Viveka Chudamani – Vollständiger Text

Adi ShankaracharyaViveka Chudamani ist eines der wichtigsten Grundlagenwerke des Vedanta und Jnana Yoga. Es wurde zu Beginn des 9. Jahrhunderts von Shankaracharya geschrieben.

Viveka Chudamani gilt als die wichtigste Einführung in Vedanta, die Philosophie des Absoluten. Sie gilt als Spätwerk von Shankaracharya, des großen Yoga Meisters im 8./9. Jahrhundert. Die Betonung in diesem Werk ist stärker als in den Frühwerken von Sankara die spirituelle Praxis.

Hier findest du alle Verse des Viveka Chudamani aufnehmen, einschließlich Verse auf Devanagari, Umschrift, deutsche Übersetzung, bald auchKommentare. Auch Audio Dateien zum Anhören und Videos werden ein tiefes Erlebnis ermöglichen.

 

1. Meine Verehrung gilt / ich verneige mich vor …

Deutsche Übersetzung:

1. Meine Verehrung gilt / ich verneige mich vor Sri Govinda, dem großen spirituellen Meister, der die höchste Glückseligkeit erreicht hat / dessen Wesen die höchste Glückseligkeit ist, die jenseits der Sinneserfahrungen ist und dessen Wonne nur durch die volle Verinnerlichung der Essenz der Veden / des Vedanta erfahren werden kann.

Sanskrit Text:

sarva-vedānta-siddhānta-gocaraṃ tam agocaram |
govindaṃ paramānandaṃ sad-guruṃ praṇato ’smy aham || 1 ||

सर्ववेदान्तसिद्धान्तगोचरं तमगोचरम्  |
गोविन्दं परमानन्दं सद्-गुरुं प्रणतो ऽस्म्यहम् || १ ||

sarva-vedanta-siddhanta-gocharam tam agocharam |
govindam paramanandam sad-gurum pranato ’smy aham || 1 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

2. Für alle Lebewesen ist eine menschliche Geburt in …

Deutsche Übersetzung:

2. Für alle Lebewesen ist eine menschliche Geburt in der Tat selten, noch schwieriger ist es, im Zustand des Menschseins zu verweilen und noch seltener gelingt es, ein weises nach hohen Idealen strebendes ethisches Leben zu führen. Selbst dann, wenn Einer diese seltene Möglichkeit bekommt, ist es schwierig, im Geist befestigt auf dem spirituellen Pfad der Veden/Vedanta zu bleiben. Noch schwieriger ist es, ein korrektes Verständnis zu der tiefen Bedeutung der Schriften zu erlangen, wie z.B. die Unterscheidung zwischen dem Selbst und Nichtselbst, und so durch die Selbsterfahrung der Gottesverwirklichung – ruhend auf der Identität mit Brahman -, zur Befreiung zu kommen. Die Befreiung kann jedoch ohne die guten Taten vieler Millionen Leben / Wiedergeburten nicht erreicht werden.

3. Dies sind die 3 Dinge, die in der …

Deutsche Übersetzung:

3. Dies sind die 3 Dinge, die in der Tat selten sind und nur durch Gottes Gnade zu erreichen sind: Eine Geburt als Mensch, die Sehnsucht/ das Verlangen nach Befreiung und die Zuflucht zu einem selbstverwirklichten Meister/ zu einer großen Seele. (die Führung durch einen gottverwirklichten Meister)

Sanskrit Text:

durlabhaṃ trayam evaitad devānugraha-hetukam |
manuṣyatvaṃ mumukṣutvaṃ mahā-puruṣa-saṃśrayaḥ || 3 ||

दुर्लभं त्रयमेवैतद्देवानुग्रहहेतुकम् |
मनुष्यत्वं मुमुक्षुत्वं महापुरुषसंश्रयः || ३ ||

durlabham trayam evaitad devanugraha-hetukam |
manushyatvam mumukshutvam maha-purusha-samshrayah || 3 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • durlabha : selten („schwer zu erreichen“, Durlabha) sind

4. Derjenige, dem das schwer zu erlangende Dasein als …

Deutsche Übersetzung:

4. Derjenige, dem das schwer zu erlangende Dasein als menschliches Wesen mit menschlichem Bewusstsein und vollständigem Wissen der Schriften zuteilgeworden ist, und trotzdem nicht nach Selbstverwirklichung strebt, sondern an dem Vergänglichen / Unwirklichen festhält, handelt dumm und tötet seine Seele / richtet sich zugrunde.

Sanskrit Text:

labdhvā kathañ-cin nara-janma durlabhaṃ
tatrāpi puṃstvaṃ śruti-pāra-darśanam |
yas tv ātma-muktau na yateta mūḍha-dhīḥ
sa hy ātma-hā svaṃ vinihanty asad-grahāt || 4 ||

लब्ध्वा कथञ्चिन्नरजन्म दुर्लभं
तत्रापि पुंस्त्वं श्रुतिपारदर्शनम् |
यस्त्वात्ममुक्तौ न यतेत मूढधीः
स ह्यात्महा स्वं विनिहन्त्यसद्ग्रहात् || ४ ||

5. Gibt es einen größeren Dummkopf, als denjenigen, der …

Deutsche Übersetzung:

5. Gibt es einen größeren Dummkopf, als denjenigen, der nachdem er dieses schwer zu erreichende Ziel – als Mensch geboren werden zu können mit einem menschlichen Bewusstsein – erreicht hat, versäumt, nach seinem höchsten Ziel zu streben?

Sanskrit Text:

itaḥ ko nv asti mūḍhātmā yas tu svārthe pramādyati |
durlabhaṃ mānuṣaṃ dehaṃ prāpya tatrāpi pauruṣam || 5 ||

इतः को न्वस्ति मूढात्मा यस्तु स्वार्थे प्रमाद्यति |
दुर्लभं मानुषं देहं प्राप्य तत्रापि पौरुषम् || ५ ||

itah ko nv asti mudhatma yas tu svarthe pramadyati |
durlabham manusham deham prapya tatrapi paurusham || 5 ||

6. Auch wenn die heiligen Schriften rezitiert, die Götter …

Deutsche Übersetzung:

6. Auch wenn die heiligen Schriften rezitiert, die Götter angerufen und durch Rituale verehrt werden, gibt es – ohne die Erfahrung der Selbstverwirklichung – keine Befreiung für das Individuum, auch nicht innerhalb von 100 Lebensaltern Brahmas*.

Sanskrit Text:

vadantu śāstrāṇi yajantu devān
kurvantu karmāṇi bhajantu devatāḥ |
ātmaikya-bodhena vināpi muktiḥ |
na sidhyati brahma-śatāntare’pi || 6 ||

वदन्तु शास्त्राणि यजन्तु देवान्
कुर्वन्तु कर्माणि भजन्तु देवताः |
आत्मैक्यबोधेन विनापि मुक्तिः
न सिध्यति ब्रह्मशतान्तरे ऽपि || ६ ||

vadantu shastrani yajantu devan
kurvantu karmani bhajantu devatah |
atmaikya-bodhena vinapi muktih
na sidhyati brahma-shatantare’pi || 6 ||

7. Die Schriften sagen: „Unsterblichkeit kann nicht durch Reichtum …

Deutsche Übersetzung:

7. Die Schriften sagen: „Unsterblichkeit kann nicht durch Reichtum erreicht werden.“ Befreiung ist nicht das Ergebnis guter Werke.

Sanskrit Text:

amṛtatvasya nāśāsti vittenety eva hi śrutiḥ |
bravīti karmaṇo mukter ahetutvaṃ sphuṭaṃ yataḥ || 7 ||

अमृतत्वस्य नाशास्ति वित्तेनेत्येव हि श्रुतिः |
ब्रवीति कर्मणो मुक्तेरहेतुत्वं स्फुटं यतः || ७ ||

amritatvasya nashasti vittenety eva hi shrutih |
braviti karmano mukter ahetutvam sphutam yatah || 7 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • amṛtatvasya : für die Unsterblichkeit (Amritatva)
  • na : nicht (Na)
  • āśā : Hoffnung (Asha)
  • asti : es gibt („ist“, Asti)

8. Deshalb strebt der Weise nach Befreiung, indem er …

Deutsche Übersetzung:

8. Deshalb strebt der Weise nach Befreiung, indem er dem Wunsch nach Vergnügen und Befriedigung der Sinnesobjekte entsagt und den Lehren der großen Vedanta Lehrer folgt.

Sanskrit Text:

ato vimuktyai prayateta vidvān
saṃnyasta-bāhyārtha-sukha-spṛhaḥ san |
santaṃ mahāntaṃ samupetya deśikaṃ
tenopadiṣṭārtha-samāhitātmā || 8 ||

अतो विमुक्त्यै प्रयतेत विद्वान्
संन्यस्तबाह्यार्थसुखस्पृहः सन् |
सन्तं महान्तं समुपेत्य देशिकं
तेनोपदिष्टार्थसमाहितात्मा || ८ ||

ato vimuktyai prayateta vidvan
sannyasta-bahyartha-sukha-sprihah san |
santam mahantam samupetya deshikam
tenopadishtartha-samahitatma || 8 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ataḥ : deshalb, daher (Atas)
  • vimuktyai : um Befreiung, Erlösung (Vimukti)
  • prayateta : bemühe sich (pra + yat)

9. Fest gegründet im Yoga, verwurzelt in der richtigen …

Deutsche Übersetzung:

9. Fest gegründet im Yoga, verwurzelt in der richtigen Erkenntnis erhebt sich die im Ozean des Kreislaufes vom Tod und Geburt versunkene Seele, wenn sie nach dem wahren Selbst (atman) strebt.

Sanskrit Text:

uddhared ātmanātmānaṃ magnaṃ saṃsāra-vāridhau |
yogārūḍhatvam āsādya samyag-darśana-niṣṭhayā || 9 ||

उद्धरेदात्मनात्मानं मग्नं संसारवारिधौ |
योगारूढत्वमासाद्य सम्यग्दर्शननिष्ठया || ९ ||

uddhared atmanatmanam magnam samsara-varidhau |
yogarudhatvam asadya samyag-darshana-nishthaya || 9 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • uddharet : man muss herausziehen (ud + hṛ)
  • ātmanā : durch sich selbst, mit dem Geist (Atman)
  • ātmānam : sich selbst (Atman)

10. Die Weisen, die fest entschlossen und standhaft sind, …

Deutsche Übersetzung:

10. Die Weisen, die fest entschlossen und standhaft sind, geben alle Handlungen auf, um sich von den Fesseln der physischen Existenz zu befreien und streben nach Selbsterkenntnis.

Sanskrit Text:

saṃnyasya sarva-karmāṇi bhava-bandha-vimuktaye |
yatyatāṃ paṇḍitair dhīrair ātmābhyāsa upasthitaiḥ || 10 ||

संन्यस्य सर्वकर्माणि भवबन्धविमुक्तये |
यत्यतां पण्डितैर्धीरैरात्माभ्यास उपस्थितैः || १० ||

sannyasya sarva-karmani bhava-bandha-vimuktaye |
yatyatam panditair dhirair atmabhyasa upasthitaih || 10 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • saṃnyasya : nachdem sie aufgegeben haben („aufgegeben habend“, sam + ni + as)
  • sarva-karmāṇi : alle (Sarva) Werke (Karman)

11. Handlungen helfen, um den Geist zu reinigen, führen …

Deutsche Übersetzung:

11. Handlungen helfen, um den Geist zu reinigen, führen aber nicht zur Erkenntnis der Wirklichkeit. Die Wahrheit erschließt sich durch die kritische Selbstbefragung (vicara) und nicht im Geringsten durch Millionen von Handlungen.

Sanskrit Text:

cittasya śuddhaye karma na tu vastūpalabdhaye |
vastu-siddhir vicāreṇa na kiñ-cit karma-koṭibhiḥ || 11 ||

चित्तस्य शुद्धये कर्म न तु वस्तूपलब्धये |
वस्तुसिद्धिर्विचारेण न किञ्चित्कर्मकोटिभिः || ११ ||

chittasya shuddhaye karma na tu vastupalabdhaye |
vastu-siddhir vicharena na kin-chit karma-kotibhih || 11 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • cittasya : des Geistes (Chitta)
  • śuddhaye : (ist) für die Reinigung (Shuddhi)

12. Richtiges Befragen /ausgewogenes Denken, sorgfältiges Überprüfen (vicara) über …

Deutsche Übersetzung:

12. Richtiges Befragen /ausgewogenes Denken, sorgfältiges Überprüfen (vicara) über ein Seil hilft die Illusion zu zerstören, es sei eine furchterregende Schlange.

Sanskrit Text:

samyag-vicārataḥ siddhā rajju-tattvāvadhāraṇā |
bhrāntodita-mahā-sarpa-bhaya-duḥkha-vināśinī || 12 ||

सम्यग्विचारतः सिद्धा रज्जुतत्त्वावधारणा |
भ्रान्तोदितमहासर्पभयदुःखविनाशिनी || १२ ||

samyag-vicharatah siddha rajju-tattvavadharana |
bhrantodita-maha-sarpa-bhaya-duhkha-vinashini || 12 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • samyag-vicārataḥ : durch das richtige (Samyak) Verfahren (der Unterscheidung, Vichara)
  • siddhā : wird erlangt (Siddha)
  • rajju-tattvāvadhāraṇā : die Erkenntnis („Gewissheit“, Avadharana) der wahren Natur („Wirklichkeit“, Tattva) des Seiles (Rajju)

13. Weder heilige Bäder noch irgendwelche wohltätige Geschenke, noch …

Deutsche Übersetzung:

13. Weder heilige Bäder noch irgendwelche wohltätige Geschenke, noch Hunderte von Pranayama Übungen können uns Wissen über das Selbst geben. Das wahre Wissen wird durch das richtige Befragen (vicarena) erlangt.

