Epilog

Swami Vishnu Devanandas gehaltene Ansprache zur Schlusszeremonie des Yoga Sadhana Intensiv Kurses.

Shivanandas Yoga Camp im Juni 1987

Wie viele von euch wissen, ist das Hatha Yoga Pradipika die Originalabhandlung über Hatha Yoga. Sie wurde (im 15. Jahrhundert) von Swami Swatmarama niedergeschrieben. Dieser Name bedeutet: „Derjenige, der mit seinem eigenen Atman spielt.“ Wir, auf der anderen Seite, sind „Bhogaramas“, weil wir mit unseren eigenen Sinnen spielen.
Aus Swatmaramas Buch wurde modernes Hatha Yoga entwickelt und erweitert. Es gibt drei weitere klassische Abhandlungen über Hatha Yoga. Shiva Samhita, Gheranda Samhita und Goraksha Samhita. Sie liegen alle innerhalb der Tradition des Ashtanga Yoga (des 8-gliedrigen Yoga). Raja Yoga, Hatha Yoga, Kundalini Yoga, Laya Yoga, Mantra Yoga sind alle Teile des Ashtanga Yoga. Sie unterscheiden sich erst dann ein wenig, wenn man sich näher mit ihnen befasst.
Von den acht Stufen des Ashtanga Yoga sind Yama und Niyama gleich wichtig für all diese Yogas. Asanas (oder Stellungen) wurden von einigen dieser Abhandlungen nicht sehr ausführlich behandelt. Patanjalis Yoga Sutras sind hierfür ein Beispiel. Er beschreibt nur eine Asana, indem er sagt, dass das Sitzen in einer bequemen Stellung Asana ist. Er ist nicht weiter darauf eingegangen, da in jenen Tagen die Menschen sie in ihrem täglichen Leben als Teil der Ausbildung im Gurukhula System praktizierten.

Im Gurukhula System lebte ein Schüler zehn oder zwölf Jahre mit seinem Lehrer unter dessen Führung. Der Lehrer mochte dreißig oder vierzig Schüler haben. Er pflegte ein kleines Fleckchen Land, eine einfache Unterkunft, ein paar Kühe oder andere Rinder für seinen Lebensunterhalt zu haben. Die Schüler halfen ihm, das Feld zu bestellen und die Kühe zu melken. Umgekehrt vermittelte der Lehrer ihnen sein Wissen. Teil des übermittelten Wissens waren Asanas und Pranayama. Dies wurde an alle weitergegeben, sowohl an Anfänger als auch an fortgeschrittene Schüler. Jedes Kind hatte Pranayama mit dem Gayatri Mantra durchzuführen.

Yamas und Niyamas (Ethik und Moral) wurden im täglichen Leben praktiziert. Hatha Yogis arbeiteten nicht nur Reinlichkeitsregeln wie Reinigen der Zähne und des übrigen Körpers aus, sondern gingen noch tiefer – Reinigen der Nasengänge, des Magens usw. Und sogar noch weiter zur fortgeschrittenen Reinigung durch Pranayama und mittels der Bija Mantras der Elemente. Und zwar ist LAM das Bija Mantra für Erde, VAM ist das Bija Mantra für Wasser, RAM ist das Bija Mantra Feuer, TAM ist das Bija Mantra für den Mond. Grobstoffliche Materie jeder Art wird als Erde bezeichnet, jede Flüssigkeit als Wasser, jedes Feuer wird RAM genannt und jede Energie, die den Körper kühlt und Reinigung bringt, wird TAM bzw. Mond oder Nektar genannt. Folglich reinigt ihr, indem ihr verschiedene Bija Mantras anwendet, das System durch feines Pranayama.

