Viveka Chudamani – Vers 30

Deutsche Übersetzung:

30. Wenn die Verhaftungslosigkeit (viraktatva) und der Wunsch nach Befreiung (mumuksha) schwach sind, wirken die 6 Tugenden, wie Stille der Gedanken/ Ruhe des Geistes (shama), nur wie ein Trugbild des Wassers in der Wüste.

Sanskrit Text:

etayor mandatā yatra viraktatva-mumukṣayoḥ |
marau salila-vat tatra śamāder bhāna-mātratā || 30 ||

एतयोर्मन्दता यत्र विरक्तत्वमुमुक्षयोः |
मरौ सलिलवत्तत्र शमादेर्भानमात्रता || ३० ||

etayor mandata yatra viraktatva-mumuksayoh |
marau salila-vat tatra shamader bhana-matrata || 30 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • etayoḥ : dieser beiden (Etad)
  • mandatā : das schwache Ausgeprägtsein („Schwachsein“ besteht, Mandata)
  • yatra : bei wem (Yatra)
  • viraktatva-mumukṣayoḥ : der Gleichgültigkeit („Leidenschaftslosigkeit“, Viraktatva) und des Trachtens nach Erlösung (Mumuksha)
  • marau : in der Wüste (Maru)
  • salila-vat : wie (die Illusion von, Vat) Wasser (Salila)
  • tatra : bei dem (Tatra)
  • śamādeḥ : Gemütsruhe (Shama) usw. (Adi)
  • bhāna-mātratā : sind ein bloßer (Matra) Schein (Bhana)     || 30 ||

Kommentar

Shankara erklärt, dass die Ruhe des Geistes kein Selbstzweck ist. Die Ruhe des Geistes reicht nicht aus, sondern es soll tiefer gehen. Die Ruhe des Geistes ist nur ein Mittel für die Befreiung.
Dabei gilt es, die lange Philosphiegeschichte zu berücksichtigen. Bei vielen Philosophen ist die Ruhe des Geistes, Gelassenheit wichtig.

Das findet man nicht nur im alten Indien, sondern auch im alten Griechenland, zum Beispiel bei den Stoikern, welche die stoische Ruhe kultivieren wollten. Nach ihrer These, der Stoa, geht es darum, aus der eigenen Würde heraus sich nicht abhängig zu machen von den Wechselfällen des Lebens und den Launen der anderen. Es ist es nicht wert, sich über Dinge aufzuregen.

Bei den Stoikern war die Ruhe des Geistes ein Selbstzweck. Die Stoiker gingen zusätzlich noch der Pflichtethik nach: „Tue das größtmögliche Gute und lasse deinen Geist nicht von äußeren Wechselfällen beeinflusst werden.“ Somit sind die Ruhe des Geistes, Gelassenheit und das Pflichtbewusstsein die zwei Grundlagen der Stoa – einer bestimmten Philosophie.

Bei den Epikureern, die Anhänger der Lehre Epikurs, ging es auf der einen Seite um das Genießen, aber der Genuss sollte mit einer Ruhe des Geistes verbunden sein.
Auch Aristoteles propagierte die Ruhe des Geistes. Und den Kynikern ging es ebenfalls um Ruhe. Selbst Diogenes wertschätzte eine gewisse Ruhe und Unabhängigkeit von äußeren Umständen, zum Beispiel was andere sagen.

Das sind alles Beispiele, bei denen es um Gelassenheit und Ruhe geht und welche nicht notwendigerweise mit Spiritualität verbunden werden.
Shankaracharya kannte Philosophen, denen es ebenfalls um die Ruhe des Geistes ging, und betonte in diesem Zusammenhang: „Die Ruhe des Geistes ist kein Selbstzweck.“ Denn es geht um mehr und nicht nur darum, ruhig zu sein. Wir wollen die Gottverwirklichung erreichen. „Entwickle auch Verhaftungslosigkeit und den Wunsch nach Befreiung. Wenn du dies nicht hast, ist die Ruhe des Geistes nur ein Trugbild des Wassers in der Wüste.“ Trugbild bedeutet in diesem Sinne „Selbsttäuschung“ – Wenn du zwar eine Weile die Ruhe des Geistes entwickelst, aber etwas, mit dem du dich identifiziert, schief oder kaputt geht, du bedroht wirst, wird der Geist plötzlich in der Unruhe ausbrechen.

Wenn deine Ruhe des Geistes nur durch ein gewisses Training hervorgeht, ist dein Geist vielleicht irgendwann gewissermaßen ruhig, aber sobald du in der Essenz deines Wesens erschüttert wirst, verschwindet die Ruhe des Geistes wieder.

Das bedeutet die Ruhe des Geistes ist wie ein Trugbild und kann jederzeit weggenommen werden.

Das ist der eine Aspekt.

Als Zweites bringt es keine Früchte. Die Ruhe des Geistes ist kein Selbstzweck. Angenommen jemand lernt mit einer gewissen Situation auszukommen und verspürt dadurch eine Zufriedenheit. Aber das ist nicht der Sinn. Die Ruhe des Geistes muss für etwas sein. Natürlich könntest du sagen, dass du dich für eine bessere Gesellschaft einsetzten möchtest. Dafür musst du dich von deinen Emotionen lösen und mit Menschen zusammenarbeiten, mit denen du nicht gut auskommst. Du musst lernen, dich für die gute Sache einzusetzen, auch wenn vieles schief geht. Aber auch das reicht nicht aus. Shankara sagt: „Es gilt, „Atman Jnana“, das Wissen des Selbst, zu bekommen. Dafür gilt es, die Ruhe des Geistes, Vairagya und Mumukśhutva zu kultivieren.“ Diese drei braucht es und dann kannst du nach dem Höchsten streben.

Shankara spricht nachher in den Versen der Viveka Chudamani noch ausführlicher über Viveka. Es gibt zwar die vier Eigenschaften Viveka, Vairagya, Samādiśhaṭkam und mumukśhutva, aber vor allem die Eigenschaft Viveka wird Shankaracharya noch genauer betrachten. Daher liegt zunächst der Fokus auf den drei Eigenschaften Vairagya, Samādiśhaṭkam und mumukśhutva. Die drei bedingen einander und gehören zusammen. Wenn diese drei erfüllt sind, dann bist du bereit, Viveka weiter zu kultivieren.

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