Sanskrit Text:

arthasya niścayo dṛṣṭo vicāreṇa hitoktitaḥ |
na snānena na dānena prāṇāyama-śatena vā || 13 ||

अर्थस्य निश्चयो दृष्टो विचारेण हितोक्तितः |
न स्नानेन न दानेन प्राणायमशतेन वा || १३ ||

arthasya nishchayo drishto vicharena hitoktitah |
na snanena na danena pranayama-shatena va || 13 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • arthasya : einer (zu entscheidenden) Sache (Artha)
  • niścayaḥ : Gewissheit in, genaue Kenntnis (Nishchaya)

14. Der Erfolg des spirituellen Suchers (adhikari) hängt von …

Deutsche Übersetzung:

14. Der Erfolg des spirituellen Suchers (adhikari) hängt von seiner Reife und nicht von Ort und Zeit ab, sie sind lediglich Hilfsmittel auf dem Weg.

Sanskrit Text:

adhikāriṇam āśāste phala-siddhir viśeṣataḥ |
upāyā deśa-kālādyāḥ santy asmin saha-kāriṇaḥ || 14 ||

अधिकारिणमाशास्ते फलसिद्धिर्विशेषतः |
उपाया देशकालाद्याः सन्त्यस्मिन्सहकारिणः || १४ ||

adhikarinam ashaste phala-siddhir visheshatah |
upaya desha-kaladyah santy asmin saha-karinah || 14 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • adhikāriṇam : vom qualifizierten Schüler (Adhikarin)
  • āśāste : hängt ab („ist angewiesen auf“, ā + śās)
  • phala-siddhiḥ : der Erfolg (Phalasiddhi)
  • viśeṣataḥ : insbesondere (Visheshatas)

15. Der nach der Wahrheit von Atman strebende Aspirant …

Deutsche Übersetzung:

15. Der nach der Wahrheit von Atman strebende Aspirant soll weiter über das Selbst nachdenken, sich im Selbst vertiefen, nachdem er einen spirituellen Meister aufgesucht hat, der Brahman verwirklicht hat und dessen Herz ein Ozean der Barmherzigkeit / Gnade/ Liebe ist.

Sanskrit Text:

ato vicāraḥ kartavyo jijñāsor ātma-vastunaḥ |
samāsādya dayā-sindhuṃ guruṃ brahma-vid-uttamam || 15 ||

अतो विचारः कर्तव्यो जिज्ञासोर् आत्मवस्तुनः |
समासाद्य दयासिन्धुं गुरुं ब्रह्मविदुत्तमम् || १५ ||

ato vicharah kartavyo jijnasor atma-vastunah |
samasadya daya-sindhum gurum brahma-vid-uttamam || 15 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ataḥ : daher, deshalb (Atas)

16. Wer Kenntnis, Weisheit, Vernunft und Unterscheidungskraft besitzt, ist …

Deutsche Übersetzung:

16. Wer Kenntnis, Weisheit, Vernunft und Unterscheidungskraft besitzt, ist reif /geeignet/bereit, das Wissen des Selbst (Atma-vidya) zu empfangen.

Sanskrit Text:

medhāvī puruṣo vidvān ūhāpoha-vicakṣaṇaḥ |
adhikāry ātma-vidyāyām ukta-lakṣaṇa-lakṣitaḥ || 16 ||

मेधावी पुरुषो विद्वानूहापोहविचक्षणः |
अधिकार्यात्मविद्यायामुक्तलक्षणलक्षितः || १६ ||

medhavi purusho vidvan uhapoha-vichakshanah |
adhikary atma-vidyayam ukta-lakshana-lakshitah || 16 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • medhāvī : ein intelligenter, weiser (Medhavin)
  • puruṣaḥ : Mann (Purusha)
  • vidvān : kenntnisreich, gelehrt (Vidvams)
  • ūhāpoha-vicakṣaṇaḥ : geschickt (Vichakshana) in der Auslegung („Prüfung“ des vedantischen Standpunktes, Uha) und der Widerlegung (des gegnerischen Standpunktes, Apoha)

17. Nur derjenige ist geeignet für die Suche nach …

Deutsche Übersetzung:

17. Nur derjenige ist geeignet für die Suche nach der höchsten Wahrheit, der zwischen den Wirklichen und Unwirklichen unterscheiden kann (vivekin), wer leidenschaftslos /anhaftungslos ist (virakta), wer die 6 Tugenden (shamadi-shatkam), wie Stille/ Ruhe des Geistes, Selbstbeherrschung etc. hat, und wer das brennende Verlangen/ tiefe Sehnsucht nach Befreiung (mumukshutvam) verspürt.

Sanskrit Text:

vivekino viraktasya śamādi-guṇa-śālinaḥ |
mumukṣor eva hi brahma-jijñāsā-yogyatā matā || 17 ||

विवेकिनो विरक्तस्य शमादिगुणशालिनः |
मुमुक्षोरेव हि ब्रह्मजिज्ञासायोग्यता मता || १७ ||

vivekino viraktasya shamadi-guna-shalinah |
mumukshor eva hi brahma-jijnasa-yogyata mata || 17 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vivekinaḥ : einem, der Unterscheidungsfähigkeit besitzt (Vivekin)

18. Die Weisen sagen: Um zur Selbstverwirklichung/ Gotteserfahrung zu …

Deutsche Übersetzung:

18. Die Weisen sagen: Um zur Selbstverwirklichung/ Gotteserfahrung zu erlangen, sind vier Voraussetzungen/ Anforderungen nötig –wenn sie fehlen, wird das Ziel nicht erreicht.

Sanskrit Text:

sādhanāny atra catvāri kathitāni manīṣibhiḥ |
yeṣu satsv eva san-niṣṭhā yad-abhāve na sidhyati || 18 ||

साधनान्यत्र चत्वारि कथितानि मनीषिभिः |
येषु सत्स्वेव सन्निष्ठा यदभावे न सिध्यति || १८ ||

sadhanany atra chatvari kathitani manishibhih |
yeshu satsv eva san-nishtha yad-abhave na sidhyati || 18 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sādhanāni : Mittel (zum Erreichen des Ziels, Sadhana)
  • atra : in diesem Zusammenhang („hierbei“, Atra)
  • catvāri : vier (Chatur))

19. Unter den Voraussetzungen ist die erste die Unterscheidung …

Deutsche Übersetzung:

19. Unter den Voraussetzungen ist die erste die Unterscheidung zwischen Vergänglichem und Unvergänglichem (viveka). Dann kommt die Gleichgültigkeit/Verhaftungslosigkeit (viraga) darüber, ob man in diesem Leben oder im Jenseits die Früchte für Mühen und getane Arbeit genießt. Dann folgen die 6 Tugenden (shamadi-shatkam), wie Stille der Gedanken und Gefühle/ Ruhe des Geistes und schließlich das brennende Verlangen/ die tiefe Sehnsucht nach Befreiung (mumukshutvam).

Sanskrit Text:

ādau nityānitya-vastu-vivekaḥ parigaṇyate |
ihāmutra-phala-bhoga-virāgas tad-anantaram |
śamādi-ṣaṭka-sampattir mumukṣutvam iti sphuṭam || 19 ||

आदौ नित्यानित्यवस्तुविवेकः परिगण्यते |
इहामुत्रफलभोगविरागस्तदनन्तरम् |
शमादिषट्कसम्पत्तिर्मुमुक्षुत्वमिति स्फुटम् || १९ ||

20. „Brahma satyam, jagan mithya“ Brahman alleine ist wirklich, …

Deutsche Übersetzung:

20. „Brahma satyam, jagan mithya“ Brahman alleine ist wirklich, die Welt, wie wir sie erfahren, ist unwirklich. – diese feste Überzeugung entsteht durch die Unterscheidung (viveka) zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen (nitya – anitya).

Sanskrit Text:

brahma satyaṃ jagan mithyety evaṃ-rūpo viniścayaḥ |
so’yaṃ nityānitya-vastu-vivekaḥ samudāhṛtaḥ || 20 ||

ब्रह्म सत्यं जगन्मिथ्येत्येवंरूपो विनिश्चयः |
सो ऽयं नित्यानित्यवस्तुविवेकः समुदाहृतः || २० ||

brahma satyam jagan mithyety evam-rupo vinishchayah |
so’yam nityanitya-vastu-vivekah samudahritah || 20 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • brahma : das Absolute (Brahman)
  • satyam : (ist) wirklich (Satya)
  • jagat : die Welt (Jagat)

21. Vairagya ist Leidenschaftslosigkeit, Wunschlosigkeit und Verhaftungslosigkeit. Es ist …

Deutsche Übersetzung:

21. Vairagya ist Leidenschaftslosigkeit, Wunschlosigkeit und Verhaftungslosigkeit. Es ist das Aufgeben des Verlangens gegenüber Sinnesobjekten, die durch Sehen und Hören entstanden sind. Sich von der Genusswelt(bhoga) des Unbeständigen/ Vergänglichen (anitya) zu lösen und zum Brahman zu streben.

Sanskrit Text:

tad vairāgyaṃ jihāsā yā darśana-śravaṇādibhiḥ |
dehādi-brahma-paryante hy anitye bhoga-vastuni || 21 ||

तद्वैराग्यं जिहासा या दर्शनश्रवणादिभिः |
देहादिब्रह्मपर्यन्ते ह्यनित्ये भोगवस्तुनि || २१ ||

tad vairagyam jihasa ya darshana-shravanadibhih |
dehadi-brahma-paryante hy anitye bhoga-vastuni || 21 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tad : das (Tad)
  • vairāgyam : (ist) Gleichgültigkeit („Leidenschaftslosigkeit“, Vairagya)
  • jihāsā : das Verlangen (ist), aufzugeben (Jihasa)

22. Der ruhige, friedvolle Zustand des Geistes, – nachdem …

Deutsche Übersetzung:

22. Der ruhige, friedvolle Zustand des Geistes, – nachdem er sich von den zahllosen Gegenständen der Sinneswahrnehmung losgelöst und durch einen Prozess fortlaufender Beobachtung ihre Unvollkommenheit erkannt hat und dabei seine Achtsamkeit unablässig auf das Ziel richtet – wird innere Stille / Ruhe des Geistes (shama) genannt.

Sanskrit Text:

virajya viṣaya-vrātād doṣa-dṛṣṭyā muhur muhuḥ |
sva-lakṣye niyatāvasthā manasaḥ śama ucyate || 22 ||

विरज्य विषयव्राताद्दोषदृष्ट्या मुहुर्मुहुः |
स्वलक्ष्ये नियतावस्था मनसः शम उच्यते || २२ ||

virajya vishaya-vratad dosha-drishtya muhur muhuh |
sva-laksye niyatavastha manasah shama uchyate || 22 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

23. Beide Arten von Sinnesorganen (des Wissens und der …

Deutsche Übersetzung:

23. Beide Arten von Sinnesorganen (des Wissens und der Handlung) von ihren Sinnesobjekten wegzusteuern, und sie in ihrem entsprechenden Aktivitätszentrum zu platzieren, wird dama (Selbstkontrolle, Sinnesbeherrschung) genannt. Vollkommene Gemütsruhe (uparati) bedeutet, dass die Gedankenwellen (vrittis) sich zurückziehen und das Denkorgan (manas) auf äußere Sinneseindrücke nicht reagiert/ von den Sinnesreizen der Umwelt unberührt bleibt.

Sanskrit Text:

viṣayebhyaḥ parāvartya sthāpanaṃ sva-sva-golake |
ubhayeṣām indriyāṇāṃ sa damaḥ parikīrtitaḥ |
bāhyānālambanaṃ vṛtter eṣoparatir uttamā || 23 ||

विषयेभ्यः परावर्त्य स्थापनं स्वस्वगोलके |
उभयेषामिन्द्रियाणां स दमः परिकीर्तितः |
बाह्यानालम्बनं वृत्तेरेषोपरतिरुत्तमा || २३ ||

24. Titiksa / Gleichmut / Geduld/ innere Stärke ist …

Deutsche Übersetzung:

24. Titiksha / Gleichmut / Geduld/ innere Stärke ist die Fähigkeit, alle Sorgen und alles Leid zu ertragen / auszuhalten, ohne den Gedanken an Rache, ohne Angst und Kummer, ohne Klagen.

Sanskrit Text:

sahanaṃ sarva-duḥkhānām apratīkāra-pūrvakam |
cintā-vilāpa-rahitaṃ sā titikṣā nigadyate || 24 ||

सहनं सर्वदुःखानामप्रतीकारपूर्वकम् |
चिन्ताविलापरहितं सा तितिक्षा निगद्यते || २४ ||

sahanam sarva-duhkhanam apratikara-purvakam |
chinta-vilapa-rahitam sa titiksha nigadyate || 24 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sahanam : das Ertragen (Sahana)
  • sarva-duḥkhānām : jeglichen (Sarva) Leids (Duhkha)
  • apratīkāra-pūrvakam : verbunden mit (Purvaka) einer sich nicht widersetzenden Geisteshaltung (Apratikara)

25. Das wodurch jemand die genaue/exakte Bedeutung/Wichtigkeit der Schriften …

Deutsche Übersetzung:

25. Das wodurch jemand die genaue/exakte Bedeutung/Wichtigkeit der Schriften (shastra) versteht genauso wie den bedeutungsvollen Worten/Ratschlägen des Lehrers folgt (guruvakya), wird von den Weisen shraddha genannt. Nur dadurch manifestiert sich die Realität/Wirklichkeit klar.

