1. Kapitel, Vers 1

Deutsche Übersetzung:

Verneigung vor dem verehrungswürdigen Shiva, von dem die Wissenschaft des Hatha-Yoga gelehrt wurde. | Es beleuchtet den überlegenen Zustand des Raja-Yoga, für den, der wie auf einer Treppe dorthin aufsteigen will.

Sanskrit Text:

  • śrī-ādi-nāthāya namo’stu tasmai
    yenopadiṣṭā haṭha-yoga-vidyā |
    vibhrājate pronnata-rāja-yogam
    āroḍhum icchor adhirohiṇīva ॥1॥
  • श्रीआदिनाथाय नमोऽस्तु तस्मैयेनोपदिष्टा हठयोगविद्या ।
    विभ्राजते प्रोन्नतराजयोगम्
    आरोढुम् इच्छोर् अधिरोहिणीव ॥१॥
  • shri adi nathaya namo’stu tasmai
    yenopadishta hatha yoga vidya |
    vibhrajate pronnata raja yogam
    arodhum ichchhor adhirohiniva ॥1॥

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śrī : dem verehrungswürdigen (Shri)
  • ādi-nāthāya : uranfänglichen Herrn, Beschützer, Gebieter (Adinatha)
  • namas : Verneigung, Verehrung (Namas)
  • astu : sei (as)
  • tasmai : diesem (Tad)
  • yena : durch den (Yad)
  • upadiṣṭā : gelehrt wurde (Upadishta)
  • haṭha-yoga : (des) Hatha Yoga
  • vidyā : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • vibhrājate : die erstrahlt (vi + bhrāj)
  • pronnata : (den) äußerst erhabenen („hohen“, Pronnata)
  • rāja-yogam* : königlichen Yoga (RajaYoga)
  • āroḍhum : zu erklimmen (ā + ruh)
  • icchoḥ : für den, der wünscht (iṣ)
  • adhirohiṇī : (eine) Leiter (Adhirohini)
  • iva : wie  (Iva)     ॥1॥

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Brahmananda

So gut wie jedes Werk über Yoga und die Tantras trägt die Form einer Darlegung von Shiva, dem großen Yogi, an seine Frau Parvati. Das Wort Hatha ist aus den Silben „ha“ und „tha“ zusammengesetzt, was Sonne und Mond bedeutet, d. h. Prana und Apana. Ihr Yoga oder ihre Vereinigung, d.h. Pranayama, wird Hatha Yoga genannt. In diesem Vers und das ganze Werk hindurch wird festgehalten, dass Hatha Yoga nur ein Mittel zu Raja Yoga ist. Es kann kein Raja Yoga ohne Hatha Yoga geben und umgekehrt.

Vishnu-devananda

1. Ich grüße den ersten Herrn, Shiva, der die Hatha Vidya an Parvati lehrte. Das ist ein Schritt zur Aneignung des alles überragenden Raja Yoga.

Swatmarama beginnt seine Unterweisung auf die traditionelle Art, indem er sich vor den Gurus demütig verneigt. Erst verneigt er sich vor dem Adi Guru, dem obersten Guru: Shiva, und dann vor seinem Schüler Matsyendranath und dessen Schüler Gorakshanath. Durch deren Gnade entfaltet Swatmarama dessen große Wissenschaft. Vidya bedeutet Wissen. Das Wissen von Hatha Yoga wurde erstmals von Shiva an seine Gefährtin Parvati, die universelle Mutter, gelehrt.

Der Sinn des Hatha Yoga ist, euch zu lehren, wie man diese zwei Energien: „ha“ und „tha“ (Prana und Apana) kontrolliert. Ohne diese Kenntnis ist es sehr schwierig, jene Kontrolle über den Geist zu erlangen, die Raja Yoga genannt wird. Raja Yoga hat mit dem Geist zu tun, Hatha Yoga arbeitet mit Prana und Apana. Viele Schüler begehen den Fehler, Hatha Yoga hauptsächlich für Asanas zu halten, während in Wirklichkeit Asanas nur eine der acht Stufen des Hatha Yoga sind. darüber hinaus gibt es gar keinen wirklichen Unterschied zwischen Hatha Yoga und Raja Yoga. Es gibt keine Möglichkeit, sich Raja Yoga ohne die Praktik des Hatha Yoga anzueignen und umgekehrt. Hatha Yoga ist der praktische Weg, den Geist durch die Kontrolle von Prana zu kontrollieren.

Schaut auf das Spiel der Blätter an einem Baum. Wenn ihr dieses Spiel beobachtet, könnt ihr auf die Geschwindigkeit des Windes schließen, auch wenn ihr den Wind selber nicht sehen könnt. Ebenso können wir Prana oder Apana nicht sehen oder die Bewegung des Geistes sowie seiner Gedanken. Im Sinne von Raja Yoga ist der Geist wie ein See, und das Denken sind Wellen („Vrittis“ auf Sanskrit). Raja Yoga dient dazu, diese Wellen des Denkens zu kontrollieren und gegebenenfalls anzuhalten. Auf Sanskrit sagen wir: „Yoga chitta vritti nirodha“.

Gemäß Patanjali, dem Verfasser der (Raja) Yoga Sutras, gibt es fünf Arten von Vrittis, von denen einige Positiv sind und einige nicht. Von diesen fünf ist nur eine ausschließlich positiv und das ist, wenn der Sehende sich mit dem Selbst (Atman) identifiziert. Das ist nur möglich, wenn die Wellen des Denkens verlangsamt werden. Dann erkennt der Sehende im ruhigen See seines Geistes sein eigenes Selbst (Atman). Aber solange der Wind existiert, werden wir den Baum in Bewegung sehen, die Blätter im Spiel – manchmal ruhig, manchmal heftig, aber immer in Bewegung.

Hatha Yoga fragt: „Wie hält man diese Wellen an?“ und „Wie sieht der Sehende das Selbst?“

Wie die Wellen auf dem See vom Wind geschaffen werden, so werden die Wellen des Geistes von Prana und Apana hervorgerufen. Manchmal bewegt sich diese Energie sehr schnell, manchmal langsam, und je nach Art der Prana-Apana-Bewegung werden die Wellen der Gedanken sehr ausgeprägt oder sehr langsam sein. Wir sagen dazu rajasiges oder tamasiges Denken.

Tamasige Wellen sind lethargisch und schläfrig, weil dann die Untätigkeit vorrangig ist. Es ist kein stiller, friedlicher Geisteszustand, auch kein aktiver Geisteszustand; es ist ein untätiger Zustand, in dem der Geist nicht imstande ist, irgendetwas zu tun. Er vegetiert nur – wie ein Stein oder ein Eisblock.

Tamasige Wellen sind sehr trüb und grob gefroren wie Eis, so dass ihr euer Spiegelbild nicht sehen könnt, obwohl die Oberfläche still zu sein scheint. Es ist unmöglich zu sehen, was am Grunde des Sees ist.

Rajasige Wellen sind wie ein stürmischer Himmel. Er ist entflammt. Wellen erheben sich auf dem See und lösen sich fortwährend wieder auf der wirbelnden Oberfläche des Geistes auf.

Aber im Sattva-Zustand kommen die Wellen zum Stillstand; da gibt es keine Bewegung von Prana und Apana, weil die Energie zum zentralen Kanal, der Sushumna, gelenkt worden ist. Wenn sich diese Wellen zeigen, bewegt sich Prana/Apana gewöhnlich durch den Ida– und Pingala-Kanal auf der rechten und linken Seite des Körpers. Das kann man demonstrieren, indem eure Gehirnströme überprüft werden.

Manchmal ist die rechte Gehirnhälfte aktiver; manchmal ist die linke aktiver. Wellen der linken Hälfte sind meist analytisch, mathematisch, wissenschaftlich, rational usw. Im Allgemeinen werden diese Wellen vom westlichen Geist am meisten verwendet. Deshalb habt ihr (im Westen) schöne Städte und Autos und komplexe Technologien hervorgebracht. Dies geschieht, weil eure linke Gehirnhälfte meistens die rechte unterdrückt. Sogar eure Religionen lassen die linke, analytische Seite bevorzugt zur Wirkung kommen. Wenn christliche Mönche in Klausur gehen, harren sie eher in Kontemplation als in der Meditation aus, und im Judentum ist der gebräuchliche Zugang zur Religion analytisch.

Wellen, die vom rechten Gehirn kommen, sind philosophisch, hingebungsvoll, mitfühlend und von friedlicher Natur, auch wenn wir sie meist für Müßiggang oder Gefühlsbetontes verwenden. Entweder ihr liebt oder ihr hasst jemanden, und so stellt ihr die Wellen auf ein sehr grobes und tamasiges Niveau ein.

Der Sinn von Yoga ist, beide Gehirnhälften davor zu bewahren, die andere zu beherrschen und den sattvigen Zustand hervorzubringen. Deshalb meditieren wir an einem Platz, wo es sehr wenig Aktivität gibt – wie die sanfte natürliche Bewegung der Bäume im Wind und gelegentlich die Rufe einiger Vögel. In unseren Ashrams pflanzen wir Blumen. Das alles dient der Beruhigung des Geistes.

Die wesentliche Yogapraktik ist, die linke Seite des Gehirns durch die Verwendung der rechten Hälfte zu kontrollieren. Wenn die linke Gehirnhälfte aktiv ist, ist Pingala in Funktion und der Atem bewegt sich durch das rechte Nasenloch. Wenn die rechte Gehirnhälfte aktiv ist, ist das linke Nasenloch geöffnet und Ida in Funktion. Das wechselt normalerweise alle eineinhalb bis zwei Stunden. Aber wenn die Energie sich weder durch das rechte, noch durch das linke Nadi bewegt, muss sie durch Sushumna gehen, und dann ist die Energie im Gleichgewicht.

Darüber hinaus wird die Wahrnehmung von Zeit und Raum durch diese Bewegung von Prana zwischen dem rechten und linken Kanal verursacht. Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Samadhi und Tiefschlaf. Im Tiefschlaf seid ihr euch der Zeit oder des Raumes nicht bewusst, weil die Vrittis unterdrückt sind. Sie sind nicht aufgehoben, wie im Samadhi. Ihr könnt sagen, dass die Vrittis im Tiefschlaf auf Eis gelegt sind – kaltgestellt. Sie kommen zurück, wenn die Sonne scheint, um das Eis zu schmelzen.

Aber in Samadhi gibt es überhaupt keine Vrittis. Gewöhnlich erfahren wir diese Ruhe nur während des Tiefschlafs, ein Zustand der Trägheit, im Samadhi jedoch sind die geistigen Modifikationen eingestellt. Dann gibt es Gleichgewicht zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte. Dafür üben wir die Wechselatmung, da wir nicht direkt auf das Gehirn einwirken können.

Sukadev

1. Ich grüße den ersten Herrn Shiva, der die Hatha Vidya an Parvati lehrte. Das ist ein Schritt zur Aneignung des alles überragenden Raja Yoga.

Viele indische Schriften beginnen damit, dass erst Gott gegrüßt wird, der Guru gegrüßt wird, die notwendigen Eigenschaften des Schülers aufgezählt werden, und Wozu diese Schrift gut ist. Im ersten hat er gleich zwei davon aufgezählt. Zuerst grüßt er Gott. Und dann sagt er, wozu das, was er lehrt, da ist. Für Raja-Yoga, zur Kontrolle des Geistes, zur Erreichung der Selbstverwirklichung. Hatha Yoga ist, solange es ihn gibt, immer schon zu unterschiedlichen Zwecken gewesen.

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1. Kapitel, Vers 2

Deutsche Übersetzung:

Nach der Verneigung vor dem geachteten Lehrer, wird von Yogi Svatmarama | die Wissenschaft des Hatha-Yoga unterrichtet, ausschließlich für den Zweck, den Zustand des Raja-Yoga zu erreichen.

Sanskrit Text:

  • praṇamya śrī-guruṁ nāthaṁ svātmārāmeṇa yoginā |
    kevalaṁ rāja-yogāya haṭha-vidyopadiśyate ||2||
  • प्रणम्य श्रीगुरुं नाथं स्वात्मारामेण योगिना ।
    केवलं राजयोगाय हठविद्योपदिश्यते ॥२॥
  • pranamya shri gurum natham svatmaramena yogina |
    kevalam raja yogaya hatha vidyopadishyate ||2||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • praṇamya : nach dem er sich verneigt hat (pra + nam)
  • śrī : (vor dem) verehrungswürdigen (Shri)
  • guruṁ : (eigenen) Lehrer, Meister (Guru)
  • nāthaṁ : dem Schutzherrn (Natha)
  • svātmārāmeṇa : Svatmarama
  • yoginā : durch den Yogi
  • kevalaṁ* : einzig, ausschließlich (Kevala)
  • rāja-yogāya : zum (Zwecke des) königlichen Yoga (RajaYoga)
  • haṭha : des (Hatha-Yoga)
  • vidyā : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • upadiśyate : wird gelehrt (upa + diś)    ||2||

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erläutert das Wort „einzig“ (Kevala) dahingehend, dass das wichtigste (Mukhya) Ergebnis (Phala) der Wissenschaft des Hatha Yoga allein (eva) der (Zustand des) RajaYoga ist, und nicht (na) die übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhi): rāja-yoga eva mukhyaṃ phalaṃ na siddhayaḥ.

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Brahmananda

Indem er das Wort „einzig“ verwendet, macht er klar, dass der Zweck von Hatha Yoga Übung, sich auf Raja Yoga vorzubereiten, ist und nicht, sich die Siddhis (psychischen Kräfte) anzueignen. Diese können sich ergeben und sind zweitrangig. Der Hatha Yoga Pfad ist dazu gedacht, dass er vollkommene Kontrolle über die Körperorgane und den Geist gibt, so dass der Yogi sich bei guter Gesundheit halten kann und nicht beeinträchtigt wird, während er dem Raja Yoga folgt, der ihn zu Kaivalya oder endgültiger Befreiung führt.

Vishnu-devananda

2. Swatmarama Yogi gibt die Hatha Yoga Vidya einzig für die Erlangung von Raja Yoga heraus, nachdem er seinen eigenen Guru gegrüßt hat.

Der Tradition folgend grüßt er zuerst seinen eigenen Guru, um die Vorzüge des Lehrens zu erlangen. Ihr müsst Euren Lehrer grüßen, denn Gott lässt durch ihn die Lehre Gestalt annehmen. Hier ist es Shiva, der durch Swatmaramas Lehrer Gestalt annimmt.
Raja Yoga bedeutet Kontrolle der Gedankenwellen, etwas, das ohne Hatha Yoga nicht möglich ist. Swatmarama spricht nicht über Asanas, nicht einmal über das physische Atmen, sondern über die feine Strömung, welche die Gedankenwellen hervorbringt.

Sukadev

2. Swatmarama Yogi gibt die Hatha Yoga Vidya einzig für die Erlangung von Raja Yoga heraus, nachdem er seinen Guru gegrüßt hat.

Hatha Yoga hat heute in Indien und eigentlich auch im Westen drei Grundmotivationen. Das erste ist zur Heilung, das zweite ist zur Erlangung von übernatürlichen Kräften, und das dritte ist zur Erleuchtung, zur Herrschaft des Geistes. Zur Selbstverwirklichung, Gottverwirklichung, Nirvana, Samadhi, wie auch immer wir das ausdrücken wollen. Und Swatmarama sagt hier also, er gibt die Hatha Yoga Pradipika heraus, das Wissen über Hatha Yoga, für die Selbstverwirklichung. In Indien hat Hatha Yoga auch als Heiltradition eine lange Geschichte. Hatha Yoga ist auch sehr viel mit Ayurveda in Verbindung. Ayurveda ist ja eines der vier großen medizinischen Heilsystem in Indien. Es ist nicht das einzige, wenn auch heute das bei Weitem bekannteste. Und wenn ihr die Hatha Yoga Pradipika durchlest, bzw. wenn wir sie durchlesen, werden wir öfters auch auf Ayurvedaterminologie stoßen. Wie zB. die sieben Dhatus, und wir stoßen auf die Doshas und stoßen auf Vata, Pita und Kapha, und wir stoßen auf Verdauungsfeuer, Agni, also alle möglichen Ausdrücke, und ich werde auch im Verlauf dieses Kurses auf diese Ausdrücke eingehen, und dann auch zu so ein paar Hinweisen kommen, eben, wie wirken die Pranayamas, die Asanas und die Kriyas und die Mudras auf die verschiedenen Doshas. Da muss ich sagen, dass sehr viele der Ayurvedaärzte heute das nicht wissen, und da zum Teil Dinge erzählen, die ins Hatha Yoga gehen, die zum Teil nicht ganz korrekt sind. Aber das liegt einfach daran, man kann nicht alles wissen. Das Hatha Yoga hat eben auch eine starke Verbindung mit der ayurvedischen Tradition, gerade was die Gesundheitsaspekte betrifft.

In Indien wurde Hatha Yoga auch zur Verjüngung praktiziert. Es gab auch in früheren Zeiten im Hatha Yoga Kliniken und Hatha Yoga Kayakalpakuren, die versucht werden, auch heute wiederzubeleben. Kayakalpa heißt, die Verjüngung des Körpers. Kaya heißt Körper, Kalpa heißt eigentlich Zeitalter. Das heißt, man will dem Körper ein neues Zeitalter geben. Es gibt manche Teile in Indien, wo Hatha Yoga erst ausgeübt wird, wenn man 50 ist. Als ich mal in Indien auf Reisen war, hat mich mal jemand gefragt, was ich so mache, und ich sagte: „Hatha Yoga, verschieden Yogas“. Und er fragte: „Hatha Yoga? You practise Hatha Yoga?“ Und ich sagte: „Ich mach jeden Tag Asanas und Pranayama.“ Da hat er gesagt: „Aber eigentlich praktiziert man doch erst ab 50, du bist doch noch so jung.“ „Wieso ab 50?“ Ja, wo er herkommt, da machen die Menschen Hatha Yoga erst, wenn sie alt werden. Dann werden sie nicht zum Pflegefall und haben ein erfülltes, energievolles, schönes Alter. Und ich sags auch, weil ja viele von Euch unterrichten, und es ist ja tatsächlich in Deutschland so, dass relativ viele Menschen ab 40, 50, 60 erst mit Yoga beginnen. Und manchmal sagen die, ich bin zu steif, zu alt, um Yoga zu machen. Und dann könnt ihr guten Gewissens sagen, dass gerade in Indien auch erst oft in dieser Lebensspanne Hatha Yoga angefangen oder verstärkt wird, um ein erfülltes Alter zu bekommen. So ab 65 hat man auch mehr Zeit dafür. Aber diese spezifische, intensive Form von Pranayama, viermal am Tag, ist nicht für 65-, 70-jährige geschrieben worden. Es wär vielleicht auch mal interessant. Aber ich muss sagen, die Menschen die ich kenne, die so intensiv geübt haben, und es sind nur eine Handvoll, die sind jünger gewesen. Wenn man 80 ist, die Haare alle weiß sind oder ausgefallen sind, die Zähne sind ausgefallen, da gibt’s dann bestimmte geheime Praktiken, die man ausführen kann, um den Körper wieder jünger werden zu lassen. Da wir in der Tradition von Swatmarama stehen, der die Hatha Yoga hauptsächlich praktiziert hat zur Erlangung von Samadhi, kenne ich diese fortgeschrittenen Formen von Kayakalpakuren nicht, kann sie euch deshalb nicht lehren. Sie sind auch nicht so einfach. Aber nichts desto trotz, obgleich Swatmarama sagt, die Gesundheitswirkungen des Yoga ist eigentlich nicht so, was ihn interessiert, erwähnt er zu beinahe jeder Übung auch die gesundheitlichen Wirkungen der Übung. Das heißt, das eine schließt das andere auch nicht aus, es kommt durchaus parallel. Die meisten von euch werden vermutlich Yogaschüler haben, die mehr aus gesundheitlichen und Wohlfühl- und Antistressgründen kommen, und das wirkt natürlich durchaus auch so.

Aber Swatmarama sagt, er unterrichtet’s nicht zur Gesundung, zur Stressbewältigung oder zur Verjüngung, obgleich er das immer wieder anspricht, dass es dafür gut ist. Der Hauptzweck ist RajaYoga, die Herrschaft über den Geist. Er hat ein hohes Ziel. Und ihr wisst aus meinen Vorträgen, in Indien wurde Hatha Yoga auch zu einem anderen Zweck gemacht.

Ein zweiter Grund, weshalb Menschen Hatha Yoga geübt haben und auch heute üben, ist heutzutage etwas mehr aus der Mode gekommen.Um Kräfte zu bekommen, Siddhis, und auch um Macht über andere zu bekommen. Gerade in den alten Schriften, in den Veden, in der Mahabharata, dem Ramayana und noch mehr in den Puranas, liest man von Ahuras, die jahrhundertelang Hatha Yoga praktiziert haben. Das wird so beschrieben: Sie haben ihren Körper in furchtbare Verrenkungen gebracht, blieben dort Ewigkeiten drin, hielten die Luft an Sie fasteten und aßen nur Kräuter und Früchte, verzichteten auf das Feuer. Rohköstler – Dämonen. Auch Heilige übrigens, auch Arjuna hat das ne ganze Weile gemacht. Und auf diese Weise haben sie dann Kräfte bekommen, Siddhis. Und diese haben sie dann aber missbraucht. Und weil sie sie dann missbraucht haben, musste sich nachher Gott inkarnieren, um ihnen die Kraft letztlich zu nehmen und ihnen die Konsequenzen ihres Karmas zu geben. O.K., also bitte missbraucht diese Kräfte nicht, sondern nutzt sie als Teil der Herrschaft des Geistes. Menschen wollen übernatürliche Fähigkeiten erreichen, und um diese zu erreichen, üben sie Hatha Yoga. In der Tat ist Hatha Yoga eine der schnellsten Weisen, wie man übernatürliche Fähigkeiten bekommt. Schnellsten ist natürlich relativ zu sehen, man muss dann schon intensiver üben. Ich will da gleich noch mal drauf zu sprechen kommen.

Auch Patanjali erwähnt ja im ersten Vers der Yoga Sutra, wer’s mal gelesen hat: Es gibt fünf Grundlagen für Siddhis. Wer erinnert sich noch? Für die übernatürlichen Kräfte? Das erste: Geburt: Manche haben’s einfach als Talent, es wird ihnen in die Wiege gelegt. Haben sie irgendwie im früheren Leben erreicht. Zweitens: Kräuter und Drogen. Es gibt bewusstseinserweiternde Drogen, von denen abgeraten wird, soweit sie sich nicht mit Hatha Yoga vertragen. Drittens: Mantras. Mantras, Zeremonien und Rituale. Viertens: Tapas. Tapas ist Askeseübungen. Und unter den ganzen Begriff von Tapas würden auch die Hatha-Yoga-Übungen dazugehören. Aber wenn man 42-Tage-Fasten gemacht hat, das ist auch eine Weise, wie man andere Wahrnehmungsvermögen entwickelt. Ich will das jetzt nicht raten, dass man das einfach so macht, da muss man schon innerlich drauf vorbereitet sein. Wenn man das erzwingt, kann man sogar seinen Darm schädigen. Aber ich hab’s mal gemacht und es war eine hochinteressante Erfahrung. Aber in der Tapas, dazu gehört eben auch die verschiedenen Hatha-Yoga-Intensivpraktiken. Und als fünftes: Durch Samadhi, durch’s Überbewusstsein.

Das sind also fünf Gründe oder fünf Ursachen, wie man übernatürliche Kräfte bekommt. Und in den Schriften wird immer davor gewarnt, nach übernatürlichen Kräften zu streben. Und es ist jetzt auch in der heutigen Yogaszene kaum mehr die Rede davon. Und es sind auch äußerst wenige Menschen, die mich fragen: Du, Sukadev, ich würde gerne lernen, auf Astralreise zu gehen, was kann ich machen? Per E-mail kriege ich solche Anfragen allerdings. Grad letzte Woche hab ich drei davon gekriegt. Der eine will wissen, wie er schweben kann. Der nächste wollte wissen – ich weiß es jetzt nicht hier – ich weiß es nicht. Ich gebe meistens dann ernst gemeinte Anworten, trotzdem. Es wird dann ja auch noch veröffentlicht unter ‚Fragen an Sukadev’ [auf der Website], so dass irgendjemand, der die ernsthafte Frage hat, . . . aber einige dieser Fragen, die waren nicht so übermäßig ernst gemeint. Gut, und ihr findet manchmal in alten Schriften etwas von irgendwelchen sowohl Meistern wie auch Asuras, die üben dann eine gewisse Zeitlang eine Menge Tapas, und dann erscheint ihnen ein Deva und der gewährt ihnen eine Gnade. Wer hat das schon mal gelesen? Relativ wenige beschäftigen sich mit indischer Mythologie. Wie die gute Fee im Märchen, nur dass man vorher viel Tapas üben muss. Da reicht’s nicht aus, nur irgendwie was zu sagen, sondern da muss man erstmal ein paar Jahre auf dem Kopf gestanden haben, und dann erscheint einem Indra oder Brahma oder manchmal sogar Shiva oder Durga. Anschließend kann man dann um einen Gefallen bitten, und der wird einem dann gewährt. Und manche sind klug genug, als Gefallen zu bitten, dass sie ihren Geist unter Kontrolle bekommen und sie fähig sind zur Selbstverwirklichung kommen. Und manche bitten, dass sie größer werden, kleiner werden, dass sie eine stärkere Ausstrahlung haben usw.

Inwieweit das wörtlich zu nehmen ist, sei dahingestellt, aber wer jemals mal zwo, drei Jahre seines Lebens vier Stunden Pranayama macht, der wird feststellen, dass dort bestimmte außergewöhnliche Erfahrungen und, wie kann man sagen, Fähigkeiten entstehen. Oder auch wenn man mal ein viertel oder halbes Jahr acht bis zwölf Stunden Pranayama am Tag macht, das führt auch zu bestimmten Fähigkeiten. Im Verlauf der Hatha Yoga Pradipika werden wir darauf zu sprechen kommen, denn die Hatha Yoga Pradipika ist eigentlich ein Begleitbuch für jemanden, der so intensiv praktizieren will. Es gibt auch Hinweise für die Bright Sight Hatha Yogis, wie die meisten Menschen hier. Aber, das muss ich euch so sagen, es ist hauptsächlich geschrieben für Menschen, die eine gewisse Zeitspanne, einen Monat oder ein halbes Jahr sich hauptsächlich dem intensiven Üben widmen wollen. Das mag jetzt recht radikal klingen, aber andererseits heißt es, dass 10 % der Menschen arbeitslos sind, die könnten das ja machen. Zum Zwoten, gibt’s ne ganze Reihe Menschen, die 60, 65 sind und frühpensioniert sind, und anstatt dann auf Weltreisen zu gehen, und noch ein Universitätsstudium zu absolvieren, oder zu versuchen, das Haus gründlich zu renovieren oder den Garten, das fänd’ jeder normal, wenn Leute acht Stunden am Tag im Garten verbringen. Aber wenn sie dann acht Stunden mit Pranayama verbringen, dann klingt das als abnormal und unnormal. Jetzt möchte ich euch fragen: Was ist besser für die Selbstverwirklichung? Acht Stunden am Tag im Garten zu verbringen oder acht Stunden am Tag Pranayama zu machen? Es hängt Vieles von der Einstellung ab. Ich hab jetzt bewusst zwei Sachen gewählt, die beide sattvig sind. Man kann’s vereinen, acht Stunden Pranayama und acht Stunden Gartenarbeit. Ich hätt’ n anderes Beispiel wählen sollen. Gut. So, aber zu eurer Beruhigung, Swatmarama bietet ja auch Hatha Yoga hauptsächlich für die Selbstverwirklichung an, eben nicht für übernatürliche Kräfte. Für die Selbstverwirklichung ist es jetzt nicht nötig, dass ihr so viel Pranayama macht. Da kann man’s kombinieren mit Meditation, mit Karma Yoga, mit Bhakti Yoga, mit Jnana Yoga, und mit dieser Einstellung kann man ja alles mögliche machen.

Hier ist noch interessant, und das ist auch etwas, was man für seine eigene Praxis macht: Die ersten beiden Verse sind fast etwas, was man sich selbst bewusst machen kann bei jeder Praxis. Er grüßt zuerst Gott. Dann sagt er: Wozu ist das gut, was er jetzt macht. Und als Drittes grüßt er den Guru. Das sollte man immer am Anfang der Praxis machen. Gott grüßen, den Guru grüßen, und sich bewusst machen: Wozu mach ich das? Zwar sollte man nicht zu konkret eine Zeittafel setzen: Bis in drei Wochen den Skorpion, bis in vier Wochen den Handstand, und in fünf Wochen Sarvikalpa Samadhi. Das wäre erwartungsorientiertes Denken und das führt nur zu Unruhe. Aber man kann sich sehr wohl sagen: „Ich werde jetzt eine halbe Stunde Pranayama üben, um meinen Geist zur Ruhe zu bringen für die Meditation als Vorbereitung für Samadhi.“ So können wir das sagen. Und dann können wir danach sagen: „Ich bitte dafür um den göttlichen Segen und die Führung durch meinen Meister.“ Und im Grunde genommen machen wir das hier, indem wir alles beginnen mit Gajananam oder anderen Mantras , schließen auch mit Shanti und dem Grüßen des Gurus. Und so leitet ihr ja auch eure eigenen Yogastunden ein.