Im Gurukhula System war es üblich, solche Dinge wie Bija Mantras zu praktizieren. Daher gab es für Patanjali oder andere Raja Yogis keinen Grund, diese zu beschreiben. Die Schüler lernten diese Praktiken direkt vom Lehrer.
Obwohl Asanas von Patanjali und anderen Raja Yogis nicht behandelt wurden, wurden sie ausgeführt, um den Körper ganz ruhig werden zu lassen. Die Körperstellungen trainierten den Körper, so dass er ohne Anstrengung und Mühe ruhig und bewegungslos gehalten werden konnte. Wird solch eine Stellung gefunden – eine, die leicht und bequem ist – behält man sie ein ganzes Leben. Ihr werdet fest wie ein Felsen und eine Energie wird fließen, wenn ihr sie zur Meditation benutzt. Eure Stoffwechseltätigkeit, Atmung, Pulsschlag und Blutdruck werden gesenkt. Sowie sich der Stoffwechsel während des ruhigen Sitzens verlangsamt, gelangt ihr zur ersten Stufe des Raja Yoga.

Dann kommt ihr zur nächsten Stufe: Pranayama. Wiederum sagt Patanjali nur so viel: dass das Regulieren der Ein- und Ausatmung Pranayama ist, zum Zweck, die Beweglichkeit des Geistes zu vermindern. Die Menschen praktizierten auch andere Pranayamas: Anuloma Viloma, Bhastrika, Ujjayi, Suryabheda – daher verstanden sie, dass Prana nicht physikalische Luft ist. Sie lernten diese Techniken auch von ihrem Guru, da dies Teil ihrer täglichen Routine war. Das ist der Grund, warum Raja Yoga nie ins Detail gehen musste. Patanjali hatte es nicht weiter zu behandeln, da es allgemeines Wissen war. Erst später, als der Geist des Menschen zu wandern begann, da die Disziplin fehlte und das Gurukhula System allmählich zurückging, führte Swatmarama Hatha Yoga ein. Es bezweckt dasselbe wie Raja Yoga, jedoch mussten nun jene Asanas und Pranayamas, die als Teil des Gurukhula Systems gelehrt wurden, erläutert werden.
Die fünfte Stufe ist Pratyahara oder das Zurückziehen des Geistes von den Sinnen oder Nachinnengerichtetsein. Patanjali sagt: „Yoga chitta vritti nirodha“. Yoga bringt die geistigen Modifikationen zur Ruhe. Raja Yoga behandelte wie Swatmarama Yogi diese drei Prozesse, jedoch in einer Weise, die mehr Kontrolle brachte. Die meisten Menschen können beim bloßen Augenschließen ihre Gedanken nicht einstellen. Aber wenn ihr Pranayama, Mudras und Bandhas richtig ausübt, bewegt sich das Prana in die Sushumna, was bewirkt, dass der Geist sehr ruhig wird. Raja Yoga sagt nicht, wie man diesen Geisteszustand erreicht. Er sagt nur, dass man den Geist anhalten muss. Der Lehrer hat im Gurukhula System auch die Anwendung der Bandhas und Mudras erklärt. Daher übermittelt Patanjali nur die Theorie über Konzentration und Samyama.

Samyama ist Konzentration, Meditation und Samadhi. Sie sind nur variierende Formen der Geisteskontrolle. Der Wert der Konzentration ist geringer, jener der Meditation etwas höher. In der Meditation ist euer Geist rein wie eine Kerze, die ruhig ist, wenn kein Wind geht. Patanjali sagt, dass ihr Samyama auf alles ausüben könnt, indem ihr diese drei Verfahren anwendet und so die Erkenntnis über das jeweilige Element erlangt. Nehmen wir an, ihr konzentriert euch auf LAM im Muladhara Chakra, das Erdelement repräsentierend, dann wird euch die Erde nicht berühren. Ihr werdet die Macht über die Erde, feste Materie, gewinnen. Raja Yoga erklärt die Theorie, aber Hatha Yoga setzt sie in die Praxis um. Die ist das auf diesen Seiten beschriebene intensive Sadhana.

