Viveka Chudamani – Vers 50

Deutsche Übersetzung:

50. Der Meister erwidert: „Du bist gesegnet. Du hast deine Pflicht erfüllt. Deine Familie wird durch dich geheiligt, indem du dich von den Fesseln der Unwissenheit befreist und zur Absoluten Wirklichkeit werden willst.“

Sanskrit Text:

śrī-gurur uvāca |
dhanyo’si kṛta-kṛtyo’si pāvitaṃ te kulaṃ tvayā |
yad avidyā-bandha-muktyā brahmī-bhavitum icchasi || 50 ||

श्रीगुरुरुवाच |
धन्यो ऽसि कृतकृत्यो ऽसि पावितं ते कुलं त्वया |
यदविद्याबन्धमुक्त्या ब्रह्मीभवितुमिच्छसि || ५० ||

shri-gurur uvacha |
dhanyo’si krita-krityo’si pavitam te kulam tvaya |
yad avidya-bandha-muktya brahmi-bhavitum ichchhasi || 50 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śrī-guruḥ : der ehrwürdige (Shri) Meister (Guru)
  • uvāca : spricht („hat gesprochen“, vac)
  • dhanyaḥ : glücklich, gesegnet (Dhanya)
  • asi : (du) bist (asi)
  • kṛta-kṛtyaḥ : einer, der sein Ziel erreicht hat (Kritakritya)
  • asi : (du) bist
  • pāvitam : geheiligt, gesühnt („gereinigt“, Pavita)
  • te : deine (Tvad)
  • kulam : Familie (Kula)
  • tvayā : durch dich (Tvad)
  • yad : da, weil (Yad)
  • avidyā-bandha-muktyā : durch die Befreiung (Mukti) von den Banden (Bandha) der Unwissenheit (Avidya)
  • brahmī-bhavitum : zum Absoluten (Brahman) zu werden (bhū)
  • icchasi : du wünschst (iṣ)     || 50 ||

Kommentar

„śrīgurur“ – „der ehrwürdige Meister“.
„uvāca“ – „spricht, hat gesprochen“, „vāc“ heißt übersetzt „Sprache“.
„dhanya“ – „gesegnet und glücklich“, „asi“ – „bist du“.
„Du wirst das Ziel erreichen“, „kritakritya“ – „Du wirst jemand sein, der sein Ziel erreicht hat.“
„pāvita“ – „geheiligt, gesühnt, gereinigt.
„kulaṁ“ – „deine Familie“.
„pāvita te kulaṁ“ – „deine Familie wird durch dich gereinigt und letztlich geheiligt“.
„avidyābandhamuktyā“ – „indem du dich von den Banden der Unwissenheit befreist“.
„brahmībhavitum“ – „und zum Absoluten geworden bist“.
„icchasi“ – „der du das willst“.

