Viveka Chudamani – Vers 203

Deutsche Übersetzung:

203. Diese Erkenntnis kann nur durch vollkommene Unterscheidung (viveka) zwischen dem Selbst und Nicht- Selbst erlangt werden. Das ist der Grund, warum wir danach streben müssen, zwischen der verkörperten Individualseele (pratyag-atman) und dem wahren Selbst (sad-atman) zu unterscheiden.

Sanskrit Text:

tad ātmānātmanoḥ samyag-vivekenaiva sidhyati |
tato vivekaḥ kartavyaḥ pratyag-ātma-sad-ātmanoḥ || 203 ||

तदात्मानात्मनोः सम्यग्विवेकेनैव सिध्यति |
ततो विवेकः कर्तव्यः प्रत्यगात्मसदात्मनोः || २०३ ||

tad atmanatmanoh samyag-vivekenaiva sidhyati |
tato vivekah kartavyah pratyag-atma-sad-atmanoh || 203 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tat : diese (wahre Erkenntnis, Tad)
  • ātmānātmanoḥ : zwischen Selbst (Atman) und Nichtselbst (Anatman)
  • samyag-vivekena : durch die richtige (Samyak) Unterscheidung (Viveka)
  • eva : nur, allein (Eva)
  • sidhyati : gelingt (sidh)
  • tataḥ : daher, deshalb (Tatas)
  • vivekaḥ : die Unterscheidung (Viveka)
  • kartavyaḥ : ist zu praktizieren („zu machen“, Kartavya)
  • pratyag-ātma-sad-ātmanoḥ : zwischen der Individualseele („dem inneren Selbst“, Pratyagatman) und dem wahren (Sat) Selbst (Atman)     || 203 ||

Kommentar

Das wahre Selbst ist das Selbst jenseits der Individualität. Jivatman ist das falsche Selbst, das Individuum. Die westliche Zivilisation ist besonders darauf aus, das Individuum zu stärken. Es geht um individuelle Freiheit. Es geht um Entfaltung des Individuums, um das individuelle Streben nach Glück. Die Vorstellung ist, wenn das Individuum sich selbst entfaltet, wenn das Individuum nach Glück strebt, dann wird es wirklich Glück erfahren. Aber die Erfahrung zeigt, dass das nicht stimmt.
Ein Individuum, was für sich selbst nach Glück strebt, wird unglücklich sein. Ein Mensch ist selbst auf einer relativen Ebene dann glücklich, wenn er das Gefühl hat, in einem größeren Gesamtkontext aufgehoben zu sein. Ein Mensch, der das Gefühl hat, zu anderen dazu zu gehören, ist glücklicher.
Ein Mensch, der das Gefühl hat, etwas für andere zu tun, ist glücklich. Der Mensch, der das Gefühl hat, von anderen geliebt zu sein und andere zu lieben, ist glücklich.
Aber der Mensch, der seine Talente optimal ausgelebt hat, der seinem Herzen immer gefolgt ist, dabei vielleicht rücksichtslos ist und die Gefühle anderer vielleicht verletzt hat, der ist eben nicht glücklich. Deinen individuellen Neigungen zu folgen, macht nicht glücklich. Und warum nicht? Weil du kein Individuum bist. Die Vorstellung der Individualität ist ein Irrtum. Und aufgrund der Vorstellung der Individualität zu handeln, führt zu noch größerem Irrtum und zum Leiden. In der Tiefe deiner Seele weißt du, dass du Brahman bist. Du bist eins mit der Weltenseele. Das Auflösen der Individualität führt zur höchsten Befreiung.
Das heißt nicht, dass du in Sklaverei gehen sollst und dich anderen unterordnen musst, sondern es heißt, dass die Weise, wie du glücklich sein wirst, geschieht, indem du dich von der Individualität löst.
So wie Patanjali im 3. Kapitel mal gesagt hat: „Du erkennst deine wahren Aufgaben, wenn du Samyama ausübst auf die Interessen des Selbst und nicht mehr auf die Interessen des Individuums.“ Solange du überlegst, was du willst, was du brauchst, wie du glücklich sein kannst, solange wirst du unglücklich sein. Du wirst nicht wirklich wissen, was du zu tun hast. Aber wenn du fragst, was das höhere Selbst will, was will das Göttliche, was ist von einem größeren Ganzen her notwendig, dann wirst du erkennen, was notwendig ist.
Reflektiere jetzt heute oder morgen über die Frage: Wie kann ich von meinen individuellen Interessen Abstand nehmen? Wie kann ich aufhören, nach individuellem Glück zu streben oder falls dir das zu schwierig ist, mache dir bewusst, dass das Streben nach individuellem Glück und dem Folgen deines eigenen Mögens und Nichtmögens dieses unglücklich macht. Glück kommt, wenn das Individuum transzendiert wird. Schon im Kleinen, wenn du etwas für jemand anderen tust, wenn du jemand anderen liebst, wenn du dich verbunden fühlst mit anderen, dann ist da Glück und das Selbst leuchtet auf.

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