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1. Kapitel, Vers 3

Deutsche Übersetzung:

An die, die den Zustand des Raja-Yoga nicht kennen, aufgrund von fehlerhafter Vorstellungen und vieler Wirren in der Dunkelheit, | gibt Svatmarama voller Mitgefühl die Leuchte des Hatha-Yoga weiter.

Sanskrit Text:

  • bhrāntyā bahu-mata-dhvānte rāja-yogam ajānatām |
    haṭha-pradīpikāṁ dhatte svātmārāmaḥ kṛpākaraḥ ||3||
  • भ्रान्त्या बहुमतध्वान्ते राजयोगम् अजानताम् ।
    हठप्रदीपिकां धत्ते स्वात्मारामः कृपाकरः ॥३॥
  • bhrantya bahu mata dhvante raja yogam ajanatam |
    hatha pradipikam dhatte svatmaramah kripakarah ||3||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • bhrāntyā : durch das Umherirren, durch Verwirrung (Bhranti)
  • bahu : vieler (Bahu)
  • mata : (Lehr-)Meinungen (Mata)
  • dhvānte : in der Dunkelheit (Dhvanta)
  • rāja-yogam : (den) königlichen Yoga (RajaYoga)
  • ajānatām : (denjenigen, die) nicht erkennen (jnā)
  • haṭha-pradīpikāṁ : die Leuchte des (Hatha-Yoga)
  • dhatte : gibt, schenkt (dhā)
  • svātmārāmaḥ : Svatmarama
  • kṛpā : (des) Mitgefühls (Kripa)
  • ākaraḥ : (eine) Quelle (Akara)       ||3||

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

Der Autor sagt hier, dass es unmöglich ist, Raja Vidya durch irgendwelche anderen Mittel zu erlangen als über Hatha Vidya. Der Name des Autors, Swatmarama Yogi, ist sehr vielsagend. Er bedeutet: Einer, der seine Freude in der Gemeinschaft mit seinem höheren Selbst hat. Das stellt die letzte von sieben Stufen des Jnana dar. Die Srutis (Schriften) sagen, „der Brahmavarishta ist einer, der Vergnügen und Freude in seinem höheren Selbst findet“. Die sieben Stufen sind folgendermaßen in der Yoga Vashishta beschrieben:
Einer, der richtig zwischen dem Beständigen und dem Unbeständigem unterschieden hat, der ein Gefühl der Abneigung gegenüber weltlichen Vergnügungen gepflegt hat, der nach der Erlangung völliger Meisterung seiner Organe, physisch und geistig, ein ununterdrückbares Bedürfnis spürt, sich aus diesem Kreislauf des Daseins zu befreien, hat die erste Stufe erreicht: Subecha, oder das Bedürfnis nach der Wahrheit.
Jener, der, was er gelesen und gehört hat in seinem Leben, reflektiert und verwirklicht hat, hat die zweite Stufe erreicht: Vichara, oder die richtige Befragung.
Wenn der Geist nach der Überwindung des Vielen dauerhaft auf das Eine eingestellt bleibt,hat er die dritte Stufe erreicht: Tanumasana, oder das Ausdünnen des Geistes.
Bis jetzt ist er ein Sadhaka oder Ausführender. Wenn er durch die drei vorangegangenen Stufen seinen Geist ausgedünnt hat, in einen Zustand von reinem Sattva, wenn er die Wahrheit direkt in sich selbst findet, „Ich bin Brahman“, ist er auf der vierten Stufe: Sattvapati, oder die Erlangung des Zustandes von Sattva. Hier wird der Yogi Brahamavid (Kenner von Brahma) genannt. Bis jetzt übte er Samprajnata Samadhi, oder Kontemplation, wo das Bewusstsein der Dualität noch anhält.
Von da an bilden die drei verbleibenden Stufen das Asamprajnata Samadhi, d. h. kein Bewusstsein der Dreiheit: Wissender, Wissen und Gewusstes. Wenn der Yogi sich von den Siddhis, die sich auf dieser Stufe bilden, nicht beeindrucken lässt, erreicht er die Asamshakti genannte Stufe (von allem unbeeindruckt sein). Der Yogi wird nun Brahmavidvara genannt. Bis jetzt kümmert er sich um die Durchführung der notwendigen Pflichten nach seinem eigenen Willen.
Aber wenn er überall nichts anderes mehr als Brahman sieht, wird diese Stufe Pararthabhavani genannt, d. h., wo die äußeren Dinge nicht mehr in Erscheinung treten. Hier erfüllt der Yogi nur noch Funktionen, die ihm von anderen auferlegt wurden.
Er wird Brahmavidvaristha genannt, wenn er die siebente und letzte Stufe – Turiya erreicht hat. Er erfüllt seine Pflichten nicht mehr, seien sie nun von ihm selbst oder von anderen auferlegt. Er bleibt in einem Zustand von durchgehendem Samadhi. Dem Autor dieser Arbeit wird nachgesagt, er hätte diesen Zustand erreicht, wie sein Name Swatmarama andeutet.

Vishnu-devananda

3. Jenen, die sich in der Dunkelheit streitender Sekten fortbewegen, unfähig Raja Yoga zu erreichen, bietet der mitleidsvolle Swatmarama Yogi das Licht von Hatha Vidya an.

Ihr könnt die Worte „Raja Yoga“ hier in der Bedeutung des Kontrollierens von Denkabläufen übersetzen. Jene, die unfähig sind, Raja Yoga zu erlangen, sind jene, die unfähig sind, ihre eigenen Gedanken zu kontrollieren, während sie meditieren. Ihre Gedanken hören nicht auf, hochzukommen. Das Ziel von Raja Yoga ist die Gedankenwellen zum Stillstand zu bringen, aber wenn ihr das nicht könnt, versucht euer Prana zu kontrollieren. Um Prana zu kontrollieren, kontrolliert den physischen Atem. Auf diesem Weg kommt ihr vom physischen zum feinen Prana und dann sogar zu einer noch feineren Ebene – zu den Gedanken. Da sie im Zusammenhang stehen, beeinflusst eines das andere.
Was meint er mit „streitenden Sekten“? Der eine wird sagen, jenes sei zu tun, ein anderer wird sagen, Mantras seien zu wiederholen, oder jenes zu tun. Hatha Yoga ist ein wissenschaftlicher Zugang, den Denkablauf in den Griff zu bekommen, indem man Prana in den Griff bekommt. Das ist erreicht, wenn es keine Wellen mehr gibt. Der Sehende sieht sein Selbst; Sehender und das Gesehene werden eins. Der Sehende erkennt sein sich selbst im Selbst. In diesem Zustand gibt es keine Vrittis (Gedankenwellen). Das ist ähnlich, wie in das helle Licht der Sonne zu schauen oder in das Fernlicht eines herankommenden Autos. Nach einer Weile seid ihr völlig geblendet. Wenn als Resultat des Ausführens von Pranayama die Vrittis wegfallen, wird das Raja Yoga genannt. Das ist der Zustand, wenn der Sehende das Selbst sieht.

Das „Licht von Hatha Vidya“ ist das Wissen von Hatha Yoga.

 

Sukadev

3. Jenen, die die sich in der Dunkelheit streitender Sekten fortbewegen, unfähig Raja Yoga zu erlangen, bietet der mitleidsvolle Swatmarama Yogi das Licht von Hatha Vidya an.

Dunkelheit streitender – gut, hier in dem Text steht Sekten. Sekte ist jetzt ein Begriff, der im Deutschen eigenartige Konnotationen hat. Weltanschauungen wäre da korrekter. Es gibt so viele Weisen, wie wir das Göttliche sehen können, und wir können uns da gründlich drüber streiten. Ihr seid in der Hauptsache vertraut mit eigentlich zwei Hauptanschauungen: Die eine ist Vedanta und die zwote ist Tantra. Vedanta mitBrahma,Maya, Ishvara, ihr erinnert euch. Und Tantra mit ShivaShakti-Philosophie. Und dann gibt’s aber noch die Samkhya-Philosophie mit Purusha und Prakriti. Und dann gibt’s die Bhakti-Schulen, die von einem persönlichen Gott sprechen und dort sagen: Das Individuum kann niemals Gott werden, nur Gott nahe kommen, und das Ziel des Lebens ist es nicht, mit Gott Eins zu werden, sondern das Ziel des Lebens ist, sich zu befreien von allen Verhaftungen, dann geht man in eine höhere Welt ein, wie zB. Vaikuntha, und da ist die ewig befreite Einzelseele immer in der Gegenwart von Krishna. Oder im Christlichen gibt’s das ja auch, da gehen wir alle in den Himmel, und da ist Jesus und verschiedene andere, und dort sind wir dann auf ewig. Und dann gibt’s die Buddhisten, die streiten sich auch. Da gibt’s die Hinayana-Buddhisten, die sprechen vom Nichtselbst, es gibt gar kein Selbst, Nirvana ist einfach Nichts. Und dann gibt’s die Mahayana, die sagen, es gibt doch was, das Absolute, und wenn Buddha von Nirvana gesprochen hat, dann hat er niemals gemeint Nichts, sondern nur gemeint Alles. Und so kann man sich endlos streiten. Der Meister Eckhardt spricht von Gott und Gottheit, im Persönlichen und im Unpersönlichen, sehr ähnlich wie Brahman und Ishvara, andere sprechen dann nur von der Dreieinigkeit, und den unpersönlichen Gott gibt es nicht. Uns so kann man dann endlos diskutieren und erlangt niemals Kontrolle über den Geist. Es ist letztlich gut, wenn man sich schon etwas beschäftigt hat mit dem spirituellen Weg, eine Richtung zu wählen, so dass man letztlich weiß, wohin es geht, und dass man ein Deutungssystem hat für verschiedene spirituelle Erfahrungen, die man macht. Und dass man auch merkt, dass man nicht irgendwo stecken bleiben soll, sondern das man weitergeht. Und dafür ist es dann gut, einen philosophischen Bezugsrahmen zu haben, eine Weltanschauung. Man sollte sich aber immer bewusst sein: Eine Weltanschauung ist niemals die Wahrheit, sondern ist immer nur ein Modell. So wie es ja auch in der Physik die verschiedensten Modelle gibt. Und ist ja auch heutzutage so weit, immer mehr sagen, es wird niemals eine allumfassende Weltformel geben, sondern man kann nur verschiedene Modelle für verschiedene Phänomene nehmen, aber richtig zusammenkriegen tut man die nie. Z.B. gibt’s die Newtonsche Physik, von der ihr vielleicht gehört habt, die ist gültig in bestimmten Teilen der Welt, sie ist nicht überall gültig, also in bestimmten Spektren der Natur ist sie gültig, und mit ihrer Anwendung kann man sehr gut Resultate haben, sehr gute technische Anwendungen. Und dann gibt’s die Quantenphysik, die geht ganz anders als die Newtonsche Physik, und es gibt noch andere Aspekte der Physik. Es gibt zwar immer wieder Versuche, das alles miteinander zu verbinden, aber bisher gibt’s noch keine Weltenformel. Und so ähnlich auch, ob jetzt Vedanta, Tantra, ob Samkhya oder andere Traditionen, es sind alles nur Abbilder. Und irgendwann müssen wir zur Erfahrung kommen. Und die Erfahrung selbst ist nicht in Worte zu fassen. Und so war Hatha Yoga, ist Hatha Yoga letztlich religionsübergreifend und weltanschauungsübergreifend. Auch in Indien war Hatha Yoga von Angehörigen verschiedener Religionen praktiziert worden. Hatha Yoga ist sicher sehr eng mit Hinduismus verbunden, aber es gibt in Indien auch andere Religionen wie Jainismus und Buddhismus und Sikhismus, die alle auch Hatha Yoga geübt haben. Einige von euch haben vielleicht mal von Kundalini von Yogi Bhajan gehört. Der stammt aus der Sikh-Tradition und da gibt es eben auch Yoga. Nicht ganz so, was wir hier lernen, aber die Begriffe, mit dem Chakra, Kundalini, sind doch sehr ähnlich. Das Ziel wird auch ähnlich formuliert, aber im Rahmen einer anderen Religion. Oder, wer von euch kennt das Buch: Die fünf Tibeter? Würd’ mich jetzt grad mal interessieren, wie weit das verbreitet ist in Yogalehrer Kreisen – sehr verbreitet. Und es gibt eben auch Hatha Yoga im Buddhismus, insbesondere im tibetischen Buddhismus. Einer der verbreitetsten Hatha-Yoga-Lehrer unserer Zeit, der Krishnamacharya, der hat von Hatha Yoga Vieles in Tibet gelernt und nicht in Indien. In Tibet von buddhistischen Hatha Yogis. Das ist zum großen Teil vernichtet durch die chinesische Unterdrückung, und die Exiltibeter geben diese Techniken eigentlich wenig weiter. Die Pranayamas und auch Asanas, die sie dort vielleicht noch gelernt haben. Gut, und auch im Jainismus gibt’s Hatha Yogis. In Indien sind auch die Religionen nie so getrennt gewesen, wie das hier ist. Hier weiß jeder, ist er jetzt Christ. Oder Heide oder Jude oder Moslem, das ist relativ klar. Aber in Indien war das so klar nicht. Es gibt einige Heilige, da weiß man’s bis heute nicht, zB. Kabir. War der Moslem oder Hindu? Die Hindus behaupten mit Vehemenz, er war Hindu, und die Moslems behaupten, er war Moslem. Aber klar ist das nicht. Oder der Shirdi Sai Baba, war der Moslem oder war der Hindu? Und wenn’s dann zwischen Jains und Hindus und Sikhs geht, da ist die Grenze noch schwieriger. In China ist das auch so üblich. Da gab’s ja Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus parallel. Und die gelten als drei Weltreligionen, aber die meisten Chinesen waren Anhänger aller drei. So sind also, eigentlich muss man sagen, heutzutage ist man gewohnt, im Namen aller Religionen sind so viele Kriege entstanden. Das ist aber weltweit was Außergewöhnliches. Die Christen sind die Erfinder der Religionskriege, und die Moslems haben’s weiterverbreitet. Und leider haben sich dann unter dem Einfluss die Hindus ein bisschen militarisieren lassen, und haben dann auch beispielsweise im Sri Lanka mit dem Buddhismus Schwierigkeiten. Aber eigentlich sind’s nicht Hinduismus-Buddhismus, es sind Lankesen-Tamilen-Probleme, die sind eher ethnisch als religiös. Aber das läuft dann parallel.

So sind in Indien über viele Jahrtausende die Weltanschauungen und Religionen parallel gelaufen. Und Swatmarama fordert dann noch mal auf, sich nicht zu streiten, sondern Hatha Yoga zu praktizieren. Das wird zur Kontrolle über den Geist führen. Ist der Geist unter Kontrolle, dann können wir gut meditieren, zu Samadhis gehen, und dann erfahren wir die Wirklichkeit und können sie dann leider nicht in Worten ausdrücken. Ein altes Beispiel sind ja Blinde. Angenommen wir wären alle blind hier, und jetzt gäb’s einen, der würde uns eine Operation machen, Katarakt-Operation, und anschließend könnten wir sehen. Dann wären wir sehend, und jetzt versuchen wir, den anderen zu erklären, wie es ist, Farben zu sehen. Wird das erfolgreich sein? Nein. Und dann jemand anders gelingt es, auch wieder zu sehen, und dann sieht er: Ah, so hat er’s gemeint, und jetzt versucht er, es den anderen zu erklären. Und vielleicht aus Mitgefühl für den anderen wird jeder versuchen, das in Worte zu fassen, was man da so sieht. Es ist nicht in Worte zu fassen. Und dann können die sich natürlich streiten. Und dann gibt’s die verschiedenen Schulen: Was sind Farben? Und eine Gruppe der Blinden ist der einen Meinung, und eine andere Gruppe der Blinden ist anderer Meinung, was Farben sind. Und dann muss man natürlich noch Kanonen nehmen, denn der die besseren Waffen hat, der hat natürlich Recht. So ist es, wenn im Namen von Religionen Kriege geführt werden. Die Blinden versuchen, den andern Blinden zu erklären, was Farbe ist. Statt dessen sollte man praktizieren, dann erfährt man es, kann es aber auch wieder nur beschränkt kommunizieren.

Swatmarama sagt, es ist letztlich egal, welche Weltanschauung man hat. Man soll praktizieren. Wenn man praktiziert, entsteht das Licht, und dann wird man feststellen, was richtig ist. Üben ohne feste Weltanschauung ist ganz im Sinne des Autors der Hatha Yoga. Dann könnt ihr also für euch selbst wissen, und auch für die Schüler, die euch fragen, Hatha Yoga war auch in Indien weltanschauungsübergreifend.

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1. Kapitel, Vers 4

Deutsche Übersetzung:

Die Wissenschaft des Hatha-Yoga ist unzweifelhaft dem Matsyendra, Gorakshsa und anderen bekannt. | Durch deren Gunst kennt Yogi Svatmarama sie.

Sanskrit Text:

  • haṭha-vidyāṁ hi matsyendra-gorakṣādyā vijānate |
    svātmārāmo’thavā yogī jānīte tat-prasādataḥ ||4||
  • हठविद्यां हि मत्स्येन्द्रगोरक्षाद्या विजानते ।
    स्वात्मारामोऽथवा योगी जानीते तत्प्रसादतः ॥४॥
  • hatha vidyam hi matsyendra gorakshadya vijanate |
    svatmaramah athava yogi janite tat prasadatah ||4||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • haṭha : (des) Hatha(-Yoga)
  • vidyāṁ : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • hi : gewiss, zweifellos (Hi)
  • matsyendra : Matsyendra
  • gorakṣa : Goraksha
  • ādyāḥ : und andere („die … zum Anfang haben“, Adya)
  • vijānate : kennen (vi + jnā)
  • svātmārāmaḥ : Svatmarama
  • atha vā : und (Atha Va)
  • yogī : (der) Yogi
  • jānīte : kennt (diese Wissenschaft, jnā)
  • tad : dieser (Meister, Tad)
  • prasādataḥ : durch die Gunst (Prasada)       ||4||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

4. Matsyendra, Goraksha und anderen war Hatha Vidya wohl bekannt. Der Yogi Svatmarama lernte es durch ihre Gunst.

Das ist der Beginn der Aufzählung einer Verbindungsreihe derer, die dieses Wissen empfingen. Gemäß der Tradition, durch die Gnade Shivas, war Yogi Matsyendra ein Fisch, der in ein menschliches Wesen umgewandelt wurde und Hatha Vidya von Shiva selbst empfangen hat. Wissen kommt nicht von irgendwoher. Es ist wie Milch, die nur von Euter einer Kuh kommt. Ihr könnt nicht das Ohr melken. Genauso ist es mit dem Guru. Wissen mag überall sein, aber ihr könnt das Wissen von nirgendwo anders als über die Verbindungslinie Guru-Schüler bekommen. So lehrte Shiva Matsyendranath, Matsyendranath seinen Schüler Gorakshanath, und durch ihre Gnade kam es dazu, dass Svatmarama, der Autor dieses Buches, Hatha Yoga lernte. In Sanskrit heißt das „Guruparampara“.

Sukadev

4. Matsyendra, Goraksha und anderen war Hatha Vidya wohl bekannt. Yogi Swatmarama lernte es durch ihre Gunst.

Das sind also zwei der wichtigsten Gurus. Vom Matsyendra habt ihr schon gehört. Wer war Matsyendra? Der Fisch, der zum Menschen wurde und so der erste Hatha-Yoga-Meister in der Mythologie war. Goraksha, auch Gorkanath genannt, dort gibt’s jede Menge von Legenden. Der ist in ganz Indien, vor allem in Nordindien sehr bekannt als ein Siddha, einer der die Verwirklichung erreicht hat beziehungsweise alle möglichen Siddhis hatte. Es sind ne ganze Reihe von interessanten, manchmal auch eigenartigen Geschichten. Er ist zB. auch der Yogi, der seine Schüler auf die Probe gestellt hat. Er hat gesagt, wer mir wirklich hingegeben ist, der steigt jetzt auf diesen Baum hoch und stürzt sich in diesen Dreizack, der hier unten ist. Und dann gab’s natürlich kaum einen Schüler, der das gemacht hatte, aber einen gab’s, der ist hochgegangen und hat sich tatsächlich runtergestürzt, der Dreizack hat sich aufgelöst und er hat statt dessen die Erleuchtung erlangt. Nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

Gut, aber hier das Wichtige: Yogi Swatmarama lernte es durch Gunst. Im ganzen Hatha-Yoga-System steckt auch die Energie und die Gnade der Meister darin. Nicht nur der gegenwärtigen, sondern auch der vergangenen Meister. Das heißt zum Einen, dass viele der Hatha Yoga Meister Siddhas geworden sind, das heißt solche, die die Verwirklichung oder fast die Verwirklichung erreicht haben, aber nicht ihre Individualität aufgegeben haben, sondern sie bleiben als feinstoffliche Wesen da und führen die Schüler, wenn sie auf dem Weg sind und wirklich bereit sind, zu praktizieren und Hingebung zeigen. Das gilt jetzt aber nicht nur für die, von denen es heißt, dass sie tatsächlich noch als Individuen existieren in der feinstofflichen Ebene, sondern eigentlich jeder Meister. Jeder Meister und jede Meisterin hinterlässt Spuren in der Astralwelt, in der sogenannten Akashachronik, in der Gedankenwelt, man könnte auch sagen, hinterlässt ein morphogenetisches Feld, auf das wir uns einstimmen können. Und das ist ein wichtiger Aspekt, wenn wir praktizieren, dass wir uns auf diese Meister einstimmen, und dann wirken die Asanas ganz anders. Bei den Asanas und Pranayamas ist nicht nur was wir physisch machen von Bedeutung, sondern auch, wie unsere Konzentration ist. Und unser spiritueller Fortschritt hängt nicht nur von unserer Technik, sondern auch von der Gnade Gottes beziehungsweise der Gnade des Gurus ab. Und diese Gnade kann man erfahren, wenn man darum bittet und sich öffnet. Und jetzt die nächsten Verse sind die Hatha Yoga Guru Parampara Verse. Das heißt, dort werden die großen Meister der Hatha Yoga Tradition erwähnt.

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1. Kapitel, Vers 5

Deutsche Übersetzung:

Shiva, Matsyendra, Shavarananda, Bhairava, Chaurangi, Mina, Goraksha, Virupaksha, Bileshaya;

Sanskrit Text:

  • śrī-ādinātha-matsyendra-śābarānanda-bhairavāḥ |
    cauraṅgī-mīna-gorakṣa-virūpākṣa-bileśayāḥ ||5||
  • श्रीआदिनाथमत्स्येन्द्रशावरानन्दभैरवाः ।
    चौरङ्गीमीनगोरक्षविरूपाक्षबिलेशयाः ॥५॥
  • shri adi natha matsyendra shabarananda bhairavah |
    chaurangi mina goraksha virupaksha bileshayah ||5||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śrī : der erhabene (Shri)
  • ādi-nātha : uranfängliche Herr, Beschützer, Gebieter (Adinatha)
  • matsya-indra : Matsyendra („Herr der Fische“)
  • śābara : Shabara
  • ānanda-bhairavāḥ : Anandabhairava („der Schreckliche, der Glückseligkeit bringt“)
  • cauraṅgī : Chaurangin
  • mīna : Mina („Fisch“)
  • go-rakṣa : Goraksha („Kuhhirt“)
  • virūpa-akṣa : Virupaksha („der unförmige Augen hat“)
  • bile-śayāḥ : Bileshaya („Schlange, Maus“)      ||5||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

5.- 9. Shiva, Matsyendra, Sabara, Anandabhairava, Chourangi, Meena, Goraksha, Virupaksha, Bilesaya, Manthana, Bhairava, Siddhi, Buddha, Kanthadi, Korantaka, Surananda, Siddhapada, Charpati, Kaneri, Pujyapada, Nityanatha, Niranjana, Kapali, Bindunatha, Kaka Chandeeswara, Allama, Prabhudeva, Ghoda, Chodi, Tintini, Bhanuki, Naradeva, Khanda, Kapalika und viele andere große Siddhas, die mit Hilfe der Macht von Hatha Yoga die Zeit überwunden haben, durchwandern die Welt.

Es gibt viele große Yogameister. Allein schon ihren Namen zu hören, ist, wie ihren Segen zu bekommen. Oben finden sich einige Hatha Yoga Meister, die Siddhis erlangten. Sie haben sich nicht nur Mächte angeeignet, sondern viel wichtiger, sie waren auch fähig, über Zeit und Raum hinauszudringen und sich auf allen vierzehn Ebenen zu bewegen, weil sie fähig waren, ihr Prana in die Sushumna zu leiten. Manchmal kommen sie auf die physische Ebene, um der Menschheit zu helfen, wenn sie bereit für sie ist. Wenn nötig, konnten sie sogar ihren physischen Körper am Leben erhalten, indem sie Prana in die Sushumna brachten. Man kann den Verfall des physischen Körpers aufhalten, indem man Ida und Pingala aufhält und die Sushumna aktiviert. So ein Wesen, dessen Energie sich durch die Sushumna bewegt, wird Siddha genannt. Für es gibt es weder Tag noch Nacht, weder Geburt noch Tod.
Der Buddha, auf den oben Bezug genommen wird, ist nicht der Buddha, den die meisten von euch kennen. Er ist einer der Hatha Yoga Meister.

Sukadev

5.- 9. Siva, Matsyendra, Sabara, Anandabhairava, Chourangi, Meena, Goraksha, Virupaksha, Bileysaya, Manthana, Bhairava, Siddhi, Buddha, Kanthadi, Korantaka, Surananda, Siddhapada, Charpati, Kaneri, Pujyapada, Nithyanatha, Niranjana, Kapali, Bindunahtha, Kaka Chandeeswara, Allama, Prabhudeva, Ghoda, Chodi, Tintini, Bhanuki, Naradva, Khanda, Kapalika,

und weiter steht dann noch da auf deutsch

– und viele andere große Siddhas, die mit Hilfe der Macht von Hatha Yoga die Zeit überwunden haben, durchwandern die Welt.

In der Hatha Yoga gibt’s ein Konzept, das nennt sich Siddhas. Das ist jetzt was anderes, als eine spirituelle Gruppe, die im Westen und in Ganeshpuri ist, die ein Yogi Siddha-Yoga genannt hat, und das als Markenzeichen hat schützen lassen. Aber hier ist der Begriff Siddhas in einem anderen Zusammenhang verwendet. Siddha, derjenige, der Körper und Geist transzendiert hat, aber auf feinstoffliche Weise weiter existiert.

Hier heißt Siddhas Menschen, die die Vollkommenheit erreicht haben, aber nicht mitBrahman verschmolzen sind, sondern auf subtile Weise weiter existieren und uns erscheinen können und uns helfen können, wenn wir uns an sie wenden und intensiv praktizieren. Und so heißt es, wenn wir intensiv praktizieren, dass wir tatsächlich Hilfe bekommen aus einer höheren Ebene. Und plötzlich hat man das Gefühl, dass es irgendwie leichter geht, dass einer einem hilft. Es gibt sieben höhere und sieben niedere Ebenen, also verschiedene Dichtheitsstufen. Die meisten von euch sind vertraut mit dem Dreistufenmodell, physische, astrale und kausale Ebene. Gut, ihr seit auch vertraut mit dem 7-Chakramodell, welches sieben Ebenen sind. Da gibt es drei astrale, zwei Kausalebenen eine höhere Ebene. Und dann gibt’s noch kondensiertere Ebenen als die Erdebenen, das sind die sieben niederen Ebenen, die Patala-Lokas, wo dann die Asuras sind, und die dann von diesen niederen Ebenen manchmal auf die Erdebenen kommen. Das ist damit gemeint.

Viele Menschen, die intensiv Hatha Yoga praktizieren, erfahren auch solche Visionen, während sie gerade nach einer mehrstündigen Praxis die Augen aufmachen, dort sehen sie, wie ein Meister vor ihnen sitzt oder steht oder während sie intensiv Pranayama üben, und sie nicht weiter wissen, plötzlich sehen sie dort jemand und der sagt: „Mach noch das und das weiter“. Also solche Meister sind da und können einem helfen. Und um eine Atmosphäre zu schaffen, dass diese Meister auch kommen, ist natürlich auch hilfreich, wenn man den Raum, in dem man praktiziert, sattvig macht, dass insgesamt Sattva ausstrahlt. Man muss sich das so vorstellen, die Meister können zwar auch die physische Welt wahrnehmen, aber da ist soviel. Wenn sie jetzt feststellen wollen, wo ist da ein Aspirant, der gerade praktiziert, dann können sie nicht alle sechs Milliarden Menschen abklappern, aber sie können sehen, wo geht gerade eine Lichtenergie aus, wo die Aura eben so beschaffen ist, dass dort jemand praktiziert. Und dieser Raum, wo dieser Mensch dann praktiziert, der wird dann auch Segen bekommen von Engelswesen und den großen Meistern. Wenn sie praktizieren, können sie auch reingehen. Daheim ist es jetzt schwierig. Ja. Weshalb man sagen würde, wenn du jetzt ne sehr intensive Pranayamapraxis machen willst, wäre es dann gut, ne Weile woandershin zu gehen. Ansonsten, man kann nicht immer die idealen Umstände haben. Dann vielleicht einen Teil des Raumes abtrennen, wo du dich immer hinsetzt. Auch der Raum lädt sich auf, selbst wenn andere Menschen auch dorthin gehen.

