4. Kapitel, Vers 15

Deutsche Übersetzung:

Woher (kutas) kann im Verstand (manas) Weisheit (jnana) entstehen (sambhavati) solange (tavat) die Energie (prana) lebt (jivati) und der Verstand (manas) nicht gestorben ist (mriyate)? Derjenige (sa), der beide (dvayam) die Energie (prana) und den Verstand (manas) zur Auflösung (vilaya) gebracht hat (nayet), der (yah) ist in die Befreiung (moksha) gegangen (gachchhati). Ein anderer (anya) Mensch (nara) niemals (na kathancit).

Sanskrit Text:

  • jñānaṁ kuto manasi sambhavatīha tāvat
    prāṇo’pi jīvati mano mriyate na yāvat |
    prāṇo mano dvayam idaṁ vilayaṁ nayed yo
    mokṣaṁ sa gacchati naro na kathañ-cid anyaḥ ||15||
  • ज्ञानं कुतो मनसि सम्भवतीह तावत्
    प्राणोऽपि जीवति मनो म्रियते न यावत् ।
    प्राणो मनो द्वयमिदं विलयं नयेद्यो
    मोक्षं स गच्छति नरो न कथंचिदन्यः ॥१५॥
  • jnanam kuto manasi sambhavatiha tavat
    prano’pi jivati mano mriyate na yavat |
    prano mano dvayam idam vilayam nayed yo
    moksham sa gachchhati naro na kathan chid anyah ||15||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • jñānaṁ* : Erkenntnis (des Selbst, Jnana)
  • kutaḥ : wie („woher“, Kutas)
  • manasi : im Geist (Manas)
  • sambhavati : ist möglich (sam + bhū)
  • iha : in dieser Welt („hier“, Iha)
  • tāvat : solange (Tavat)
  • prāṇaḥ** : (der) Lebenshauch, Atem (Prana)
  • api : sowohl („auch“, Api)
  • jīvati : lebt (jīv)
  • manaḥ*** : (als auch der) Geist (Manas)
  • mriyate : stirbt (mṛ)
  • na : nicht (Na)
  • yāvat : wie (Yavat)
  • prāṇaḥ : Lebenshauch, Atem
  • manaḥ : (und) Geist
  • dvayam : zwei („Paar“, Dvaya)
  • idaṁ : diese(s, Idam)
  • vilayaṁ : (zum) Verschwinden („Auflösung“, Vilaya)
  • nayet : bringt („führt“, )
  • yaḥ : wer (Yad)
  • mokṣaṁ**** : (zur) Befreiung (Moksha)
  • saḥ : der (Tad)
  • gacchati : gelangt („geht“, gam)
  • naraḥ : Mann, Mensch (Nara)
  • na : nicht
  • kathañ-cid : auf irgendeine (andere) Weise („irgendwie“, Kathanchid)
  • anyaḥ : ein anderer (Anya)        ||15||

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erklärt „Erkenntnis“ (Jnana) als die unmittelbare (Aparoksha) Erfahrung (Anubhava) des Selbst (Atman): jñānam ātmāparokṣānubhavaḥ.

**Anm.: Brahmananda definiert das „Leben“ (Jivana) des Atems (Prana) als dessen Fließen (Vahana) durch die beiden feinstofflichen Kanäle Ida und Pingala: iḍā-piṅgalābhyāṃ vahanaṃ prāṇasya jīvanam.

***Anm.: Brahmananda definiert das „Leben“ (Jivana) des Geistes (Manas) im Zusammenhang mit dem „Leben“ (d.h. Funktionieren) der Sinne (Indriya) wie folgt: letzteres als das Wahrnehmen bzw. „Ergreifen“ (Grahana) ihrer jeweiligen (Sva) Sinnesobjekte (Vishaya): sva-sva-viṣaya-grahaṇam indriyāṇāṃ jīvanam, und ersteres als das Hervorbringen (Utpadana) geistiger Fluktuationen (Vritti) in Form (Akara) der verschiedenen (Nana) Sinnesobjekte (Vishaya): nānā-viṣayākāra-vṛtty-utpādanaṃ manaso jīvanam.

****Anm.: Brahmananda gibt hierzu die folgende Definition (Lakshana) für das Wort „Erlösung“ (Moksha): mokṣam ātyantika-sva-rūpāvasthāna-lakṣaṇam – „Erlösung wird definiert als das endgültige (Atyantika) Verweilen (Avasthana) in der eigenen Natur (Svarupa)“, vgl. Yogasutra 1.3.

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

Wie kann jemand Jnana erreichen, wenn sein Prana lebendig und sein Geist nicht tot ist?

Jnana ist Wissen über Atman (Selbst oder Gott). Ihr könnt nicht Gott- oder Selbstverwirklichung erlangen, solange das Prana nicht in die Sushumna gelangt. Wenn nur Ida und Pingala tätig sind, ist es unmöglich, diesen Zustand zu erreichen. Ida und Pingala zu stoppen und das Prana in die Sushumna zu bringen, ist der Sinn jeden Yogas. Sonst besitzt ihr nur Wissen über den Körper und identifiziert euch mit ihm. Das ist es auch, was der Autor mit seinem Ausspruch „sein Prana ist lebendig“ ausdrücken möchte. Dieser Zustand wird Ajnana (Unkenntnis) genannt – es ist Unwissenheit. „Ich bin der Körper“ ist Unwissenheit. „Ich bin Atman“ ist Wissen.

Derjenige, der Prana und Geist dazu verwendet, sich aufzulösen (in Absorption), erreicht Moksha, und kein anderer.

Wenn Prana und Apana von der linken und rechten Seite abgezogen werden und in die Sushumna eintreten, wird der Geist ausgelöscht, was bedeutet, dass der Geist im gewöhnlichen Sinn nicht länger arbeitet. Gemäß Hatha Yoga wird Moksha nur von denen erreicht, die fähig sind, dies zu praktizieren.

Sukadev

15. Wie kann jemand Jnana erreichen, wenn sein Prana lebendig und sein Geist nicht tot ist?

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