Sanskrit Text:

śāstrasya guru-vākyasya satya-buddhy-avadhāraṇam |
sā śraddhā kathitā sadbhir yayā vastūpalabhyate || 25 ||

शास्त्रस्य गुरुवाक्यस्य सत्यबुद्ध्यवधारणम् |
सा श्रद्धा कथिता सद्भिर्यया वस्तूपलभ्यते || २५ ||

shastrasya guru-vakyasya satya-buddhy-avadharanam |
sa shraddha kathita sadbhir yaya vastupalabhyate || 25 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śāstrasya : der Schriften, Lehrtexte (Shastra)
  • guru-vākyasya : (und) der Worte (Vakya) der Lehrer (Guru)

26. Meditative Versenkung (samadhanam) ist die ununterbrochene Konzentration des …

Deutsche Übersetzung:

26. Meditative Versenkung (samadhanam) ist die ununterbrochene Konzentration des Geistes (buddhi) auf die ewig reine Absolute Wirklichkeit (brahman). Er wird nicht erreicht durch den freien Lauf der Gedanken.

Sanskrit Text:

sarvadā sthāpanaṃ buddheḥ śuddhe brahmaṇi sarvadā |
tat samādhānam ity uktaṃ na tu cittasya lālanam || 26 ||

सर्वदा स्थापनं बुद्धेः शुद्धे ब्रह्मणि सर्वदा |
तत्समाधानमित्युक्तं न तु चित्तस्य लालनम् || २६ ||

sarvada sthapanam buddheh shuddhe brahmani sarvada |
tat samadhanam ity uktam na tu chittasya lalanam || 26 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sarvadā : jederzeit, immerfort (Sarvada)
  • sthāpanam : das Ausrichten („Platzieren, Unbeweglichmachen“, Sthapana)

27. Mumukhuta ist das brennende Verlangen/ Wunsch (ichchha) nach …

Deutsche Übersetzung:

27. Mumukshuta ist das brennende Verlangen/ Wunsch (ichchha) nach Befreiung, indem man sein wahres Selbst/ die eigene Wesensnatur (svarupa) erkennt und sich von den Fesseln des Ego (ahankara) und von der Illusion der Unwissenheit (ajnana) befreit.

Sanskrit Text:

ahaṅkārādi-dehāntān bandhān ajñāna-kalpitān |
sva-sva-rūpāvabodhena moktum icchā mumukṣutā || 27 ||

अहङ्कारादिदेहान्तान्बन्धानज्ञानकल्पितान् |
स्वस्वरूपावबोधेन मोक्तुमिच्छा मुमुक्षुता || २७ ||

ahankaradi-dehantan bandhan ajnana-kalpitan |
sva-sva-rupavabodhena moktum ichchha mumukshuta || 27 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ahaṅkārādi-dehāntān : beginnend (Adi) mit dem Ego (Ahankara) und endend (Anta) mit dem Körper (Deha)
  • bandhān : die Fesseln (Bandha)

28. Auch wenn der Wunsch nach Befreiung nur schwach …

Deutsche Übersetzung:

28. Auch wenn der Wunsch nach Befreiung nur schwach oder mäßig ist, wird er durch vairagya (Verhaftungslosigkeit), durch die 6 Tugenden (shamadi–shatka), wie Ruhe des Geistes/ Versenkung, Selbstbeherrschung und durch die Gnade des Meisters größer und stärker und trägt Früchte.

Sanskrit Text:

manda-madhyama-rūpāpi vairāgyeṇa śamādinā |
prasādena guroḥ seyaṃ pravṛddhā sūyate phalam || 28 ||

मन्दमध्यमरूपापि वैराग्येण शमादिना |
प्रसादेन गुरोः सेयं प्रवृद्धा सूयते फलम् || २८ ||

manda-madhyama-rupapi vairagyena shamadina |
prasadena guroh seyam pravriddha suyate phalam || 28 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • manda-madhyama-rūpā : (wenn es) von schwacher (Manda) oder mittlerer (Madhyama) Art (ist, Rupa)

29. Nur wenn die Verhaftungslosigkeit (vairagya) und der Wunsch …

Deutsche Übersetzung:

29. Nur wenn die Verhaftungslosigkeit (vairagya) und der Wunsch nach Befreiung (mumukshutva) stark sind, können sich die 6 Tugenden entfalten und Früchte tragen.

Sanskrit Text:

vairāgyaṃ ca mumukṣutvaṃ tīvraṃ yasya tu vidyate |
tasminn evārthavantaḥ syuḥ phalavantaḥ śamādayaḥ || 29 ||

वैराग्यं च मुमुक्षुत्वं तीव्रं यस्य तु विद्यते |
तस्मिन्नेवार्थवन्तः स्युः फलवन्तः शमादयः || २९ ||

vairagyam cha mumukshutvam tivram yasya tu vidyate |
tasminn evarthavantah syuh phalavantah shamadayah || 29 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vairāgyam : Gleichgültigkeit („Leidenschaftslosigkeit“, Vairagya)
  • ca : und (Cha)
  • mumukṣutvam : das Trachten nach Erlösung (Mumukshutva)

30. Wenn die Verhaftungslosigkeit (vairagya) und der Wunsch nach …

Deutsche Übersetzung:

30. Wenn die Verhaftungslosigkeit (viraktatva) und der Wunsch nach Befreiung (mumuksha) schwach sind, wirken die 6 Tugenden, wie Stille der Gedanken/ Ruhe des Geistes (shama), nur wie ein Trugbild des Wassers in der Wüste.

Sanskrit Text:

etayor mandatā yatra viraktatva-mumukṣayoḥ |
marau salila-vat tatra śamāder bhāna-mātratā || 30 ||

एतयोर्मन्दता यत्र विरक्तत्वमुमुक्षयोः |
मरौ सलिलवत्तत्र शमादेर्भानमात्रता || ३० ||

etayor mandata yatra viraktatva-mumuksayoh |
marau salila-vat tatra shamader bhana-matrata || 30 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • etayoḥ : dieser beiden (Etad)
  • mandatā : das schwache Ausgeprägtsein („Schwachsein“ besteht, Mandata)
  • yatra : bei wem (Yatra)

31. Unter den vielen Wegen, die zur Befreiung führen, …

Deutsche Übersetzung:

31. Unter den vielen Wegen, die zur Befreiung führen, ist bhakti (Hingabe) das wichtigste. Liebevolle Hingabe an Gott (bhakti) bedeutet, unablässig über das wahre Selbst/wahre Natur (svarupa) zu meditieren.

Sanskrit Text:

mokṣa-kāraṇa-sāmagryāṃ bhaktir eva garīyasī |
sva-sva-rūpānusandhānaṃ bhaktir ity abhidhīyate || 31 ||

मोक्षकारणसामग्र्यां भक्तिरेव गरीयसी |
स्वस्वरूपानुसन्धानं भक्तिरित्यभिधीयते || ३१ ||

moksha-karana-samagryam bhaktir eva gariyasi |
sva-sva-rupanusandhanam bhaktir ity abhidhiyate || 31 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • mokṣa-kāraṇa-sāmagryām : aus der Gesamtheit (Samagri) der Ursachen (Karana) für die Erlösung (Moksha)
  • bhaktiḥ : Hingabe (Bhakti)
  • eva : gewiss (Eva)

32. Andere behaupten, dass bhakti das ständige Befragen/ Fragen …

Deutsche Übersetzung:

32. Andere behaupten, dass bhakti das ständige Befragen/ Fragen nach der Wahrheit des eigenen Selbst ist. Derjenige, der die oben genannten Voraussetzungen erfüllt hat (Vers19), und begierig ist, die Wahrheit des Selbst zu kennen, sollte einen erleuchteten Meister aufsuchen, um von den Fesseln des Geburtenkreislaufes befreit zu werden.

Sanskrit Text:

svātma-tattvānusandhānaṃ bhaktir ity apare jaguḥ |
ukta-sādhana-sampannas tattva-jijñāsur ātmanaḥ |
upasīded guruṃ prājñyaṃ yasmād bandha-vimokṣaṇam || 32 ||

स्वात्मतत्त्वानुसन्धानं भक्तिरित्यपरे जगुः |
उक्तसाधनसम्पन्नस्तत्त्वजिज्ञासुरात्मनः |
उपसीदेद् गुरुं प्राज्ञ्यं यस्माद्बन्धविमोक्षणम् || ३२ ||

svatma-tattvanusandhanam bhaktir ity apare jaguh |
ukta-sadhanasampannas tattva-jijnasur atmanah |
upasided gurum prajnyam yasmad bandha-vimokshanam || 32 ||

33. Der Meister versteht die Schriften, ist frei von …

Deutsche Übersetzung:

33. Der Meister versteht die Schriften, ist frei von Sünden, nicht von Wünschen/ Begierden geplagt, ein wahrer Kenner der Absoluten Wirklichkeit (brahmavid). Er ruht in der höchsten Wahrheit, gütig und still wie eim Feuer ohne Brennholz, wie ein Meer bedingungsloser Barmherzigkeit/ Güte, ist ein Freund jener Aufrichtigen, die sich ihm anvertrauen.

Sanskrit Text:

śrotriyo’vṛjino’kāma-hato yo brahma-vittamaḥ |
brahmaṇy uparataḥ śānto nirindhana ivānalaḥ |
ahetuka-dayā-sindhur bandhur ānamatāṃ satām || 33 ||

श्रोत्रियो ऽवृजिनो ऽकामहतो यो ब्रह्मवित्तमः |
ब्रह्मण्युपरतः शान्तो निरिन्धन इवानलः |
अहेतुकदयासिन्धुर्बन्धुरानमतां सताम् || ३३ ||

34. Verehre den Lehrer mit tiefer Hingabe und wenn …

Deutsche Übersetzung:

34. Verehre den Lehrer mit tiefer Hingabe und wenn der Lehrer mit deiner Hingabe, deiner Demut und deinem Dienst (sevana) zufrieden ist, dann geh auf Ihn zu und frage ihn, was du wissen musst.

Sanskrit Text:

tam ārādhya guruṃ bhaktyā prahva-praśraya-sevanaiḥ |
prasannaṃ tam anuprāpya pṛcchej jñātavyam ātmanaḥ || 34 ||

तमाराध्य गुरुं भक्त्या प्रह्वप्रश्रयसेवनैः |
प्रसन्नं तमनुप्राप्य पृच्छेज्ज्ञातव्यमात्मनः || ३४ ||

tam aradhya gurum bhaktya prahva-prashraya-sevanaih |
prasannam tam anuprapya prichchhej jnatavyam atmanah || 34 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tam : einen solchen (Tad)
  • ārādhya : nachdem er verehrt hat („verehrt habend“, ā + rādh)

35. „Oh Meister, oh Freund aller, die sich Dir …

Deutsche Übersetzung:

35. „Oh Meister, oh Freund aller, die sich Dir ehrerbietig/ ehrfurchtsvoll hingeben, Du Ozean der Gnade und Barmherzigkeit, errette mich, den im Ozean der weltlichen Existenz versunkenen, mit einem Blick, der den Nektar der göttlichen Barmherzigkeit versprüht.“

Sanskrit Text:

svāmin namas te nata-loka-bandho
kāruṇya-sindho patitaṃ bhavābdhau  |
mām uddharātmīya-kaṭākṣa-dṛṣṭyā
ṛjvyātikāruṇya-sudhābhivṛṣṭyā || 35 ||

स्वामिन्नमस्ते नतलोकबन्धो
कारुण्यसिन्धो पतितं भवाब्धौ |
मामुद्धरात्मीयकटाक्षदृष्ट्या
ऋज्व्यातिकारुण्यसुधाभिवृष्ट्या || ३५ ||

svamin namas te nata-loka-bandho
karunya-sindho patitam bhavabdhau |
mam uddharatmiya-kataksha-drishtya
rijvyatikarunya-sudhabhivrishtya || 35 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • svāmin : oh Meister (Svamin)
  • namaḥ : Verehrung, Gruß (Namas)

36. „Beschütze mich vor dem Tod! Ich verglühe in …

Deutsche Übersetzung:

36. „Beschütze mich vor dem Tod! Ich verglühe in dem unerträglichen Flammenmeer der Wiedergeburten (samsara), ich bin von den Stürmen eines unerbittlichen Schicksals hin- und hergerissen. Angsterfüllt nehme ich Zuflucht zu Dir. Ich kenne keinen anderen Schutz“.

Sanskrit Text:

durvāra-saṃsāra-davāgni-taptaṃ
dodhūyamānaṃ duradṛṣṭa-vātaiḥ |
bhītaṃ prapannaṃ paripāhi mṛtyoḥ
śaraṇyam anyad yad ahaṃ na jāne || 36 ||

दुर्वारसंसारदवाग्नितप्तं
दोधूयमानं दुरदृष्टवातैः |
भीतं प्रपन्नं परिपाहि मृत्योः
शरण्यमन्यद्यदहं न जाने || ३६ ||

durvara-samsara-davagni-taptam
dodhuyamanam duradrishta-vataih |
bhitam prapannam paripahi mrityoh
sharanyam anyad yad aham na jane || 36 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

37. Es gibt große Seelen (mahatmanam), die den Frieden …

Deutsche Übersetzung:

37. Es gibt große Seelen (mahantah santah), die den Frieden gefunden haben, und den Menschen wie der Frühling Segen bringen. Sie haben den schrecklichen Ozean von Geburt und Tod selber überquert und helfen selbstlos auch anderen, ihn zu überqueren.