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1. Kapitel, Vers 6

Deutsche Übersetzung:

Manthano, Bhairava, Yogi-Siddhi, Buddha und Kanthadi, | Korantaka, Surananda, Siddhapada und Charapti;

Sanskrit Text:

  • manthāno bhairavo yogī siddhir buddhaś ca kanthaḍiḥ |
    koraṇṭakaḥ surānandaḥ siddhapādaś ca carpaṭiḥ ||6||
  • मन्थानो भैरवो योगी सिद्धिर् बुद्धश् च कन्थडिः ।
    कोरंटकः सुरानन्दः सिद्धपादश् च चर्पटिः ॥६॥
  • manthano bhairavo yogi siddhir buddhash cha kanthadih |
    korantakah suranandah siddhapadah cha charpatih ||6||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • manthānaḥ : Manthana („der Schüttler“)
  • bhairavaḥ : Bhairava („der Furchtbare“)
  • yogī : (der) Yogi
  • siddhiḥ : Siddhi („Erfolg“)
  • buddhaḥ : Buddha („der Erwachte“)
  • ca : und (Cha)
  • kanthaḍiḥ : Kanthadi
  • koraṇṭakaḥ : Korantaka
  • sura-ānandaḥ : Surananda („dessen Glückseligkeit Gott ist“)
  • siddha-pādaḥ : Siddhapada („erhabener Siddha„)
  • ca : und
  • carpaṭiḥ : Charpati        ||6||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

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Sukadev

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1. Kapitel, Vers 7

Deutsche Übersetzung:

Kaneri, Pujyapada und Nityanatha, Niranjana | Kapaali, Bindunatha und der als Kakachandishvara bekannt ist;

Sanskrit Text:

  • kānerī pūjya-pādaś ca nitya-nātho nirañjanaḥ |
    kapālī bindu-nāthaś ca kāka-caṇḍīśvarāhvayaḥ ||7||
  • कानेरी पूज्यपादश् च नित्यनाथो निरञ्जनः ।
    कपाली बिन्दुनाथश् च काकचण्डीश्वराह्वयः ॥७॥
  • kaneri pujya padash cha nitya natho niranjanah |
    kapali bindu nathash cha kak achandishvarahvayah ||7||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kānerī : Kanerin
  • pūjya-pādaḥ : Pujyapada „dessen Füße (Pada) zu verehren (Pujya) sind“
  • ca : und (Cha)
  • nitya-nāthaḥ : Nityanatha („ewiger Beschützer, ewiger Herr“)
  • nirañjanaḥ : Niranjana („der ohne Schminke, der Reine“)
  • kapālī : Kapalin („der eine Hirnschale als Bettelschale trägt“)
  • bindu-nāthaḥ : Bindunatha („Herr des Tropfens, Herr des Samens“)
  • ca : und
  • kāka-caṇḍī-īśvara : Kakachandishvara („Herr der Chandi in Form einer Krähe“)
  • āhvayaḥ : mit Namen (Ahvaya)      ||7||

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Vishnu-devananda

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1. Kapitel, Vers 8

Deutsche Übersetzung:

Allama, Prabhudeva und Ghoda, Choli und Tintini, | Bhanuki, Naradeva und Khanda, Kapalika sind diese.

Sanskrit Text:

  • allāmaḥ prabhu-devaś ca ghoḍācolī ca ṭiṇṭiṇiḥ |
    bhānukī nāra-devaś ca khaṇḍaḥ kāpālikas tathā ||8||
  • अल्लामः प्रभुदेवश् च घोडा चोली च टिंटिणिः ।
    भानुकी नारदेवश् च खण्डः कापालिकस् तथा ॥८॥
  • allamah prabhudevash cha ghodacholi cha tintinih |
    bhanuki naradevash cha khandah kapalikas tatha ||8||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

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Vishnu-devananda

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Sukadev

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1. Kapitel, Vers 9

Deutsche Übersetzung:

Diese und weitere großartige Meister, die durch das Hatha-Yoga gekommen sind, | sie überwanden die Zeit und bestehen ewig fort.

Sanskrit Text:

  • ity-ādayo mahā-siddhā haṭha-yoga-prabhāvataḥ |
    khaṇḍayitvā kāla-daṇḍaṁ brahmāṇḍe vicaranti te ||9||
  • इत्य् आदयो महासिद्धा हठयोगप्रभावतः ।
    खण्डयित्वा कालदण्डं ब्रह्माण्डे विचरन्ति ते ॥९॥
  • ity adayo maha siddha hatha yoga prabhavatah |
    khandayitva kala dandam brahmande vicharanti te ||9||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ity-ādayaḥ : diese und andere (die „so beginnenden“, Iti Adi)
  • mahā-siddhāḥ : große (Maha) Siddhas („vollendete Wesen, Meister“)
  • haṭha-yoga : (des) Hatha Yoga
  • prabhāvataḥ : durch die Macht, Kraft (Prabhava)
  • khaṇḍayitvā : nachdem sie zerbrochen haben (khaṇḍ)
  • kāla : (der) Zeit, (des) Todes (Kala)
  • daṇḍaṁ : (den) Stab (Danda)
  • brahma-aṇḍe : im Universum, in der Welt („Ei Brahmans“, Brahmanda)
  • vicaranti : wandeln umher (vi + car)
  • te : diese (Tad)   ||9||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

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Sukadev

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1. Kapitel, Vers 10

Deutsche Übersetzung:

Für die, die durch Leiden geplagt werden, ist das Hatha-Yoga die Herberge, die Zuflucht gibt. | Für die, die im Zustand des Yoga verweilen, ist Hatha-Yoga die unterstützende Schildkröte.

Sanskrit Text:

  • aśeṣa-tāpa-taptānāṁ samāśraya-maṭho haṭhaḥ |
    aśeṣa-yoga-yuktānām ādhāra-kamaṭho haṭhaḥ ||10||
  • अशेषतापतप्तानां समाश्रयमठो हठः ।
    अशेषयोगयुक्तानाम् आधारकमठो हठः ॥१०॥
  • ashesha tapa taptanam samashraya matho hathah |
    ashesha yoga yuktanam adhara kamatho hathah ||10||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • aśeṣa : (von) allen, sämtlichen (Ashesha)
  • tāpa : Leiden, Qualen (Tapa)
  • taptānāṁ : für diejenigen, die gepeinigt werden (Tapta)
  • samāśraya : (die) Zuflucht (gewährt, Samashraya)
  • maṭhaḥ : (eine) Hütte, Einsiedelei (Matha)
  • haṭhaḥ : (ist) Hatha(-Yoga)
  • aśeṣa : vollkommen, vollständig, sämtliche
  • yoga : (im) Yoga, (in der) Yogapraxis; oder: in (sämtlichen) Yogapraktiken
  • yuktānām : für diejenigen, die beschäftigt sind („konzentriert sind“, Yukta)
  • ādhāra : (die eine) Stütze, feste Grundlage (ist, Adhara)
  • kamaṭhaḥ : (wie eine) Schildkröte (Kamatha)
  • haṭhaḥ : (ist) Hatha(-Yoga)     ||10||

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Brahmananda

Die drei Tapas sind: Adhyatmika, Adhidaivika und Adhibhutika. Adhyatmika gibt es in zwei Ausprägungen: körperlich und geistig. Adhidaivika sind jene Leiden, die von planetaren Einflüssen verursacht werden und Adhibhutika sind jene, die von Tigern, Schlangen etc. verursacht werden.

Vishnu-devananda

10. Hatha Yoga ist eine beschützende Zuflucht für die von den drei Tapas (Leiden) Heimgesuchten. Für all diejenigen, die sich mit der Yogapraktik beschäftigen, ist Hatha Yoga wie die Schildkröte, die die Welt trägt.

Sukadev

10. Hatha Yoga ist eine beschützende Zuflucht für die von den drei Tapas ( Leiden) Heimgesuchten.

Also hier kommen jetzt die Eigenschaften des Schülers. Taapas.

Das ist jetzt ein langes a. Es gibt Tapas, was diese Askeseübungen sind, beziehungsweise alle intensive Praxis wird als Tapas bezeichnet. Hier das mit dem langen a, das ist Taapas, Leiden. Man kann sagen Tapas hilft, Taapas zu überwinden. Also Hatha Yoga ist eine beschützende Zuflucht für alle, die von den drei Leiden heimgesucht sind. Und diese drei Leiden werden in verschiedenen Kommentaren unterschiedlich definiert. Es gibt zB. die Definitionen in Hatha Yoga Atmika, Adhidhaivika und Adibhautika. Die findet ihr auch dort im Kommentar der Hatha Yoga Pradipika. Also, Ahdyatmika, das heißt die von uns selbst zugefügten Leiden. Und Adhidhaivika, das ist von höherer Gewalt zugefügten Leiden. Und dann gibt es Adhibhautika, das heißt die von anderen zugefügten Leiden. Also, der größte Teil der Leiden, wer fügt die uns zu? Wir selbst. Also die Adhiatmikataapa übertreffen die anderen bei Weitem.

Das kann man auch nennen subjektiv-objektive Leiden, das sind Leiden, die entstehen aus dem Zusammenlaben mit anderen Menschen. Probleme bei der Arbeit, Probleme bei der Partnerschaft und so weiter. Wenn man sich mal so überlegt, worunter wir alle leiden. Ist es wirklich notwendig, darunter zu leiden? Ist es in den meisten Fällen nicht. Aber es gibt auch von anderen zugefügte Leiden. Jemand haut einem den Arm ab, oder so. Und dann gibt’s höhere Gewalt. Und höhere Gewalt ist eben z.B. ein Fluss tritt über die Ufer und überschwemmt halb Dresden. Das fällt alles unter Adhidaivika, ein objektives Leiden. Da ist zumindest nicht direkt ein einzelner Mensch für verantwortlich, sondern da sagt man, das ist höhere Gewalt, das ist Adhidaivika. Adhiatmika, Adhibautika. Adhidaivika – Daivika – da steckt auch so was wie Deva drin, also Engelswesen, Planetenwesen, aber eben auch höhere Gewalt, Naturgewalt. An die denken wir vielleicht in unserer Zivilisation weniger. Im alten Indien gab es halt regelmäßig Hungersnöte wegen zu wenig Wasser, oder Überschwemmungen, zu viel Wasser, oder Vulkan – gut, Vulkanausbrüche weniger – aber Erdbeben gab’s immer wieder. Aber dieses Jahr haben wir auch in Deutschland gesehen, auch die Naturgewalten sind weiter machtvoll.

Gut, es gibt auch noch eine andere Definition. Es gibt körperliche Leiden, es gibt Leiden des Astralkörpers, was geistiges und emotionelles Leiden ist, und es gibt spirituelle Leiden. Körperliches Leiden sind alle Arten vom Krankheiten. Emotionell-geistiges Leiden, ich glaube, darunter kann sich jeder was vorstellen. Liebeskummer und Eifersucht und Ärger und so weiter. Und Nichterfüllung von Wünschen, Frustration, Depression, alles so emotionelle Leiden. Und dann gibt’s spirituelle Leiden. Was ist ein spirituelles Leiden? Nicht befreit zu sein. Sich bewusst zu sein: Ich bin gebunden. Wo wir es wirklich als großes Leiden empfinden, dass wir nicht selbstverwirklicht sind. Und manche Menschen wissen es nicht, was Selbstverwirklichung ist. Ihr erinnert euch an Subecha, das Verlangen nach Wahrheit, was verbunden ist mit Vairagya: Man weiß, nichts auf der physischen Ebene kann einen glücklich machen. Man weiß zwar, man könnte vielleicht, wenn man sich anstrengt, Erfolg im Beruf haben, vielleicht wär’s auch ganz nett, eine Familie zu haben, aber leben in Familie und Beruf allein kann einen nicht befriedigen. Das ist dann ein spirituelles Leiden. Oder man hat schon mal die Gegenwart Gottes gespürt, und jetzt ist er weg. Manchmal ist es besser, niemals Gott gespürt zu haben. Denn wenn’s dann Phasen gibt, wo man nichts spürt, das ist ein riesiges Leiden. Das ist so ähnlich, wie wenn ihr mal wirklich sehr verliebt wart, und dann plötzlich sieht man den anderen nicht mehr, und weiß noch nicht mal, mag er einen noch, und das noch potenziert, dass ist die Liebesbeziehung, die man zu Gott haben kann. Nicht muss, aber es gibt eine ganze Reihe, bei denen das durchaus so sein kann. Also drei Arten von Leiden.

Manchmal werden diese Verse auch interpretiert als die Eigenschaften des Schülers. Ich hatte euch gesagt, die Hatha Yoga Pradipika fängt so an, wie andere Schriften auch. Erst zu sagen, erst wird Gott gegrüßt, dann wird gesagt, Wozu ist diese Schrift, drittens wird gesagt, wird dann der Guru gegrüßt. Dann, als Viertes: Welche Eigenschaften muss ein Schüler haben, um für diese Art von Unterweisung geeignet zu sein? Die Qualifikation des Schülers. Angenommen, ihr habt eine Yogalehrer Ausbildung machen wollen, da steht was drin von Vorbedingungen: Bereitschaft für intensive Praxis, Vorkenntnisse in Hatha Yoga und Yogaphilosophie. Das sind die Qualifikationen, die man braucht. Oder angenommen, ihr wollt Mathematik studieren, was braucht ihr als Qualifikation? Abitur, und, ich weiß nicht, ob’s noch nen Numerus Clausus gibt. Gibt’s für n Mathestudium? Also das sind die Qualifikationen. Und so gibt’s beispielsweise für den Jnana Yoga Bücher, da werden auch die Qualifikationen eines Schülers aufgeführt. Und dazu gehört z.B. Viveka, Vairagya, Mumukshutva und Shatsampat. Das sind auch die vier Eigenschaften, die im Schüler erwachen. Und in manchen Büchern, z.B. in den Büchern von Shankaracharya, da steht drin, dass nur der von diesen Unterweisungen profitieren wird, der schon Vairagya, Verhaftungslosigkeit, hat, Viveka, Unterscheidungskraft zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen, dann Mumukshutva, intensives Verlangen nach Befreiung, und Shatsampat, was vereinfacht heißt, ne gewisse Kontrolle über den Geist. Also jemand, der kein Verlangen nach Befreiung hat, jemand, der denkt, dass er glücklich wäre, wenn nur die äußeren, die Außenwelt sich richtig entwickeln würde, dem fehlt also Vairagya. Und der keine Kontrolle über den eigenen Geist hat, sowie irgendwas schief geht, ist er total wütend, ärgerlich oder deprimiert, der ist für ein Studium von Jnana Yoga und Vedanta nicht so geeignet. Der muss sich erst vorbereiten über die anderen Yogawege.

Hatha Yoga ist aber sehr einfach. Das erste ist, man muss leiden an irgendetwas. Das ist einfach, oder? Jemand, der gänzlich mit allen Aspekten seines Lebens zufrieden ist, warum sollte der praktizieren? Es kann ein rein spirituelles Leiden sein. Das heißt, irgendwie merkt man, es reicht nicht aus. Es muss jetzt nicht durch eine tiefe Depression und Verzweiflung gehen, obgleich es bei relativ vielen Menschen über eine Phase von Verzweiflung oder Depression gehen. Es kann auch einfach ein Mangelgefühl sein, dass man etwas mehr braucht. Gut, und dann sagt er,

– Für all diejenigen, die sich mit der Yogapraxis beschäftigen, ist Hatha wie die Schildkröte, die die Welt trägt.

Und hier kommt ein zwoter Aspekt rein, und das ist, dass man heimgesucht ist von Leiden. Man spürt irgendeinen Mangel, und jetzt muss man auch bereit sein – ja, erstmal muss man den Mangel auch loswerden wollen. Ist auch klar, oder? Es gibt Menschen, die leiden, aber die wollen das Leiden nicht loswerden. Und der dritte Aspekt ist: Um das Leiden loszuwerden, müssen wir auch bereit sein, selbst etwas zu tun. Wir sind ja in einer ziemlichen Opfergesellschaft. Wir haben zwar vielleicht eine der gerechtesten und friedvollsten Gesellschaften, die es historisch belegt jemals gegeben hat, aber dennoch fühlt sich jeder irgendwo aus irgendwelchen Gründen leidend, weil er falsch behandelt worden ist. Sei es von den Eltern, sei es von der Gesellschaft, sei es von der Frau oder dem Mann oder den Kindern oder dem Chef oder den Untergebenen oder den Kollegen oder wie auch immer.

Bestimmte Richtungen der Psychotherapie haben das ja durchaus gefördert, dass man alle möglichen Gründe findet. Die Eltern sind an allem Schuld. Warum sind die Eltern an allem Schuld? Weil sie einen auf die Welt gebracht hätten. Gut, und ohne Zweifel gibt es alles mögliche, was die Eltern Kindern tun können, und ohne Zweifel spielt das eine große Rolle. Und wir erwarten immer, dass andere unsere Leiden beseitigen. Kennt ihr das? Wenn wir eine Erkältung haben – gut, ihr vielleicht nicht – aber die meisten Menschen, wenn sie eine Erkältung haben, was machen sie? Zum Arzt, Onkel Doktor. Was macht der? Verschreibt ein paar weiße Pillen, die muss man dreimal am Tag nehmen und schon geht’s einem gut. Natürlich, es gibt die modernere Version. Man hat eine Erkältung. Man geht zum Heilpraktiker, er verschreibt einem weiße Kügelchen. D 640. Etwas krass wahrscheinlich. Und die soll man dann alle zwei Stunden schlucken, und dann geht’s einem besser. Gut, und wenn das nichts nützt, dann geht man zum Masseur, und der massiert einen, und dann geht’s einem besser. Ist klar, oder? Oder man beschwert sich beim Chef, und der hat dann alles besser zu machen.

Gut, und für all das Leiden, sagt Swatmarama, hilft Hatha Yoga. Ist doch gut, oder? Aber dann sagt er: „Die bereit sind zur Übung.“ Im Sanskrittext wird das noch etwas klarer als hier in der Übersetzung. Es reicht nicht, nur irgendeinen Mangel zu spüren, körperlich, emotionell oder spirituell. Es gibt ja eine ganze Reihe von Menschen, bei denen äußerlich alles ok.: Familie, Beruf, befriedigende Partnerschaft. Aber irgendetwas fehlt noch, das ist spirituelles Leiden. Und Hatha Yoga hilft auch auf allen Ebenen tatsächlich. Der Körper und der Geist werden stärker und viele Arten von subjektiven Leiden verschwinden dadurch. Weil wir stärker werden, können wir auch auf unsere Umwelt besser einwirken. Und so verschwinden auch objektive Leiden. Zum einen weil wir Glück in uns selbst finden, und auch zum anderen, weil wir liebevollere und ausstrahlende Menschen werden, können auch die subjektiv-objektiven Leiden, die mit anderen Menschen in Zusammenhang gebracht werden, geheilt werden. So hilft uns Hatha Yoga auf allen Ebenen.

Die Hatha Yoga Pradipika, die Yogapraxis und das ganze Yogasystem ist: Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand. Wir nehmen Verantwortung für unser Leben auf, und wir ändern selbst etwas. Und wir sind bereit, selbst etwas zu tun. Wir sind bereit, die Opferrolle aufzugeben. Da mag ja auch irgendwas dran sein, ohne Zweifel. Es gibt ja Menschen, die hatten eine schwierige Kindheit, und die haben traumatische Erfahrungen, Missbrauchserfahrungen gehabt, aber es nutzt uns nichts, wenn wir jetzt einen Grund finden, warum wir unglücklich sind. Wir müssen auch etwas tun. Und so ist Hatha Yoga eine Weise, um etwas zu tun und zu ändern. Etwas ändern wollen und bereit sein etwas selbst zu ändern. Gut, wir öffnen uns auch für die Gnade, denn alles allein geht auch nicht. Es spricht auch nichts dagegen, alle Hilfe anzunehmen, die die Gesellschaft, Medizin und Psychotherapie uns auch anbieten, aber Hatha Yoga hilft, unsere Leiden zu überwinden, wenn wir selbst die Sache in die Hand nehmen und aufhören, Entschuldigungen für alles zu suchen. Man findet ja auch Entschuldigungen, warum man nicht praktizieren kann. Auch mit diesen Entschuldigungen sollten wir aufhören und praktizieren.

Dann sagt er: „Hatha Yoga ist wie die Schildkröte, die die Welt trägt.“ Das ist ein schönes Beispiel, ein schönes Symbol, wobei es natürlich auch ein Mythos ist, aber jedenfalls auf dieser Schildkröte kann die ganze Welt ruhen und diese Welt ist unsere persönliche Welt. Also kann Hatha Yoga zum Einen auf unserem Berufs- und Familienleben aufgebaut sein, und dann auch unser anderes sonstiges spirituelles Leben. Hatha Yoga ist kombinierbar mit jeder anderen Form der spirituellen Praxis, kombinierbar mit Bhakti-Yoga-Praktiken, ist kombinierbar mit Jnana-Yoga, ist kombinierbar mit Raja-Yoga, ist kombinierbar mit Mantra-Yoga, ist kombinierbar mit buddhistischen Praktiken, ist kombinierbar mit Vipasana und tibetischem Buddhismus, ist kombinierbar mit christlicher Mystik und christlicher Kontemplation und so weiter. Und das ist gerade heute eine große Tendenz, dass Hatha Yoga sich in alle spirituelle Traditionen irgendwie rein – wie kann man sagen, reinfiltriert, oder so ähnlich, hereingeht – integriert ist ein schönerer Ausdruck. Auch in den Atheismus wird Hatha Yoga integriert, auch da geht es. Es gibt auch eine ganze Reihe Atheisten, die auch an ihrem Charakter arbeiten und liebevolle Menschen sein wollen, humanistischen Idealen folgen, und auch diese ethischen Ideale kann man mit Hatha-Yoga-Praxis gut unterstützen. Also das kann eine Grundlage sein für alle spirituelle Praktiken. Das ist immer auch hilfreich, das seinen Schülern zu sagen, die ja auch manchmal Angst haben, dass sie in ein spezielles religiöses System reinkommen. Und das ist eben nicht der Fall, sondern es geht um die Grundlage einer spirituellen Praxis, und verschiedenste spirituelle Praktiken können so verbunden werden.

Es gibt einen Mythos mit einer Schildkröte, und diesen Mythos will ich euch erzählen weil er zu einem späteren Zeitpunkt auch noch mal wichtig wird. Die Asuras und die Devas waren miteinander im Clinch. Die Devas sind die Engelswesen, werden auch als Götter bezeichnet, aber ich halte den Ausdruck für etwas missglückt, denn dann denkt man wieder, dass es im Yoga den Polytheismus gibt, und dann gibt’s mehrere Götter, aber dem ist ja nicht so. Es gibt Brahman als das Absolute. Brahman manifestiert sich als persönlicher Gott Ishvara, der Schöpfer, Erhalter, Zerstörer ist, und dann die verschiedensten Gestalten annehmen kann. Aber im Unterschied zu diesen Manifestationen von Ishvara gibt’s eben auch Devas, und Devas sind Engelswesen. In der indischen Mythologie werden diese Engelswesen eben gesehen als Individuen und Jivas, die auch eine beschränkte Lebensdauer haben. Auch die werden irgendwann nicht mehr diesen Posten inne haben, und die waren im früheren Leben auch schon mal Menschen gewesen. Da gibt es ganze Episoden aus den Puranas, die beschreiben, wie welcher Deva zum Deva geworden ist. Der war dann im früheren Leben irgendein Mensch und hat bestimmte Dinge getan. Und weil er bestimmte Wünsche hatte und gleichzeitig aber sehr große Kontrolle über sein Prana hatte, wurde er in seinem nächsten Leben als Engelswesen wiedergeboren. Und dann in verschiedenen Manwantars, was verschiedene Zeitalter sind, dann ändern sich die Engelswesen, die bestimmte Funktionen inne haben. Zu jedem Manwantara gibt es einen anderen Indra, anderen Varuna, anderen Agni und anderen Manu zum Beispiel. Das sind also die Devas in der Mythologie.

Und dann gibt’s die Asuras. Und was sind die Asuras? Das sind die Dämonen. Die Devas werden auch als Suras bezeichnet. Das sind die Guten, die guten Eigenschaften. Su heißt gut und Asu ist dann weniger gut, schlecht. Das sind also die Asuras. Apsara, das ist wieder was anderes. Das sind die, das sind Zwischenwesen, die sind nicht ganz so fortgeschritten wie die Devas, aber die sind auch noch gut. Die Apsaras wird man als die himmlischen Nymphen bezeichnen. Das sind auch solche, die im früheren Leben mal ein Mensch waren, die dann als Apsaras wiedergeboren werden, als niedere Engelswesen. Gut, und die Asuras, das sind solche Wesen, die übernatürliche Kräfte haben, aber diese zum Schlechten einsetzen. Die zum Einen genießen, wenn sie andere quälen, und zum Anderen machtgierig sind. Und manchmal verkörpern sich die Asuras, oder auch ein Mensch kann zum Asura werden. Z. B. wenn jetzt jemand von Euch auf die Idee kommen würde, 20 Jahre 16 Stunden Pranayama am Tag zu üben, um anschließend die Weltherrschaft zu erreichen, dann würdet ihr zum Asura werden. Ihr praktiziert intensiv, um übernatürliche Kräfte zu erreichen, um damit zu Macht zu kommen. Und eine gewisse Versuchung ist immer, wenn man intensiv praktiziert und auf dem Weg voranschreitet. Man findet dort zahllose Beschreibungen in den Schriften, wie jemand versucht wurde.

Einige von euch erinnern sich an die Bhagavad Gita. Dort sollte dieser Krieg beginnen zwischen den Kauravas und den Pandavas. Und Arjuna ging dann zu Krishna, und bat ihn, ihm zu helfen. Sowohl Kauravas wie Pandavas haben überall hin Boten geschickt, und Arjuna ging zu Krishna und bat: „Oh Krishna, hilf bitte auf unserer Seite.“ Und Krishna sagte: „O.K. Du hast die Wahl: Du kannst entweder mich haben, aber ich werde nicht kämpfen, oder du kannst meine wohlausgebildete, riesengroße Jadava-Armee haben. Was wählst du?“ Was hättet ihr gewählt? Krishna! Sagt sich so leicht. Arjuna hat Krishna gewählt. Und so werden wir öfters vor die Wahl gestellt. Wollen wir Gott oder Macht oder Gottes Schöpfung? Es muss nicht immer Macht sein. Ihr kennt vielleicht den Ausdruck Versuchung. Manchmal hat man sich für irgendetwas Gutes entschlossen, und dann kommt die Chance des Lebens auf etwas, was man schon immer gewollt hat. Aber es widerspricht dem, was man sich jetzt eigentlich fest entschlossen hatte, auf dem spirituellen Weg zu tun. Es gibt, ich sag mal, so einen modernen spirituellen Aberglauben. Und das ist, wenn irgendwo eine Chance auftaucht, dann muss man die unbedingt ergreifen. Es kann sein, das es eine Chance ist, die man unbedingt ergreifen muss. Es kann sein, dass es eine Versuchung ist, dass wir jetzt nach Gottes Armee greifen und nicht nach Gott selbst. Erinnert euch da mal öfters dran. Man wird öfters vor diese Alternativen gestellt. Immer wieder kommt das.

Gut, vielleicht noch eines: Asuras können sich dann auch verkörpern. Und dort würde man z.B. sagen, so ein Hitler war eine Verkörperung von einem Asuras. Der hatte ohne Zweifel ein Riesencharisma gehabt, aber hat es zum Negativen verwendet. Und der ganze Nationalsozialismus ist eigentlich am leichtesten zu verstehen, wenn man feststellt, das war eine richtige asurische Geschichte. Da wurden ja auch schwarzmagische Praktiken gemacht. Die ganze SS sollte eine schwarzmagische Kaste werden. So ein richtiger Orden sollte das werden. Und Hitler war ja auch Vegetarier. Nicht aus Gründen von Ahimsa, sondern um sein Prana, seine Lebensenergie zu stärken. Es gab richtig schwarzmagische Orden. Das ist auch bekannt in der Geschichtsschreibung, es wird nur nicht so viel drüber gesprochen. Vielleicht ist es auch gut, dass nicht so viel drüber gesprochen wird. Swami Sivananda sagt auch gerne, du kannst negative Kräfte vermindern, indem du nicht an sie denkst. Er sagt sogar, indem du vehement ihre Existenz leugnest. Asuras verlieren ja irgendwann ihre Kräfte. Das Dritte Reich hat ja zum Schluss nicht Erfolg gehabt. Also irgendwann verschwinden diese Kräfte, und außerdem kommt das Karma irgendwann wieder zurück. Weshalb es keine längere Zeit gab, wo solche asurischen Kräfte herrschen konnten. Das schlägt relativ zügig zurück, normalerweise zu Lebzeiten des betreffenden Asuras. Durchaus auch so jemand wie Khomeini, der ist wahrscheinlich auch so zu sehen. Der sogar religiöse Traditionen fehlinterpretiert hat. Oder auch, was man am 11. September dort hatte. Asuras sind durchaus auch mit religiösen Praktiken, spirituellen Praktiken, Energiepraktiken usw. vertraut. Man könnte es auch als tamasige Lehrer bezeichnen. Aber tamasig nicht im Sinne von träge, sondern im Sinne von fehlgeleitet. Gut, wir wollen darüber jetzt nicht weiter sprechen.

