Viveka Chudamani – Vers 97

Deutsche Übersetzung:

97. Höre nun gut zu! Dieser feinstoffliche Körper, der aus den Elementen vor ihrer fünffachen Teilung entstanden ist, wird Astralkörper, sukshma-sharira oder linga-sharira genannt. Er wird geprägt von Anlagen, Neigungen und früheren Eindrücken (vasana), er ist das Ergebnis von Handlungen aus der Vergangenheit (karman). Er ist die anfangslose Begrenzung (upadhi) von atman, und er hat seinen Ursprung in der Unwissenheit über das Selbst.

Sanskrit Text:

idaṃ śarīraṃ śṛṇu sūkṣma-saṃjñitaṃ
liṅgaṃ tv apañcī-kṛta-bhūta-saṃbhavam |
sa-vāsanaṃ karma-phalānubhāvakaṃ
svājñānato’nādir upādhir ātmanaḥ || 97 ||

इदं शरीरं शृणु सूक्ष्मसंज्ञितं
लिङ्गं त्वपञ्चीकृतभूतसंभवम् |
सवासनं कर्मफलानुभावकं
स्वाज्ञानतो ऽनादिरुपाधिरात्मनः || ९७ ||

idam shariram shrinu sukshma-sanjnitam
lingam tv apanchi-krita-bhuta-sambhavam |
sa-vasanam karma-phalanubhavakam
svajnanato’nadir upadhir atmanah || 97 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • idam : dieser (Idam)
  • śarīram : Körper (Sharira)
  • śṛṇu : höre (śru)
  • sūkṣma-saṃjñitam : der als feinstofflich (Sukshma) bezeichnet (Samjnita) wird
  • liṅgam : (und als) Seelenmerkmal (Linga)
  • tu : aber (Tu)
  • apañcī-kṛta-bhūta-saṃbhavam : entstanden (Sambhava) aus den (fünf feinstofflichen) Elementen (Bhuta) vor dem Prozess ihrer fünffachen Teilung und wechselseitigen Verbindung (Apanchikrita)
  • sa-vāsanam : verbunden mit („samt“, Sa) latenten Eindrücken, Wünschen (Vasana)
  • karma-phalānubhāvakam : bewirkt die Erfahrung (Anubhavaka) der Konsequenzen („Früchte“, Phala) früherer Handlungen (Karman)
  • svājñānataḥ : aufgrund der Unwissenheit (Ajnana) bezüglich des Selbst (Sva)
  • anādiḥ : (als) eine anfangslose (Anadi)
  • upādhiḥ : Begrenzung (Upadhi)
  • ātmanaḥ : des Selbst (Atman)     || 97 ||