Du willst die absolute Wirklichkeit erfahren und dich von allen Banden der Unwissenheit befreien. Wenn du jemand bist, dem der spirituelle Weg wichtig ist, dann bist du vielleicht auch jemand, der ab und zu ein schlechtes Gewissen und folgende Überlegungen hat: „Ist das nicht egoistisch? Sollte ich mich doch mehr um meine Eltern, Kinder und meinen Partner kümmern. Sollte ich mich doch mehr im uneigennützigen Dienen engagieren zum Beispiel im Rahmen einer Umweltbewegung, einer politischen Partei, einem gemeinnützigen Verein, einer karitativen Bewegung? Wäre das vielleicht besser als auf dem spirituellen Weg zu gehen?
Shankaracharya sagt hierzu: „Indem du auf den spirituellen Weg gehst, tust du etwas Gutes für deine Familie und die ganze Menschheit.“
Im Westen und in Indien – aber auch zu Shankaracharyas Zeiten – ist es heute oft der Fall, dass die Menschen den spirituellen Aspiranten eher mit den Worten abraten: „Kümmere dich erst um dich selbst und um deine Familie. Verdiene genügend Geld, verbringe Zeit mit der Familie. Spiritualität ist nicht sehr wichtig.“
Vielleicht kommst du dadurch sogar in einen Konflikt: Ein ganzheitliches, spirituelles Leben bedeutet auch, jeden Tag zu meditieren, Asanas und Pranayama zu praktizieren, wodurch du weniger Zeit für anderes hast.
Vielleicht möchtest du deine Ferien in einem Yoga Ashram verbringen, um dort Yoga- Seminare zu besuchen. Vielleicht bist du konsequent in deiner Ernährung und trinkst keinen Alkohol zu Familiengeburtstagen. Vielleicht ist es etwas schwierig und du bist Vegetarier oder Veganer, was wiederum manches komplizierter macht. Vielleicht verzichtest du auf ethisch nicht Verantwortbares zum Beispiel bei deinem Job, deiner Arbeit. Das kann dazu führen, dass ein beruflicher Aufstieg nicht leicht wird.
Vielleicht verzichtest du darauf, in die Firma deines Vaters, deiner Mutter einzusteigen, weil dort etwas verkauft wird, was du nicht in dem Maße verkaufen willst oder was nicht deinem Lebensstil entspricht.
Vielleicht werden dir deine Familienmitglieder, deine Freunde und Bekannte vorwerfen, dass es egoistisch sei, den spirituellen Weg zu gehen, weil du nicht in die Familientradition eintrittst.
Vermutlich ist das heute ein geringeres Problem als vor 20 oder 30 Jahren. Ich weiß, wovon ich spreche: Mein Vater hatte ein Unternehmen, welches schon von meinem Urgroßvater gegründet wurde. Als ich mit meinem Studium fertig war, wurde erwartet, dass ich in die elterliche Firma eintrete. Ich habe das nicht gemacht, bin stattdessen einem Meister gefolgt und Yogalehrer geworden. Später gründete ich einen Yoga-Verein. War das egoistisch?
Ich kenne einige, die diese Fragen haben. Shankara sagt: „Nein, du bist ein großer Segen für die ganze Familie.“ Und mit „kula“ ist nicht nur die physische Familie sondern die ganze Sippschaft, das heißt alle, mit denen du zu tun hast, gemeint.
Ich kenne einige Menschen, die sagen, ihre Eltern haben sie kritisiert. Aber als die Eltern selbst älter wurden und kurz vor dem Sterben waren, haben sie besonders viel Nutzen davon gezogen, mit jemanden über den Tod und das Leben danach sprechen zu können.
Du wirst anderen Halt geben, wenn sie schwer krank werden, größere Verluste haben, ihren Job verlieren, Bankrott gehen, ihre Partnerschaft in die Brüche geht, eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird oder der Tod bevorsteht. Das sind Situationen, in denen sich alle an spirituelle Menschen richten.
Auch wenn jemand schon gestorben ist oder einen plötzlichen Tod hat, werden die Angehörigen zu denjenigen in der Familie oder in der Bekanntschaft gehen, die eine strahlende leuchtende Aura haben.
Wenn du spirituell praktizierst und ein konsequent sattviges Leben führst, d.h. kein Fleisch, Alkohol und so weiter, dann hast du eine leuchtende Aura. Diejenigen, die den physischen Körper verlassen haben, werden von dir angezogen werden. Vielleicht spürst du das auch und bemerkst aus unerfindlichen Gründen, dass du weniger Energie hast. Vielleicht ist jemand aus deiner Familie oder Bekanntschaft vor kurzem oder vor längerer Zeit gestorben, in deine Aura übergegangen und hat Nutzen von deinem Prana ziehen können, um in die höheren Welten zu gehen. Mache dir keine Sorgen, dass dir dadurch Energie weggenommen wird.
Es ist mehr ein Liebesdienst. Ein spiritueller Aspirant kann allen Energien schicken, die sich auf ihn einstimmen. Auch wenn du der Ansicht bist, nur ein kleiner, unbedeutender Aspiranten zu sein. Im Verhältnis zu denjenigen, die keine Praktiken machen, bist du ein Leuchtfeuer, ein Licht.
Demnach profitieren alle davon, wenn du spirituelle Praktiken machst – deine ganze Familie. Es heißt sogar, dass sieben Generationen vor dir und nach dir von deiner spirituellen Praxis profitieren.
Wenn du die Erleuchtung erlangst, bist du ein Segen für alle. Wenn du spirituelle praktizierst, dann praktizierst du nicht nur für dich. Alle diejenigen, die mit dir am heutigen und am morgigen Tag in Kontakt kommen, profitieren von deinem Prana. Die Einsichten, deine Erfahrung und dein ethisch konsequentes Leben wird für alle eine Inspiration sein, die irgendwann in eine psychische Krise geraten, bei denen der Sinnkontext ihres Lebens durch eine Krankheit, Trennung, einen Jobverlust, Bankrott oder einfach nur durch eine innere Krise zerbricht.
Denke niemals, dass du egoistisch bist, wenn du den spirituellen Weg gehst. Selbst wenn andere versuchen, dir ein schlechtes Gewissen zu machen. Sei dir bewusst, dass der spirituelle Weg für dich und vor allem für diejenigen, mit denen du zu tun hast, und letztlich für die ganze Menschheit etwas Gutes ist. Langfristig werden alle erkennen, dass das Streben nach materiellem Reichtum, Ansehen und Geld nicht der Sinn des Lebens sein kann. Je mehr Menschen den spirituellen Weg gehen, umso besser für das ganze Leben auf diesem Planeten.

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