Aber jedenfalls die Devas und Asuras kann man auch anders interpretieren, und so ziehe ich es ja meisten vor. Das sind die positiven und negativen Eigenschaften in uns. Und die sind auch manchmal in Clinch. Manchmal hat man bestimmte Dinge, die man sich vornimmt, weiß, die sind gut für einen und man will sie auch machen. Und dann gibt’s die Asuras. Da gibt’s den Trägheits-Asura, dann gibt’s den Alte-Essgewohnheits-Asura. Dann gibt’s den Neid-Asura. Dann gibt’s – was habt ihr noch für Asuras? Den Stolz-Asura, den Angst -Asura. Was noch? Den Gewohnheits-Asura. Übrigens auch eine interessante Sache, eine Sache in der modernen Psychologie. Die sagen, es ist hilfreich zu erkennen, dass man bestimmte Persönlichkeitseigenschaften in sich hat. Und es ist sogar gut, die mit bestimmten Namen zu benennen. Da kann man z.B. den einen Peter nennen, und den anderen Karla. Und die alle irgendwie auch ihre Berechtigung haben. Die braucht man nicht immer nur als gut oder schlecht zu bezeichnen. Also man kann durchaus als Gewohnheits-Asura bezeichnen, aber wir müssen es nicht immer verteufeln. Da kann man halt feststellen, da ist der eine, da ist der andere, irgendwie wollen sie berücksichtigt werden. Aber wir haben Buddhi und Ahamkara. Wir können letztlich entscheiden, wem wir folgen werden. Versteht ihr das?

Wir können nicht unseren ganzen Geist von heute auf morgen ändern. Zumindest nicht vollständig. Wir können auch nicht einfach die Eigenschaften in uns loswerden, die wir nicht mehr mögen. Oder wem von euch ist es innerhalb von einer Woche gelungen, eine wichtige Eigenschaft loszuwerden, die er loswerden wollte? Kommt drauf an. Kleine Dinge vielleicht, vorübergehend erst recht. Aber das braucht uns nicht zu stören, denn wir können mit unseren verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften umgehen lernen. Angenommen, ihr seid in einer Führungsrolle irgendwo in einer Firma, und dort habt ihr zwanzig Mitarbeiter. Gut, man könnte ihnen kündigen, aber mit dem deutschen Kündigungsschutz ist das nicht so leicht. Außerdem findet man nicht immer andere Kräfte wieder. Also muss man lernen, mit den zwanzig umzugehen. Und dort lernt man, den einen mehr zu fordern, den anderen weniger zu fordern, und so weiter. Man hört sich verschiedene Dinge an, und so geht man mit dem eigenen Geist um. Wir können zwar versuchen, den einen stärker werden zulassen, schwächer werden zu lassen, manchmal würd’ man gern einem Teil in unserem Geist kündigen, aber in den meisten Fällen sind die unkündbar. Und da kann es durchaus helfen, wenn man sagt: Aha, mein Gewohnheitsgeist ist wieder da, oder: Aha, da ist wieder mein Trägheitsgeist, oder mein Depressionsgeist, oder sogar: Mein Selbstmordschatten macht sich wieder breit. Ja, manche Menschen haben radikalere Teile in sich. Die haben alle so ihre Funktionen und ihren Sinn.

Gut, jedenfalls wollte ich noch den Mythos zu Ende erzählen. Dort waren also die Devas und die Asuras. Und nach vielen Kämpfen haben die gedacht, anstatt immer miteinander zu kämpfen, können wir ja auch mal etwas gemeinsam machen. Die haben sich beraten, fanden das eine tolle Idee, und die dachten, wir wollen jetzt den Milchozean quirlen. Denn es heißt, wenn der Milchozean gequirlt wird, dann kommen alle möglichen tollen Dinge raus, und schließlich bekommt man den Nektar der Unsterblichkeit. Sie nahmen also den Berg Meru, den Weltenberg, den höchsten Berg, und wanden um den Berg Meru die Weltenschlange Vasuki herum, und gaben den Meru in den Milchozean, und dann zogen die Devas an der einen Seite und die Asuras an der anderen, und so wurden der Meru immer wieder gedreht. Und so quirlten sie den Milchozean. Jetzt gab’s ein Problem, dass während sie quirlten, drohte der Berg zu versinken. Und so beteten sie zu Vishnu, und Vishnu nahm die Gestalt einer Schildkröte an. Und diese Schildkröte ging dann auf den Grund des Ozeans, und so wurde dann der Weltenberg Meru auf die Schildkröte aufgesetzt. Jetzt versteht ihr hier, die Schildkröte, die die Welt trägt. Und dann quirlten die Devas und Asuras weiter, und sie bekamen alle möglichen wunderschönen Dinge: Geschmeide, und Indras weißer Elefant, und Varunas Wagen, und einen Regen- und einen Sonnenschirm, und verschiedene Heilkräuter. Und der Danvantari, das war einer der Devas, der kam dann hin, und er bekam dort auch bestimmte Dinge zur Heilung aus dem Milchozean und begründete so Ayurveda. Und alle möglichen phantastischen Dinge kamen dort raus. Und dann plötzlich sich verdunkelte sich alles und das schreckliche Gift Halahala breitete sich aus. Und dieses schreckliche Gift Halahala drohte die ganze Welt zu zerstören. Und so beteten die Devas und die Asuras zu Shiva. Und Shiva in seiner Gnade manifestierte sich und er befahl dem Gift Halahala in seine Hand zu kommen. Und er nahm es auf in seine Hände und trank das Gift Halahala. Und das Gift, welches alle drei Welten zerstört hätte, färbte Shivas Kehle blau. Und deshalb heißt Shiva Nila Kantha, der mit der blauen Kehle. Auf manchen Bildern sieht man, dass die Kehle Shivas noch etwas dunkler ist, als der restliche Körper. Gut, und anschließend quirlten die Asuras und die Devas weiter. Da gibt’s jetzt verschiedene Puranas, und die beschreiben verschiedenen Enden der Geschichte. Ich überlege grade, welche ich euch erzähle. Ich erzähle euch mal das, was mir am besten gefällt. Es gibt noch ein anderes Ende, da werden die Dämonen betrogen, das widerstrebt meinem Gerechtigkeitssinn. Deshalb erzähle ich euch die, ich glaube, sie stammt aus der Shiva Purana. Die Vishnu Purana, da inkarniert sich noch Vishnu als Mohini. Also Shiva hat dann das Halahala zerstört, und die Devas und die Asuras quirlten weiter, und dann kam plötzlich ein großer Topf mit diesem Nektar. Und die Devas und Asuras tranken von diesem Nektar und verschmolzen ineinander. Und damit hatten sie die Unsterblichkeit erreicht. Gut, wofür steht der Nektar der Unsterblichkeit? Für die Selbstverwirklichung.

Gut, die Geschichte symbolisiert sehr wichtige Tatsachen auf dem spirituellen Weg, und Entwicklungen. Gut, am Anfang liegt viel auf dem spirituellen Weg. Wir haben gute und schlechte Eigenschaften, die bekämpfen sich, Devas und Asuras. Und die Devas und die Asuras in uns, die guten und die schlechten Eigenschaften, die verbünden sich jetzt, um spirituelle Praktiken zu machen. Dann macht man vielleicht mal so’n Waffenstillstand und sagt: Wir bemühen uns jetzt gemeinsam. Und durchaus, wenn man mit Hatha Yoga beginnt, sind verschiedene Motive dabei. Wir haben Deva-Motive und Asura-Motive. Eben das Motiv, gut auszusehen, mehr Prana zu haben, mit seinem Stress besser umgehen zu können, erfolgreich im Beruf zu sein. Vielleicht es irgendjemandem zu zeigen, dass man doch besser ist, also durchaus asurische Tendenzen. Mit Deva-Tendenzen, dass man jetzt an sich selbst arbeiten will, Selbstverwirklichung erreichen will, und so weiter. Wir haben alle das Deva-Motiv der Selbstverwirklichung, und vielleicht auch, mehr Kraft zu bekommen, anderen zu helfen und zu dienen. Viele sind hier her gekommen, weil sie gemerkt haben, Yoga unterrichten ist etwas sehr Schönes, aber sie wollen gerne mehr wissen und mehr weitergeben zu können, eine sehr selbstlose Motivation. Aber es gibt auch asurahafte Gründe, Yoga zu üben. Welche z.B.? Um reich zu werden. Als Yogalehrer reich zu werden, ist zwar schwierig in Deutschland, aber wir können sagen: Haben wir mehr Prana können wir Menschen besser beeinflussen, manipulieren, oder wir haben einen 16-Stunden-Tag, da müssen wir schnell wieder fit sein, um mehr Geld zu bekommen. Und es gibt nichts Schnelleres, um wieder Energie zu bekommen, als einne halbe Stunde Asanas, Pranayama, Tiefenentspannung. Wenn man das gut macht, kann man in einer halben Stunde wieder topfit sein. Zu Zeiten, als in Amerika die New Economy richtig am boomen war, und alle möglichen Leute im Silikon Valley Tag und Nacht nur in der Firma waren, da hat die Hälfte all dieser Leute, so stand es im Yoga Journal, Yoga praktiziert. Weil ohne Yoga hätten sie diese Menge an Arbeit nicht ausgehalten. Gut, andere machen Yoga um kreativer zu werden und durch mehr Kreativität immer berühmter und bekannter und so weiter zu werden. Und im Grunde genommen sagt die Hatha Yoga Pradipika auch, letztlich ist es gar nicht so wichtig, aus welchem Grunde wir anfangen. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir nicht vollständig asurisch werden. Aber am Anfang, realistisch gesehen, haben Menschen verschiedene Ziele. Manche haben auch das Ziel, jung auszusehen, schön auszusehen, haben vielleicht gesehen, eine Kollegin hat Yoga praktiziert. Seit dem sie Yoga praktiziert, sieht sie zehn Jahre jünger aus. Und wird die Beliebteste, und da wollen sie genauso werden. Auch durchaus eine Wirkung von regelmäßiger Yogapraxis. Alles asurische Motive, die nicht gleich negativ sind. Und so können wir alle Teile unserer Persönlichkeit hineinstecken.

Und dann fangen wir an, den Milchozean zu quirlen. Was ist der Milchozean? Unser Geist und unser Unterbewusstsein, das Prana-Geist-System. Um den zu quirlen, nehmen wir den Berg Meru, den müssen wir drehen bzw. bearbeiten. Was ist der Berg Meru? Das ist die Sushumna, die feinstoffliche Wirbelsäule. Und da binden wir die Schlange Vasuki herum, und in dem wir an der Vasuki ziehen, wird der Meru bewegt. Und Vasuki ist natürlich die Kundalinienergie. Und wenn wir das machen, dann droht irgendwann der Meru zu versinken, und dann brauchen wir die Schildkröte. Und die Schildkröte ist hier Hatha Yoga. Hatha Yoga ist die Schildkröte. Und da gelten insbesondere die Asanas als ne gewisse Festigkeit. Hatha Yoga ohne Asanas, das entbehrt manchmal ner gewissen Festigkeit. Dann heben die Menschen zu sehr ab, oder fallen zu sehr runter. Asanas, das hilft, dass man die Erdung nicht zu sehr verliert. Weder in die Erdung reinfällt noch die Erdung verliert. Asanapraxis – die Schildkröte. Dann geht’s weiter und es kommen alle möglichen phantastischen Dinge heraus. Und was sind das? Muss noch nicht mal übernatürlich sein, aber die verschiedenen Wirkungen des Yogas. Dann kann es sein, dass man gesünder wird. Weniger Rückenschmerzen, weniger Kopfschmerzen, und dass man jünger aussieht, strahlendere Augen hat, Menschen verlieben sich mehr in einen, die Aura sehen kann, seinen physischen Körper verlassen kann Heilwirkungen entdeckt, kreativer wird, seine Bestimmung im Leben entdeckt. Man weiß, was man will, man hat mehr Durchsetzungsfähigkeit, und so weiter. Alles ausgezeichnete Dinge.

Und irgendwann kommt Halahala. Es gibt kleine Halahalas, vielleicht nur Halas, und es gibt die großen Halahalas. Gut, die kleinen sind bestimmte Reinigungswirkungen, die auftauchen, die ihr sicher auch schon erfahren habt. Übelkeit, Erbrechen, Kopfweh, und solche Sachen. Diese Art von Halahala kann man überwinden über den Pfau. Für Menschen, die, wenn sie intensiv praktizieren, an solchen Reinigungserfahrungen leiden, ist der Pfau eine gute Sache, wie auch vielleicht vor und nach dem Pfau ein Glas Wasser zu trinken.

Es ist nicht so, dass wir von dem Moment an, wo wir anfangen, spirituell zu praktizieren, alle Probleme verschwinden, sondern einige verschwinden und was anderes kommt. Das sind Reinigungssachen. Und irgendwann kommt das große Gift Halahala, und das große Gift Halahala ist? Das ist, wenn man beginnt, sich auf das Ganze was einzubilden. Dagegen hilft der Pfau leider nicht, dann hilft Gebet. Dann nimmt uns Gott das Ego. Egoismus und Stolz. Wir bilden uns auf die ganze Sache was ein. Und dann zerstört das all unseren Fortschritt. Und nicht nur Fortschritt. Irgendwann, wenn der Egoismus besonders groß ist, verliert man alle anderen Sachen auch. Und was macht man dann mit seinem Ego? Wie geht das in der Geschichte? Wie machen das die Devas? Sie beten zu Shiva und bitten: Shiva, bitte hilf uns gegen dieses Halahala. Unser eigenes Ego zu vernichten, ist für uns unmöglich. Es ist alles gut, was das Ego beseitigt. Es ist jetzt die Frage, wie wir Ego definieren. Ein Ahamkara und ein Buddhi brauchen wir weiter. Ein Ego im Sinne von egoistisch, das brauchen wir nicht. Aber natürlich im Sinne von einem Ich, das brauchen wir weiter, sonst können wir kein Karma mehr aufarbeiten. Gut, und  Asuras und Devas verschmelzen miteinander. Es gibt keine guten und schlechten Eigenschaften mehr. Als Selbstverwirklichter ist man jenseits aller Dualitäten.

Ich hab mal erzählt, irgendwann wurde mir klar, wie das Ego so arbeitet. Und dann hab ich einen Yogi, der zu Besuch war, das ist schon zehn Jahre her, gefragt: „Was kann ich machen, um am Ego zuarbeiten? Wenn ich viel Asanas mache, dann denk ich, wie toll ich Asanas mache. Wenn ich dann viel Mantras singe, um demütig zu sein, nachher find’ ich, dass ich ja besser bin als die anderen, weil ich mehr Mantras singe, während die anderen sich was drauf einbilden, dass sie gut Asanas können. Und wenn ich dann weniger insgesamt mache, dann bild ich mir was drauf ein, dass ich jetzt weniger mache, um mein Ego zu schwächen. Wenn ich versuche, anderen zu dienen, dann bilde ich mir nachher was drauf ein, wie toll ich anderen diene. Wenn ich bete, dann bild ich mir was drauf ein, wie toll ich bete.“ Und so hab ich gesagt: „Was soll ich machen? Das Ego ist überall.“ Da hat er nur gelacht und hat gesagt: „Jeder muss seine Pflicht tun. Deine Pflicht ist es, Sadhana zu machen. Menschen zu dienen, Gott zu dienen, dem Guru zu dienen. Gottes Aufgabe ist es, dein Ego wegzunehmen. Daher kümmere dich nicht zu sehr um dein Ego. Bete vielmehr zu Gott, und er wird sich drum kümmern.“ Und das macht er tatsächlich. Und nicht nur auf die angenehme Weise. Swami Sivananda hat das genannt: the Egoectomy. Wer von euch medizinische Kenntnisse hat, der weiß: abhendoectomy. Das ist die Entfernung des Wurmfortsatzes, Blinddarms. Und so gibt es verschiedene –ectomies, Wegschneidung, und Gott hat die Aufgabe, Egoectomy zu machen.

Ich hab euch gerade den Schildkrötenmythos erzählt. Man kann auch in diesem Vers sehen, dass für die Hatha Yoga Praxis bestimmte Voraussetzungen für den Schüler sind. Man kann sagen, es gibt dort drei. Was sind die drei Voraussetzungen? Man muss ein Leiden oder einen Mangel an etwas verspüren, es fehlt einem irgendwas. Zweitens? Man will’s loswerden. Drittens? Bereit sein, selbst etwas dafür zu tun.

Die nächsten Verse geben bestimmte Grundlagen für jemand, der eine Vollzeit-Hathayogapraxis machen will. Es gibt so eben die Möglichkeit, intensiv Tapas zu üben, wie es genannt wurde. Also zwischen einer Woche und sechs Monaten. Das sind so die typischen Zeiten meist. Einige sind zwischen einem Monat und sechs Monaten, man kann aber auch mal eine Woche machen. Und in dieser Zeit würde man dann sich nur mit intensiven spirituellen Praktiken beschäftigen. Und hier gibt er ein paar Hinweise, wenn man das machen will, was für äußere Hilfen das sind.

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1. Kapitel, Vers 11

Deutsche Übersetzung:

Die Wissenschaft des Hatha-Yoga ist streng geheim zu halten von dem Yogi, der nach Erleuchtung strebt. | Sie ist kraftvoll im Verborgenen, bedeutungslos, [wenn sie] zur Schau gestellt [wird].

Sanskrit Text:

  • haṭha-vidyā paraṁ gopyā yoginā siddhim icchatā |
    bhaved vīryavatī guptā nirvīryā tu prakāśitā ||11||
  • हठविद्या परं गोप्या योगिना सिद्धिम् इच्छता ।
    भवेद् वीर्यवती गुप्ता निर्वीर्या तु प्रकाशिता ॥११॥
  • hatha vidya param gopya yogina siddhim ichchhata |
    bhaved viryavati gupta nirvirya tu prakashita ||11||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • haṭha : (des) Hatha(-Yoga)
  • vidyā : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • paraṁ : äußerst, aufs äußerste (Para)
  • gopyā : zu verbergen, geheim zu halten (Gopya)
  • yoginā : von einem Yogi
  • siddhim : Erfolg, Vollkommenheit (Siddhi)
  • icchatā : der wünscht (iṣ)
  • bhavet : (sie) ist, wird sein (bhū)
  • vīrya-vatī : kraftvoll, wirkungsvoll, mächtig (Virya)
  • guptā : (wenn) verborgen, geheimgehalten (Gupta)
  • nirvīryā : kraftlos, wirkungslos, machtlos (Nirvirya)
  • tu : jedoch (Tu)
  • prakāśitā : (wenn) offengelegt, öffentlich gemacht (Prakashita)     ||11||

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Brahmananda

In diesem Buch beschreibt er diese Vorgänge im Detail, aber dennoch sagt er, dass der Yogi es verborgen halten sollte. Es ist also offensichtlich, dass nicht alles preisgegeben wird und die wichtigsten Vorgänge direkt vom Guru gelernt werden sollten. Daraus folgt, dass jener, der dies nach einem theoretischen Studium und ohne Guru ausführt, zu Schaden kommen wird. Der Adkari oder Kandidat sollte die folgenden Qualifikationen aufweisen:
a. Er sollte seinen Verpflichtungen nachkommen und frei von persönlichen Motiven und Bindungen sein.
b. Er sollte sich in Yama und Niyama (später beschrieben) vervollkommnet und den Intellekt geschult haben. Er sollte Ärger überwunden haben.
c. Er sollte gänzlich seinem Guru und Brahmavidya ergeben sein.

Vishnu-devananda

11. Der Yogi, der das Verlangen nach Siddhi hat, sollte Hatha Yoga streng verborgen halten, denn es ist nur wirksam, wenn es verborgen gehalten wird. Es wird inhaltslos, sobald es ungerechtfertigt preisgegeben wird.

Kein Wunder, dass die Meister sich weigern, unterschiedslos alle Kandidaten zuzulassen und betonen, ein Aufnahmewürdiger ist die seltene Blütenerscheinung eines Zeitalters.
Das ist eine Mahnung, das Wissen verborgen zu halten. Breite es nicht vor jedem Beliebigen aus. Es ist ein Vidya, ein Wissen – etwas, das nicht für die Alltäglichkeit gedacht ist. Wenn der Schüler zum Lehrer kommt, beurteilt der Lehrer, ob er bereit ist. Darüber hinaus ist dies nichts für gedankenlose Verbreitung. Es ist nur für euch selbst. Eure Praktik sollte niemand anderem enthüllt werden, da man kein Verständnis haben wird. Sie ist auch nicht für die öffentliche Vorführung gedacht.

Sukadev

11. Der Yogi, der das Verlangen nach Siddhi hat,

Siddhi in der Einzahl heißt Vollkommenheit. Siddhis in der Mehrzahl sind die übernatürlichen Kräfte. Also

– Der Yogi, der das Verlangen nach Siddhi hat, sollte Hatha Yoga streng verborgen halten, denn es ist nur wirksam, wenn es verborgen gehalten wird. Es wird inhaltslos, sobald es ungerechtfertigt preisgegeben.

Das erzähl ich jetzt vor einer Versammlung von 70 Yogalehrern. Gut, es hängt davon ab, was wir weitergeben. Ich hoffe, ihr habt noch von der Yogalehrerausbildung in Erinnerung, ihr solltet nicht alles weitergeben, was ihr hier praktiziert.

Gerade die Praktiken, die der Swatmarama nachher beschreibt, sollte man nicht gleich in nem Anfängerkurs erzählen. Also jetzt nicht erzählen, dass man 4 Mal 2 Stunden am Tag Pranayama machen sollte. Erzählt nicht gleich in der ersten Stunde über die Kriyas, die dort sind, und über die komplexen Mudras, damit verwirrt ihr nur die Menschen. Und so muss man bewusst sein, wem erzählt man was. Auch in der ersten Klasse wird einem nicht die Differenzial- und Integralrechnung beigebracht, sondern das 1×1, vermutlich nur das 1+1 und 2-1 und so weiter. Wenn man der Erstklässlern versuchen würde, Differenzial- und Integralrechnung beizubringen, dann gäb es nur frustrierte Schüler und Lehrer. So ist das auch im Hatha Yoga.

Ihr lernt, wie man Asanas und Pranayama weitergebt. Ihr solltet aber nicht die JalandharaBandha weitergeben. Ihr solltet nicht die Samanu-Konzentration weitergeben, nicht den Gebrauch von Bija-Mantras weitergeben. Und auch nicht Ujjayi, Kumbhaka, Surya Bedha und Bhastrika in ihren fortgeschrittenen Variationen. Und auch nicht die fortgeschritteneren Mudras. Man sollte nicht die Perlen vor die Säue werfen, das ist ein Aspekt. Und ein Zwoter ist, wenn Menschen nicht in einem energetischen Schutzfeld sind, so wie hier, und man gibt dann Praktiken weiter, dann können die zu Ungleichgewichten führen. Weshalb wir es z.B. so machen, dass wir diese Art von Praktiken nur hier im Ashram oder auch im Rahmen von mehrjährigen Yogalehrerausbildungen weitergeben, oder wenn jemand ganz besonders befähigt ist und von mir dazu autorisiert wird. Es gibt auch in den ein oder anderen Zentren mal eine Ausnahme. Aber hier in dem Ashram gibt’s so ne Grundenergie. Außerdem haben die Leute die richtige Ernährung, die sie dazu brauchen. Und so kann man diese fortgeschrittenen Techniken weitergeben. Aber ihr solltet diese fortgeschrittenen Techniken nicht an Anfänger weitergeben. Es gibt wenige, die diese Hatha Yoga Pradipika so kennen. Man kann sehr viel machen. Ihr könnt die Stellungen länger halten. Ihr könnt mehr in die Variationen gehen. Ihr könnt beim Pranayama durchaus die Chakrenkonzentration machen, aber ohne Jalandhara Bandha.

Es gibt da schon ne ganze Menge, was man machen kann, ohne in diese Techniken zu gehen. Grundsätzlich nicht. Es sei denn, du hast jetzt schon einige fortgeschrittene Seminare gemacht. Und wenn du dann weißt, dass du Schüler hast, die sicher vegetarisch sind, und sicher jeden Tag Asanas , Pranayama und Meditation praktizieren, dann könntest du überlegen. Man muss auch selbst schon eine Weile die wirklich geübt haben, und dann muss man sicher sein, dass das Menschen sind, die die Voraussetzungen für diese Techniken erfüllen. Mula Bandha kann man schon unterrichten. Auch Uddhiyana Bandha im Stehen, spricht nichts dagegen, auch Ujjayi als Atemtechnik kann man unterrichten, aber eben nicht UjjayiKumbhaka mit allen Bandhas. Man könnte auch eine einfache Variation von Surya Bedha unterrichten. Rechts einatmen, anhalten, links ausatmen. Oder Chandra Bedha, links einatmen, anhalten, rechts ausatmen. Diese einfachen Variationen, aber nicht mit Bandhas und so weiter. Bija- Mantras normalerweise nicht. Gut, und genauso, wenn ihr selbst praktiziert, dann erzählt ihr nicht allen, dass ihr praktiziert, und was ihr grad praktiziert. Also wenn ihr sagt: „Einmal die Woche schlucke ich zwei Liter Salzwasser und speie sie wieder aus“, dann bringen die Leute nur Zweifel in euren Geist. Oder wenn ihr sagt: „Ich steh jeden Tag zwei Stunden lang auf dem Kopf“, finden die Leute auch ein bisschen komisch. Aber wenn die Leute fragen: „Du schaust so toll und gut gelaunt aus, was machst du?“ Dann kann man sagen: „Ja, ich praktiziere Yoga“. Man muss es ja nicht detaillierter angeben. „Und wo kann man das lernen?“ „Ja, ich gebe jeden Donnerstag einen Kurs von 19 – 20 Uhr.“ Da braucht man jetzt keine Hemmungen zu haben. Und es ist natürlich auch gut, wenn viele Menschen die Grundlagen des Hatha Yoga lernen. So sagt ja auchKrishna im 18. Kapitel der Bhagavad Gita: Keiner tut mir einen größeren Gefallen, als derjenige, der spirituelles Wissen weitergibt. Und das sind selbst die Asanas und Pranayama, wenn sie mit der richtigen Konzentration,Atmung, Entspannung weitergeben werden, ist das eine Vermittlung spirituellen Wissens.

Noch etwas zur Aussprache: Taapas mit langem a ist Leiden, Tapas mit kurzem a ist Askeseübungen oder intensive Praxis. Das ist manchmal so ein Unterschied. Z.B. auch beim OM Tryambhakam, da gibt’s zum Schluss Maamritat. Das heißt führe mich zur Unsterblichkeit. Wenn ihr statt dessen Mamritat sagt, das heißt führe mich zum Tod. Mrityor Mukshya Mamritat, das ist, wenn ihr Selbstmordgedanken hegt. Aber ihr wisst, dass es karmisch nicht erlaubt ist, sich selbst umzubringen, dann schafft man sich nur noch mehr Probleme. Dann kann man Mamritat sagen und hoffen. Also bitte sagt immer: „Maamritat“. Ist klar? Das ist zwar jetzt nicht so, wenn ihr’s falsch aussprecht, dass ihr dann gleich sterben werdet. Nichts desto trotz, wenn wir manchmal Inder zu Besuch haben, und die hören dann, eine Zuhörerschaft von 100 Leuten, die darum bitten, möglichst schnell umgebracht zu werden, dann empfinden die das als etwas eigenartig. Weshalb manche Inder, wenn sie in den Westen kommen, sagen sie nicht: „Maamritat“, sondern sagen: „Ma-amritat“, dass keiner auf die Idee kommt, es falsch auszusprechen. Oder auch Asatoma, sat gamaya, tamaso ma, jyotir gamaya, mrityor maamritam gamaya – führe mich von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit. Wenn man dagegen sagt: „Mrityor mamritam gamaya“, das heißt: Führe mich von der Sterblichkeit direkt zum Tod. Oder auch, es heißt: Harre Rama, Harre Rama, Rama Rama Harre Harre. Und Harre ist ein Beiname von Vishnu, und es heißt: Der die Herzen aller zu sich zieht. Es heißt auch so was wie: Bitte zieh mich zu dir. Wenn wir statt dessen sagen: „Ha-a-re Harre, Ha-a-re Harre“, – Ha-a-re heißt: Bring mich um. Kann man ja auch sagen: Bring mein Ego um“, oder: „Vernichte mich“. Eigentlich nicht: Bring mich um, sondern: Vernichte mich. Ha-a-re Harre. Also bitte nicht: Ha-a-re, sondern: Harre oder: Hare-e, das ist auch gut. Der Swami Vishnu hat immer den Kirtan gestoppt, wenn jemand gesagt hat Ha-a-re Hare. Er hat fast alles durchgehen lassen, aber wenn jemand gesagt hat, vernichte mich, oder töte mich, das hat er immer gestoppt. Gut, aber keine Angst, wenn ihr das falsch ausgesprochen habt. Letztlich, sehr viel zählt das Herz. Aber am Besten ist, man hat das Herz dabei, man weiß die Bedeutung und man spricht es korrekt aus. Dann habt ihr alles gut. Gut.