Sanskrit Text:

śāntā mahānto nivasanti santo
vasanta-val loka-hitaṃ carantaḥ |
tīrṇāḥ svayaṃ bhīma-bhavārṇavaṃ janān
ahetunānyān api tārayantaḥ || 37 ||

शान्ता महान्तो निवसन्ति सन्तो
वसन्तवल्लोकहितं चरन्तः |
तीर्णाः स्वयं भीमभवार्णवं जनान्
अहेतुनान्यानपि तारयन्तः || ३७ ||

shanta mahanto nivasanti santo
vasanta-val loka-hitam charantah |
tirnah svayam bhima-bhavarnavam janan
ahetunanyan api tarayantah || 37 ||

38. Es ist die Natur / Wesensart dieser großen …

Deutsche Übersetzung:

38. Es ist die Natur / Wesensart dieser großen Seelen zu helfen, die Mühen/ Schwierigkeiten/ Sorgen/ Probleme anderer zu beseitigen. Genauso wie der Mond, der die von den glühenden Strahlen der Sonne ausgedörrte Erde kühlt/erfrischt.

Sanskrit Text:

ayaṃ sva-bhāvaḥ svata eva yat para-
śramāpanoda-pravaṇaṃ mahātmanām |
sudhāṃśur eṣa svayam arka-karkaśa-
prabhābhitaptām avati kṣitiṃ kila || 38 ||

अयं स्वभावः स्वत एव यत्पर-
श्रमापनोदप्रवणं महात्मनाम् |
सुधांशुरेष स्वयमर्ककर्कश-
प्रभाभितप्तामवति क्षितिं किल || ३८ ||

ayam sva-bhavah svata eva yat para-
shramapanoda-pravanam mahatmanam |
sudhamshur esha svayam arka-karkasha-
prabhabhitaptam avati kshitim kila || 38 ||

39. Oh Meister! Ergieße den Nektar deiner Worte über …

Deutsche Übersetzung:

39. Oh Meister! Ergieße den Nektar deiner Worte über mich, der wie aus einem Becher/ Krug / Wassergefäß rein und kühlend auf mich als Elixier wie die Wonne der Absoluten Wirklichkeit (brahman) wirkt. Ich verbrenne unter den Qualen im Kreislauf von Geburt und Tod, wie in den Flammen eines brennenden Waldes. Gesegnet sind jene, auf denen Dein Blick nur eine Sekunde ruht, die zu Dir Zuflucht gefunden haben.

Sanskrit Text:

brahmānanda-rasānubhūti-kalitaiḥ pūtaiḥ su-śītair yutaiḥ
yuṣmad-vāk-kalaśojjhitaiḥ śruti-sukhair vākyāmṛtaiḥ secaya |
santaptaṃ bhava-tāpa-dāva-dahana-jvālābhir enaṃ prabho
dhanyās te bhavad-īkṣaṇa-kṣaṇa-gateḥ pātrī-kṛtāḥ svī-kṛtāḥ || 39 ||

40. „Wie kann ich den Strom der Geburt und …

Deutsche Übersetzung:

40. „Wie kann ich den Strom der Geburt und Tod überqueren? Was ist mein Ziel, was ist der Weg? Ich weiß nichts. Hab Erbarmen (kripa)! Behüte mich oh Meister! Lass das Elend der Wiedergeburten ein Ende nehmen!“

Sanskrit Text:

kathaṃ tareyaṃ bhava-sindhum etaṃ
kā vā gatir me katamo’sty upāyaḥ |
jāne na kiñ-cit kṛpayāva māṃ prabho
saṃsāra-duḥkha-kṣatim ātanuṣva || 40 ||

कथं तरेयं भवसिन्धुमेतं
का वा गतिर्मे कतमो ऽस्त्युपायः |
जाने न किञ्चित्कृपयाव मां प्रभो
संसारदुःखक्षतिमातनुष्व || ४० ||

katham tareyam bhava-sindhum etam
ka va gatir me katamo’sty upayah |
jane na kin-chit kripayava mam prabho
samsara-duhkha-kshatim atanushva || 40 ||

41. Mit diesen Worten sucht der Schüler, der im …

Deutsche Übersetzung:

41. Mit diesen Worten sucht der Schüler, der im Waldbrand der Wiedergeburten Qualen leidet, beim Meister Zuflucht. Die große Seele schaut ihn mit einem Blick an, der vom Gefühl von Mitgefühl erfüllt ist, und beruhigt ihn sogleich: „ Fürchte dich nicht!“

Sanskrit Text:

tathā vadantaṃ śaraṇāgataṃ svaṃ
saṃsāra-dāvānala-tāpa-taptam |
nirīkṣya kāruṇya-rasārdra-dṛṣṭyā
dadyād abhītiṃ sahasā mahātmā || 41 ||

तथा वदन्तं शरणागतं स्वं
संसारदावानलतापतप्तम् |
निरीक्ष्य कारुण्यरसार्द्रदृष्ट्या
दद्यादभीतिं सहसा महात्मा || ४१ ||

tatha vadantam sharanagatam svam
samsara-davanala-tapa-taptam |
nirikshya karunya-rasardra-drishtya
dadyad abhitim sahasa mahatma || 41 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tathā : so, auf diese Weise (Tatha)

42. Ihn, der nach Befreiung dürstet, der bei dem …

Deutsche Übersetzung:

42. Ihn, der nach Befreiung dürstet, der bei dem Lehrer Zuflucht sucht und gewissenhaft nach den Anweisungen der Schriften lebt, ihn, der Ruhe im Geist und Frieden im Herzen hat, sollte der Lehrer wohlgesonnen über die Erkenntnis der Wahrheit unterweisen.

Sanskrit Text:

vidvān sa tasmā upasattim īyuṣe
mumukṣave sādhu yathokta-kāriṇe |
praśānta-cittāya śamānvitāya
tattvopadeśaṃ kṛpayaiva kuryāt || 42 ||

विद्वान्स तस्मा उपसत्तिमीयुषे
मुमुक्षवे साधु यथोक्तकारिणे |
प्रशान्तचित्ताय शमान्विताय
तत्त्वोपदेशं कृपयैव कुर्यात् || ४२ ||

vidvan sa tasma upasattim iyushe
mumukshave sadhu yathokta-karine |
prashanta-chittaya shamanvitaya
tattvopadesham kripayaiva kuryat || 42 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

43. „Fürchte dich nicht, o Wissender (vidvan)! Für das …

Deutsche Übersetzung:

43. „Fürchte dich nicht, oh Wissender (vidvan)! Für das Überqueren des Ozeans der Widergeburten gibt es einen Weg. Diesen Weg, auf dem die Weisen ans andere Ufer gelangt sind, werde ich dir zeigen.“

Sanskrit Text:

mā bhaiṣṭa vidvaṃs tava nāsty apāyaḥ
saṃsāra-sindhos taraṇe’sty upāyaḥ |
yenaiva yātā yatayo’sya pāraṃ
tam eva mārgaṃ tava nirdiśāmi || 43 ||

मा भैष्ट विद्वंस्तव नास्त्यपायः
संसारसिन्धोस्तरणे ऽस्त्युपायः |
येनैव याता यतयो ऽस्य पारं
तमेव मार्गं तव निर्दिशामि || ४३ ||

ma bhaishta vidvams tava nasty apayah
samsara-sindhos tarane’sty upayah |
yenaiva yata yatayo’sya param
tam eva margam tava nirdishami || 43 ||

44. „Es gibt einen großartigen Weg, der es dir …

Deutsche Übersetzung:

44. „Es gibt einen großartigen Weg, der es dir ermöglicht aus dem Kreislauf von samsara auszubrechen. Auf jenem Weg überquerst du den Ozean der Wiedergeburten und erlangst höchste Glückseligkeit.“

Sanskrit Text:

asty upāyo mahān kaś-cit saṃsāra-bhaya-nāśanaḥ |
tena tīrtvā bhavāmbhodhiṃ paramānandam āpsyasi || 44 ||

अस्त्युपायो महान्कश्चित्संसारभयनाशनः |
तेन तीर्त्वा भवाम्भोधिं परमानन्दमाप्स्यसि || ४४ ||

asty upayo mahan kash-chit samsara-bhaya-nashanah |
tena tirtva bhavambhodhim paramanandam apsyasi || 44 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • asti : es gibt („ist“, asti)
  • upāyaḥ : ein Mittel (Upaya)
  • mahān : großartiges (Mahat)
  • kaś-cit : bestimmtes (Ka + Chid)

45. „Du erlangst höchste Erkenntnis durch das intensive Nachdenken/Kontemplation …

Deutsche Übersetzung:

45. „Du erlangst höchste Erkenntnis durch das intensive Nachdenken/Kontemplation über die wahre Bedeutung der Veden und Upanishaden. Durch das höchste Wissen hört das Leiden des immerwährenden Geburtenkreislaufes auf.“

Sanskrit Text:

vedāntārtha-vicāreṇa jāyate jñānam uttamam |
tenātyantika-saṃsāra-duḥkha-nāśo bhavaty anu || 45 ||

वेदान्तार्थविचारेण जायते ज्ञानमुत्तमम् |
तेनात्यन्तिकसंसारदुःखनाशो भवत्यनु || ४५ ||

vedantarthavicharena jayate jnanam uttamam |
tenatyantika-samsara-duhkha-nasho bhavaty anu || 45 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vedāntārtha-vicāreṇa : durch intensive Kontemplation (Vichara) der Bedeutung (der Lehren, Artha) des Vedanta
  • jāyate : entsteht (jan)
  • jñānam : Erkenntnis, Wissen (Jnana)
  • uttamam : höchste(s, Uttama)

46. Die Schriften sagen, dass Glauben/ Vertrauen (sraddha), Hingabe, …

Deutsche Übersetzung:

46. Die Schriften sagen, Glauben/ Vertrauen (shraddha), Hingabe, Meditation und Yoga sind die Säulen, die den spirituellen Aspiranten zur Befreiung führen. Wer dies beständig verfolgt, wird von den Fesseln des Körpers befreit, die aus Unwissenheit entstanden sind.

Sanskrit Text:

śraddhā-bhakti-dhyāna-yogān mumukṣoḥ
mukter hetūn vakti sākṣāc chruter gīḥ |
yo vā eteṣv eva tiṣṭhaty amuṣya
mokṣo’vidyā-kalpitād deha-bandhāt || 46 ||

श्रद्धाभक्तिध्यानयोगान्मुमुक्षोः
मुक्तेर्हेतून्वक्ति साक्षाच्छ्रुतेर्गीः |
यो वा एतेष्वेव तिष्ठत्यमुष्य
मोक्षो ऽविद्याकल्पिताद्देहबन्धात् || ४६ ||

shraddha-bhakti-dhyana-yogan mumukshoh
mukter hetun vakti sakhsach chhruter gih |
yo va eteshv eva tishthaty amushya
moksho’vidya-kalpitad deha-bandhat || 46 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

47. „Du bist das Höchste Selbst- aber indem du …

Deutsche Übersetzung:

47. „Du bist das Höchste Selbst- aber indem du in der Unwissenheit gefangen bist, bindest du dich an das Nicht – Selbst / Illusion des Selbst (anatman) und dies ist der Grund des Kreislaufes von Geburt und Tod. Das Feuer der Erkenntnis – entstanden aus der Unterscheidung (viveka) zwischen Selbst und Nicht-Selbst – verbrennt die Folgen der Unwissenheit, samt der Wurzel.“

Sanskrit Text:

ajñāna-yogāt paramātmanas tava
hy anātma-bandhas tata eva saṃsṛtiḥ |
tayor vivekodita-bodha-vahnir
ajñāna-kāryaṃ pradahet sa-mūlam || 47 ||

अज्ञानयोगात्परमात्मनस्तव
ह्यनात्मबन्धस्तत एव संसृतिः |
तयोर्विवेकोदितबोधवन्हि-
रज्ञानकार्यं प्रदहेत्समूलम् || ४७ ||

48. Der Schüler spricht: „Höre bitte o Meister die …

Deutsche Übersetzung:

48. Der Schüler spricht: „Höre bitte oh Meister die Frage, die ich stellen möchte. Wenn ich die Antwort aus deinem Munde vernommen habe, werde ich zufrieden sein/ meinen Zweck /mein Ziel erreicht haben (kritartha).“

Sanskrit Text:

śiṣya uvāca |
kṛpayā śrūyatāṃ svāmin praśno’yaṃ kriyate mayā |
yad-uttaram ahaṃ śrutvā kṛtārthaḥ syāṃ bhavan-mukhāt || 48 ||

शिष्य उवाच |
कृपया श्रूयतां स्वामिन्प्रश्नो ऽयं क्रियते मया |
यदुत्तरमहं श्रुत्वा कृतार्थः स्यां भवन्मुखात् || ४८ ||

shishya uvacha |
kripaya shruyatam svamin prashno’yam kriyate maya |
yad-uttaram aham shrutva kritarthah syam bhavan-mukhat || 48 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

49. „Was ist Anhaftung? Wie ist sie entstanden? (Wo …

Deutsche Übersetzung:

49. „Was ist Anhaftung? Wie ist sie entstanden? (Wo kommt sie her?) Wie kann sie weiterhin bestehen? Wie kann man sich davon befreien? Was ist jenes Nicht-Selbst? Was ist das Höchste Selbst? Wie kann man zwischen den beiden unterscheiden? Bitte erkläre mir das!“

Sanskrit Text:

ko nāma bandhaḥ katham eṣa āgataḥ
kathaṃ pratiṣṭhāsya kathaṃ vimokṣaḥ |
ko’sāv anātmā paramaḥ ka ātmā
tayor vivekaḥ katham etad ucyatām || 49 ||

को नाम बन्धः कथमेष आगतः
कथं प्रतिष्ठास्य कथं विमोक्षः |
को ऽसावनात्मा परमः क आत्मा
तयोर्विवेकः कथमेतदुच्यताम् || ४९ ||

50. Der Meister erwidert: „Du bist gesegnet. Du hast …

Deutsche Übersetzung:

50. Der Meister erwidert: „Du bist gesegnet. Du hast deine Pflicht erfüllt. Deine Familie wird durch dich geheiligt, indem du dich von den Fesseln der Unwissenheit befreist und zur Absoluten Wirklichkeit werden willst.“

Sanskrit Text:

śrī-gurur uvāca |
dhanyo’si kṛta-kṛtyo’si pāvitaṃ te kulaṃ tvayā |
yad avidyā-bandha-muktyā brahmī-bhavitum icchasi || 50 ||

श्रीगुरुरुवाच |
धन्यो ऽसि कृतकृत्यो ऽसि पावितं ते कुलं त्वया |
यदविद्याबन्धमुक्त्या ब्रह्मीभवितुमिच्छसि || ५० ||

shri-gurur uvacha |
dhanyo’si krita-krityo’si pavitam te kulam tvaya |
yad avidya-bandha-muktya brahmi-bhavitum ichchhasi || 50 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śrī-guruḥ : der ehrwürdige (Shri) Meister (Guru)

51. Einem Vater können seine Söhne oder andere seine …

Deutsche Übersetzung:

51. Einem Vater können seine Söhne oder andere seine Schulden bezahlen, aber nur er selbst kann sich von den Fesseln der Wiedergeburt befreien.