Beinahe die gleichen Aktivitäten übte ich aus, als ich mich im Himalaya meinem eigenen Training unterzog. Mit Gurudevs Gnade und seinem Segen ging ich nach Uttakashi und befolgete dasselbe Programm. Morgens, mittags, abends und mitternachts praktizierte ich Pranayama, Asanas, Bandhas und ca. 200 Malas des Mantras (ca. 3-4 Stunden). Ich hatte kaum 2 oder 3 Stunden Schlaf pro Nacht, aber es war genügend für den Körper. Er braucht nicht zu viel, da starke Energie zu fließen beginnt. Ihr könnt diese Sachen ausprobieren.
Mit Gottes und Gurus Gnade war es möglich, intensives Sadhana auszuüben, um den physischen Körper, den Astralkörper und den Kausalkörper zu reinigen. Wie ich zuvor erwähnte, enden alle Asanas, Pranayamas, Bandhas und Mudras in Kevala Kumbhaka, in Unmani Avastha (dem natürlichen Zustand). Der natürliche Zustand ist jener, wo es keine Dualität gibt. Kevala Kumbhaka bedeutet das Ausschalten des Pranas in Ida und Pingala, so dass das Prana sich nur mehr in der Sushumna bewegt.

Unzählige Geburten waren erforderlich, um diesen Zustand zu erreichen. Hört mit eurer Praxis jetzt nicht auf. Führt ein ruhiges und selbsloses Leben. Geht nicht zu schnell voran, um dann eure Übungen wegen Rückschlägen wieder aufzugeben. Geht nicht so langsam, dass ihr durch Mangel an sichtbaren Erfolg entmutigt werdet.
Seid nicht besorgt – ständig an euren Fortschritt denkend. Höhen und Tiefen werden kommen. Es ist kein gerader Weg. Seid mutig. Steigt höher. So viele Stürze werden kommen, so viele Stufen zu erklettern sein, so viele Seile werden zu binden sein. Es werden so viele Camps zu machen sein: Grundcamp, zweites Camp, drittes Camp, viertes Camp und schließlich kein Camp mehr – wenn ihr euch selbst überlassen seid, um den letzten Gipfel zu erreichen. Keiner, der euch dann hilft, ihr werdet dort alleine sein. Aber ihr werdet nicht entmutigt sein, da ihr die Spitze erreichen wollt.

Sucht den Gipfel in gerade diesem Leben. Betet. Seid demütig. Unser Wille braucht Gottes Gnade, weil unser Wille nur ein Tropfen ist. Gottes Gnade ist wie der Ozean. Unsere Willensstärke reicht nicht aus, um den Ozean des Samsara zu überqueren. Unsere Bemühungen sind wie ein winziges Boot mit gebrochenen Rudern, den Atlantischen Ozean zu überqueren; nur Gottes Gnade wird euch den Ozean überqueren helfen.

Ihr braucht Leidenschaftslosigkeit und Unterscheidungsvermögen. Verstrickt in die Aktivitäten des Lebens, ist es sehr schwierig, Leidenschaftslosigkeit zu bewahren; es ist sehr schwierig, Unterscheidungsvermögen zu bewahren. Aber vergesst euer Ziel nicht. Behaltet den Mount Everest immer im Auge. Blickt immer nach oben. Geht jedes Mal etwas höher, bis zum letzten Atemzug. Hört niemals mit eurem Sadhana, eurer Entwicklung, auf. Blickt immer nach oben, nach oben, nach oben. Geht immer vorwärts. Es spielt keine Rolle, in welchem Stadium ihr euch jetzt befindet, ihr müsst immer noch höher steigen. Seid niemals mit eurem Fortschritt, eurem Erfolg, eurer Geisteskontrolle zufrieden, da dieser gleiche Geist auf euch wartet.

Felsen, Schnee, Gletscher werden sein, so dass ihr nach rechts und links ausweichen müsst. Aber immer noch werdet ihr stolpern und fallen. Betet immer zu Gott: „Hilf mir. Lass mich nicht wieder fallen.“ Seid demütig. Ergebt euch Ihm. Eure Bemühungen allein reichen nicht aus. Ihr könnt die versteckten Fallgruben nicht sehen. Aber mit Demut, Offenheit und ehrlicher Praxis von Yama und Niyama werdet ihr das Ziel erreichen.

Möge der Herr euch mit Erfolg und Befreiung in gerade diesem Leben segnen.