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1. Kapitel, Vers 12

Deutsche Übersetzung:

Der Hatha-Yogi soll in einer Einsiedelei wohnen, | diese soll 2 Meter lang sein und entfernt von Felsen, Wasser oder Feuer, | sie soll sich in einem tugendhaften Königreich befinden, in einer gefahrlosen Gegend, wo es viele Almosen gibt.

Sanskrit Text:

  • su-rājye dhārmike deśe su-bhikṣe nirupadrave |
    dhanuḥ-pramāṇa-paryantaṁ śilāgni-jala-varjite |
    ekānte maṭhikā-madhye sthātavyaṁ haṭha-yoginā ||12||
  • सुराज्ये धार्मिके देशे सुभिक्षे निरुपद्रवे ।
    धनुः प्रमाणपर्यन्तं शिलाग्निजलवर्जिते ।
    एकान्ते मठिकामध्ये स्थातव्यं हठयोगिना ॥१२॥
  • surajye dharmike deshe subhikshe nirupadrave |
    dhanuh pramana paryantam shilagni jala varjite |
    ekante mathika madhye sthatavyam hatha yogina ||12||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • su-rājye : in einem guten Königreich (SuRajya)
  • dhārmike : voller Tugenden, voll Rechtschaffenheit (Dharmika)
  • deśe : in einer Gegend (Desha)
  • su-bhikṣe : reich an Nahrungsmitteln, reich an Almosen (SuSubhiksha)
  • nir-upadrave : frei von Gefahren (Nirupadrava)
  • dhanuḥ-pramāṇa* : (einer) Bogenlänge (ein Längenmaß, Dhanus-Pramana)
  • paryantaṁ* : (im) Umkreis (Paryanta)
  • śilā* : Steine, Felsbrocken (Shila)
  • agni* : Feuer (Agni)
  • jala* : Wasser (Jala)
  • varjite : frei von (Gefahren durch, Varjita)
  • ekānte : an einem einsamen Ort (Ekanta)
  • maṭhikā : (einer) Hütte, Klause, Einsiedelei (Mathika)
  • madhye : inmitten (Madhya)
  • sthātavyaṁ : soll wohnen („ist zu wohnen“, Sthatavya)
  • haṭha-yoginā : (ein) HathaYogi    ||12||

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda gibt eine „Bogenlänge“ als ein „Maß (Matra) von vier (Chatur) Ellen“ (Hasta) an, was ca. 184 cm entspricht: dhanuḥ-pramāṇaṃ catur-hasta-mātraṃ. Dort, wo (yatra) sich der Sitz (Asana) des Yogi befindet, sollen im Unkreis (Paryanta) einer Bogenlänge bzw. in einer Entfernung (Matra) von vier Ellen (catur-hasta) keine Steine (Shila), kein Feuer (Agni) und kein Wasser (Jala) sein: yatrāsanaṃ tataś catur-hasta-mātre śilāgni-jalāni na syur.

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

12. Der Praktizierende von Hatha Yoga sollte alleine in einer kleinen Matha oder Klause leben, die auf einem Platz liegt, der frei ist von Gestein, Wasser und Feuer – in der Reichweite einer Bogenlänge, und in einem fruchtbaren Landstück, von einem tugendhaften König regiert, wo er nicht gestört wird.

Das Land sollte eines sein, in dem die Leute keine Vielfraße, Banditen oder Gewalttäter sind. Es sollte eine friedliche Umgebung haben, eine ohne Terroristen, Räuber oder Diebe. In einer großen Stadt ist es oft gefährlich, unterwegs zu sein; ein Platz auf dem Land ist gewöhnlich besser geeignet. „Ein Landstrich, von einem tugendhaften König regiert“, ist dort, wo der König Dharma praktiziert. Viele Länder werden von Diktatoren regiert, und sind Orte, wo es gesetzlich verboten ist, solche Dinge zu praktizieren. Ich möchte sie nicht beim Namen nennen, aber in bestimmten Ländern könntet ihr für diese Praktiken verhaftet werden. Wir müssen völlige Freiheit für unsere Praktik haben, ohne Angst vor Störungen.
Ihr müsst euch an einem Ort aufhalten, wo Nahrung zur Verfügung steht. Ohne sattvige Nahrung, wie reichlich Gemüse, Früchte und Milch, könnt ihr nicht meditieren oder Hatha Yoga praktizieren.
„Frei von Steinen, Wasser und Feuer“: Das sind sehr genaue Anweisungen. „Die Reichweite einer Bogenlänge (einen Bogenschuss weit)“, das ist vielleicht zwischen fünfzehn und zwanzig Meter. Stellt euer Zelt oder eure Behausung weiter als zwanzig Meter von einem Abhang entfernt, wegen des Steinfalls. Stellt eure Behausung nicht in einem Gebiet auf, das Waldbränden, Erdbeben oder Vulkanen ausgesetzt ist. Stellt euer Zelt nicht in der Nähe eines Sumpfes auf, der euch Störungen von Moskitos und andere Plagen bringen wird. Das sind alles gesundheitliche Erwägungen. Sie sollten von niemandem leichtfertig übergangen werden, der diesen mühsamen YogaWeg einschlägt.

Sukadev

12. Der Praktizierende von Hatha sollte alleine in einer kleinen Matha oder Klause leben, die auf einem Platz liegt, der frei ist von Gestein, Wasser und Feuer – in der Reichweite einer Bogenlänge, und in einem fruchtbaren Landstück, von einem tugendhaften König regiert, wo er nicht gestört wird.

Gut, das klingt jetzt hier etwas eigenartig. Aber zunächst mal – frei ist von Gestein, Wasser und Feuer, in der Reichweite einer Bogenlänge, das heißt innerhalb von 15, 20 Metern ist da kein Fluss. Nicht, dass man sich jetzt intensiv hingelegt, hingesetzt hat zu Pranayama und dann gibt’s ne Überschwemmung. Und auch muss man aufpassen, dass dort nicht irgend eine Feuergefahr herrscht. Auch aufpassen, dass es nicht am Abhang ist, dass man nicht vom Steinschlag erschlagen wird. Das sind einfache Dinge, aber wenn sich jemand in die Einsamkeit begibt, dann ist es wert, solche praktischen Erwägungen zu haben. Gut – fruchtbarem Landstück – im alten Indien, in den Subtropen, da konnte man sich ernähren mit dem, was es dort gab im Wald. Da gab’s ein paar Mangobäume, und n paar Bananenbäume, und n paar andere. Und wenn man das hat, dann braucht man sich nicht um die Nahrung zu kümmern. Ansonsten ist es gut, sich schon vorher um die Nahrung zu kümmern, das man nicht in die Großstadt gehen muss, um seinen Vollkornreis zu besorgen, dass man schon genügend im Voraus hat. Und: – Von einem tugendhaften König regiert. Das heißt, es gibt Diktaturen, wenn dort jemand Yoga machen würde, der würde umgebracht werden. Z.B. früher in Afghanistan, wenn jemand dort Yoga gemacht hätte, der wäre der Häresie für schuldig befunden werden, und der wäre gesteinigt worden. Oder auch im Iran, wenn jemand eine Puja machen wollte, das würde als Gotteslästerung angesehen werden, und die Menschen würden vor’s Revolutionsgericht gebracht werden. Asanas, glaub ich, dürfen heutzutage in Persien gemacht werden, aber man muss da sehr aufpassen. Auch früher in Ostdeutschland, das war auch nicht so einfach. Nicht ohne Grund sind heute die führenden Anatomie- und Physiologieforscher in Yoga aus östlichen Ländern. Also Yoga Darshana, einer der Vereine, die sich die wissenschaftliche Erforschung von Yoga zum Ziel gemacht haben, hat den Sitz in Leipzig. Und dann gibt’s einen Professor Dostanek an der Universität in Prag, der seit 30 Jahren die Forschungen in den physiologischen Aspekten des Yoga macht. Eigentlich haben all die Leute, die das initiiert haben, mit Wissenschaft gar nicht so viel am Hut gehabt, die wollten das praktizieren können. Und um das rechtfertigen zu können, mussten sie zeigen können, dass es physiologisch gut ist. So herum war dann die Reihenfolge. Und in einem Land, wo Religionsfreiheit herrscht und Praxisfreiheit, da konnte man so was machen. In diesem Land, wenn man sagt, man macht jetzt 12 Stunden am Tag Pranayama, dann wird man zwar für verrückt erklärt, aber man wird nicht ins Gefängnis gesteckt und auch nicht erschossen. Von daher haben wir da Vorteile.

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1. Kapitel, Vers 13

Deutsche Übersetzung:

Mit einer kleinen Tür, ohne Fenster, Löcher oder Spalten, nicht zu hoch oder niedrig, vollständig mit einer dicken, intakten Schicht von Kuh-Dung beschmiert, komplett frei von Getier. | Auch äußerlich ist die kleine Hütte ordentlich mit Umzäunung, Altar, von einer freien Fläche umgeben. Genau so wurde die Yoga-Klause sogar von den Meistern für den Hatha-Yogi beschrieben.

Sanskrit Text:

  • alpa-dvāram arandhra-garta-vivaraṁ nāty-ucca-nīcāyataṁ
    samyag-gomaya-sāndra-liptam amalaṁ niḥśesa-jantūjjhitam |
    bāhye maṇḍapa-vedi-kūpa-ruciraṁ prākāra-saṁveṣṭitaṁ
    proktaṁ yoga-maṭhasya lakṣaṇam idaṁ siddhair haṭhābhyāsibhiḥ ||13||
  • अल्पद्वारम् अरन्ध्रगर्तविवरं नात्युच्चनीचायतं
    सम्यग्गोमयसान्द्रलिप्तम् अमलं निःशेसजन्तूज्झितम् ।
    बाह्ये मण्डपवेदिकूपरुचिरं प्राकारसंवेष्टितं
    प्रोक्तं योगमठस्य लक्षणम् इदं सिद्धैर् हठाभ्यासिभिः ॥१३॥
  • alpa dvaram arandhra garta vivaram naty uchcha nichayatam
    samyag gomaya sandra liptam amalam nihshesa jantujjhitam |
    bahye mandapa vedi kupa ruchiram prakara samveshtitam
    proktam yoga mathasya lakshanam idam siddhair hathabhyasibhih ||13||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • alpa : (mit) kleiner (Alpa)
  • dvāram : Tür (Dvara)
  • a-randhra : ohne Öffnung, ohne Fenster (Randhra)
  • garta : Loch, Grube (a-Garta: ohne Löcher oder Vertiefungen, eben)
  • vivaraṁ : Öffnung, Spalte, schadhafte Stelle  (a-Vivara: ohne Spalten)
  • na : nicht (Na)
  • ati : allzu (Ati)
  • ucca : hoch (Uchcha)
  • nīca : niedrig (Nicha)
  • āyataṁ : sich erstreckend, sich ausdehnend (Ayata)
  • samyak : vollständig, auf die rechte Weise (Samyak)
  • gomaya : (Schicht aus) Kuhdung (Gomaya)
  • sāndra : (mit einer) dicken (Sandra)
  • liptam : beschmiert (Lipta)
  • amalaṁ : makellos, rein (Amala)
  • niḥśesa : vollständig, restlos (Nihshesha)
  • jantu : Ungeziefer, Insekten, Getier (Jantu)
  • ujjhitam : frei (von, Ujjhita)
  • bāhye : draußen, außerhalb (der Hütte, Bahya)
  • maṇḍapa : (einen) einer Gottheit geweihten Ort, (einen kleinen) Schrein (Mandapa)
  • vedi : Opferaltar (Vedi)
  • kūpa : Brunnen (Kupa)
  • ruciraṁ : schön, ansprechend, zusagend (durch, Ruchira)
  • prākāra : (einer) Mauer, (einem) Wall (Prakara)
  • saṁveṣṭitaṁ : umgeben (mit, Samveshtita)
  • proktaṁ : wurde gegeben, wurde gelehrt (Prokta)
  • yoga-maṭhasya : einer Yoga-Klause (YogaMatha)
  • lakṣaṇam : Beschreibung („Definition“, Lakshana)
  • idaṁ : diese (Idam)
  • siddhaiḥ : von den vollkommenen Meistern (Siddha)
  • haṭha : (des) Hatha(-Yoga)
  • abhyāsibhiḥ : den Praktzierenden (Abhyasa)   ||13||

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Brahmananda

Wenn es sehr hoch ist, gibt es große Schwierigkeiten hochzukommen, wenn es sehr lang ist, wird das Auge weit wandern. Nandikeshwara fügt dem hinzu: „Die Klause sollte von Blumengärten und Weiden umgeben sein, damit das Auge des Yogis ruhig wird, wenn es auf ihnen ruht. Auf die Wände seines Raumes sollte er Bilder vom Rad des Daseins und dem ihn begleitenden Elend zeichnen. Er sollte eine Verbrennungsstätte darstellen und die Narakas (die Höllen oder Reinigungsplätze nach dem Tod), so dass der Geist des Yogi Abneigung und Entsetzen diesem weltlichen Leben gegenüber annimmt.“

Vishnu-devananda

13. Die Matha (Klause, Einöde) sollte eine sehr kleine Türe haben. Sie sollte fensterlos sein. Sie sollte eben und ohne Löcher sein. Sie sollte weder zu hoch noch zu lang sein. Sie sollte sehr sauber sein, täglich mit Kuhdung überschmiert und frei von allen Insekten. Außen sollte sie einen kleinen Platz mit einem erhöhten Sitz haben, und einen Brunnen. Das Ganze sollte von einer Mauer umgeben sein. Das sind die Wesensmerkmale einer Yoga-Matha, wie sie von den Siddhas dargelegt worden sind, die Hatha Yoga ausgeübt haben.

Matha bedeutet Hütte (oder es kann ein Ashram sein). Sie sollte keine so großen Fenster haben, dass euer Geist nach außen wandert. Kuhdung wurde in Indien in alten Zeiten verwendet, als es noch keinen Zement für den Fußboden gab. Wenn er über den nackten Erdboden verschmiert war, trocknete er zu einer harten Oberfläche, die die Insekten vom Eindringen abhielt. Er wird sogar heute noch in ländlichen Gegenden verwendet.

Sukadev

13. Die Matha (Klause, Einöde) sollte eine sehr kleine Türe haben. Sie sollte fensterlos sein. Sie sollte eben und ohne Löcher sein.

Das ist hauptsächlich, damit keine Tiere reinkommen. Weder Löwen noch Tiger, und auch dass die Wespen und Mücken nicht zuviel Einlass finden.

– Sie sollte weder zu hoch noch zu lang sein. Sie sollte sehr sauber sein, täglich mit Kuhdung überschmiert und frei von Insekten.

Kuhdung – in Indien ist die Kuh heilig. Und zwar aus guten Gründen. Nicht nur aus spirituellen Gründen. Die Kuh ist ein eigentlich auch Symbol für Sanftmütigkeit. Wenn man in Indien auf der Straße war und dort diese Kühe sieht, die sind eigentlich so – gut, manchmal sind es Tyrannen, weil sie sich nicht fortbewegen – aber wenn man nicht will, dass sie sich fortbewegen, dann kann man sie streicheln, man kann alles mögliche mit ihnen machen, es sind sehr sanftmütige Tiere. Aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. Denn die Kühe geben erstens Milch, eine Hauptquelle für Eiweiße. Zwotens waren früher die Bullen die Zugtiere, die den Pflug gezogen haben, und der Dung der Kühe war der Hauptbrennstoff. Der wird in der Sonne getrocknet, und anschließend dann kann man den zum Kochen nehmen. Und bis heute noch wird in großen Teilen Indiens in dörflichen Regionen das Essen mit Kuhdung gekocht. Manchmal sieht man da so richtig an den Straßen diese Kuhfladen. Da werden dann so richtige Berge, Hügel draus gemacht, Kuhfladenhügel. Mit denen wird dann Handel getrieben und so weiter. Und dieser getrocknete Kuhdung, den kann man mit Wasser auch wieder auflösen, und da kann man so eine Farbe draus machen, die sehr weiß ist, eine sehr natürliche Farbe, die auch Insekten abwehrt, obwohl sie nicht riecht. Und bakterizid wirkt, also es ist etwas hygienisches.

– Außen sollte sie einen kleinen Platz mit einem erhöhten Sitz haben,

dass, eben wenn man mal draußen meditieren will, dass man dann draußen meditieren kann. Und erhöht natürlich, dass da die Ameisen nicht hochkrabbeln.

– und einen Brunnen.

Dass man was zu trinken hat.

– Das Ganze sollte von einer Mauer umgeben sein.

Dass man nicht von Löwen und Tigern gefressen wird.

– Das sind die Wesensmerkmale einer Yoga-Matha, wie sie von den Siddhas dargelegt worden sind, die Hatha Yoga ausgeübt haben.

Gut, in unserer heutigen Zeit ist das jetzt nicht so ganz anwendbar. Aber ihr könnt dort die Grundprinzipien anschauen. Wenn ihr intensiv üben wollt, dafür zu sorgen, dass man was zu essen hat, dass man von anderen Leuten nicht gestört wird. Günstig ist auch ein Ashram. In einen Ashram zu gehen, wo eine spirituelle Schwingung ist, wo man alles kriegt, was man zum Essen braucht. Man kann auch ein Zelt aufstellen, dann hat man seine Matha. Swami Vishnu interpretiert das immer in Bezug auf das Zelt. Denn, sein Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika war während eines 14-Tage-Sadhana-Intensiv, wo er die Teilnehmer zu Pranayama bis zu sechs, acht Stunden am Tag angeleitet hat. Und dort war die Voraussetzung, dass jeder in einem Zelt schläft. Bisschen Askese.

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1. Kapitel, Vers 14

Deutsche Übersetzung:

Wahrlich in eben dieser Klause, frei von Sorgen, | soll Yoga wahrlich genau so geübt werden, wie es vom Lehrer unterrichtet wurde.

Sanskrit Text:

  • evaṁ-vidhe maṭhe sthitvā sarva-cintā-vivarjitaḥ |
    gurūpadiṣṭa-mārgeṇa yogam eva samabhyaset ||14||
  • एवं विधे मठे स्थित्वा सर्वचिन्ताविवर्जितः ।
    गुरूपदिष्टमार्गेण योगम् एव समभ्यसेत् ॥१४॥
  • evam vidhe mathe sthitva sarva chinta vivarjitah |
    gurupadishta margena yogam eva samabhyaset ||14||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • evaṁ-vidhe : in (einer) sogearteten (Vidha)
  • maṭhe : Klause (Matha)
  • sthitvā : sich befindend, wohnend (sthā)
  • sarva : aller (Sarva)
  • cintā : Sorgen (Chinta)
  • vivarjitaḥ : ledig (Vivarjita)
  • guru : (vom eigenen) Meister (Guru)
  • upadiṣṭa : (wie) es gelehrt wurde (Upadishta)
  • mārgeṇa : in der Weise („auf dem Weg“, Marga)
  • yogam : den (Haṭha-)Yoga
  • eva : einzig, allein, ausschließlich (Eva)
  • samabhyaset : soll man praktizieren (sam + abhi + as)       ||14||

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Brahmananda

Auf die Notwenigkeit, beim Ausüben von Yoga einen Guru zur Seite zu haben, wird hier eindringlich hingewiesen. Die Yogabija sagt: „Wer Yoga ausüben will, sollte einen Guru haben.“ – Die verschiedenen Standard-Werke zu Yoga sind, meine ich, nicht so sehr für Anfänger oder Schüler gedacht, sondern für Lehrer, als Leitfäden, um das Üben ihrer Schüler zu regeln. Sogar in der Medizin würde jemand als Quacksalber und Scharlatan in Verruf geraten, der eine Behandlung nach Gutdünken verschreibt, ohne die Natur und die Besonderheiten des Systems seines Patienten gründlich studiert zu haben, und ohne die Fähigkeit, die Auswirkung verschiedener Medikamente auf den inneren Organismus klar zu sehen. Aber im Hatha Yoga, wo der geringste Fehler in Tod oder Wahnsinn enden kann, ist es absolut notwendig, einen Guru zu haben, der den ganzen Weg erfolgreich durchschritten hat, der klaren Durchblick durch unser System hat und die Auswirkungen der verschiedenen Vorgänge beobachten und in Übereinstimmung bringen kann.

Vishnu-devananda

14. Auf so einem Platz sollte der Yogi seinen Geist von allen Sorgen befreien und den Yoga, den ihm sein Guru lehrt, ausüben.

Es ist nicht so, dass der Yogalehrer ein Babysitter ist, ständig am Aufpassen. Er führt dich.
Er sollte Pranayama nur unter der Anleitung seines Gurus beginnen. Ansonsten könnte er den richtigen Gebrauch des Zwerchfells nicht kennen.
Raja Yoga sagt: „Kaivalya kann man bei allem Studium der Vedas, Shastras und Tantras ohne die Anweisungen eines Gurus nicht erlangen.“ Das heißt, das bloße Studieren all der Bücher bringt nicht das ersehnte Ergebnis, ihr müsst praktizieren. Viele Leute lesen die Bhagavad Gita oder die Ramayana und sie setzen nichts in die Tat um. Andere lesen die Bibel und dann gehen sie und rauchen. So eine Handlungsweise wird euch nichts bringen. Das Umsetzen in die Tat ist wichtig.
Im Skanda Purana wird gesagt: „Die acht Stufen des Yoga sollen nur von einem kompetenten Guru gelernt werden. Die Siddhis sollen nur aus Shivas Hand erlangt werden.“ „Acht Stufen“ bezieht sich auf Ashtanga (achtgliedriges oder Raja Yoga). Die Siddhis werden von Shiva nur erlangt, wenn ihr wisst, dass ihr von diesen Kräften keinen Gebrauch machen werdet. Dann kommen sie automatisch zu euch.
Die Srutis sagen: „Die Mahatmas enthüllen diese Dinge nur dem, der eine tiefe Ergebenheit vor seinem höheren Selbst hat und eine ebensolche für seinen Guru. Nur wer einen Acharya oder Guru hat, weiß.“ Das heißt, dass die Siddhis oder das Wissen nur jemanden gegeben werden, der Hingabe an das Höhere Selbst hat, nicht an das Ego oder an den Körper. Ergebenheit an den Guru ist auch deshalb notwendig, weil Gott und Guru eins sind. Da Gott nicht direkt zu Hilfe kommen wird, muss es sich in eurem Lehrer verkörpern. Wie viel Platz das Schülerverhältnis einnimmt, das richtet sich nach der Natur des Lehrers. Einige Gurus mögt ihr nur für einen Tag haben. Gurudev Sivanandas Lehrer brauchte nur eine Stunde zu bleiben, weil Sivananda schon in vergangenen leben praktiziert hatte. Nach nur wenig weiterer Praktik wurde er ein großer Meister. Dann, Jahre später, als er mich berührte, kam all mein vergangenes Wissen, und er machte mich zu einem Hatha Yoga Professor. Mein Meister saß nicht mit mir beisammen und lehrte mich all diese Dinge. Ich hatte schon vorher nach seinem „Sadhana Tattwa“ praktiziert, aber seine Gegenwart wurde gebraucht, um diese vergangenen Erinnerungen zurückzubringen.
Ein Lehrer wird benötigt, um dieses Wissen von Samskaras (subtilen Eindrücken) aus vergangenen Leben zu wecken. Ihr seid nicht bloß unwissend oder blind geboren. Der Lehrer öffnet die Samskaras durch Berührung, Geruch oder Lehren usw. In den alten Zeiten war das für den Lehrer der gebräuchlichste Weg zu lehren.

Der Lehrer selbst muss auch durch dieses Üben gegangen sein und sein Leben diszipliniert haben, um diese Lebensordnung euch auferlegen zu können. Er muss wissen, wie viel er euch geben kann, da er eure Entwicklung sieht. Er muss wie ein Doktor verschreiben: vielleicht ein bestimmtes Maß von Japa, um eine übermäßig rajasige Natur zu reduzieren etc.

Sukadev

14. Auf so einem Platz sollte der Yogi seinen Geist von allen Sorgen befreien und den Yoga, den ihn sein Guru lehrt, ausüben.

Gut, egal, wo ihr seid, ihr könnt euch auch vorstellen, dass ihr in einer Matha seid. Denn wir sind da, wo unser Geist ist. Das mach ich auch manchmal. Hab ich zumindest gemacht, als ich in den Stadtzentren war und viel praktiziert habe. Da hab ich so am Anfang mir vorgestellt, ich bin jetzt irgendwo mitten in Indien im Dschungel, und da bin ich in ner Hütte und hab mir dann die Hatha-Yoga-Verse dort geistig wiederholt, und hab mir vorgestellt, da bin ich. In dem Moment, wo man denkt, dass man da ist, da ist man auch da. Ihr könnt in einem dreißigstöckigen Hochhaus sein in der fünfundzwanzigsten Etage, und da mag unten ne sechsspurige Autobahn vorbeifahren – in dem Moment, wo ihr dort oben denkt, ihr seid in einer Klause, in dem Moment seid ihr in einer Klause. Also geistig dort. Und dann eben sagen: Jetzt bin ich allein und praktiziere für mich. Und für die Zeit der Praxis befreit man seinen Geist von allen Sorgen. Wie macht man das? Gar nicht so einfach. Eine Weise wäre, in dem man seinem Geist sagt: „Du, Geist, in zwei Stunden kann ich mir wieder Sorgen machen. Für die nächsten zwei Stunden verschiebe ich das.“ Das muss man dann systematisch immer wieder machen. Das ist so ähnlich, wie wenn man ein Kleinkind hat, und das Kind sagt: „Mama, ich will ein Eis.“ Dann: „Jetzt nicht, erst in zwei Stunden.“ Was macht das Kind in einer Viertelstunde? „Mama, ich will ein Eis. Wann kann ich ein Eis haben?“ Und dann muss man sie irgendwie ablenken, das ist der nächste Punkt. Man muss die Kinder ablenken. Es nutzt jetzt nichts, wenn die Kinder sagen: „Mama, ich will ein Eis“, jetzt stundenlang ihnen zu erklären, warum das Eis nicht gut für sie ist. Manchmal muss man auch aushalten, dass die Kinder frustriert sind. So ähnlich muss man’s auch mit seinem Geist aushalten können. Manchmal muss man den Geist ablenken, und manchmal hilft das mit dem verschieben am Besten. Ich hab zwar noch selbst keine Kinder großgezogen, aber ich erlebe hier öfters Kinder und krieg’s vielleicht besonders mit, wenn Freunde von mir herkommen mit Kindern, wie der Chandra oder der Yogihari oder der Chanmok, dann sehe ich, dass sie durchaus unterschiedliche Kindererziehweisen haben. Im Grunde genommen kann man so auch mit seinem eigenen Geist umgehen. Gut, und dann

– den Yoga, den ihn sein Guru lehrt, ausüben.

Insbesondere wenn man am Anfang der Praxis ist, sollte man sich an die klassischen Regeln halten von jemandem. Wenn man fortschreitet in der Praxis kommt man irgendwo an Punkte, wo man vielleicht auch von anderen Techniken etwas profitiert. Und irgendwann kommt man an nen Punkt, wo einen die innere Energie weiterführt. Auch das sollte man dann öfters mal überprüfen. Dann kann man jemand fragen und sagen: „Ich hab’s beim letzten Mal gespürt, ich will das so und so machen. Ist das so o.k.?“ Ich z.B. hab das beim Swami Vishnu so gemacht. Ich hab erst eine ganze Weile nur das praktiziert, was er mir gesagt hat. Und dann hab ich öfters auch was gelesen, und dann hab ich öfters auch gespürt, was mein Körper von selbst machen wollte. Und dann hab ich ihn danach gefragt, und er hat mir gesagt, was o.k. ist, und was nicht o.k. ist. Diese Praktiken sind sehr machtvoll, und so ist es gerade am Anfang gut, sich an die Sachen zu halten, und es ist auch später gut, die Sachen öfters mal von jemand zu fragen, ob das soweit o.k. ist. Nicht das unsere Energien in eine falsche Richtung gehen.

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1. Kapitel, Vers 15

Deutsche Übersetzung:

Überessen, Überanstrengung, Schwätzen und Regelhörigkeit; | oberflächliche Geselligkeit und Unbeständigkeit, durch diese sechs [Untugenden] geht das Yoga verloren.

Sanskrit Text:

  • atyāhāraḥ prayāsaś ca prajalpo niyama-grahaḥ |
    jana-saṅgaś ca laulyaṁ ca ṣaḍbhir yogo vinaśyati ||15||
  • अत्याहारः प्रयासश् च प्रजल्पो नियमाग्रहः ।
    जनसङ्गश् च लौल्यं च षड्भिर् योगो विनश्यति ॥१५॥
  • atyaharah prayasash cha prajalpo niyama grahah |
    jana sangash cha laulyam cha shadbhir yogo vinashyati ||15||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • atyāhāraḥ : Übermaß im Essen (Atyahara)
  • prayāsaḥ : (unangemessene) Anstrengung, Überanstrengung (Prayasa)
  • ca: und (Cha)
  • prajalpaḥ : Geschwätz, unbesonnene Worte (Prajalpa)
  • niyama : (unangemessene) Regel(n), Gelübde, Observanz(en, Niyama)
  • grahaḥ : Sichklammern (an), Bestehen, Versessensein (auf, Graha)
  • jana : (mit) Leute(n, Jana)
  • saṅgaḥ : (unpassender) Umgang, Verkehr (Sanga)
  • ca: und
  • laulyaṁ : Unruhe, Unbeständigkeit, Gier, Verlangen (Laulya)
  • ca : und
  • ṣaḍbhiḥ : durch (diese) sechs (Shash)
  • yogaḥ : (der) Yoga
  • vinaśyati : geht verloren, wird zunichte, wird wirkungslos (vi + naś)   ||15||

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Brahmananda

Die Gelübde sind solche Dinge, wie z. B. in kaltem Wasser früh am Morgen zu baden, Mahlzeiten (nur) in der Nacht einzunehmen, und Fasten.