Sanskrit Text:

ṛṇa-mocana-kartāraḥ pituḥ santi sutādayaḥ |
bandha-mocana-kartā tu svasmād anyo na kaś-cana || 51 ||

ऋणमोचनकर्तारः पितुः सन्ति सुतादयः |
बन्धमोचनकर्ता तु स्वस्मादन्यो न कश्चन || ५१ ||

rina-mochana-kartarah pituh santi sutadayah |
bandha-mochana-karta tu svasmad anyo na kash-chana || 51 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ṛṇa-mocana-kartāraḥ : die Urheber (Kartri) der Befreiung (Mochana) von Schuld (Rina)
  • pituḥ : (ihres) Vaters (Pitri)
  • santi : sind (as)

52. Wenn eine schwere Last auf dem Kopf ruht, …

Deutsche Übersetzung:

52. Wenn eine schwere Last auf dem Kopf ruht, können diese andere abnehmen, aber nur der Mensch selbst kann seinen Hunger und seine Durst stillen.

Sanskrit Text:

mastaka-nyasta-bhārāder duḥkham anyair nivāryate |
kṣudhādi-kṛta-duḥkhaṃ tu vinā svena na kena-cit || 52 ||

मस्तकन्यस्तभारादेर्दुःखमन्यैर्निवार्यते |
क्षुधादिकृतदुःखं तु विना स्वेन न केनचित् || ५२ ||

mastaka-nyasta-bharader duhkham anyair nivaryate |
kshudhadi-krita-duhkham tu vina svena na kena-chit || 52 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • mastaka-nyasta-bhārādeḥ : einer auf den Kopf (Mastaka) gesetzten (Nyasta) Last (Bhara) usw. (Adi)
  • duḥkham : die Mühsal (Duhkha)
  • anyaiḥ : von anderen (Anya)

53. Ein Kranker wird nur dann wieder gesund, wenn …

Deutsche Übersetzung:

53. Ein Kranker wird nur dann wieder gesund, wenn er die vorgeschriebene Schonkost (pathya) einhält und die Medizin einnimmt, das kann niemand stellvertretend für ihn machen.

Sanskrit Text:

pathyam auṣadha-sevā ca kriyate yena rogiṇā |
ārogya-siddhir dṛṣṭāsya nānyānuṣṭhita-karmaṇā || 53 ||

पथ्यमौषधसेवा च क्रियते येन रोगिणा |
आरोग्यसिद्धिर्दृष्टास्य नान्यानुष्ठितकर्मणा || ५३ ||

pathyam aushadhaseva cha kriyate yena rogina |
arogya-siddhir drishtasya nanyanushthita-karmana || 53 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pathyam : eine heilsame Diät (Pathya)
  • auṣadha-sevā : das Einnehmen („Gebrauch“, Seva) von Medizin (Aushadha)
  • ca : und (Cha)

54. Das Wesen der Absoluten Wirklichkeit muss man mit …

Deutsche Übersetzung:

54. Das Wesen der Absoluten Wirklichkeit muss man mit dem Auge wahrer Einsicht selber erfahren. Man kann es nicht durch den Bericht eines Gelehrten (pandita) verstehen. Die Schönheit des Mondes (chandra-svarupa) muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Wie könnte man sie durch die Augen anderer sehen?

Sanskrit Text:

vastu-sva-rūpaṃ sphuṭa-bodha-cakṣuṣā
svenaiva vedyaṃ na tu paṇḍitena |
candra-svarūpaṃ nija-cakṣuṣaiva
jñātavyam anyair avagamyate kim || 54 ||

वस्तुस्वरूपं स्फुटबोधचक्षुषा
स्वेनैव वेद्यं न तु पण्डितेन |
चन्द्रस्वरूपं निजचक्षुषैव
ज्ञातव्यमन्यैरवगम्यते किम् || ५४ ||

vastu-sva-rupam sphuta-bodha-chaksusha
svenaiva vedyam na tu panditena |
chandra-svarupam nija-chaksushaiva
jnatavyam anyair avagamyate kim || 54 ||

55. Wer außer dem eigenen Selbst (atmanam) kann sich …

Deutsche Übersetzung:

55. Wer außer dem eigenen Selbst (atman) kann sich von den Fesseln der Unwissenheit, der Begierden und Taten befreien, die in Millionen von Weltenjahren (kalpa) entstanden sind?

Sanskrit Text:

avidyā-kāma-karmādi-pāśa-bandhaṃ vimocitum |
kaḥ śaknuyād vinātmānaṃ kalpa-koṭi-śatair api || 55 ||

अविद्याकामकर्मादिपाशबन्धं विमोचितुम् |
कः शक्नुयाद्विनात्मानं कल्पकोटिशतैरपि || ५५ ||

avidya-kama-karmadi-pasha-bandham vimochitum |
kah shaknuyad vinatmanam kalpa-koti-shatair api || 55 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • avidyā-kāma-karmādi-pāśa-bandham : die Gefangenschaft („Bindung“, Bandha) in den Fesseln (Pasha) von Unwissenheit (Avidya), Begierden (Kama), Handlungen (Karman) usw. (Adi)
  • vimocitum : aufzulösen (vi + muc)
  • kaḥ : wer (Ka)

56. Nicht durch Yoga, nicht durch Samkhya, nicht durch …

Deutsche Übersetzung:

56. Nicht durch Yoga, nicht durch Sankhya, nicht durch Rituale, nicht durch Gelehrtheit wird man erlöst/ befreit, sondern nur durch das Erkenntnis der Einheit von brahman und atman.

Sanskrit Text:

na yogena na sāṅkhyena karmaṇā no na vidyayā |
brahmātmaikatva-bodhena mokṣaḥ sidhyati nānyathā || 56 ||

न योगेन न सांख्येन कर्मणा नो न विद्यया |
ब्रह्मात्मैकत्वबोधेन मोक्षः सिध्यति नान्यथा || ५६ ||

na yogena na sankhyena karmana no na vidyaya |
brahmatmaikatva-bodhena mokshah sidhyati nanyatha || 56 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • na : nicht (Na)
  • yogena : durch Yoga
  • na : nicht

57. Die Schönheit der Form einer Vina und die …

Deutsche Übersetzung:

57. Die Schönheit der Form einer Vina und die Fähigkeit des Spielens auf den Saiten dienen nur zur Freude des Publikums, reichen jedoch nicht aus, zur Königswürde (samrajya)/ zur Einheit/ Selbstverwirklichung zu führen.

Sanskrit Text:

vīṇāyā rūpa-saundaryaṃ tantrī-vādana-sauṣṭhavam |
prajā-rañjana-mātraṃ tan na sāmrājyāya kalpate || 57 ||

वीणाया रूपसौन्दर्यं तन्त्रीवादनसौष्ठवम् |
प्रजारञ्जनमात्रं तन्न साम्राज्याय कल्पते || ५७ ||

vinaya rupa-saundaryam tantri-vadana-saushthavam |
praja-ranjana-matram tan na samrajyaya kalpate || 57 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vīṇāyāḥ : einer Vina
  • rūpa-saundaryam : die Schönheit (Saundarya) der Form (Rupa)
  • tantrī-vādana-sauṣṭhavam : (und) die Kunst (Saushthava) des Spielens (Vadana) auf ihren Saiten (Tantri)

58. Ein beredsamer Vortrag, ein Strom von Worten, die …

Deutsche Übersetzung:

58. Ein beredsamer Vortrag, ein Strom von Worten, die Auslegung der Schriften, große Kenntnisse der Gelehrten befriedigen /erfüllen zwar die Gelehrten, führen jedoch nicht zur Befreiung.

Sanskrit Text:

vāg-vaikharī śabda-jharī śāstra-vyākhyāna-kauśalam |
vaiduṣyaṃ viduṣāṃ tad-vad bhuktaye na tu muktaye || 58 ||

वाग्वैखरी शब्दझरी शास्त्रव्याख्यानकौशलम् |
वैदुष्यं विदुषां तद्वद् भुक्तये न तु मुक्तये || ५८ ||

vag-vaikhari shabda-jari shastra-vyakhyana-kaushalam |
vaidushyam vidusham tad-vad bhuktaye na tu muktaye || 58 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vāg-vaikharī : meisterhafte Beherrschung („Artikuliertheit“, Vaikhari) der Sprache (Vach)
  • śabda-jharī : ein Schwall (Jhari) von Worten (Shabda)

59. Wenn die höchste Wirklichkeit nicht erkannt wird, ist …

Deutsche Übersetzung:

59. Wenn die höchste Wirklichkeit nicht erkannt wird, ist das Studium der Schriften zwecklos/nutzlos. Wenn jedoch die höchste Wirklichkeit erkannt wird, ist das Studium der Schriften ebenso zwecklos/nutzlos (nishphala).

Sanskrit Text:

avijñāte pare tattve śāstrādhītis tu niṣphalā |
vijñāte’pi pare tattve śāstrādhītis tu niṣphalā || 59 ||

अविज्ञाते परे तत्त्वे शास्त्राधीतिस्तु निष्फला |
विज्ञाते ऽपि परे तत्त्वे शास्त्राधीतिस्तु निष्फला || ५९ ||

avijnate pare tattve shastradhitis tu nishphala |
vijnate’pi pare tattve shastradhitis tu nishphala || 59 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • avijñāte : (wenn) nicht erkannt ist (Avijnata)
  • pare : die höchste (Para)

60. Die Schrift, die wie ein dichter Dschungel, aus …

Deutsche Übersetzung:

60. Die Schriften, die wie ein dichter Dschungel aus Worten sind, verwirren nur den Geist. Daher muss die Wirklichkeit des Selbst mit Hilfe eines Lehrers erfahren werden, der selbst die höchste Wirklichkeit erkannt hat.

Sanskrit Text:

śabda-jālaṃ mahāraṇyaṃ citta-bhramaṇa-kāraṇam |
ataḥ prayatnāj jñātavyaṃ tattva-jñāt tattvam ātmanaḥ || 60 ||

शब्दजालं महारण्यं चित्तभ्रमणकारणम् |
अतः प्रयत्नाज्ज्ञातव्यं तत्त्वज्ञात्तत्त्वमात्मनः || ६० ||

shabda-jalam maharanyam chitta-bhramana-karanam |
atah prayatnaj jnatavyam tattva-jnat tattvam atmanah || 60 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śabda-jālam : das Labyrinth („Netz“, Jala) der Schriften („Worte“, Shabda)
  • mahāraṇyam : (ist wie) ein großer Dschungel („Wald“, Maharanya)

61. Für jemanden, der von der Schlange der Unwissenheit …

Deutsche Übersetzung:

61. Für jemanden, der von der Schlange der Unwissenheit gebissen worden ist, ist das einzige Heilmittel die Erkenntnis der absoluten Wirklichkeit. Was nutzen die Veden und andere Schriften, Mantras und Arzneien dabei?

Sanskrit Text:

ajñāna-sarpa-daṣṭasya brahma-jñānauṣadhaṃ vinā |
kim u vedaiś ca śāstraiś ca kim u mantraiḥ kim auṣadhaiḥ || 61 ||

अज्ञानसर्पदष्टस्य ब्रह्मज्ञानौषधं विना |
किमु वेदैश्च शास्त्रैश्च किमु मन्त्रैः किमौषधैः || ६१ ||

ajnana-sarpa-dashtasya brahma-jnanaushadham vina |
kim u vedaish cha shastraish cha kim u mantraih kim aushadhaih || 61 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

62. Eine Krankheit geht dadurch nicht weg, dass man …

Deutsche Übersetzung:

62. Eine Krankheit geht dadurch nicht weg, dass man das Wort „Medizin“ ausspricht, ohne sie einzunehmen. Man wird nicht befreit, indem man das Wort „Brahman“ ausspricht, ohne Brahman selbst zu erfahren.

Sanskrit Text:

na gacchati vinā pānaṃ vyādhir auṣadha-śabdataḥ |
vināparokṣānubhavaṃ brahma-śabdair na mucyate || 62 ||

न गच्छति विना पानं व्याधिरौषधशब्दतः |
विनापरोक्षानुभवं ब्रह्मशब्दैर्न मुच्यते || ६२ ||

na gachchhati vina panam vyadhir aushadha-shabdatah |
vinaparokshanubhavam brahma-shabdair na muchyate || 62 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • na : nicht (Na)
  • gacchati : vergeht („geht“, gam)
  • vinā : ohne (Vina)

63. Wie kann einer die Befreiung alleine durch das …

Deutsche Übersetzung:

63. Wie kann einer die Befreiung alleine durch das Reden über Brahman erreichen, ohne dass die sichtbare Welt transzendiert und die wahre Natur des Selbst erkannt wird?