Kommentar

Es ist schon schwer genug die Identifikation mit dem physischen Körper zu überwinden. Noch schwerer ist die Identifikation mit dem Astralkörper zu überwinden. Jetzt sagt er: Woher kommt der Astralkörper? Was ist er überhaupt? Es gibt die fünf Elemente. Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Im physischen Körper ist die Erde das Feste, das Wasser ist das flüssige, das Feuer ist die Temperatur, Luft das gasförmige, Äther ist das elektromagnetische Sprektrum.
Auch im Feinstoffkörper gibt es die fünf Elemente. Es gibt viele Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten. In der Psyche ist das Erdelement die Festigkeit, Beständigkeit, Ruhe, Ausdauer, aber auch die Traurigkeit, Niedergeschlagenheit. Wasserelement ist das Mitgefühl, Hingabe, Liebe, aber auch Trauer, Zerfließen und Emotionalität. Das Feuerelement ist Durchsetzungsvermögen, Enthusiasmus, Begeisterungsfähigkeit, aber auch Ärger, Verzweiflung, Frustration. Luftelement ist Anpassungsfähigkeit, Leichtigkeit, Weite, aber auch Unzuverlässigkeit, Unbeständigkeit, Nervosität. Ätherelement ist Verbindung, Ausdehnung, Weite. So ist der Astralkörper aus den fünf Elementen entstanden und manifestiert sich in fünf Elementen. Er wird sukshma sharira, feinstofflicher Körper genannt. Er wird auch linga sharira, Merkmal bezeichnet, womit sich der Körper identifiziert. Ein Körper, den du für besonders charakteristisch hältst. Linga hat auch die Bedeutung wie strahlend, leuchtend. Man sagt auch im Deutschen Astralkörper, linga sharira. Der Astralkörper wird geprägt von Anlagen und Neigungen. Das heißt er entsteht aus vasana, latente Eindrücke. Man könnte also sagen, in deinem Unterbewusstsein sind alle möglichen Eindrücke aus der Vergangenheit. Das sind zum einen die samskaras, alle Eindrücke und vasanas, Wünsche.
In deinem Astralkörper hast du die Eindrücke aus der Vergangenheit. Der Astralkörper kommt auch aus dem karma heraus. Alles was du früher gemacht hast, hat einen Einfluss auf deinen Astralkörper, Persönlichkeit, Psyche. Deine Persönlichkeit ist auch nicht so fest. Du magst jetzt mehr introvertiert oder extravertiert sein, irgendwo hat sich das entwickelt, im Lauf dieses und früherer Leben. Vielleicht hast du mehr das Wasserelement entwickelt, bist also mehr eine bestimmte Form des kapha Temperamentes. Vielleicht hast du auch mehr das Erdelement, bist beständiger und ruhiger. Vielleicht hast du mehr das Luft Element, vata Temperament. Vielleicht hast du mehr das Feuer Element, pitta Temperament. All das ist Ergebnis von früheren Handlungen. Wenn du über einen längeren Zeitraum Ruhe und Gemächlichkeit entwickelst, wirst du langsam das Erdelement verstärken. Du kannst also auch die verschiedenen Elemente in dir erhöhen. Also identifiziere dich nicht so sehr mit deinem Temperament, welches ein wichtiger Aspekt deines Astralkörpers ist. Auch das ist nur entstanden und ist in Veränderung begriffen. Letztlich ist der Astralkörper anfanglose Begrenzung, upādhi. Du identifizierst dich damit auf Grund der Unwissenheit, agniana bezüglich des Selbst, deiner wahren Natur. Es ist anfanglos, weil der Astralkörper auch den physischen Körper überlebt. Der Astralkörper stirbt nicht, wenn der physische Körper stirbt. Dein Temperament, Prana, Erkenntnis, Handlungstendenzen, Erfahrung, alles begleitet dich wenn du stirbst. Du bist dann eine Weile in der Astralwelt, bis du dich wieder inkarnierst. Im Moment der Inkarnation, der Geburt entsteht zwar ein allgemeiner Gedächtnisschwund, aber das heißt nicht, dass alle samskaras und vasanas ausgelöscht sind. Schon ein Baby hat ein Temperament. Du könntest schon bei Babys sehen, manche sind mehr kapha, irgendwo ruhig. Manche sind mehr vata, ständig unruhig. Andere sind mehr pitta, sie sind gleich frustriert und schreien wenn sie was wollen. Du merkst das dann noch mehr, als Kinder haben sie bestimmte Neigungen, Erinnerungen kommen hoch. Manche Kinder lieben schon Kinderyoga. Manche mögen schon als Kind ein Instrument spielen. Manche sind als Kind schon interessiert an Bücher lesen. Manche haben eine natürliche Neigung zu Indien oder andere Kulturen. Die vasanas, Eindrücke aus dem Unterbewusstsein manifestieren sich.
Was auch immer du in diesem Leben tust um an deiner Psyche zu arbeiten, nimmst du mit. Überwinde daher Ängste, überwinde die Neigung zu negativen Denken, entwickle positive Tugenden, deinen Charakter, das hilft dir auch im nächsten Leben. Natürlich geht es Shankaracharya mehr als nur um Charakterentwicklung. Im geht es um die Erkenntnis des Selbst und Vermeidung aller Geburten. Aber es schadet auch nichts, wenn du zusätzlich zur Erkenntnis des Selbst auch strebst nach Entwicklung der Psyche. Denn auch diese hilft zu Erkenntnis des Selbst. Aber du bist auch nicht diese Psyche. Menschen von heute identifizieren sich so sehr mit ihrer Psyche, Temperament, sie wollen wissen wer sie sind im Sinne von Ayurveda Dosha, Astrologie. Sie versuchen sich zu verstehen: Warum bin ich so wie ich bin? Vergessen, ich bin nicht so wie ich bin. Ich bin das unsterbliche Selbst. Es wäre eher die Frage: Warum ist meine Psyche so wie sie ist? Hör auf zu sagen: Ich bin halt so. Nicht du bist so, deine Psyche hat momentan diese Neigungen und diese sind änderbar. Die Psyche ist in Veränderung inbegriffen. Es gibt manche Menschen, die zu manchen Ereignissen über sich selbst hinaus wachsen. Plötzlich ist so vieles anders. Nein, du bist nicht festgelegt. Es spielt auch nicht die große Rolle. Versuche nicht herauszufinden, warum bist du so, denn du bist das unsterbliche Selbst. Du könntest versuchen herauszufinden, warum ist meine Psyche so wie sie ist. Oft führt die Beschäftigung der Psyche mit einer größeren Identifikation. Das sollte es nicht tuen. Im Gegenteil, wenn du siehst, dass viele deiner Handlungsneigungen eigentlich die Neigungen deiner Eltern waren, das Resultat der Erziehung und von Erfahrungen und von traumatischen anderen Erfahrungen, dann sollte es dich dazu führen, dass du dich nicht identifizierst. Du solltest erkennen. Nein, ich bin das nicht. Das sind alles irgendwo Reizreaktionsketten, Resultat von Erfahrungen, Resultat von Handlungen. Ich bin das nicht. Ich bin das Selbst. Vielleicht willst du an deiner Psyche arbeiten, bessere Reizreaktionsketten schaffen, besseren Charakter, Persönlichkeit. Trotzdem, du bist das nicht. Du bist das unsterbliche Selbst. Der Atman.

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