Vishnu-devananda

15. Der Yogi geht durch Überessen, harte körperliche Arbeit, zu viel Reden, das Einhalten von (unpassenden) Gelübden, schlechte Gesellschaft und Unbeständigkeit zugrunde.

Das sind Warnungen. Gewisse Dinge werden euch keinen Erfolg bringen; ihr werdet das Ziel nicht erreichen. Harte körperliche Arbeit z. B. Wenn ihr intensiv Asanas und Pranayama praktiziert, könnt ihr nicht zehn Stunden Holz fällen. Reduziert es eben. Ein kaltes Bad kann zu einer bestimmten Zeit gut sein, aber nicht während intensivem Pranayama. E s wird eure Nerven zertrümmern. In solchen Zeiten ist nur ein warmes Bad erlaubt. Ebenso solltet ihr nicht nahe beim Feuer sitzen. So wie ihr euch während dieses intensiven Sadhanas nicht mit Nahrung überladen könnt, dürft ihr zu einer solchen Zeit nicht länger als drei bis vier nichts essen, da dies den Körper schwächt. Ihr solltet eine leichte, ausgewogene, festgelegte Diät einhalten. Geht nicht in Extreme. Ebenso esst auch nicht vor dem Schlafengehen, weil ihr sonst am frühen Morgen nicht fähig seid, richtig Pranayama auszuführen.

Sukadev

15. Der Yogi geht durch Überessen, harte körperliche Arbeit, zuviel Reden, das Einhalten von unpassenden Gelübden, schlechte Gesellschaft und Unbeständigkeit zugrunde.

Was jetzt jeder Einzelne darunter verstehen will, das muss jedem Einzelnen überlassen sein.

Das heißt nicht, dass man deshalb stirbt. Aber die Yogaschwingung des Yogis, dann ist man nämlich kein Yogi mehr. Das gilt natürlich in besonderem Maße, wenn man intensiv praktiziert. Aber diese Verse über die Grundlagen, im Grunde genommen auch die nächsten Verse gehen alle über die Yamas und Niyamas. Da sind erst mal zwei Vorverse, und dann ein Vers über die Yamas und dann eine Vers über die Niyamas. Gut, also all das gilt es zu vermeiden. Natürlich, das erste ist Überessen.

– Es gilt zu vermeiden zu Überessen.

Wenn man zuviel isst, dann ist es schwierig, anschließend den Geist zu erheben, Skorpion zu machen und Pfau zu machen und solche Sachen, aber über den Essensaspekt will ich jetzt nicht zu viel reden. Auch wenn er immer der faszinierendste ist. Die klassische Menge der Speise ist, den Magen halb mit fester Nahrung zu füllen, ein Viertel mit flüssiger Nahrung zu füllen und ein Viertel zur Verehrung von Shiva freizulassen. Also, der Swami Sivananda schreibt, es wäre immer gut, ein klein wenig hungrig zu sein. Kleiner Hunger ist auch so was wie ein kleines Prana, das man immer hat. Also nicht Überessen.

– Harte körperliche Arbeit

das freut jetzt einige, zumindest einige Mitarbeiter vom Haus, die schon immer gedacht haben, die Kisten zu tragen wäre schwere körperliche Arbeit, also man muss sehen, was harte körperliche Arbeit ist. Harte körperliche Arbeit. Wobei ihr wissen müsst, was im alten Indien als harte körperliche Arbeit bezeichnet wird, das ist was anderes, als was Menschen heute als harte körperliche Arbeit bezeichnen. Also wenn ihr mal einen Schrank von hier nach dort transportiert, oder einen großen Kochtopf ein bisschen umrührt, das ist nicht harte körperliche Arbeit. Aber wenn ihr von morgens bis abends auf dem Feld arbeitet, und zwar nicht mit Maschinen, sondern von acht Uhr morgens bis zwanzig Uhr abends dort schwer die Erde umwühlt, vielleicht mit einer Schaufel, noch dazu mit einer Holzschaufel, das ist dann schwer, die Energie zu finden, spirituell zu praktizieren und Pranayama oder Asanas zu machen. Also zu harte körperliche Arbeit, dass man dann nur noch kaputt und geschafft nach Hause kommt, das ist jetzt nicht so geeignet.

Es gilt jetzt im besonderen Maße, wenn man die Pranayamapraxis intensivieren will, dass man dann nicht zu viel macht, was zu intensiv auch körperlich ist. Also angenommen, ihr wollt jetzt mal eine intensive Pranayamapraxis machen, so zwei bis sechs Stunden am Tag, dann würdet ihr auch keinen Hochleistungssport parallel machen, dann würdet ihr auch nicht in die Sauna gehen, obgleich die sonst sehr positiv ist, man würde auch eiskalte Duschen vermeiden, obgleich ihr wisst, dass ich normalerweise Wechselbäder empfehle gegen Kreislaufbeschwerden, schlechte Durchblutung, Erkältung usw. Aber wenn man intensiv praktiziert, dann will man den Körper nicht noch zusätzlich schockieren. Genauso, wenn man intensiv Pranayama übt, sollte man auch nicht fasten, obgleich Fasten allgemein was Gutes ist. Aber wenn ihr mehr als zwei Stunden am Tag Pranayama macht, dann ist das Fasten nicht angebracht, es sei denn ihr habt das schon länger gemacht und kennt euren Körper ausreichend gut.

– Zu viel reden

natürlich auch. Manche Menschen reden wie ein Wasserfall. Der Swami Sivananda hat mal auch lustig gesagt: „Manche Menschen leiden unter lingual diarrhoea“, das ist so wie Wortdurchfall. Sie hören nicht mehr auf zureden. Und so sollte man öfters auch schweigen. Nicht zuviel reden. Natürlich auch nicht zu wenig reden. Ich glaube, im Koran steht etwas, was auch in der Manu Smriti steht. Manchmal auch interessant, das man die gleichen Dinge an verschiedenen Stellen findet. Dort heißt es: Wenn man was sagen will, sollte man erst überlegen, ob’s korrekt ist. Wenn’s nicht korrekt ist, wenn’s nicht Satya ist, sollte man den Mund halten. Zweite Frage: Entspricht es Ahimsa, Nicht-verletzen? Wenn es Ahimsa nicht entspricht, dann Schweigen. Und als Drittes fragt man: „Ist es notwendig, das zu sagen?“ Und wenn es nicht notwendig ist, dann schweigt man. Wenn man das jetzt wörtlich nähme, dann würde man wahrscheinlich kaum mehr sprechen. Also, nicht zu viel reden. Das gilt natürlich mehr für Menschen, die eine Neigung haben, viel zu reden. Menschen, die eher schüchtern sind, könnten lernen, mutiger zu sein.

– Das Einhalten von unpassenden Gelübden.

Z.B. kann man sagen: „Von heute an werde ich nie mehr ärgerlich werden.“ Was bringt ein solches Gelübde? Nur ein schlechtes Gewissen. Es gibt eine Geschichte von jemandem, der hat jahrelang sich damit beschäftigt, seinen Geist zur Ruhe zu bringen. Und eines Tages dachte er, jetzt habe ich meinen Ärger bezwungen. Und er schrieb an seine Hütte oben drauf: Ich habe den Ärger bezwungen. Und freudestrahlend ging er raus und hielt Vorträge darüber, über die Überwindung des Ärgers. Und dann kamen Leute zu ihm und der eine sagte: „Oh Großer, wie hast du deinen Ärger bezwungen?“ „Ja, ich habe alles Gott anvertraut, ich habe zu Gott gebetet, und durch die Gnade Gottes bin ich ohne Ärger geworden.“ Da kam der nächste und sagte: „Hast du wirklich deinen Ärger bezwungen? Das kann ich gar nicht glauben.“ „Ja, hab ich.“ „Was hast denn du noch gemacht?“ „Ich hab meditiert und jeden Tag zwanzig Minuten gesagt: „Ich bin geduldig, OM, OM, OM.“ Da kam der Nächste und sagte: „War das wirklich alles? Und du hast den Ärger wirklich bezwungen?“ Und so kamen ständig Leute und fragten: „Hast du den Ärger bezwungen?“ Und schließlich, nach dem Hundertsten: „WIE OFT SOLL ICH EUCH DENN NOCH SAGEN, DASS ICH DEN ÄRGER BEZWUNGEN HAB!“ Also, bestimmte Gelübde sind nicht passend. Oder ihr macht das Gelübde: Ich werde jetzt dreimal am Tag sechs Stunden hintereinander meditieren.

Auf Sanskrit steht dort Vrata. Und Vrata ist so ein Vorsatz. Und eben einen nicht passenden Vorsatz zu fassen hilft nicht. Es ist schon gut, einen Vorsatz zu fassen. Das gehört zu den Niyamas im Hatha Yoga, aber ein unpassender Vorsatz ist nicht gut. Es gibt natürlich auch in der andern Richtung unpassende Gelübde. Z.B. lege ich jetzt das Gelübde ab: Ich werde in diesem Jahr keine Zigarette rauchen. Wäre das sinnvoll? Noch nie habe ich auch nur eine Zigarette an meinen Lippen gehabt, die angezündete war. Es macht jetzt keinen Sinn, dass ich ein solches Gelübde ablege. Wenn ich jetzt ein solches Gelübde ablege: Ich werde jetzt zwei Monate lang keine Süßigkeiten essen. Würde ich auch hinkriegen, ich hab so was schön öfters gemacht, das wär eine sinnvolle Vrata. Aber es wäre jetzt auch nicht sinnvoll, wenn ich sagen würde: „Von heute an esse ich gar nichts mehr.“ Oder ich sage: „Von heute an meditiere ich sechs Stunden am Stück.“ Im besten Fall kriege ich ein schlechtes Gewissen, im schlimmsten Fall halte ich’s durch und breche mir alle Knie.

Das führt nur dazu, dass ihr die Lust verliert. Man muss in dem Maße üben, wie es einem selbst entspricht. So sollte man passende Vorsätze fassen. Es ist durchaus gut, sich Vorsätze zu fassen. Der Swami Vishnu hat uns gerne gefragt: Wisst ihr, warum man Vorsätze fasst? Um sie zu brechen. Warum? Vorsätze zu fassen für etwas, was einem leicht fällt, macht keinen Sinn. Ich habs noch nie geschafft, mehr als zwei Schlucke Wein über die Lippen zu bringen, da wurd mir immer übel. Was mir in der Schulzeit immer ein böses Auslachen der anderen gebracht hat, aber es ging einfach nicht. Von daher besteht hier keine Rückfallgefahr. Also wenn man sich einen Vorsatz fasst, dann sollte das was sein, was realistisch zu machen ist, aber was doch auch nicht ganz so leicht fällt. Und der Swami Vishnu hat noch gesagt, wenn man sich einen Vorsatz fasst, dann sollte man gleich eine Konsequenz einbauen, falls man sich nicht an den Vorsatz hält. Ihr kennt das vielleicht von eurer Kindheit noch. Gute Eltern haben gesagt: „Das darfst du nicht machen, und wenn du später nach Hause kommst, dann . . .“ – fruchtete nichts, dann sind sie nicht konsequent gewesen – dann kann man zB. sagen: „Am nächsten Morgen gibt’s kein Frühstück.“ Gut, da könnt ihr euch was Passendes einfallen lassen. Gut, dann

– durch schlechte Gesellschaft.

Was ist schlechte Gesellschaft? Müsst ihr selbst entscheiden. Im engsten Sinne ist schlechte Gesellschaft, wenn ihr in der Umgebung seid von Mafiosi, die alle drogensüchtig sind und jeden Tag jemand anders umbringen. Das ist sehr schlechte Gesellschaft, und diese Gesellschaft ist nicht so sehr geeignet, um Yoga zu praktizieren. Nur ob wir in schlechter Gesellschaft noch lange Yogis sein werden, ist eine andere Frage. Es hängt jetzt von der eigenen Stärke ab. Und genau so auch – vorher wurde von zu viel reden gesprochen. Es nutzt auch nichts, zu viel mit so Leuten zu diskutieren. Oft machen die einem dann mehr Zweifel, als dass man sich inspirieren lässt. Man muss schauen, wem kann man was sagen und mit wem kann man über was sprechen. Wir brauchen nicht der Mülleimer von anderen Menschen zu sein, wir brauchen nicht der – Swami Sivananda hat gesagt, mental gymnastics machen, geistige Gymnastiken mit ständiger Diskussion, überhitzten Diskussionen, ist alles überflüssig. Anderen helfen zu wollen, anderen dienen zu wollen, gut, und damit seinen ständigen Broterwerb zu tätigen, das ist alles gut.

Der Aristoteles hat gesagt: wir sind ein zoon politicon econ. Der Mensch ist ein zoon politicon, das heißt ein geselliges Wesen. Viele Menschen würden sich als unpolitisch bezeichnen, aber das ist nur unvollständig. Politik ist das, was die Geselligkeit des Menschen regelt. Also wir sind ein geselliges Wesen. Und econ hat er such gesagt: vernunftbegabt. Nicht ein vernünftiges, wohlgemerkt. Die Biologen haben uns zwar als homo sapiens sapiens bezeichnet, das heißt, der doppelt kluge Mensch. Aber wenn wir uns die Menschen angucken, so doppelt klug sind sie nicht. Aber wir sind vernunftbegabt. Wir könnten die Vernunft einsetzen, wenn wir wollten. Man kann sich das so überlegen: Man kann die Vernunft einsetzen, es ist möglich. Zu Unrecht wird in spirituellen Kreisen die Vernunft manchmal etwas abgewertet. Und es wird manchmal behauptet, in unserer Gesellschaft würde die Vernunft entwickelt und die Emotion nicht. Meine Behauptung ist: Weder die Vernunft noch das Herz wird entwickelt. Wenn man sich die Welt anschaut, was dort gemacht wird, ist das vernünftig? Wenn man sich eine Speisekarte anguckt, ist das vernünftig? Wenn wir uns angucken, wie Menschen ihr Leben verbringen, ist das vernünftig? Aber wir sind vernunftbegabt. Ich kann euch mal erzählen, ich habe mal auf einem ganz anderen Gebiet so ein Schlüsselerlebnis gehabt. Ich hatte unglücklicherweise keinen Vater, der wie Väter es normalerweise machen, mir beigebracht hätte, wie man mit Hämmern und Schraubenziehern usw. umgeht. Die Mutter hat uns beigebracht, wie man mit Staubsauger und Klobürste umgeht. Man Vater hat zwar mit uns Fußball gespielt, aber Handwerker war er nicht. Und so hab ich lange die Schwierigkeit gehabt, wenn irgendwo in einem Yogazentrum was zu tun war, war ich reichlich hilflos. Und das ist etwas schwierig. Ich hab festgestellt, Frauen haben es da manchmal leichter. Wenn die hilflos wirken, dann finden die manchmal Männer, die für sie im Haus etwas richten. Ich hatte dort große Schwierigkeiten gehabt, jemand zu finden. Und dann hat mir mal jemand was ganz Banales gesagt. Er hat mir ne Aufgabe gegeben. Da hab ich gesagt: Ich kann das nicht. Ich bin kein Handwerker. Da hat er gesagt: Du musst nur deine Logik verwenden. Und dann geht das schon. Das war so ein Schlüsselerlebnis. Ich hab gedacht, alles ist logisch. Und tatsächlich, anschließend konnt’ ich Einiges reparieren, mehr oder weniger gut. Es ist mir dann sogar gelungen, im Frankfurter Zentrum einige Lampen einzubauen, weil ich mir überlegt habe, wie es logisch ist. Da habe ich heroische Heldentaten gekonnt. Das kann man auf vielen Ebenen anwenden, diese Logik. Zu viele Menschen machen sich zu schnell eine Blockade im Kopf, denken, das kann ich nicht, das geht nicht, aber Vieles geht, in dem man einfach seine Vernunft einsetzt. Gut, aber ich wollte eigentlich von der schlechten Gesellschaft sprechen. Zoon politicon – wir sind ein geselliges Wesen. Das, was die Menschen denken, mit denen wir zu tun haben, davon werden wir ohne Zweifel beeinflusst. Das ist ganz einfach. Daher ist es so wichtig, was wir jetzt im Moment tun, nämlich Satsang.

Man braucht natürlich auch was für seine Emotionen, aber um so wichtiger ist es, öfters mal in eine spirituelle Gemeinschaft zu kommen, Satsangha zu pflegen. Im engeren Sinne ist das Meditationen, Mantras singen und Vortrag. Im weiteren Sinne heißt Sangha Zusammenkunft mit Sat, mit Menschen, die nach der Wahrheit streben. Und dann wird dieser Teil in uns stärker. Und wenn wir mit Menschen zusammen sind, die andere Ideale haben, dann wird dieser Teil stärker. Jetzt können wir in unserer Gesellschaft nicht gänzlich die Gegenwart von Menschen meiden, die nicht spirituell sind, noch wäre das übermäßig ratsam. Aber es ist durchaus eine Hilfe auf dem Weg. Und das ist gut, das öfters zu pflegen.

Die Kinder werden sehr stark davon beeinflusst, mit wem sie in die Schule gehen. Ich habe es in fast allen Yogafamilien festgestellt: Die Kinder, die sehr yogisch großgezogen werden, leben dann vegetarisch, spielen Harmonium, singen Jaya Ganesha, machen wunderbare Asanas, die sehen ganz glücklich und zufrieden aus. Wenn die zwölf, dreizehn sind, dann wollen die mit Yoga nichts mehr zu tun haben. Dann wollen die machen, was die anderen auch machen. Gut, und da typischerweise Yogaeltern tolerante Eltern sind, verbieten die das auch nicht, und mit einem Seufzen unterstützen sie dann die Kinder in dem, was sie machen. Wenn man yogische Kinder yogisch großziehen will, brauchen sie auch andere yogische Kinder, das ist ganz banal und ganz einfach.

– und durch Unbeständigkeit.

Unbeständigkeit heißt? Heute machen, morgen nicht machen. Manche Menschen üben ein Jahr, und dann ein Jahr nicht. Und dann machen sie ein paar Monate ganz viel, und dann ein paar Wochen nichts. Auf Englisch heißt das: rolling stone gathers no mose. Wie sagt man auf Deutsch? Rollender Stein sammelt kein Moos, das klingt nicht übermäßig gut. Ist aber logisch, oder? Auch Moos im übertragenen Sinne. Also, wir müssen beständig sein. Jetzt dürfen wir das mit der Beständigkeit auch nicht missverstehen. Das heißt nicht, dass wir für den Rest des Lebens jeden Tag das Gleiche machen. Ich halte das für eine gewisse Falle. In unserer modernen Gesellschaft ist es wahrscheinlich keine Falle, die realistisch ist. Wer hat solch ein Leben, dass er über Jahre hinweg das Gleiche machen könnte. Aber es wäre auch nicht gut, weil’s dann zur Gewohnheit wird. Es ist gut, eine Grundpraxis zu haben, einen Minimalpraxis, die man jeden Tag macht bis zur Selbstverwirklichung. Und auf dieser Grundpraxis aufgebaut gibt es Phasen, wo man mehr übt, und Phasen, wo man weniger übt. Da gibt’s son Wochenende für die meisten so wie jetzt, wo man mehr übt, und dann wieder ein paar Wochen, wo man weniger übt.

Es ist schon gut, wenn es Phasen gibt, wo ihr intensiver übt. Nur sollte man auch nicht die Praxis gänzlich lassen. Es sollte immer so eine Grundpraxis geben, die man täglich macht. Patanjali sagt es auch so: Eine Praxis sollte sein Dirgakala, Nairantarya und Sakshatkara Dirgakala – über eine lange Zeit. Nairantarya – ohne Unterbrechung, und Sakshatkara – mit aufrichtiger Hingabe und Enthusiasmus. So kann man praktizieren. Dann gibt es beständigen Fortschritt. Ein großes Hindernis bei all dem ist die Alles-oder-Nichts-Philosophie. Ich werde nicht müde, das immer wieder zu erwähnen. Manche Mitarbeiter sagen: „Jetzt fängt er schon wieder an.“ Manche Menschen sagen: „Entweder, ich habe eine Stunde Zeit für die Asanas, oder ich mache gar nichts.“ So eine Analogie: Meine Mutter hat immer gesagt: „Entweder richtig oder gar nicht.“ Was in diesem Universum kann man richtig machen? Ich habe noch nichts entdeckt. Jede Asana könnte man besser machen, jede Meditation könnte besser sein, dann wäre man nämlich selbstverwirklicht. Jedesmal, wenn man mit Menschen spricht, könnte man noch herzlicher, noch liebevoller, noch strikter und gleichzeitig liebevoller sein – es geht immer etwas besser. Vielleicht war es in der früheren Zeit mal möglich, das Optimale zu machen.

Ich muss gerade eine Geschichte erinnern. Eine Geschichte von einem Ingenieur. Der ging mal in ein Dorf, um da ein paar Wochen zu arbeiten, Elektrizität aufzubauen. Und in der Zeit ging er auch zu einem Dorfschneider und bat ihn, ihm einen Anzug zu machen. Nach einem Monat wollte der Ingenieur nach Hause gehen und den Anzug abholen. Der Schneider sagte: „Der Anzug ist noch nicht fertig.“ Zwo Monate später kam der Ingenieur wieder, und der Schneider sagte: „Noch nicht fertig.“ Ein Jahr später kam der Ingenieur wieder, und er hatte den Anzug schon vergessen, da kam der Schneider und hat ihm den Anzug gebracht. Da sagte der Ingenieur: „So lange hast du gebraucht. Gott hat die Welt in sechs Tagen geschaffen.“ Da lächelte der Schneider, liebevoll strich er um den Anzug und sagte: „Schaut euch den Zustand dieses Anzugs an, und schaut euch den Zustand der Welt an.“

Auf einer anderen Ebene ist die Welt aber vollkommen. Es gibt dafür so einen Beweis, den hat Leibniz mal gebracht. Der hat gesagt: „Damit eine solch große Welt überhaupt in die Existenz kommen konnte, dazu bedarf es eines Demiurgen, eines Schöpfers, der so wahnsinnig intelligent ist. Und wenn der so wahnsinnig intelligent ist, dann wird er auch die bestmögliche aller Welten schaffen. Also leben wir in der bestmöglichen aller Welten.“ Der Kant hat zwar nachher gesagt, dass das ein Zirkelschluss sei, aber das sei an einer anderen Stelle besprochen. Aber da wir nicht mehr in der Zeit sind von diesen alten Schneidern, die vielleicht ausreichend Zeit hatten, auch zufrieden waren mit dem kleinen Häuschen ohne Heizung, ohne Fenster, mit zehn Kindern und der Frau, alle in einem Bett klassischerweise, ist es allgemein im Leben nicht mehr möglich, irgendetwas Vollkommenes zu machen, wenigstens wenig kann man nur noch fast vollkommen machen – die Yogapraxis auch nicht. Und so sollte man seine Minimumpraxis jeden Tag machen und ansonsten tun, was man kann. Und nicht vergessen, ab und zu mal zu intensivieren.

Es gibt übrigens zwei gute Zeitpunkte, um die Praxis zu intensivieren. Zum Einen, wenn man große Lust drauf hat. Und zum Zweiten, wenn man überhaupt keine Lust drauf hat. Wenn die Praxis überhaupt nicht mehr inspiriert ist, dann braucht man so einen Kickstart. Also einen Tritt in den Hintern kann man auch sagen. Und wenn man’s allein nicht schafft, was macht man dann? Man kommt ins Haus Yoga Vidya und fasst den festen Entschluss, man haut nicht ab. Auch deshalb, auch typischerweise, wenn man keine Lust hat, dann hat man’s ja vorher schleifen lassen oder mechanisch gemacht. Und wenn man dann in eine spirituelle Umgebung kommt, kommen alle möglichen Unreinheiten heraus, und nach einem Tag hat man nur einen großen Wunsch, nämlich: Weg! Es nervt einen alles. Ich kann mich erinnern, ich habe in einem Yogazentrum gewohnt, aber ich war noch Student an der Uni, und hatte gerade meine Diplomarbeit geschrieben. Und dadurch hatte ich die Yogapraxis auf mein Minimum, reduziert. Was durchaus eine regelmäßige Praxis war, aber nicht mehr so wie vorher mehrere Stunden. Nun hat mir die Zentrumsleiterin geraten, ich solle mir vorher einen Flug buchen in den Ashram, und zwar einen nicht zurückgebbaren Flug. Ich war damals ein gehorsamer Schüler, habe die Vorschläge angenommen und habe das also auch gemacht. Und als ich das Ende der Diplomarbeit erreicht hatte – es war sogar eine Diplomarbeit mit einem yogischen Thema: Determinanten der Arbeitsmotivation in indischer und westlicher Psychologie – da habe ich also alle möglicher Rajayogabücher gelesen dafür. Aber Lesen ist eine, Praktizieren ist eine andere Sache. Und so war ich doch etwas mit meinem Geist in einer anderen Welt, in der akademischen Welt gewesen, und ich hab gedacht, ich brauch jetzt Ruhe, nicht in diesen Ashram, noch dazu hab ich mich dort als Mithelfer gemeldet. Und wenn ihr denkt, dass das hier Chaos ist, dann wart ihr noch nicht in dem Ashram gewesen. Das hat damit angefangen, als ich ankam, wusste keiner, dass ich kommen würde. Es war zwar vom Zentrum her angesagt, und geschrieben, die Zentrumsleiterin hat sogar noch telefoniert. Und da hab ich die erste Nacht oben an der Rezeption verbracht, und die zehn Tage da hab ich jede Nacht woanders geschlafen. In zehn Tagen hab ich 14 verschiedene Betten gehabt, wo ich meinen Schlafsack reingesteckt habe, es war also schon schlimm genug, Und dann kam dazu, ich wollte ja zum Swami Vishnu, der hatte eine Erkältung gehabt und war drei Tage lang nicht da. Und, fand ich, der dort die Vorträge gegeben hat, da brauchte ich auch nicht hin. Gut, jedenfalls nach einem Tag wollte ich sowieso abreisen, aber ich blieb, und nach sechs Tagen gings mir richtig gut. Wenn ich vorher abgereist wäre, hätt ich den Dreh vielleicht nicht gekriegt. Aber nach zehn Tagen, trotz 14 Mal umziehen, nach fünf Tagen hatte ich mich dran gewöhnt, habe ich nur noch lachen müssen. Wenn dann der Rudra mir gesagt hat: „Sukadev, I think you have to move again“, dann wurd’s schon lustig. Und ich hab geemerkt, all das waren die Aufgaben, die im Ashram zu machen waren. Es war so gut, wie es war, es war genau richtig, es war das, was ich lernen musste, und ich hatte dann die letzten Tage mehr Zeit gefunden zu meditieren. Also eine gewisse Beständigkeit ist notwendig, und dann ab und zu mal intensivieren. So, jetzt hat er gesagt, wodurch wir zugrunde gehen. Er sagt uns aber auch noch, wodurch wir Fortschritte erzielen.

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1. Kapitel, Vers 16

Deutsche Übersetzung:

Ernsthaftigkeit, Furchtlosigkeit, Beharrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Wissen und Vertrauen; | Beenden von oberflächlicher Geselligkeit, durch diese sechs (Tugenden) wird das Yoga erreicht.

Sanskrit Text:

  • utsāhāt sāhasād dhairyāt tattva-jñānāc ca niścayāt |
    jana-saṅga-parityāgāt ṣaḍbhir yogaḥ prasidhyati ||16||
  • उत्साहात् साहसाद् धैर्यात् तत्त्वज्ञानाश् च निश्चयात् ।
    जनसङ्गपरित्यागात् षड्भिर् योगः प्रसिद्ध्यति ॥१६॥
  • utsahat sahasad dhairyat tattva jnanach cha nishchayat |
    jana sanga parityagat shadbhir yogah prasidhyati ||16||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • utsāhāt : durch festen Willen, Entschlusskraft (Utsaha)
  • sāhasāt : durch Mut (Sahasa)
  • dhairyāt : durch Ausdauer, ruhiges Wesen (Dhairya)
  • tattva : (der) Wahrheit (des „Soseins“, Tattva)
  • jñānāt : durch die Erkenntnis (Jnana)
  • ca : und (Cha)
  • niścayāt : durch sicheres Wissen, genaue Kentniss, Überzeugung, Vertrauen (in die Lehren des Meisters, Nishchaya)
  • jana : (mit) Mensch(en, Jana)
  • saṅga : (unförderlicher) Gemeinschaft (Sanga)
  • parityāgāt : durch Aufgeben (Parityaga)
  • ṣaḍbhiḥ : durch (diese) sechs (Shash)
  • yogaḥ : (der) Yoga
  • prasidhyati : führt zum Erfolg, gelingt (pra + sidh)    ||16||

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

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Vishnu-devananda

16. Der Yogi erzielt Fortschritte durch Frohsinn, Ausdauer, Mut, wahres Wissen, starken Glauben an die Worte des Gurus und durch das Aufgeben schlechter Gesellschaft.