Sanskrit Text:

akṛtvā dṛśya-vilayam ajñātvā tattvam ātmanaḥ |
brahma-śabdaiḥ kuto muktir ukti-mātra-phalair nṛṇām || 63 ||

अकृत्वा दृश्यविलयमज्ञात्वा तत्त्वमात्मनः |
ब्रह्मशब्दैः कुतो मुक्तिरुक्तिमात्रफलैर्नृणाम् || ६३ ||

akritva drishya-vilayam ajnatva tattvam atmanah |
brahma-shabdaih kuto muktir ukti-matra-phalair nrinam || 63 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • akṛtvā : ohne bewirkt zu haben („nicht gemacht habend“, a+ kṛ)
  • dṛśya-vilayam : die Auflösung (Laya) der Welt der objektiven Wirklichkeit („des Sichtbaren“, Drishya)

64. Man kann nicht dadurch König werden, dass man …

Deutsche Übersetzung:

64. Man kann nicht dadurch König werden, dass man sagt: „Ich bin der König“, ohne die Feinde bekämpft, das Land vollständig erobert und die Herrschaft übernommen zu haben.

Sanskrit Text:

akṛtvā śatru-saṃhāram agatvākhila-bhū-śriyam |
rājāham iti śabdān no rājā bhavitum arhati || 64 ||

अकृत्वा शत्रुसंहारमगत्वाखिलभूश्रियम् |
राजाहमिति शब्दान्नो राजा भवितुमर्हति || ६४ ||

akritva shatru-samharam agatvakhila-bhu-shriyam |
rajaham iti shabdan no raja bhavitum arhati || 64 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • akṛtvā : ohne bewirkt zu haben („nicht gemacht habend“, a+ kṛ)
  • śatru-saṃhāram : die Vernichtung (Samhara) seiner Feinde (Shatru)

65. Ein Schatz im Boden kann gehoben werden dadurch, …

Deutsche Übersetzung:

65. Ein Schatz im Boden kann gehoben werden dadurch, dass man erfährt, wo er liegt, nach ihm gräbt und die Steine, die ihn bedecken, entfernt, nicht aber dadurch, dass man sagt, er solle aus der Erde herauskommen. Ebenso erlangt man das reine, durch Maya verhüllte Selbst durch Unterweisungen(upadesha) des Schülers durch einen Kenner der Absoluten Wirklichkeit, durch Nachdenken (manana) und Meditation (dhyana). Das Selbst (tattva) erschließt sich nicht durch Argumente.

Sanskrit Text:

āptoktiṃ khananaṃ tathopari-śilādy-utkarṣaṇaṃ svī-kṛtiṃ
nikṣepaḥ samapekṣate na-hi bahiḥ śabdais tu nirgacchati |
tad-vad brahma-vidopadeśa-manana-dhyānādibhir labhyate
māyā-kārya-tirohitaṃ svam amalaṃ tattvaṃ na dur-yuktibhiḥ || 65 ||

66. Daher sollten sich die Weisen/Gelehrten (pandit), – um …

Deutsche Übersetzung:

66. Daher sollten sich die Weisen/Gelehrten (pandita), – um sich von den Fesseln des Kreislaufes von Geburt und Tod zu befreien – selber ernsthaft bemühen, so wie man bei einer Krankheit selber die Medizin einnehmen muss.

Sanskrit Text:

tasmāt sarva-prayatnena bhava-bandha-vimuktaye |
svair eva yatnaḥ kartavyo rogādāv iva paṇḍitaiḥ || 66 ||

तस्मात्सर्वप्रयत्नेन भवबन्धविमुक्तये |
स्वैरेव यत्नः कर्तव्यो रोगादाविव पण्डितैः || ६६ ||

tasmat sarva-prayatnena bhava-bandha-vimuktaye |
svair eva yatnah kartavyo rogadav iva panditaih || 66 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

67. Die Fragen, die du heute /gerade/ eben/vorhin (adya) …

Deutsche Übersetzung:

67. Die Fragen, die du heute gestellt hast, werden von den Schriftkundigen als zentral erachtet. Sie sind ausgezeichnet, tiefgründig und treffend und sollten von allen nach Befreiung Suchenden beachtet werden.

Sanskrit Text:

yas tvayādya kṛtaḥ praśno varīyāñ chāstra-vin-mataḥ |
sūtra-prāyo nigūḍhārtho jñātavyaś ca mumukṣubhiḥ || 67 ||

यस्त्वयाद्य कृतः प्रश्नो वरीयाञ्छास्त्रविन्मतः |
सूत्रप्रायो निगूढार्थो ज्ञातव्यश्च मुमुक्षुभिः || ६७ ||

yas tvayadya kritah prashno variyan chhastra-vin-matah |
sutra-prayo nigudhartho jnatavyash cha mumukshubhih || 67 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • yaḥ : die („welche“, Yad)
  • tvayā : von dir (Tvad)
  • adya : heute (Adya)

68. O du nach Wahrheit Suchender (vidvan), hör aufmerksam …

Deutsche Übersetzung:

68. Oh du nach Wahrheit Suchender (vidvan), hör aufmerksam zu, was ich dir sagen werde! Wenn du das befolgst, wirst du unverzüglich von den Fesseln des Geburtenkreislaufs (samsara) befreit.

Sanskrit Text:

śṛṇuṣvāvahito vidvan yan mayā samudīryate |
tad etac-chravaṇāt sadyo bhava-bandhād vimokṣyase || 68 ||

शृणुष्वावहितो विद्वन्यन्मया समुदीर्यते |
तदेतच्छ्रवणात्सद्यो भवबन्धाद्विमोक्ष्यसे || ६८ ||

shrinushvavahito vidvan yan maya samudiryate |
tad etach-chhravanat sadyo bhava-bandhad vimokshyase || 68 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śṛṇuṣva : höre (śru)
  • avahitaḥ : aufmerksam (Avahita)
  • vidvan : du Weiser, Kluger (Vidvams)
  • yat : was (Yad)

69. Der erste Schritt zur Befreiung ist die völlige …

Deutsche Übersetzung:

69. Der erste Schritt zur Befreiung ist die völlige Losgelöstheit (vairagya) gegenüber allen vergänglichen Dingen. Darauf folgen Gedankenstille (shama), Selbstbeherrschung (dama), Duldsamkeit (titiksha) und vollständiger Verzicht auf alle eigennützigen Handlungen.

Sanskrit Text:

mokṣasya hetuḥ prathamo nigadyate
vairāgyam atyantam anitya-vastuṣu |
tataḥ śamaś cāpi damas titikṣā
nyāsaḥ prasaktākhila-karmaṇāṃ bhṛśam || 69 ||

मोक्षस्य हेतुः प्रथमो निगद्यते
वैराग्यमत्यन्तमनित्यवस्तुषु |
ततः शमश्चापि दमस्तितिक्षा
न्यासः प्रसक्ताखिलकर्मणां भृशम् || ६९ ||

mokshasya hetuh prathamo nigadyate
vairagyam atyantam anitya-vastushu |
tatah shamash chapi damas titiksha
nyasah prasaktakhila-karmanam bhrisham || 69 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • mokṣasya : der Befreiung, Erlösung (Moksha)

70. Der nächste Schritt für den Aspiranten ist das …

Deutsche Übersetzung:

70. Der nächste Schritt für den Aspiranten ist das Hören der Unterweisung, das Nachdenken darüber, verbunden mit langer, andauernder, ununterbrochener Meditation über die Wahrheit (tattva). Schließlich erreicht der Aspirant nirvikalpa samadhi noch in diesem Leben und erfährt die Glückseligkeit des höchsten Friedens.

Sanskrit Text:

tataḥ śrutis tan-mananaṃ sa-tattva-
dhyānaṃ ciraṃ nitya-nirantaraṃ muneḥ |
tato’vikalpaṃ param etya vidvān
ihaiva nirvāṇa-sukhaṃ samṛcchati || 70 ||

ततः श्रुतिस्तन्मननं सतत्त्व-
ध्यानं चिरं नित्यनिरन्तरं मुनेः |
ततो ऽविकल्पं परमेत्य विद्वा-
निहैव निर्वाणसुखं समृच्छति || ७० ||

tatah shrutis tan-mananam sa-tattva-
dhyanam chiram nitya-nirantaram muneh |
tato’vikalpam param etya vidvan
ihaiva nirvana-sukham samrichchhati || 70 ||

71. Jetzt sage ich dir genau, was du wissen …

Deutsche Übersetzung:

71. Jetzt sage ich dir genau, was du wissen musst: die Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht- Selbst (atma–anatma-vivecana). Höre zu und denke im Geist darüber nach!

Sanskrit Text:

yad boddhavyaṃ tavedānīm ātmānātma-vivecanam |
tad ucyate mayā samyak śrutvātmany avadhāraya || 71 ||

यद्बोद्धव्यं तवेदानीमात्मानात्मविवेचनम् |
तदुच्यते मया सम्यक् श्रुत्वात्मन्यवधारय || ७१ ||

yad boddhavyam tavedanim atmanatma-vivechanam |
tad uchyate maya sanyak shrutvatmany avadharaya || 71 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • yat : was (Yad)
  • boddhavyam : zu erkennen ist (Boddhavya)
  • tava : durch dich („dir“, Tvad)
  • idānīm : jetzt (Idanim)

72. Der grobstoffliche Körper besteht aus 7 Substanzen (dhatus), …

Deutsche Übersetzung:

72. Der grobstoffliche Körper besteht aus sieben Substanzen (dhatu), nämlich aus Mark, Knochen, Fett, Fleisch, Blut, Unterhaut und Oberhaut. Er hat Glieder und Teile, wie Füße, Beine, Brust, Arme, Rücken und Kopf.

Sanskrit Text:

majjāsthi-medaḥ-pala-rakta-carma-
tvagāhvayair dhātubhir ebhir anvitam |
pādoru-vakṣo-bhuja-pṛṣṭha-mastakair
aṅgair upāṅgair upayuktam etat || 72 ||

मज्जास्थिमेदःपलरक्तचर्म-
त्वगाह्वयैर्धातुभिरेभिरन्वितम् |
पादोरुवक्षोभुजपृष्ठमस्तकै-
रङ्गैरुपाङ्गैरुपयुक्तमेतत् || ७२ ||

majjasthi-medah-pala-rakta-charma-
tvag-ahvayair dhatubhir ebhir anvitam |
padoru-vaksho-bhuja-prishtha-mastakair
angair upangair upayuktam etat || 72 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

73. Dieser Körper, der „ich“ und „mein“ genannt wird, …

Deutsche Übersetzung:

73. Dieser Körper, der „ich“ und „mein“ genannt wird, ist der Sitz der Illusion (moha) und wird von den Gelehrten als „grobstofflich“ (sthula) bezeichnet. Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde sind die „feinstofflichen“ Elemente (sukshma).

Sanskrit Text:

ahaṃ-mameti-prathitaṃ śarīraṃ
mohāspadaṃ sthūlam itīryate budhaiḥ |
nabho-nabhas-vad-dahanāmbu-bhūmayaḥ
sūkṣmāṇi bhūtāni bhavanti tāni || 73 ||

अहंममेतिप्रथितं शरीरं
मोहास्पदं स्थूलमितीर्यते बुधैः |
नभोनभस्वद्दहनाम्बुभूमयः
सूक्ष्माणि भूतानि भवन्ति तानि || ७३ ||

aham-mameti-prathitam shariram
mohaspadam sthulam itiryate budhaih |
nabho-nabhas-vad-dahanambu-bhumayah
sukshmani bhutani bhavanti tani || 73 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ahaṃ-mameti-prathitam : bekannt (Prathita) als („so“, Iti) „Ich“ (Aham) und „Mein“ (Mama)

74. Nachdem sich diese feinstofflichen Elemente mit je einem …

Deutsche Übersetzung:

74. Nachdem sich diese feinstofflichen Elemente mit je einem Teil jedes anderen Elementes verbunden haben, werden sie grobstofflich und sind die Grundlage/Essenz (matra) des grobstofflichen Körpers. Ihre feinstofflichen Teile bilden die fünf Sinnesorgane, wie Töne, Gegenstände der Berührung, Formen, Farben, Geschmäcker und Gerüche, wodurch das Individuum /individuelle Ego Erfahrungen machen kann.

Sanskrit Text:

parasparāṃśair militāni bhūtvā
sthūlāni ca sthūla-śarīra-hetavaḥ |
mātrās tadīyā viṣayā bhavanti
śabdādayaḥ pañca sukhāya bhoktuḥ || 74 ||

परस्परांशैर्मिलितानि भूत्वा
स्थूलानि च स्थूलशरीरहेतवः |
मात्रास्तदीया विषया भवन्ति
शब्दादयः पञ्च सुखाय भोक्तुः || ७४ ||

75. Die Toren, die durch solche schweren Fesseln der …

Deutsche Übersetzung:

75. Die Toren, die durch solche schweren Fesseln der Begierde an Sinnesobjekten haften, die fast unzertrennbar sind, werden gewaltsam durch ihr eigenes Karma getrieben, sei es nach oben, sei es nach unten.

