Viveka Chudamani – Vers 218

Deutsche Übersetzung:

218. So wie ein Tor, der die Reflexion der Sonne sieht, die sich im Wasser eines Eimers spiegelt, und es für die Sonne hält, hält der verblendete Unwissende die Wiederspiegelung seines Bewusstseins – die in seinem Intellekt als „Ich“ erscheint – für das wahre Selbst.

Sanskrit Text:

ghaṭodake bimbitam arka-bimbam
ālokya mūḍho ravim eva manyate |
tathā cid-ābhāsam upādhi-saṃsthaṃ bhrāntyāham ity eva jaḍo’bhimanyate || 218 ||

घटोदके बिम्बितमर्कबिम्ब-
मालोक्य मूढो रविमेव मन्यते |
तथा चिदाभासमुपाधिसंस्थं
भ्रान्त्याहमित्येव जडो ऽभिमन्यते || २१८ ||

ghatodake bimbitam arka-bimbam
alokya mudho ravim eva manyate |
tatha chid-abhasam upadhi-samstham
bhrantyaham ity eva jado’bhimanyate || 218 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ghaṭodake : im Wasser (Udaka) eines Topfes (Ghata)
  • bimbitam : (die) sich widerspiegelnde (Bimbita)
  • arka-bimbam : Sonnenscheibe (ArkaBimba)
  • ālokya : der gesehen hat (gesehen habend, ā + lok)
  • mūḍhaḥ : ein Tor, Dummkopf (Mudha)
  • ravim : (für) die Sonne (Ravi)
  • eva : tatsächlich (wahrlich, Eva)
  • manyate : hält (man)
  • tathā : ebenso (Tatha)
  • cid-ābhāsam : (mit) der Reflexion (Abhasa) des (absoluten) Bewusstseins (Chid)
  • upādhi-saṃstham : das sich (im Intellekt), der Begrenzung (Upadhi) befindet (Samstha)
  • bhrāntyā : durch Verwirrung, Täuschung (Bhranti)
  • aham : (das bin) ich (Aham)
  • iti : mit der Vorstellung („so“, Iti)
  • eva : genau (Eva)
  • jaḍaḥ : ein Tor, Dummkopf (Jada)
  • abhimanyate : identifiziert sich  („glaubt“, abhi + man)     || 218 ||

Kommentar

Das ist eine wunderschöne Analogie die Shankara hier gibt. Du bist das unsterbliche Selbst. Du bist nicht das Ich.
Es gibt die Sonne und diese Sonne spiegelt sich in einem Eimer Wasser wieder. Angenommen du hättest zehn Eimer Wasser, dann könntest du sagen, dass es zehn widergespiegelte Sonnen gibt. Wenn du diese zehn widergespiegelten Sonnen siehst, dann könntest du annehmen, dass es da jetzt zehn Sonnen gibt. Aber jede Spiegelung ist nur eine Spiegelung der Sonne. Die einzelne widergespiegelte Sonne ist nicht die Sonne. Aber sie hat bestimmte Eigenschaften der Sonne. Eine Eigenschaft der Sonne ist zum Beispiel zu strahlen. Und so ist die Widerspiegelung der Sonne in einem Wassereimer auch strahlendes Licht.
So ähnlich auch ist das unsterbliche Selbst. Du bist der Atman. Du bist letztlich eins mit der Weltenseele und nicht nur du. Alle verschiedenen Individualseelen existieren nicht wirklich als individuelle Seelen. Sie alle existieren nur als eine unendliche Seele und diese unendliche Seele spiegelt sich in den Upadhis, den begrenzenden Attributen. Und mit diesen begrenzenden Attributen identifizieren sich dann die Menschen. Man könnte sagen, so wie sich eine Sonne widergespiegelt in einem Eimer mit Wasser, würde sich das Wasser dann identifizieren mit der widergespiegelten Sonne im Eimer. Und so ähnlich reflektiert das unsterbliche Selbst in diesem Körper-Psyche-Geflecht dieses kosmische Selbst und scheint zum individuellen Selbst zu werden. Aber dieses individuelle Selbst hat immer noch tief im Inneren das Bewusstsein: ich bin unendlich und ewig. Und deshalb wird das individuelle Selbst niemals damit zufrieden sein, begrenzt zu sein, denn das Selbst weiß ganz tief im Inneren, dass es unendlich und ewig ist. Warum sollte ich zufrieden sein, mich mit etwas Kleinem zu begnügen? Ich bin das Unendliche und das Ewige.
Und dieses unendliche Selbst weiß auch noch als Individuum, dass es reines, unendliches, kosmisches Bewusstsein ist. Ich weiß alles. Ich bin die Grundlage hinter dem ganzen Universum. Und weil das kosmische Selbst das weiß, ist das gespiegelte Selbst im Individuum nie zufrieden mit dem, was es weiß. Es gehört zum Menschsein dazu, nie zufrieden zu sein. Warum? Es ist in dir die Bewusstheit, dass du unendliches Bewusstsein bist. Das kosmische Bewusstsein weiß auch, dass es auch unendliches Glück ist, unendliche Freude ist. Und weil du als unendliches Selbst weißt, dass du unendliche Freude, unendliches Glück bist, wirst du nie mit begrenzter Freude zufrieden sein. Begrenzte Freude reicht nie aus. Egal, was du bekommst, egal wie du vorübergehend glücklich bist, du wirst nicht dauerhaft glücklich sein, weil du weißt, dass es mehr geben muss.
Denke darüber nach und sei dir bewusst, dass die spirituelle Suche das Wichtigste ist. Die spirituelle Suche ist in dir enthalten. Es ist das natürlichste von der Welt. Ohne Spiritualität wirst du nicht zufrieden sein. Mit Spiritualität kannst du das Höchste erfahren und der Sehnsucht deiner Seele gerecht werden.

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