„Wahres Wissen“ ist das Wissen, dass ihr das Selbst seid (nicht der Körper), zumindest in der Theorie.

Sukadev

16. Der Yogi erzielt Fortschritte durch Frohsinn, Ausdauer, Mut, wahres Wissen, starken Glauben an die Worte des Gurus und durch das Aufgeben schlechter Gesellschaft.

Also erstens Frohsinn. Was braucht man, um froh zu sein? Wenig. [Singt: Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König.] Ist ein Yogi. Das reimt sich nur nicht so ganz. Aber Raja heißt ja auch König. Also können wir ruhig König sagen, die Übersetzung von Raja. Frohsinn. Freude muss gar nicht so abhängen von äußeren Umständen. Man kann sich einfach freuen. Ich kannte mal so eine Mitarbeiterin, die kam einfach so auf uns zu und hat dann gesagt: Freude. Ich kann mich noch erinnern, das erste Mal hab ich sie so angeguckt – durchgeknallt? Wisst ihr, man erlebt in Yogazentren so Einiges. Aber die hat dabei einen vernünftigen Eindruck gemacht. Und dann hab ich sie gefragt: „Was meinst du?“ Und sie hat gesagt: „Nichts. Einfach Freude.“ Und es war für mich ein schönes Erlebnis. Mit diesem einen Wort war sie plötzlich wirklich freudevoll, und das war ansteckend. Ich habe niemals den Mut gehabt, es selbst auszuprobieren. Vielleicht sollte ich das mal machen. Wenn ich da Yogaschüler in einer Ecke diskutieren sehe, gehe ich hin und sage einfach: Freude! Oder ich höre gerade Mitarbeiter miteinander diskutieren, wie man was macht und offensichtlich haben sie eine Meinungsverschiedenheit, einfach ‚Freude’ zu sagen. Also sie konnte das gut, das war richtig ansteckend. Für mich habe ich da eine Lektion gelernt. Um froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König. Wir sind Freude. Unserer wahre Natur ist Ananda. Und manchmal können wir einfach sagen: „Jetzt langts. Stopp mit all den Gedanken. Jetzt gehe ich nach innen und spüre einfach Freude.“ Es ist paradox. Viele Menschen unterliegen einem Irrtum. Viele Menschen denken, um Freude zu haben, müsste es einen Grund geben. Ansonsten wäre es unauthentisch und aufgesetzt, freudevoll zu sein. Es gibt keinen Grund, unglücklich zu sein. Das steckt tief drin in vielen Menschen. Wenn man freudevoll ist ohne Anlass, dann denkt man, irgendwas ist falsch. Und ich glaube, die Deutschen sind besondere Anhänger dieser falschen Theorie. Das müssen wir uns bewusst machen. Das stimmt gar nicht. Wir müssen bloß aufhören, uns traurige Gedanken zu machen, dann kommt die innere Natur zum Vorschein, dann ist Ananda, die Freude, da.

Wir denken oft, um froh zu sein, braucht’s einen Grund. Und wenn wir keinen haben, müssen wir traurig sein. Dabei sollte es umgekehrt sein. Natürlich gibt es Gründe, traurig zu sein. Angenommen, ein Kind ist gerade beim Autounfall gestorben. Da wär’s jetzt nicht angebracht, froh zu sein. Aber angenommen, es läuft jetzt nichts Besonderes. Bei der Arbeit ist der gewöhnliche Stress. Mit den Kindern sind die gewöhnlichen schönen und weniger schönen Sachen. Das Haus ist wie üblich unaufgeräumt, und da sollte man froh sein. Wenn das Dach eingestürzt ist, und der Fluss durch’s Wohnzimmer durchfließt, dann hat man, wenn man nicht versichert ist, wenn man nicht in einem Land lebt, wo man nachher einiges an Geld zurückkriegt, dann hat man Grund, traurig zu sein. Kann man sich öfters vergegenwärtigen. Freude, so wie die Narayani gesprochen hat: Freude, Freude, Freude, immer neue Freude. Weil die Deutschen es immer komisch finden, wenn man was in ihrer Muttersprache was singt. Es klingt viel schöner: Joy, Joy, Joy, Joy, ever new Joy. Man kann ja auch ‚Joy’ sagen. Also ihr könnt ‚Joi’ [franz.] sagen, ihr könnt ‚Freude’ sagen, ihr könnt ‚Joy’ sagen, ihr könnt Ananda sagen. Aber es braucht nicht viel für Freude.

Es gibt ja inzwischen sogenannte Lachseminare. Ursprünglich gab’s in Indien eine Lachbewegung, die hat tatsächlich in Indien angefangen. Der Swami Sivananda war ein Mitinitiator dieser Bewegung. Als er in den zwanziger Jahren nach Rishikesh gekommen ist, dort war diese Mönchskolonie von all diesen Sadhus, die alle ernsthafte Praktiken gemacht haben, um die ernsthafte Selbstverwirklichung zu erreichen. Und dann fand er die viel zu ernst. Und da hat er so ein paar Swamis dafür gewonnen und gesagt: „Wir nehmen uns jeden Tag eine viertel Stunde, da lachen wir zusammen. Und da haben sie oder der Swami Sivananda Lachwettbewerbe veranstaltet. Ich weiß jetzt nicht, ob das wirklich von Swami Sivananda kam, oder ob das noch eine ältere Tradition ist und der Swami Sivananda hat war damit in Berührung gekommen. Ich habe das mehrmals gelesen, dass der Swami Sivananda das in den zwanziger Jahren gemacht hatte. Und sie haben das ganz systematisch gemacht, verschiedene Stufen des Lachens usw. Die Inder sind dann sehr systematisch dabei. Aber das braucht’s letztlich. Es gibt auch solche Fotos, so ein paar altehrwürdige Swamis mit langen Bärten sitzen da und lachen wie die kleinen Kinder.

Also heute ist das Lachen ne große Bewegung geworden in Indien. Es gibt ganze Parks, auch nach China ist das inzwischen gegangen, ganze Parks, wo es Ecken gibt, wo Menschen sich vor der Arbeit treffen, um erstmal eine viertel Stunde zu lachen. Und das ist zur Lachbewegung geworden. Und in Deutschland gibt’s dann natürlich Lachseminare, und da gibt’s inzwischen Lachübungen dafür. Statt Schweigetag – so ein Lachtag ist schon lange notwendig.

Manchmal werden spirituelle Menschen zu ernst. Man will die Selbstverwirklichung erreichen, man stellt fest, alle diese Hindernisse die da sind, schlechte Gesellschaft, Überessen, harte körperliche Arbeit, zu viel reden, falsche Gelübde, Unbeständigkeit, lügen, stehlen, jemanden verletzen, da kann man manchmal zu ernst werden.

Und ein von mir geschätzter Yogi hat auch mal gesagt: „Das Leben ist zu ernst, um zu ernst genommen zu werden.“ „Life is too serious to be taken too seriousely.“ Und einige kennen es, als wir im November in Rishikesh waren in dem SivanandaAshram dort, da gab’s dann so einen, der war der Leiter der Küche, in der sie jeden Tag für 500 bis 2000 Leute gekocht haben, und der war immer so fröhlich und hat so viel Ruhe ausgestrahlt. Und da habe ich ihn schließlich mal gefragt: Bei uns in der Küche gibt’s immer so was, die Lieferanten liefern nicht richtig, und die Karma-Yogis sagen kurzfristig ab, jeder Gast hat einen anderen Geschmack und will was anderes haben, und er würde immer son ruhigen Eindruck machen, ob er denn nicht auch Probleme hätte. Und er sagte: Problems, just problems. From morning to night just problems. Dann hab ich ihn gefragt, wie er denn so glücklich sein kann. Und da hat er gesagt: Well, I had two possibilities: Either I go crazy, or I smile. Entweder werde ich verrückt oder ich lächle. Und es war offensichtlich, für was er sich entschieden hatte. Ich kannte auch nen anderen Ashramleiter, leider sind jetzt meine Beispiele aus dem täglichen Leben aus Ashrams, aber das kann man auf überall im Leben übertragen. Das war son Ashramleiterin einem Ashram in Kanada, da haben wir es hier unserem Ashram glücklicherweise so, dass wir über das ganze Jahr verteilt Gäste haben. Das war bei mir am Anfang so eine Sorge, dass wir im Sommer so viele Gäste haben, und im Winter so wenige, und ich kannte das große Problem dieser Saison-Ashrams. In Kanada waren im Sommer 300-500 Leute da, und im Winter waren in der Woche durchschnittlich Null Gäste und am Wochenende waren ein bis drei Gäste. Und die Mitarbeiter, die da waren, das war so eine crew von fünf bis sieben, die sind dann von Oktober bis Mai in den Winterschlaf gekommen, und das waren natürlich Mitarbeiter, die es gern hatten, wenn es so ruhig war und nichts los war. Und dann kam dieser Schwung von Leuten, und dann kamen aus allen Zentren Mitarbeiter, so dreißig, vierzig, fünfzig Leute, die natürlich von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten, die sehr willig waren, aber keiner irgendwas wusste, und die Ashrammitarbeiter haben sich dann natürlich bemüht, sich so schnell wie möglich in die Mauselöcher zu verkriechen, denn sie wollten all den Trubel nicht haben. Die sind dann auch in Zelte umgezogen, wo man sie nicht erreichen konnte, möglichst ganz oben auf dem Hügel hinter einem See. Und der Ashramleiter kam dann, der war noch dazu der Sommerashramleiter. Im Winter ist er auf die Bahamas, das klingt sehr schön, aber der kam dort hin und musste dann in einer Woche den Ashram aufmachen. Und das mit all diesen Mitarbeiten. Und der Ashram hatte so ein Kollektivkarma gehabt, und das war, dass jede Woche irgendwas mit Wasser nicht funktioniert hat. Entweder es ist ein Abflussrohr geplatzt, oder, immer irgendwas, entweder gab’s kein Wasser oder eine Überschwemmung. Und das war entweder leichter, und man konnte das schnell machen. Der Vasudeva sagt, hier seien die Anlagen chaotisch installiert worden, aber dort – kein Vergleich. Also alles Mögliche war dort. Und irgendwann war ich dabei und ich habe gesehen, wie der jeden Tag mehr gelacht hat, dieser Ashramleiter. Und dann hat noch jemand gesagt: “Swami, the electricity doesn’t work any more.” Und er sagte: „Did you check this, and this,” und er sagte: “I did check everything, I have no clue.” Die Elektrizität funktioniert nicht, und ich weiß nicht, was es ist. Und dann fing er an; richtig schallend zu lachen. Das hat er so gemacht, und ich wusste was er meinte. Und es hat jedes Mal geklappt, denAshram pünktlich fertig zu kriegen. Es ist zwar alles schief gegangen, was schief gehen konnte, und . . . man muss einfach lachen. Und ich hoffe, dass das nicht nur im Ashram, sondern überall anwendbar ist – Frohsinn, ein sehr wichtiger Aspekt.

Gut, also Frohsinn kultivieren. Der Franziskus hat auch gesagt, dass Traurigkeit das erste Tor zur Hölle ist. Wenn wir nämlich traurig werden, dann fangen wir an, Zweifel zu haben, dann fangen wir an, Selbstmitleid zu haben, dann sind wir Opfer, und dann müssen wir uns trösten. Dann brauchen wir eine Tafel Schokolade, oder mindestens müssen wir länger schlafen und wir zweifeln an allem, und dann haben wir ein schlechtes Gewissen. Gut, also Frohsinn entwickeln. Es gibt einige Bücher von Swami Sivananda, wo dann so seitenweise drinsteht, how to get gloomy over thoughts. Wie man über – gloomy, wie kann man das übersetzen? Trübe ist ein schönes Wort. Klingt auch so, gloomy, trübe – wie man über trübsinnige Gedanken hinwegkommt. Dann

– Ausdauer

ist auch noch wichtig.

– Mut.

Warum braucht man Mut? Verschiedenen Mut. Gut, mutig sein, um Freude zu verbreiten und mal zu lachen, mutig sein, um mal ausgelacht zu werden, notfalls, ist ja auch nicht so schlimm. Und Mut auf dem spirituellen Weg. Es ist ja mutig, die Selbstverwirklichung erreichen zu wollen. Gibt’s etwas, das mutiger ist, als das? Die großartigste Geschichte von der Welt. Wir wollen ein Heiliger werden. Da dreht einem sich sofort der Magen um, weil man so wunderbar bescheiden geworden ist. Und dann sehen wir all die Hindernisse, die da sind und all die Schwierigkeiten und Problemchen, und die Emotionen, und den Geist und die Gedanken und die innere und die äußere Welt. Und dann brauchen wir Mut, um das anzugehen.

Zum einen muss man sich selbst in die Augen schauen. Alle möglichen negativen Aspekte in uns werden zum Vorschein kommen. Alle Schattenseiten unsere Seele werden rauskommen. Das anzuschauen brauchen wir Mut. Wozu brauchen wir noch Mut? Letztlich durchzuhalten. Denn es ist nicht einfach. Es ist nicht so, das wir dort, ihr wisst’s alle, nach ein paar Wochen, oder paar Monaten Praxis die Selbstverwirklichung erreichen. Wir brauchen Mut, dort voranzuschreiten, durchzuhalten. Wofür noch Mut? Zum eigenen Lebensstil zu stehen, der anders ist, als der von anderen Menschen. Wer von Euch hat in der Mehrheit der Menschen, mit denen er lebt, in deren Umgebung er ist, eine Mehrheit von Menschen, die den spirituellen Weg gehen? Gut, ich müsste mich hier melden. Es sind wenige. Wir brauchen Mut für diesen eigenen Lebensstil. Wir brauchen Mut, Nein zu sagen, wenn einem ein Glas Rotwein angeboten wird. Gut, für mich braucht’s jetzt keinen Mut mehr. Es wäre eine Überwindung von Ekelgefühl, den in die Nähe meiner Nase kommen zu lassen. Aber das ist eine andere Sache. Aber wer es gewohnt war, und das jetzt anders ist, das braucht Mut.

Es gibt ja nicht so viele, die Vegetarier sind und die regelmäßig Asanas und Pranayama machen. Ich hatte ja mal gehofft, dass im Anschluss BSE und der Maul- und Klauenseuche der Vegetarieranteil spürbar ansteigt. Tut er aber nicht. Der Fleischkonsum ist fast wieder gleich wie vor einem Jahr. Die Leute wollen wieder ihr Steak essen. Am Höhepunkt haben 30% der Leute gesagt, dass sie Vegetarier werden wollen. Es ist zwar etwas mehr geworden, aber nicht viel. Dazu bedarf es ja keines Todesmutes, aber der Vorteil ist, dass man bewundert wird, wenn man diesen Mut hat. Die meisten wissen ja, es wäre ja auch gut, wenn sie so wären.

Und dann braucht’s auch Mut, wenn Reinigungserfahrungen kommen. Es braucht Mut, wenn spirituelle Erfahrungen kommen, und es braucht Mut, wenn wir tatsächlich erkennen: Ich bin nicht der Körper, ich bin nicht der Geist. Da braucht man Mut für, denn es kommt erstmal Angst. Dann weiß man erstmal gar nicht, was man wirklich ist, sondern man weiß, was man nicht ist. Und dann hängt man irgendwo dazwischen, dieser Zwischenzustand von absoluter Wonne und Panik. Für all das braucht man Mut. An verschiedenen Stellen in der Bhagavad Gita zählt ja Krishna die verschiedenen Eigenschaften eines Vollkommenen auf, und dort kommt oft Abhaya mit als Erstes, und das heißt Furchtlosigkeit.

– Wahres Wissen –

Gut, das heißt auch, zum Einen, dass wir das Selbst sind, schreibt Swami Vishnu hier im Kommentar. Aber es heißt auch ein bisschen Wissen zu haben über das, was auf dem spirituellen Weg geschieht, dass wir ein Interpretationssystem haben. Z.B. wenn jemand eine Kundalinierweckung hat, und er weiß nichts davon, und er kriegt statt dessen das Interpretationssystem eines Psychiaters, was passiert dann? Er wird unter Psychopharmaka gesetzt. Und dieser wunderbare spirituelle Prozess wird sehr leidhaft. Daher, ein Wissen, was auf dem Weg geschieht, ist etwas Gutes, Wichtiges und Hilfreiches.

– Starken Glauben an die Worte des Gurus.

Was man gelernt hat, dazu braucht man einen gewissen Glauben und Vertrauen. Und auf dem Yogagebiet können wir am meisten dem vertrauen, was von authentischen Meistern geschrieben wurde. Wir können uns Ratschläge geben lassen von allen möglichen Leuten, aber das, was von den Selbstverwirklichten kommt, ist am Zuverlässigsten.

Es gibt so viele Dinge, die sich oft widersprechen, und wenn man jetzt allen möglichen Dingen, versuchen will, was alle sagen, wird’s schwierig. Irgendwie braucht man ein Hauptssystem, zumindest ne ganze Weile. Und da soll man sich auch nicht irre machen lassen. – und durch das Aufgeben schlechter Gesellschaft.

Interessanterweise zählt der Swatmarama zehn Yamas und zehn Niyamas auf, also doppelt so viele, wie Patanjali. Er zählt die auf, die Patanjali sagt, und noch ein paar mehr. Das sind andere, als die zehn Yamas des Raja Yoga. Es bezieht die fünf Yamas des Raja Yoga mit ein und es sind fünf weitere. Ich werd jetzt erst die deutschen Namen sagen, und ihr sagt mir, was auf Sanskrit steht.

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1. Kapitel, Vers 17

Deutsche Übersetzung:

Nun Yama und Niyama: Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Handeln im Bewusstsein eines höheren Ideals, Vergeben, Toleranz | Empathie, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Hygiene sind wahrlich Yama.

Sanskrit Text:

  • atha yama-niyamāḥ
    ahiṁsā satyam-asteyaṁ brahmacaryaṁ kṣamā dhṛtiḥ |
    dayārjavaṁ mitāhāraḥ śaucaṁ caiva yamā daśa ||17||
  • अथ यमनियमाः
    अहिंसा सत्यमस्तेयं ब्रह्मचर्यं क्षमा धृतिः ।
    दयार्जवं मिताहारः शौचं चैव यमा दश ॥१७॥
  • atha yama niyamah
    ahimsa satyam asteyam brahmacharyam kshama dhritih |
    dayarjavam mitaharah shaucham chaiva yama dasha ||17||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • atha : nun (folgen die, Atha)
  • yama : Yamas (Regeln, Observanzen, Selbstbeschränkungen)
  • niyamāḥ : (und) Niyamas (Regeln, Gelübde)
  • ahiṁsā* : Gewaltlosgkeit, Nichtschädigen (Ahimsa)
  • satyam* : Wahrhaftigkeit (Satya)
  • asteyaṁ* : Nichtstehlen (Asteya)
  • brahmacarya* : Enthaltsamkeit („Wandel im Brahman„, Brahmacharya)
  • kṣamā : Geduld, Langmut, Nachsicht (Kshama)
  • dhṛtiḥ : (innere) Festigkeit, Entschlossenheit (Dhriti)
  • dayā : Mitgefühl (Daya)
  • ārjavaṁ : Aufrichtigkeit, Redlichkeit (Arjava)
  • mita-āhāraḥ : Mäßigung beim Essen (Mitahara)
  • śaucaṁ* : Reinheit, Reinlichkeit (Shaucha)
  • ca : und (Cha)
  • eva : gewiss (Eva)
  • yamāḥ : Yama (genannten Regeln)
  • daśa : (dies sind) die zehn (Dasha)       ||17||

*Anmerkung: Textgeschichtlich handelt es sich bei den Versen 17 und 18, die eine Aufzählung der Yamas und Niyamas beinhalten, um spätere Einschübe. Dies ist daraus ersichtlich, dass sie der Kommentator Brahmananda nicht kommentiert, also offensichtlich in seinen Handschriften nicht vorliegen hatte. Auffällig ist die Ähnlichkeit mit den fünf im Yogasutra (2.30) aufgezählten Yamas (es fehlt lediglich Aparigraha). Bei Patanjali  wiederum zählt die „Reinlichkeit“ (Shaucha) zu den Niyamas (vgl. auch die Anmerkung zu Vers 40 dieses Kapitels).

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Brahmananda

Ein Zuwiderhandeln in Tat, Wort und Gedanken sollte vermieden werden.

Vishnu-devananda

17. Keinem Schaden zuzufügen, die Wahrheit zu sprechen, Nichts nehmen, was anderen gehört, Enthaltsamkeit zu pflegen, Geduld und Seelenstärke zu praktizieren, mit allen Erbarmen zu haben, geradewegs vorwärts zu schreiten, gemäßigt in der Diät zu sein und sich selbst reinigen – das macht Yama aus.

„Geradewegs“ bedeutet, dass ihr in Gedanken, Wort und Tat die Wahrheit praktiziert. Enthaltsamkeit zu pflegen (umfassendes Brahmacharya) ist besonders wichtig, wenn ihr intensives Sadhana praktiziert wie in diesem Buch beschrieben. Dann werdet ihr erfolgreich sein. Das wird ein wenig später mehr erklärt werden. „Erbarmen“ bezieht sich auf Ahimsa (Gewaltlosigkeit).

Sukadev

17. Keinem Schaden zufügen, die Wahrheit sprechen, nichts nehmen, was anderen gehört, Enthaltsamkeit zu pflegen, Geduld und Seelenstärke zu praktizieren,

Keinem Schaden zufügen – Ahimsa. Die Wahrheit zu sprechen – Satya. Nichts nehmen, was anderen gehört – Asteya. Enthaltsamkeit zu pflegen – Brahmacharya. Und die nächsten sind jetzt anders. Geduld und Seelenstärke zu haben. Mit Allen Erbarmen zu haben. Geradewegs vorwärts zu schreiten. Gemäßigt in der Diät zu sein und sich selbst zu reinigen. Das macht Yama aus. Also ihr habt vier der fünf Yamas des Raja Yoga und sechs andere. Also auch wichtig für die Wirksamkeit der Hatha Yoga Praktiken. Auch dass wir nicht zu Asuras werden, Dämonen mit übernatürlichen Kräften.

Es ist wichtig, von Anfang an, wo wir praktizieren, Ahimsa zu kultivieren. Das wird ja auch positiv ausgedrückt: Erbarmen zu haben. Das heißt Mitgefühl mit anderen und tätige Nächstenliebe. Anderen helfen und dienen. Auch wenn wir praktizieren, können wir sagen, dass wir nicht nur für uns selbst praktizieren, sondern für alle, mit denen wir zu tun haben. Oder allein ohne Familie ins Haus Yoga Vidya zu kommen. Da denkt man vielleicht, ist doch ein bisschen egoistisch. Auf der einen Ebene mag das so sein. Auf der anderen Ebene, wenn jemand praktiziert, dann strahlt er Energie aus. Und diese spirituelle Energie bekommen alle, mit denen man zu tun hat. Manche Menschen haben dann ja auch noch eine andere Frage: „Was kann ich denn machen? Immer wenn ich mit Menschen zu tun habe, dann verliere ich meine Energie. Wie kann ich das vermeiden?2 Meine verbreitetste Antwort ist: „Seid nicht so geizig.“ Ihr habt das große Glück, die Techniken zu kennen und auch die Willenskraft, zu praktizieren. Und dann ist es doch was Gutes. Ihr praktiziert nicht nur für euch, sondern auch für andere. Und das, was freiwillig gegeben wird, ist niemals verloren. So wie es auch heißt, niemand ist durch Spenden arm geworden. Irgendwie kommt alles wieder zurück. Und so können wir sicher sein, wenn wir praktizieren, machen wir das nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere. Sofort für andere, weil andere das Prana bekommen, und keinem Menschen ist damit gedient, dass dort jemand Ausgelaugtes, Ausgesaugtes [Seitenwechsel: . . . ? ? ? sich abmüht.

Dann wird unser Geist schwach, und auch das Prana wird schwach. Das gilt auch, wenn wir eine Weile Ahimsa geübt haben und regelmäßig praktizieren, auch Asanas und Pranayama: Sowie wir etwas tun, um jemand anderen zu verletzen, das ist dann, wie so eine Klinge, die in unser Herz reingeht. Das ist so eine Warnung, wie auch letztlich ein Versprechen. Wenn wir eine Weile praktizieren, und von Anfang an uns bemühen, anderen zu helfen und zu dienen, wenn wir dann wirklich egoistisch was Schlechtes machen, das spüren wir. Das spüren wir fast körperlich. Manchmal, wenn man dann abends überlegt, warum geht’s mir eigentlich nicht so gut, ich hab doch alles gemacht, das Richtige, sogar Mantras am Tag wiederholt, dann stellt man fest: Aha, dort bin ich jemand über’n Mund gefahren, was gar nicht notwendig und hilfreich war. Gut, dann braucht man nicht ewig ein schlechtes Gewissen zu haben. Dann schickt man dem anderen positive Gedanken, eventuell entschuldigt man sich, eventuell bringt man’s Gott dar, und muss auch das wieder loslassen.

– mit allen Erbarmen zu haben,

ist auch wichtig, ist eigentlich eine Ausführung von Ahimsa. Wenn ihr selbst sehr diszipliniert seid, dann solltet ihr nicht von anderen erwarten, dass sie genau so sind. Wenn man selbst es geschafft hat, soll man nicht hemmungslos über die schimpfen, die das noch nicht geschafft haben. Man sollte dort auch Mitgefühl haben gegenüber anderen Menschen. Und noch weiter verbreitet, als zu strikt zu sein, weil man es selbst schon geschafft hat, ist, wenn mans noch nicht geschafft hat, und man bekämpft die eigenen Probleme im anderen. Auch sehr verbreitet. Aber sich in andere hineinzufühlen und mit ihnen Mitgefühl zu haben, das ist eine wichtige Sache. Das ist sowohl wichtig für jeden Menschen. Besonders für Menschen, die eine Verantwortung für jemand haben. Sei es als Yogalehrer, sei es als Eltern, sei es als Vorgesetzter irgendwo, sei es, wenn ihr irgendwo gemeinnützige Arbeit organisiert.

Ich war mal letztes Jahr im November, da wurde ich eingeladen, zu so einem Managementkongress oder -Tagung. Und da sollte ich einen Vortrag geben über Führung in einer spirituellen Gemeinschaft. Die hatten dann auch einen aus der Führung der Bundeswehr. Da war ein Generalleutnant. Und der hat etwas Interessantes gesagt: Wenn man Menschen führen will, muss man sie lieben. Fand ich lustig von jemand aus der Bundeswehr. Der hat überhaupt sehr gute Sachen gesagt. Konnte man viel von lernen. Und das gilt in Allem. Wenn ihr irgendeinem Menschen etwas beibringen wollt, dann müsst ihr ihn lieben. Wenn ihr ihn nicht liebt, wird er sich von euch nichts sagen lassen und nicht lernen. Und daher hier: Mit allen Erbarmen zu haben. Die meisten hier sind Yogalehrer oder angehende Yogalehrer. Es geht am leichtesten, die Yogaschüler zu lieben. Wenn die dort entspannt vor einem liegen, die Augen geschlossen und lächeln, dann geht einem das Herz auf. Und wenn man sie vorher sieht, wie sie vom Tag gekommen sind, und man sieht, sie haben Einiges getan, vielleicht ein bisschen frustriert vom Tag oder einige froh, man muss sie nur anschauen und dann kommt Liebe. Von daher ist das Unterrichten von Yoga eine wunderbare Weise, dort diese Liebe zu entwickeln. Es ist vielleicht schwieriger in anderen Kontexten, aber das ist ne grundlegende Wichtigkeit.

– geradewegs vorwärts zu schreiten,

find ich auch ne schöne Sache. Das gehört dazu. Viele machen immer alle möglichen Umwege und manchmal macht sich das Leben zu kompliziert. Ich muss zugeben, ich kenne jetzt den Sanskritausdruck nicht. Ich weiß also nicht, was da jetzt tatsächlich gemeint ist. Aber geradewegs vorwärts zu schreiten ist eine gute Sache. Ich hab bei den Arbeiten an dem Buch ‚Die Yogaweisheiten des Patanjali’ festgestellt, dass Vieles im Sanskrit nicht dem entsprochen hat, was die generellen Übersetzungen sind, dass da durchaus noch andere Übersetzungen sind. Wir leben in einer sehr komplexen Gesellschaft, wo die Menschen ihr Leben viel zu kompliziert machen. Manchmal denkt man, man braucht zu viel, und man denkt über zu viele Dinge nach. Und manchmal könnte man es viel einfacher haben, so geradewegs vorwärts zu schreiten.