Sanskrit Text:

ya eṣu mūḍhā viṣayeṣu baddhā
rāgoru-pāśena su-durdamena |
āyānti niryānty adha ūrdhvam uccaiḥ
sva-karma-dūtena javena nītāḥ || 75 ||

य एषु मूढा विषयेषु बद्धा
रागोरुपाशेन सुदुर्दमेन |
आयान्ति निर्यान्त्यध ऊर्ध्वमुच्चैः
स्वकर्मदूतेन जवेन नीताः || ७५ ||

ya eshu mudha vishayeshu baddha
ragoru-pashena su-durdamena |
ayanti niryanty adha urdhvam uchchaih
sva-karma-dutena javena nitah || 75 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

76. Die Antilope (kuranga), der Elefant (matanga), die Motte …

Deutsche Übersetzung:

76. Die Antilope (kuranga), der Elefant (matanga), die Motte (patanga), der Fisch (mina) und die Biene (bhrngah) sind durch ihre eigene Wesensnatur (svaguna) gebunden an die Eigenschaften der 5 Sinne, wie z.B. an den Ton (shabda), die schließlich die Ursache ihres Todes wird. Was wird aus dem Menschen, der allen fünf Sinnesobjekten unterworfen ist?

Sanskrit Text:

śabdādibhiḥ pañcabhir eva pañca
pañcatvam āpuḥ sva-guṇena baddhāḥ |
kuraṅga-mātaṅga-pataṅga-mīna-
bhṛṅgā naraḥ pañcabhir añcitaḥ kim || 76 ||

शब्दादिभिः पञ्चभिरेव पञ्च
पञ्चत्वमापुः स्वगुणेन बद्धाः |
कुरङ्गमातङ्गपतङ्गमीन-
भृङ्गा नरः पञ्चभिरञ्चितः किम् || ७६ ||

77. Sinnesobjekte (visaya) sind in ihrer Wirkung noch verheerender …

Deutsche Übersetzung:

77. Sinnesobjekte (vishaya) sind in ihrer Wirkung noch verheerender als das Gift (visha) einer schwarzen Kobra. Gift tötet den, der es einnimmt, wogegen die Sinnesobjekte sogar den töten, der mit den Augen schaut.

Sanskrit Text:

doṣeṇa tīvro viṣayaḥ kṛṣṇa-sarpa-viṣād api |
viṣaṃ nihanti bhoktāraṃ draṣṭāraṃ cakṣuṣāpy ayam || 77 ||

दोषेण तीव्रो विषयः कृष्णसर्पविषादपि |
विषं निहन्ति भोक्तारं द्रष्टारं चक्षुषाप्ययम् || ७७ ||

doshena tivro vishayah krishna-sarpa-vishad api |
visham nihanti bhoktaram drashtaram chakshushapy ayam || 77 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • doṣeṇa : in seiner schädlichen Wirkung („Schlechtigkeit“, Dosha)
  • tīvraḥ : (ist) verheerender („scharf“, Tivra)

78. Wer sich von den schweren Fesseln der Begierde …

Deutsche Übersetzung:

78. Wer sich von den schweren Fesseln der Begierde an Sinnesobjekten mühselig/unter großer Anstrengung befreit, erfüllt die Voraussetzungen zur Befreiung, kein anderer, selbst wenn er alle sechs philosophische Schulen kennt (shatshastravedin).

Sanskrit Text:

viṣayāśā-mahā-pāśād yo vimuktaḥ su-dustyajāt |
sa eva kalpate muktyai nānyaḥ ṣaṭ-śāstra-vedy api || 78 ||

विषयाशामहापाशाद्यो विमुक्तः सुदुस्त्यजात् |
स एव कल्पते मुक्त्यै नान्यः षट्शास्त्रवेद्यपि || ७८ ||

vishayasha-maha-pashad yo vimuktah su-dustyajat |
sa eva kalpate muktyai nanyah shat-shastra-vedy api || 78 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • viṣayāśā-mahā-pāśāt : mächtigen (Mahat) Fessel (Pasha) des Verlangens (Asha) nach den Sinnesobjekten (Vishaya)

79. Diejenigen, die nur scheinbar entsagt haben, jedoch noch …

Deutsche Übersetzung:

79. Diejenigen, die nur scheinbar entsagt haben, jedoch noch verhaftet sind und so versuchen den Ozean der Wiedergeburt zu überqueren, werden auf der halben Strecke von der Begierde in Gestalt eines Krokodils am Hals gepackt und ertrinken.

Sanskrit Text:

āpāta-vairāgyavato mumukṣūn
bhavābdhi-pāraṃ prati yātum udyatān |
āśā-graho majjayate’ntarāle
nigṛhya kaṇṭhe vinivartya vegāt || 79 ||

आपातवैराग्यवतो मुमुक्षू-
न्भवाब्धिपारं प्रति यातुमुद्यतान् |
आशाग्रहो मज्जयते ऽन्तराले
निगृह्य कण्ठे विनिवर्त्य वेगात् || ७९ ||

apata-vairagyavato mumukshun
bhavabdhi-param prati yatum udyatan |
asha-graho majjayate’ntarale
nigrihya kanthe vinivartya vegat || 79 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

80. Wer die Sinnesobjekte in der Gestalt des Krokodils …

Deutsche Übersetzung:

80. Wer die Sinnesobjekte in der Gestalt des Krokodils mit dem Schwert der wahren Verhaftungslosigkeit/ Entsagung tötet, erreicht das andere Ufer des Ozeans von samsara ohne Hindernisse.

Sanskrit Text:

viṣayākhya-graho yena su-viraktyasinā hataḥ |
sa gacchati bhavāmbhodheḥ pāraṃ pratyūha-varjitaḥ || 80 ||

विषयाख्यग्रहो येन सुविरक्त्यसिना हतः |
स गच्छति भवाम्भोधेः पारं प्रत्यूहवर्जितः || ८० ||

vishayakhya-graho yena su-viraktyasina hatah |
sa gachchhati bhavambhodheh param pratyuha-varjitah || 80 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • viṣayākhya-grahaḥ : das Krokodil (Graha) namens (Akhya) Sinnesobjekt (Vishaya)
  • yena : von wem (Yad)
  • su-viraktyasinā : mit dem Schwert (Asi) vollkommener (Su) Gleichgültigkeit („Leidenschaftslosigkeit“, Virakti)

81. Wisse, dass derjenige, der töricht auf dem Pfad …

Deutsche Übersetzung:

81. Wisse, dass derjenige, der töricht auf dem Pfad der Sinnesvergnügungen umherschlendert, in jedem Moment vom Tod übermannt werden kann. Wer aber der Anleitung eines weisen Lehrers/Meisters folgt, wird durch sein eigenes Bemühen das Zeil erreichen. Erkenne dies, als die reine Wahrheit!

Sanskrit Text:

viṣama-viṣaya-mārgair gacchato’naccha-buddheḥ
prati-padam abhiyāto mṛtyur apy eṣa viddhi |
hita-su-jana-gurūktyā gacchataḥ svasya yuktyā
prabhavati phala-siddhiḥ satyam ity eva viddhi || 81 ||

विषमविषयमार्गैर्गच्छतो ऽनच्छबुद्धेः
प्रतिपदमभियातो मृत्युरप्येष विद्धि |
हितसुजनगुरुक्त्या गच्छतः स्वस्य युक्त्या
प्रभवति फलसिद्धिः सत्यमित्येव विद्धि || ८१ ||

82. Wenn du tatsächlich nach Befreiung verlangst, halte dich …

Deutsche Übersetzung:

82. Wenn du tatsächlich nach Befreiung verlangst, halte dich von den Sinnesobjekten wie von Gift fern! Trinke täglich gierig den Nektar der Zufriedenheit, der Barmherzigkeit, der Vergebung, der Aufrichtigkeit, der Gelassenheit/Stille und der Selbstbeherrschung!

Sanskrit Text:

mokṣasya kāṅkṣā yadi vai tavāsti
tyajātidūrād viṣayān viṣaṃ yathā |
pīyūṣa-vat toṣa-dayā-kṣamārjava-
praśānti-dāntīr bhaja nityam ādarāt || 82 ||

मोक्षस्य काङ्क्षा यदि वै तवास्ति
त्यजातिदूराद्विषयान्विषं यथा |
पीयूषवत्तोषदयाक्षमार्जव-
प्रशान्तिदान्तीर्भज नित्यमादरात् || ८२ ||

mokshasya kanksha yadi vai tavasti
tyajatidurad vishayan visham yatha |
piyusha-vat tosha-daya-kshamarjava-
prashanti-dantir bhaja nityam adarat || 82 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

83. Der physische Körper ist von seiner Natur her …

Deutsche Übersetzung:

83. Der physische Körper ist von seiner Natur her ein Werkzeug des Absoluten / Höchsten. Wer ihn nicht ununterbrochen dazu benutzt, sich selber von den Fesseln der anfanglosen Unwissenheit zu befreien, sondern sich nur um dessen Befriedigung bemüht, zerstört sich selber.

Sanskrit Text:

anukṣaṇaṃ yat parihṛtya kṛtyaṃ
anādyavidyā-kṛta-bandha-mokṣaṇam |
dehaḥ parārtho’yam amuṣya poṣaṇe yaḥ
sajjate sa svam anena hanti || 83 ||

अनुक्षणं यत्परिहृत्य कृत्यं
अनाद्यविद्याकृतबन्धमोक्षणम् |
देहः परार्थो ऽयममुष्य पोषणे
यः सज्जते स स्वमनेन हन्ति || ८३ ||

anukshanam yat parihritya krityam
anadyavidya-krita-bandha-mokshanam |
dehah parartho’yam amushya poshane
yah sajjate sa svam anena hanti || 83 ||

84. Wer durch die Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse danach …

Deutsche Übersetzung:

84. Wer durch die Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse danach strebt, das Selbst zu erfahren, ähnelt einem, der den Fluss überquert und nach einem Krokodil greift, was er für ein Stück Holz hält.

Sanskrit Text:

śarīra-poṣaṇārthī san ya ātmānaṃ didṛkṣati |
grāhaṃ dāru-dhiyā dhṛtvā nadīṃ tartuṃ sa gacchati || 84 ||

शरीरपोषणार्थी सन्य आत्मानं दिदृक्षति |
ग्राहं दारुधिया धृत्वा नदीं तर्तुं स गच्छति || ८४ ||

sharira-poshanarthi san ya atmanam didrikshati |
graham daru-dhiya dhritva nadim tartum sa gachchhati || 84 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śarīra-poṣaṇārthī : mit der Unterhaltung („Ernährung“, Poshana) seines Körpers (Sharira) beschäftigt (Arthin)

85. Für einen Suchenden nach Befreiung ist die Verhaftung …

Deutsche Übersetzung:

85. Für einen Suchenden nach Befreiung ist die Verhaftung an den Körper, die Illusion, der Körper zu sein, der „große Tod“. Nur derjenige, der diese Verhaftung vollkommen überwunden hat, kann die Befreiung erreichen.

Sanskrit Text:

moha eva mahā-mṛtyur mumukṣor vapur-ādiṣu |
moho vinirjito yena sa mukti-padam arhati || 85 ||

मोह एव महामृत्युर्मुमुक्षोर्वपुरादिषु |
मोहो विनिर्जितो येन स मुक्तिपदमर्हति || ८५ ||

moha eva maha-mrityur mumukshor vapur-adishu |
moho vinirjito yena sa mukti-padam arhati || 85 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • mohaḥ : Verblendung, Täuschung (Moha)
  • eva : wahrlich (Eva)

86. Besiege/überwinde den großen Tod, als Verhaftung/ Begierde an …

Deutsche Übersetzung:

86. Besiege/überwinde den großen Tod, als Verhaftung/ Begierde an deinen Körper, an deine Frau, Kinder und Verwandte! Die Munis /großen Weisen, die diese Begierden / Anhaftungen überwunden haben, erreichten das höchste Bewusstsein Gottes.

Sanskrit Text:

mohaṃ jahi mahā-mṛtyuṃ deha-dāra-sutādiṣu |
yaṃ jitvā munayo yānti tad viṣṇoḥ paramaṃ padam || 86 ||

मोहं जहि महामृत्युं देहदारसुतादिषु |
यं जित्वा मुनयो यान्ति तद्विष्णोः परमं पदम् || ८६ ||

moham jahi maha-mrityum deha-dara-sutadishu |
yam jitva munayo yanti tad vishnoh paramam padam || 86 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • moham : die Verblendung, Täuschung (Moha)

87. Der grobstoffliche/physische Körper, eine Anhäufung von Haut, Fleisch, …

Deutsche Übersetzung:

87. Der grobstoffliche/physische Körper, eine Anhäufung von Haut, Fleisch, Blut, Sehnen, Fett, Mark und Knochen und ist voll von Urin und Kot, ist zu verachten (nindya).

Sanskrit Text:

tvaṅ-māṃsa-rudhira-snāyu-medo-majjāsthi-saṃkulam |
pūrṇaṃ mūtra-purīṣābhyāṃ sthūlaṃ nindyam idaṃ vapuḥ || 87 ||

त्वङ्मांसरुधिरस्नायुमेदोमज्जास्थिसंकुलम् |
पूर्णं मूत्रपुरीषाभ्यां स्थूलं निन्द्यमिदं वपुः || ८७ ||

tvan-mamsa-rudhira-snayu-medo-majjasthi-sankulam |
purnam mutra-purishabhyam sthulam nindyam idam vapuh || 87 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

88. Der grobstoffliche/physische Körper, entstanden aus den 5fach zusammengesetzten …

Deutsche Übersetzung:

88. Der grobstoffliche/physische Körper, entstanden aus den fünffach zusammengesetzten fünf grobstofflichen Elementen, in Überseinstimmung mit früheren Taten (purvakarman), dient dem Selbst als Stätte der Erfahrungen. In dem Wachzustand des Bewusstseins werden die grobstofflichen Erscheinungen/Objekte wahrgenommen.

