (Tu)
  • sā : die (Tad)     || 425 ||

Kommentar

So beschreibt Shankara, was die Frucht der Erkenntnis ist: Dass angesichts der Erkenntnis keine Wünsche mehr auftreten. Das heißt schon, dass du die Sinnesobjekte genießen kannst. Angenommen du hast etwas Gutes zu essen, vielleicht bist du eingeladen und bekommst etwas Gutes. Genieße es! Aber wenn du denkst, dass du es gleich kaufen musst, dass du es wieder machen musst, es brauchst, dann hast du einen Wunsch. Stattdessen genieße es in diesem Moment und lasse los.
Oder wenn du durch eine Wiese spazieren gehst und du siehst diese wunderschönen Blumen, genieße sie. Du musst sie nicht abreißen, um sie mit nach Hause zu nehmen.
Oder wenn du jemanden siehst, der sich so wahnsinnig freut über ein neues Smartphone oder jemand siehst, der sich so sehr über ein neues Kleid freut, dass er oder sie sich zugelegt hat, freue dich mit ihm oder ihr, ohne gleich zu denken, dass du es auch haben willst.
Habe keine Wünsche mehr, genieße ohne Wünsche. Das ist der Höhepunkt der Losgelöstheit. Natürlich gilt das auch umgekehrt. Du bist irgendwo eingeladen und das Essen schmeckt für dich wirklich entsetzlich, lasse los. Du musst dich nicht ärgern. Oder angenommen du hast etwas gekauft, vielleicht im Internet bestellt und es kommt an und ist überhaupt nicht das, was du erwartet hast. Lächle darüber, eventuell schicke es zurück oder schenke es weiter. Aber habe keine Verhaftung an das, was du dir vorgestellt hast! Dann sagt Shankara auch, dass, wenn sich kein Ich-Gefühl mehr regt, die höchste Stufe der Erkenntnis verwirklicht ist. Wenn dich z.B. jemand lobt und du das Lob abwehren willst und du sagst, dass du doch gar nichts gemacht hast und es ist dir irgendwie peinlich, dass du gelobt wirst, hast du immer noch Ich-Gefühl. Und wenn dich jemand tadelt, eine Kritik gibt oder ein Feedback gibt, das nicht nur positiv ist und du fühlst dich gekränkt, dann ist immer noch Ego da. Wenn dich jemand lobt und dir Anerkennung schenkt und du einfach nur denkst, dass Gott gewirkt hat und Gott gehört das Lob und du das einfach zur Kenntnis nimmst und danke sagst, dann hast du etwas erreicht.
Wenn dich jemand kritisiert und du das zur Kenntnis nimmst, und höchstens denkst, dass man überlegen kann, ob man das das nächste Mal besser machen könnte, aber es berührt dich emotional nicht, dann hast du eine Stufe der Erkenntnis erreicht. Und wenn du in der Meditation deinen Geist zur Ruhe bringst und du nicht ständig mit deinen Gedankenwellen kämpfen musst, sondern dich zur Meditation hinsetzt, Asana und tief anfängst zu atmen, Prana zu aktivieren, Pranayama, deinen Geist in eine meditative Stimmung bringst, Pratyahara, du deinen Geist auf etwas konzentrierst, Dharana, dich darin absorbieren lässt, Dhyana und dann geschieht Meditation ganz von selbst, dann hast du etwas erreicht.
Oder wenn du dir vornimmst, dass du bewusst spazieren gehen willst und gehst bewusst spazieren und dein Geist bleibt ruhig, dann hast du etwas erreicht. Du kannst überlegen, was davon du schon erreicht hast und woran du arbeiten willst. Drei Dinge eben. In Bezug auf Sinnesobjekte – keine Wünsche. In Bezug auf Ich-Gefühl – kein Ich-Gefühl, keine Identifikationen und keine neuen Gedanken, nachdem du die Gedanken schon einmal zur Ruhe gebracht hast. Es ist auch eine Übung. Es ist nicht nur die automatische Frucht der Erkenntnis, sondern es geht in beide Richtungen. Wenn du eine höhere Erkenntnis hast, dann kommt all das von selbst. Aber umgekehrt, wenn du daran arbeitest, dann wird auch höhere Erkenntnis entstehen. Gelassenheit ist Frucht der Erkenntnis und Erkenntnis ist Frucht der Gelassenheit.

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