Sanskrit Text:

pañcī-kṛtebhyo bhūtebhyaḥ sthūlebhyaḥ pūrva-karmaṇā |
samutpannam idaṃ sthūlaṃ bhogāyatanam ātmanaḥ |
avasthā jāgaras tasya sthūlārthānubhavo yataḥ || 88 ||

पञ्चीकृतेभ्यो भूतेभ्यः स्थूलेभ्यः पूर्वकर्मणा |
समुत्पन्नमिदं स्थूलं भोगायतनमात्मनः |
अवस्था जागरस्तस्य स्थूलार्थानुभवो यतः || ८८ ||

panchi-kritebhyo bhutebhyah sthulebhyah purva-karmana |
samutpannam idam sthulam bhogayatanam atmanah |
avastha jagaras tasya sthularthanubhavo yatah || 88 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

89. Die individuelle Seele (jiva), die in ihm verkörpert …

Deutsche Übersetzung:

89. Die individuelle Seele (jiva), die in ihm verkörpert ist, erfreut sich durch dessen Sinnesorgane der Vielfalt der grobstofflichen /materiellen Objekte, wie Blumenkränze, Sandelholz, Frauen. Deshalb entfaltet sich der Körper im vollsten Umfang im Wachzustand.

Sanskrit Text:

bāhyendriyaiḥ sthūla-padārtha-sevāṃ
srak-candana-stryādi-vicitra-rūpām |
karoti jīvaḥ svayam etad-ātmanā
tasmāt praśastir vapuṣo’sya jāgare || 89 ||

बाह्येन्द्रियैः स्थूलपदार्थसेवां
स्रक्चन्दनस्त्र्यादिविचित्ररूपाम् |
करोति जीवः स्वयमेतदात्मना
तस्मात्प्रशस्तिर्वपुषो ऽस्य जागरे || ८९ ||

bahyendriyaih sthula-padartha-sevam
srak-chandana-stryadi-vichitra-rupam |
karoti jivah svayam etad-atmana
tasmat prashastir vapusho’sya jagare || 89 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • bāhyendriyaiḥ : durch die äußeren Sinnesorgane (Bahyendriya)

90. Wisse, dass dieser grobstoffliche /physische Körper, von dem …

Deutsche Übersetzung:

90. Wisse, dass dieser grobstoffliche /physische Körper, von dem abhängt, wie die Eindrücke von der Außenwelt verarbeitet werden, so wie das Haus für seinen Bewohner ist.

Sanskrit Text:

sarvo’pi bāhya-saṃsāraḥ puruṣasya yad-āśrayaḥ |
viddhi deham idaṃ sthūlaṃ gṛha-vad gṛha-medhinaḥ || 90 ||

सर्वोऽपि बाह्यसंसारः पुरुषस्य यदाश्रयः |
विद्धि देहमिदं स्थूलं गृहवद् गृहमेधिनः || ९० ||

sarvo’pi bahya-samsarah purushasya yad-ashrayah |
viddhi deham idam sthulam griha-vad griha-medhinah || 90 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sarvaḥ : jeglicher (Sarva)
  • api : absolut („auch“, Api)
  • bāhya-saṃsāraḥ : Kontakt mit der Außenwelt („äußeres weltliches Dasein“, BahyaSamsara)

91. Der physische Körper hat die Merkmale von Geburt, …

Deutsche Übersetzung:

91. Der physische Körper hat die Merkmale von Geburt, Alter und Tod, durchläuft verschiedene Entwicklungsstufen wie Kindheit, Körpergröße, Gewicht. Auf den Körper, welcher Krankheiten unterworfen ist, beziehen sich unzählige Vorschriften, und es ist der Körper, dem unterschiedlich begegnet wird, mal mit Wertschätzung/Verehrung mal mit Verachtung.

Sanskrit Text:

sthūlasya saṃbhava-jarā-maraṇāni dharmāḥ
sthaulyādayo bahu-vidhāḥ śiśutādyavasthāḥ |
varṇāśramādi-niyamā bahudhāmayāḥ syuḥ
pūjāvamāna-bahu-māna-mukhā viśeṣāḥ || 91 ||

स्थूलस्य संभवजरामरणानि धर्माः
स्थौल्यादयो बहुविधाः शिशुताद्यवस्थाः |
वर्णाश्रमादिनियमा बहुधामयाः स्युः
पूजावमानबहुमानमुखा विशेषाः || ९१ ||

sthulasya sambhava-jara-maranani dharmah
sthaulyadayo bahu-vidhah shishutadyavasthah |
varnashramadi-niyama bahudhamayah syuh
pujavamana-bah-umana-mukha visheshah || 91 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

92. Ohren, Haut, Augen, Nase und Zunge werden Sinnesorgane/ …

Deutsche Übersetzung:

92. Ohren, Haut, Augen, Nase und Zunge werden Sinnesorgane/ Wahrnehmungsorgane genannt, weil sie Sinnesobjekte wahrnehmen. Mund, Hände, Füße, Geschlechts- und Ausscheidungsorgane werden Handlungsorgane genannt, weil sie für Tätigkeiten gebraucht werden.

Sanskrit Text:

buddhīndriyāṇi śravaṇaṃ tvag akṣi
ghrāṇaṃ ca jihvā viṣayāvabodhanāt |
vāk-pāṇi-pādā gudam apy upasthaḥ
karmendriyāṇi pravaṇena karmasu || 92 ||

बुद्धीन्द्रियाणि श्रवणं त्वगक्षि
घ्राणं च जिह्वा विषयावबोधनात् |
वाक्पाणिपादा गुदमप्युपस्थः
कर्मेन्द्रियाणि प्रवणेन कर्मसु || ९२ ||

buddhindriyani shravanam tvag akshi
ghranam cha jihva vishayavabodhanat |
vak-pani-pada gudam apy upasthah
karmendriyani pravanena karmasu || 92 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

93. Das innere Instrument (antahkarana) setzt sich zusammen aus …

Deutsche Übersetzung:

93. Das innere Instrument (antahkarana) setzt sich zusammen aus einfachem Denkprinzip/Geist/Gemüt (manas), Intellekt (dhi, buddhi), Ego/Ichbewusstsein (ahankriti) und Unterbewusstsein/Gedächtnis (chitta). Manas heißt Denken mit Vorstellungen, Willensimpulsen und Zweifeln. Buddhi ist intuitive Erkenntnis, weil sie das Merkmal hat, die Wahrheit zu finden.

Sanskrit Text:

nigadyate’ntaḥ-karaṇaṃ mano dhīḥ
ahaṅ-kṛtiś cittam iti sva-vṛttibhiḥ |
manas tu saṅkalpa-vikalpanādibhiḥ
buddhiḥ padārthādhyavasāya-dharmataḥ || 93 ||

निगद्यते ऽन्तःकरणं मनो धीः
अहंकृतिश्चित्तमिति स्ववृत्तिभिः |
मनस्तु सङ्कल्पविकल्पनादिभिः
बुद्धिः पदार्थाध्यवसायधर्मतः || ९३ ||

nigadyate’ntah-karanam mano dhih
ahan-kritish chittam iti sva-vrittibhih |
manas tu sankalpa-vikalpanadibhih
buddhih padarthadhyavasaya-dharmatah || 93 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

94. Ahamkara ist das Ich- Gefühl, die Identifikation mit …

Deutsche Übersetzung:

94. Ahankriti (Ahankara) ist das Ich- Gefühl, die Identifikation mit dem Ich, weil es ich-bezogen ist. Chitta ist der Speicher von Gedanken und Gefühlen, hat die Fähigkeit, auf sich selbst zu reflektieren.

Sanskrit Text:

atrābhimānād aham ity ahaṃ-kṛtiḥ |
svārthānusandhāna-guṇena cittam || 94 ||

अत्राभिमानादहमित्यहंकृतिः |
स्वार्थानुसन्धानगुणेन चित्तम् || ९४ ||

atrabhimanad aham ity ahan-kritih |
svarthanusandhana-gunena chittam || 94 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • atra : in diesem Zusammenhang („hier“, Atra)
  • abhimānāt : aufgrund der Identifikation („des Selbstgefühls“, Abhimana)
  • aham : (das bin) ich (Aham)
  • iti : so (Iti)

95. So wie Gold und Wasser verschiedene Formen annehmen …

Deutsche Übersetzung:

95. So wie Gold und Wasser verschiedene Formen annehmen können, genauso wird Prana, die ein und dieselbe Lebensenergie, je nach seiner Funktion und Modifikation zu Prana, Apana, Vyana, Udana und Samana.

Sanskrit Text:

prāṇāpāna-vyānodāna-samānā bhavaty asau prāṇaḥ |
svayam eva vṛtti-bhedād vikṛti-bhedāt suvarṇa-salilādi-vat || 95 ||

प्राणापानव्यानोदानसमाना भवत्यसौ प्राणः |
स्वयमेव वृत्तिभेदाद्विकृतिभेदात्सुवर्णसलिलादिवत् || ९५ ||

pranapana-vyanodana-samana bhavaty asau pranah |
svayam eva vritti-bhedad vikriti-bhedat suvarna-saliladi-vat || 95 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

96. Der feinstoffliche Körper (sukshma sharira) besteht aus 8 …

Deutsche Übersetzung:

96. Der feinstoffliche Körper (sukshma sharira) besteht aus 8 Teilen: 5 Handlungsorgane, wie Sprache/Sprechen, 5 Wahrnehmungsorgane, wie das Gehör/Ohren, 5 Pranas, 5 Elemente, wie Raum, die Psyche, wie Buddhi, die Unwissenheit (avidya), Wünsche/ Begierden (kama) und Taten (karman),

Sanskrit Text:

vāg-ādi pañca śravaṇādi pañca
prāṇādi pañcābhra-mukhāni pañca |
buddhyādy avidyāpi ca kāma-karmaṇī
puryaṣṭakaṃ sūkṣma-śarīram āhuḥ || 96 ||

वागादि पञ्च श्रवणादि पञ्च
प्राणादि पञ्चाभ्रमुखानि पञ्च |
बुद्ध्याद्यविद्यापि च कामकर्मणी
पुर्यष्टकं सूक्ष्मशरीरमाहुः || ९६ ||

vag-adi pancha shravanadi pancha
pranadi panchabhra-mukhani pancha |
buddhyady avidyapi cha kama-karmani
puryashtakam sukshma-shariram ahuh || 96 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

97. Höre nun gut zu! Dieser feinstoffliche Körper, der …

Deutsche Übersetzung:

97. Höre nun gut zu! Dieser feinstoffliche Körper, der aus den Elementen vor ihrer fünffachen Teilung entstanden ist, wird Astralkörper, sukshma-sharira oder linga-sharira genannt. Er wird geprägt von Anlagen, Neigungen und früheren Eindrücken (vasana), er ist das Ergebnis von Handlungen aus der Vergangenheit (karman). Er ist die anfangslose Begrenzung (upadhi) von atman, und er hat seinen Ursprung in der Unwissenheit über das Selbst.

Sanskrit Text:

idaṃ śarīraṃ śṛṇu sūkṣma-saṃjñitaṃ
liṅgaṃ tv apañcī-kṛta-bhūta-saṃbhavam |
sa-vāsanaṃ karma-phalānubhāvakaṃ
svājñānato’nādir upādhir ātmanaḥ || 97 ||

इदं शरीरं शृणु सूक्ष्मसंज्ञितं
लिङ्गं त्वपञ्चीकृतभूतसंभवम् |
सवासनं कर्मफलानुभावकं
स्वाज्ञानतो ऽनादिरुपाधिरात्मनः || ९७ ||

98. Der Traumzustand unterscheidet sich von dem Wachzustand, bei …

Deutsche Übersetzung:

98. Der Traumzustand unterscheidet sich von dem Wachzustand, bei dem die Sinne wirken. Im Traumzustand leuchtet das Selbst aus sich selbst durch. Buddhi, der Verstand, verarbeitet die latenten Eindrücke/ Erfahrungen vom Wachzustand und gibt sie im Traum wieder.

Sanskrit Text:

svapno bhavaty asya vibhaktyavasthā
sva-mātra-śeṣeṇa vibhāti yatra |
svapne tu buddhiḥ svayam eva jāgrat-
kālīna-nānā-vidha-vāsanābhiḥ || 98 ||

स्वप्नो भवत्यस्य विभक्त्यवस्था
स्वमात्रशेषेण विभाति यत्र |
स्वप्ने तु बुद्धिः स्वयमेव जाग्रत्-
कालीननानाविधवासनाभिः || ९८ ||

svapno bhavaty asya vibhaktyavastha
sva-matra-sheshena vibhati yatra |
svapne tu buddhih svayam eva jagrat-
kalina-nana-vidha-vasanabhih || 98 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

99. Während der Verstand (buddhi) in verschiedenen Rollen- wie …

Deutsche Übersetzung:

99. Während der Verstand (buddhi) in verschiedenen Rollen- wie zum Beispiel in der Rolle des Handelnden – erscheint, verweilt/ strahlt / ruht atman /das Höchste Selbst in seinem eigenen Selbst/ in sich selbst. Atman, der reine Beobachter/unbeteiligter Zuschauer bleibt vo buddhi und deren Handlungen – die durch die Begrenzungen entstanden sind – vollkommen unberührt.

Sanskrit Text:

kartrādi-bhāvaṃ pratipadya rājate
yatra svayaṃ bhāti hy ayaṃ parātmā |
dhī-mātrakopādhir aśeṣa-sākṣī
na lipyate tat-kṛta-karma-leśaiḥ |
yasmād asaṅgas tata eva karmabhiḥ
na lipyate kiñ-cid upādhinā kṛtaiḥ || 99 ||