Geduld ist wichtig. Wir sollten zwar mutig sein, aber auch geduldig. Es gehört vielleicht Mut hin, eine Eiche zu pflanzen, denn es wird dreißig Jahre dauern, bis sie ausreichend sichtbar ist. Wir brauchen Mut, etwas anzugehen wie die Selbstverwirklichung, es wird auch nicht in einem Monat typischerweise erreicht. Aber dann brauchen wir auch Geduld. Es nützt jetzt nichts, die Eichel jeden Tag auszubuddeln um festzustellen, sind jetzt schon Wurzeln da, und es nutzt auch nichts, wenn wir sie jetzt hemmungslos übergießen und überschwemmen, denn dann verfault sie nämlich. Es nutzt auch nichts, wenn wir dort Massen Dünger geben, dann versalzt sie. Und es nützt auch nichts, wenn der Keimling da ist und wir dran ziehen und zu hoffen, dass sie dann schneller wird. Und so ähnlich ist es mit dem spirituellen Fortschritt, er geht schrittweise. Wir müssen ihn natürlich angehen, wir müssen auch Enthusiasmus haben, wir brauchen dann auch Geduld. Seelenstärke.

– gemäßigt in der Diät zu sein und sich selbst zu reinigen – das macht Yama aus.

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1. Kapitel, Vers 18

Deutsche Übersetzung:

Selbstdisziplin, Zufriedenheit, Glaube, Mildtätigkeit, Respekt | Quell-Studium, Mäßigung, Besonnenheit, Lernen von Texten und Opferbereitschaft, | sind die 10 Niyamas, anerkannt von den Yoga-Schrift-Gelehrten.

Sanskrit Text:

  • tapaḥ santoṣa āstikyaṁ dānam īśvara-pūjanam |
    siddhānta-vākya-śravaṇaṁ hrīmatī ca japo hutam |
    niyamā daśa samproktā yoga-śāstra-viśāradaiḥ ||18||
  • तपः सन्तोष आस्तिक्यं दानम् ईश्वरपूजनम् ।
    सिद्धान्तवाक्यश्रवणं ह्रीमती च तपो हुतम् ।
    नियमा दश सम्प्रोक्ता योगशास्त्रविशारदैः ॥१८॥
  • tapah santosha astikyam danam ishvara pujanam |
    siddhanta vakya shravanam hri mati cha japo hutam |
    niyama dasha samprokta yoga shastra visharadaih ||18||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tapas : Askese, innere Glut, Inbrunst, Verinnerlichung (Tapas)
  • santoṣaḥ : Zufriedenheit (Santosha)
  • āstikyaṁ : Glaube an Gott, Gläubigkeit (Astikya)
  • dānam : Freigebigkeit (Dana)
  • īśvara : (des) Herrn, Gottes (Ishvara)
  • pūjana : (die) Verehrung (Pujana)
  • siddhānta : (der) Lehrbücher, (der) heiligen Texte (Siddhanta)
  • vākya : der Lehrsätze, Aussprüche, Aussagen (Vakya)
  • śravaṇaṁ : (das) Hören (Shravana)
  • hrī : Scham, Schamhaftigkeit (das Gegenteil von Unverschämtheit, Hri)
  • mati : Einsicht (Mati)
  • ca : und (Cha)
  • japaḥ : halblautes Wiederholen eines Gebetes oder Mantras (Japa)
  • hutam : Opfer (Huta)
  • niyamāḥ : (sind die als) Niyamas (bezeichneten Regeln)
  • daśa : zehn (Dasha)
  • samproktāḥ : die genannt werden (Samprokta)
  • yoga-śāstra : (mit den) Yoga-Schriften (YogaShastra)
  • viśāradaiḥ : von denjenigen, die vertraut sind (Visharada)     ||18||

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

Diese sind folgendermaßen klar in der Saindilya Upanishad erklärt: „Tapas ist das Abmagern des Körpers durch das Einhalten von Fasten etc. Frohsinn bedeutet Zufriedenheit mit dem, was einer ohne zu fragen erhält. Astikya bedeutet Glaube an die Veden und an das, was sie sagen. Wohltätigkeit bedeutet, was man ehrlich erworben hat, bedürftigen Personen mit Ehrerbietung zu geben.“ Über diesen Punkt sagt die Gita: „Satvika dana oder Wohltätigkeit besteht im Geben an eine Person, die nicht zurückgeben kann, zur rechten Zeit und am rechten Ort, Geben einfach als eine Angelegenheit der Pflichterfüllung.“

Vishnu-devananda

18. Tapas (Einschränkungen), Frohsinn, Glaube an Gott (Astikya), Wohltätigkeit, Verehrung der Gottheit, Anhören der Auslegung der vedantischen Lehrsätze, Scham, ausgewogener Geist, Japa (Wiederholen von Gottes Namen) und Vratas (Einhaltung von Gelübden) – das macht Niyama aus.

„Verehrung“ sollte mit einem sanften und klaren Geist durchgeführt werden. „Anhören“ bedeutet das theoretische Studium von Vedanta. „Scham“ bedeutet, Widerwillen gegen das, was von den Veden und Shastras verboten wird, zu empfinden. „Ausgewogener Geist“ schließt Hingabe an die in den Veden dargelegten Leitlinien ein. „Japa“ bezieht sich auf das Praktizieren jener Mantras, die nicht von den Veden verboten sind, so wie sie vom Guru gelehrt werden. Das ist auf zwei Arten möglich, hörbar und innerlich. Innerliches Japa ist das geistige Wiederholen der Mantras.

Die hier dargelegte Leitlinie der Entwicklung scheint die natürlichste und gleichzeitig wirkungsvollste zu sein. Die Erlangung von Yama und Niyama umfasst alle aktiven und passiven Tugenden. Die vier Sadhanas sind die notwendigen Eignungsbeweise eines Schülers:

  1. Unterscheidung zwischen dem Beständigen und dem Unbeständigem
  2. Vollkommene Gleichgültigkeit allen Gegenständen des Verlangens gegenüber, von den niedrigsten Formen irdischen Lebens bis zu denen der Halbgötter
  3. Erlangung der sechsfachen Qualitäten
  4. Intensives Verlangen und intensives Streben nach Befreiung

Sie alle sind in den ersten zwei Stufen des Yoga enthalten. Mit diesen Mitteln wird der Geist auf natürliche Weise jeglicher Verhaftung mit weltlichen Dingen entwöhnt, und ist, in der Konsequenz, auf einem günstigen Weg, in der Konzentration voranzukommen. Asanas und Pranayama helfen zur rechten Zeit und entfernen alle störenden Anteile und Tendenzen des Körpers. Der Weg zu den höheren Pfaden ist nun glatt und leicht.

Aber der Boden ist schwierig zu begehen, und sehr wenige haben den Mut durchzugehen, oder die Geduld, trotz wiederholter Fehler, auszuharren. Deshalb sind nahezu neunundneunzig von hundert Praktizierenden von der Aussicht verschreckt und beginnen beim leichtesten und praktischsten Punkt: Asanas und Pranayama. Sie lesen von großartigen und erstaunlichen Ergebnissen, dargestellt als gälte es, einer körperlichen Entwicklung in einer unbegreiflich kurzen Zeit zu folgen, und sie lassen sich mit Gier für ein paar Monate darauf ein. Aber sobald sie herausfinden, dass sie nicht einmal den Schatten der prophezeiten rühmlicher Mächte sehen, geben sie die ganze Anstrengung angewidert auf und werden die erbittertsten Feinde von Yoga, und verunglimpfen es als unredlich, wann immer sie Zuhörer bekommen können.

Diese kommen noch leicht davon, aber andere begehen ernsthafte Fehler und beenden ihr Leben als Wahnsinnige oder Selbstmörder. Sie nehmen die wichtige Tatsache nicht wahr, dass diese ungeheure Kräfte als Ergebnis einer Pranayama-Schulung nur dem versprochen werden, der sich vervollkommnet hat in moralischen und spirituellem Eigenschaften, welche unter Yama und Niyama aufgeführt sind.

Dieser Punkt wird wunderschön in der Yoga Vasishta herausgestellt: „Ein Sannyasi zog sich in den Dschungel zurück und praktizierte viele Jahre lang Pranayama, aber ohne irgendeine der vorhergesagten Kräfte zu verwirklichen. Dann ging er zu einem Weisen und bat ihn ehrerbietig, ihm Yoga zu lehren. Der Weise hieß ihn bei ihm zu bleiben, und während der ersten zwei Jahre begegnete er allen begierigen Bitten seines Schülers um Unterweisungen mit „Warte!“. Nach und nach wurde der Sannyasi an die Lage gewöhnt und vergaß, seinen Meister jemals wieder um Unterweisung zu belästigen. Am Ende von zwölf Jahren rief der Rishi eines Tages seinen Schüler und ersuchte ihn, das Wort „OM“ auszusprechen. Als der Sannyasi zur ersten Silbe kam, setzte von Natur aus Rechaka (Ausatmung) ein. Am Ende der dritten Silbe setzte Kumbhaka (Anhalten) ein. Wie ein Feuerfunke ein ganzes Feld von sonnengetrocknetem Gras ergreift und das Ganze in wenigen Minuten in Flammen steht, so ließ das Aussprechen des heiligen Wortes die spirituellen Gaben wirksam werden, die bis dahin in dem Schüler schlummerten. In einer kurzen Zeit hatte er die Anfangsstufen von Pratyahara, Dhyana und Dharana durchschritten und fand sich im reinen und erhabenen Zustand von Samadhi.“

Unser Interesse an der Geschichte liegt in der Tatsache, dass der Weise geduldig auf die natürliche Entfaltung der spirituellen Strebungen seines Schülers und die Reinwerdung seiner Natur durch seine Gesellschaft und seine Umgebung wartete. Er wählte die rechte Zeit, und da er in die Natur des Schülers wie in ein Glas sehen konnte, brachte er auf einfache Weise seelische und spirituelle Ergebnisse hervor, an deren Erlangung Personen, die mit den vernünftigen zusammenhängen von Yoga nicht vertraut und ohne die Anleitung eines Meisters sich, jahrelang arbeiten. Wenn dieses verstanden und die Bedeutung zur Gänze wahrgenommen werden würde, dann gäbe es weniger Opfer und Fehlschläge.

Sukadev

18. Tapas (Einschränkungen), Frohsinn, Glaube an Gott (Astikya), Wohltätigkeit, Verehrung der Gottheit, Anhören der Auslegung der vedantischen Lehrsätze, Scham, ausgewogener Geist, Japa (Wiederholen von Gottes Namen) und Vratas (Einhalten von Gelübden) – das macht Niyama aus.

Das sind also zehn Niyamas. Ihr findet auch einige der Raja Yoga Niyamas. Ihr findet dort Tapas, ihr findet letztlich Ishvara Pranidhana, was hier als Astikya bezeichnet wird. Ihr findet letztlich Saucha, was ein bisschen in Scham dort reinkommt. Und Swatyaya, Anhören der Auslegung der vedantischen Lehrsätze. Und Santosha ist hier ein anderer Ausdruck für ausgewogener Geist. Also ihr findet die fünf Niyamas im Raja Yoga und noch ein paar mehr. Das sind auch Dinge, die zu praktizieren sind. Man praktiziert froh zu sein.

Man praktiziert Tapas. Hier auch durchaus verstanden als kleine Einschränkungen und Askese. Das ist etwas, was vielleicht unserem modernen Verständnis etwas entgegen geht. Wenn man einen Wunsch hat, was macht man dann? Wenn man sich’s leiten kann, dann erfüllt man ihn. Denn man ist um so glücklicher, je mehr Wünsche man sich erfüllt. Stimmt das? Ihr wisst alle, dass das nicht stimmt. Sondern wenn wir einfach nur allen Wünschen hinterherlaufen, dann werden’s erstens immer mehr, und zwotens werden wir immer unglücklicher. Es spricht nichts dagegen, sich auch mal einen Wunsch zu erfüllen. Zu sagen, von heute an werde ich mir keinen Wunsch mehr erfüllen, das wäre ein nicht guter Vorsatz. Also einen guten Vorsatz kann man machen. Und ab und zu mal gehört es ja auch dazu, sattvige Erfüllung von Karma, seine kleinen Wünsche, die man dort hat. Die sind ja auch Teil des spirituellen Weges, aber eben nicht alles und nicht immer. Und manchmal einfach sagen: Den Wunsch erfülle ich mir deshalb nicht, weil ich ihn habe. Nicht aus irgendeinem anderen Grund. Sondern da ist ein Wunsch, und ich will frei sein von der Sklaverei der Wünsche, deshalb erfülle ich ihn nicht.

Dann hier ‚Scham’. Klingt ein bisschen komisch. Das muss man aber auch verstehen, dass die Hatha-Yoga-Praxis durch Jahrhunderte weitergegeben wurde durch so eine bestimmte Sekte, die nennen sich die Natha Yogis. Und die waren auch so ein bisschen verrufen. Die sind größtenteils nackt durch die Gegend gelaufen. Die haben dann auch noch Shivaasche über sich drüber gegeben. Und manche hatten dann noch solche Ohrringe und Nasenringe und andere Ringe. Heute würde man das Piercing nennen. Und die haben sich dann wenig aus der Gesellschaft gemacht. Und das waren insbesondere in der Zeit der Fremdherrschaft diejenigen, die sich zurückgezogen haben und das Hatha Yoga kultiviert haben. Die Natha Yogis haben das Hatha Yoga über Jahrhunderte weitergegeben, wo es aus dem Mainstream ganz rausgetrieben wurde. Und die haben dann letztlich aber auch dem Hatha Yoga einen schlechten Ruf gegeben. Darauf beruht dann, dass manche Yogis aus dem 19. Jahrhundert abfällig über Hatha Yoga gesprochen haben. Das haben diese komischen Leute praktiziert. Also nackt und mit Asche überfüllt und nicht in der Gesellschaft integriert und so weiter. Stell’ dir mal vor, du läufst jetzt nackt hier herum. Und in Indien ist Nacktheit noch weniger gern gesehen als hier. Wenn man als Frau im T-Shirt rumläuft, das gilt als nicht anständig. Das wäre so, wie wenn man hier barbusig rumläuft in ländlichen Gegenden, das gibt Anstoß. Allerdings ist in Indien auch wieder so, dass jetzt die Heiligen, die dann ganz nackt sind, die sind dann auch o.k. Das sind die Babas, Avadutas, die unbekleideten Babas, die gibt’s halt auch. Und das gilt als eine Form der Weisen. Vadut ist der Bekleidete, Avadut der Unbekleidete. Z.B. Dattatreya galt als der Avaduta, der Unbekleidete. Aber so in der Gesellschaft war das dann nicht so ganz o.k. In unserer Gesellschaft wäre das aber auch nicht möglich. Und wenn ihr gerne Harmonium bei offenem Fenster spielt, zwanzig Räucherstäbchen pro Quadratmeter anzündet, dann wäre das nicht richtig. Vor allem wenn’s die Nachbarn nicht so mögen. Also wir müssen uns auch an gewisse Gepflogenheiten halten. Ohne aber deshalb Dinge zu tun, die nicht unserem Lebensstil entsprechen. Also abwägen muss man hier. Einen ausgewogenen Geist erzeugen wir ja mit all diesen Dingen.

Und so sollte man sich dann äußerlich, so weit das möglich ist, und ohne seinen sattvigen Lebensstil zu negieren, so an bestimmte Gepflogenheiten der Gesellschaft halten. Durchaus hilfreich. Da braucht man auch heute nicht mehr so viel zu sagen. Als ich mit Yoga angefangen hab, so um 1980, da mussten wir noch den Leuten sagen, die zur Yogastunde kamen, sie mögen bitte ihre Füße waschen, bevor sie reinkommen, denn die sind barfuß durch die Straßen von München gegangen. Das waren so die Nachwehen der Hippie-Bewegung. Da gab’s dann im Bad so einen Turm von Handtüchern für alle, die reinkamen. Und da stand in einigen Restaurants, stand: Zugang nur mit Schuhen. Oder auch in Los Angeles: No shirt, no shoes, no service. Gut, also es gibt verschiedene Gepflogenheiten, die alle ihren Sinn haben. Aber in bestimmten Situationen ist es gut, sich an gesellschaftliche Gepflogenheiten zu halten. Heute hat sich das erweitert. Man muss sich nicht mehr anpassen in dem Maße.

– ausgewogener Geist.

Den können wir kultivieren.

– Japa.

Wiederholen von Gottes Namen. Und im Hatha Yoga ist tatsächlich auch, gerade, wenn wir intensiver üben, wie es ja auch der Swatmarama vorschlägt, die Verehrung Gottes wichtig. Es geht nicht nur darum, selbst die Energien zu erwecken, sondern man braucht auch Hingabe, Losgelassenheit und Vertrauen. Deshalb bringt er das drei Mal: Glauben an Gott, Verehrung Gottes und Wiederholen des Namens Gottes. Dann bringt er hier auch Anhörung der Auslegung der vedantischen Lehrsätze. Er bringt hier das JnanaYoga direkt rein. Dass wir auch nicht in einer dualistischen Sache hängen bleiben, wir wollen zur Einheit. Dass wir das Mittel nicht mit dem Ziel verwechseln, die Asanas sind nur ein Mittel. Selbst den Körper gesund und schön zu machen, wäre nur ein Mittel. Das Ziel ist etwas anderes. Sogar Verehrung Gottes ist kein Selbstzweck. Es ist ein Mittel, um die Einheit mit Gott zu erreichen. Und wenn wir uns über die Vedanta klar sind, über Jnana-Yoga, bleiben wir nirgendwo hängen.

– Vrata,

sich richtige Vorsätze fassen. Es ist schon gut, sich richtige Vorsätze zu fassen (vergleiche Vers 15). Und der Swami Sivananada hat auch öfters geraten, man soll auf ein Blatt Papier aufschreiben, was will ich im nächsten viertel Jahr an mir arbeiten? Vorsätze fassen. Der höchste Wunsch ist die Selbstverwirklichung, und das sind sativge Wünsche. Wir brauchen sativige Wünsche, um tamasige und rajasige Wünsche zu überwinden. Also es ist schon gut, einen Vorsatz dort zu fassen.

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1. Kapitel, Vers 19

Deutsche Übersetzung:

Nun Asana: Asana wird zuerst erklärt, da es die erste Stufe des Hatha-Yoga ist. | Diese Asana-Praxis soll geübt werden, da sie Kraft, Gesundheit und Leichtigkeit im Körper verleiht.

Sanskrit Text:

  • atha āsanam
    haṭhasya prathamāṅgatvād āsanaṁ pūrvam ucyate |
    kuryāt tad āsanaṁ sthairyam ārogyaṁ cāṅga-lāghavam ||19||
  • अथ आसनम्
    हठस्य प्रथमाङ्गत्वाद् आसनं पूर्वम् उच्यते ।
    कुर्यात् तद् आसनं स्थैर्यम् आरोग्यं चाङ्गलाघवम् ॥१९॥
  • atha asanam
    hathasya prathamangatvad asanam purvam uchyate |
    kuryat tad asanam sthairyam arogyam changa laghavam ||19||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • atha : nun (folgen, Atha)
  • āsanam : (die) Körperstellung(en, Asana)
  • haṭhasya : des Hatha(-Yoga)
  • prathama-aṅgatvād : denn das ist das erste (Prathama) Glied (Anga)
  • āsanaṁ : Asana (Körperstellungen)
  • pūrvam : zuerst, als erstes (Purva)
  • ucyate : wird genannt, gelehrt (vac)
  • kuryāt : bewirkt (kṛ)
  • tad : dieses (Tad)
  • āsanaṁ : Asana (die Gesamtheit der zu lehrenden Körperstellungen)
  • sthairyam : (körperliche und geistige) Festigkeit, Ausdauer (Sthairya)
  • ārogyaṁ : Gesundheit (Arogya)
  • ca : und (Cha)
  • aṅga : (der) Glieder, (des) Körpers (Anga)
  • lāghavam : Leichtigkeit (Laghava)     ||19||

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Brahmananda

Von den Asanas wird gesagt, dass sie einen stark machen, weil sie die Rajoguna abtötet, die die Unbeständigkeit des Geistes verursacht. Indem sie Beschwerden vertreibt, erleichtert sie die Konzentration, denn wie Patanjali sagt: „Beschwerden, Benommenheit, Zweifel, Sorglosigkeit, Faulheit, Weltorientiertheit, falsche Vorstellung, Verfehlen des Kerns und Unbeständigkeit sind die Ursachen von Verwirrung des Geistes, und sie sind die Hindernisse.“ Die Schwere des Körpers kommt von einem Übergewicht an Tamas, und die Asanas beseitigen das. – Vasishta und Matsyendra waren sowohl Jnanis, als auch Yogis, aber der erstere war mehr in Jnana gelehrt, der letztere in Yoga.

Vishnu-devananda

19. Asanas werden an erster Stelle abgehandelt, weil sie die erste Stufe von Hatha Yoga bilden.

Jetzt versteht ihr, dass Asanas nicht alles sind im Hatha Yoga; sie sind nur die erste Stufe.

19. (fortgesetzt) So sollte man Asanas ausführen, dass sie einen stark, frei von Beschwerden und leichtgliedrig machen.

Obwohl es unmöglich ist, die bedeutenden Wahrheiten klar zu erklären und wahrzunehmen, die den verschiedenen Asanas zugrunde liegen (absurd und quacksalberisch wie sie manchen vorkommen mögen), bevor nicht das menschliche System in all seinen Kompliziertheiten und Einzelheiten verstanden wird, bin ich doch überzeugt, dass die verschiedenen Stellungen viele bedeutsame Ergebnisse bringen, körperliche und andere.

Zum Beispiel werden bei einigen von ihnen verschiedene Nervenzentren gedrückt und in Tätigkeit gesetzt. Diese wirken sich stark auf die Kontrolle von Unregelmäßigkeiten im Körper aus, und, was sogar noch wunderbarer, aber nicht weniger wahr ist, auf die Reinwerdung unserer geistigen Natur (die Unterdrückung einiger unserer tierischen Leidenschaften). Eine Reihe von Beschwerden, die durch Überschuss oder Unregelmäßigkeiten in den Körpersäften hervorgerufen werden: Wind, Galle und Schleim, werden durch die Asanas beseitigt. Physiologen werden hier ein weites Feld für ihre Untersuchungen finden, und die Ernte ist das Mähen wert.

19. (fortgesetzt) Ich fahre fort, einige von den Asanas darzustellen, die von solchen Weisen wie Vasishta und solchen Yogis wie Matsyendra aufgenommen worden sind.

Sukadev

19. Asanas werden an erster Stelle abgehandelt, weil sie die erste Stufe des Hatha Yoga bilden.

Es gab zwar schon Yamas und Niyamas, das sind so die Vorstufen. Yamas und Niyamas findet man im Grunde genommen in jedem spirituellen System. Es gibt kein spirituelles System ohne die Yamas und Niyamas auf die eine oder andere Weise. Aber was das charakteristische von Hatha Yoga ist, die erste Stufe, sind Asanas.

– So sollte man Asanas ausführen, dass sie einen stark, frei von Beschwerden und leichtgliedrig machen.

Das sind drei Aspekte der Asanas. Frei von Beschwerden, stark und leichtgliedrig. Man kann auch sagen, das sind drei Phasen der Asanapraxis. Es gibt drei verschiedene Arten, wie wir Asanas üben. Wir können sie erstmal sehr sanft üben. Voller Körperbewusstsein, hineinatmen, nicht so weit gehen, um erstmal eine gewisse Heilwirkung im Körper zu erzeugen. Das ist das, was einen von verschiedenen Beschwerden erstmal befreien kann. Was ihr auch hoffentlich in Anfängerkursen unterrichtet und in Rückenyoga, und wie ihr vielleicht auch selbst am Anfang begonnen habt.

In den Anfängerkursen unterrichtet man zuerst sehr, sehr sanft. Die Menschen müssen Körperbewusstsein entwickeln, in den Körper hineinfühlen. Sie müssen die alten Denkschemata von Konkurrenz und Vergleichen, von Nichtgutgenugsein, von Perfektionsdrang und Zwang loswerden. Diese Dinge darf man nicht in die Asanapraxis hineinbringen. Und so ist das der erste Schritt im Hatha Yoga, dass wir frei werden von diesem Denken, seinen Körper nicht annehmen können. Gerade gestern hab ich gelesen, dass 75% der Frauen mit ihrem Aussehen nicht zufrieden sind, 52% der Männer. Noch vor dreißig Jahren war das anders. Da waren nur 25% der Frauen und 8% der Männer nicht zufrieden. In dem Maße, wie die Kosmektikindustrie und die Plastische Chirurgie, die Diätkunde und sonst was Einfluss bekommen, wird der Mensch unzufriedener mit seinem Äußeren. Und es ist wichtig, dass man lernt, sich selbst anzunehmen, seinen Körper zu spüren, zu fühlen. Natürlich nicht, sich zu identifizieren, das wollen wir ja nicht im Yoga, sondern wie ein Gewand, das wir tragen. Auf das wir bis zu einem gewissen Grad Einfluss haben, aber auch nicht vollständig. Ich könnte mir zwar jetzt die Haare färben, dann hätte ich blonde Haare, oder schwarze oder grüne oder gelbe Haare, aber ich könnte jetzt nicht die Anzahl meiner Haare verdoppeln. Gut, ich kann mir noch ein Toupet aufsetzen, aber das ist für die Meisten irgendwie unbefriedigend. Dagegen kann ich sehr wohl meinen Körper annehmen und ich kann sagen: „Das ist der Tempel, der mir zur Verfügung gestellt wurde.“ Das ist der erste Schritt im Hatha Yoga. Und wenn wir das machen, dann verschwinden alle möglichen Beschwerden von selbst. Man sollte aber nicht zwanzig Jahre lang immer diese sanften Asanas, sich ja nicht anstrengen, also nicht zu lange Zeit bei dem sehr sanften Anfängerstil stecken bleiben.

Dann der zweite Schritt ist, dass man stark wird. Körperlich stark, energetisch stark und geistig stark. Gut, durchaus auch körperlich stark. Man kann sagen, das ist die zweite Weise, wie man Asanas ausführt. Hier geht man in viele Variationen hinein und lernt, seine Ängste zu überwinden. „Ich kann dieses nicht, ich kann jenes nicht, das ist unmöglich,“ und so weiter. Auch anstrengende Asanas ausführen, sich auch dort bemühen, aber nicht mit Wettbewerbsdruck, auch nicht mit Perfektionszwang, aber man hat hoffentlich in der ersten Stufe abgelegt, dass man meint, besser sein zu müssen, als andere, oder unbedingt das Bild auf der Seite 176 im Großen Illustrierten Yogabuch nachahmen zu müssen. Vermutlich ist da gar kein Bild. Also körperlich stark sein. Auch ein Yogi sollte Rückenmuskulatur, Bauchmuskulatur, Armmuskulatur durchaus stärken. Asanas sollten irgendwann auch anstrengend sein. Davor sollten wir keine Angst haben, sondern im Gegenteil uns freuen, wenn’s mal anstrengend wird. Wir haben gelernt, wie man das richtig macht. Man lernt, irgendwann kann man den Kopfstand, irgendwann man kann den Handstand, man lernt Virabhrasana, man kann die Krähe, man lernt alles mögliche. Und so arbeitet man an vielen Variationen, um diese Stärke zu bekommen. Eine innere Stärke wie auch eine energetische Stärke.

Gut, und dann aber auch geistig stark. Viele Menschen blockieren ein großen Teil geistig. Denken, „Das kann ich nie, das klappt nie. Ich bin zu alt, zu gebrechlich, zu steif. Zu dick, zu dünn“, was weiß ich noch. „Zuviel Rückenbeschwerden, zuviel Arthritis“, alles Mögliche. Und wir machen uns schwach dadurch. Und indem wir durchaus mal fortgeschrittenere Asanas angehen, aber mit Intelligenz und Bewusstheit, lernen wir: Sehr viel mehr ist möglich. Und ich habe gute Erfahrungen gemacht gerade mit Menschen, die sehr große Beschwerden hatten, als sie mit Yoga angefangen haben. Fast die besten Erfolge habe ich bei Menschen, die mit über 70 angefangen haben. Was die dann noch für geistige Stärke wieder mobilisieren konnten, als sie gesehen haben, was sie alle für Asanas noch können. Im Leben geht’s wieder bergauf. Nicht in jedem Jahr fällt eine Fähigkeit weg und ein Wehwehchen kommt, sondern im Gegenteil, neue Fähigkeiten kommen. Das gibt eine riesige geistige Stärke. Wir wollen auch nicht vergessen, es gibt auch noch den nächsten Aspekt, den der energetischen Stärke. Die Asanas sind absolut notwendig, wenn man fortgeschrittenes Pranayama machen will, denn der Körper muss auf der energetischen Ebene stark sein, so dass mehr Prana, mehr Lebensenergie durch den Körper hindurch fließen kann. Wir wollen ja unser Energieniveau erheblich erhöhen. Von 3 Volt und 0,2 Milliampère wollen wir auf 1 Million Volt mit 100000 Ampère, oder Kiloampère oder Megaampère gehen. Und dazu muss auch der Körper stark werden und dafür sind die Asanas notwendig.

Und dann schließlich leichtgliedrig. Das ist der wichtigste Aspekt. Und um leichtgliedrig zu werden hält man die Stellungen lange. Und das ist die königliche Ausführung der Asanas. Leichtgliedrig bezieht sich zum einen natürlich auf das körperliche Gefühl. Nach einer Yogastunde fühlt man sich irgendwie leicht. Manchmal als ob man irgendwie auf Wolken geht. Die meisten haben so was schon mal gespürt, einige nicht, aber es ist wichtig zu wissen, viele fühlen das, diese Leichtgliedrigkeit. Leichtgliedrigkeit bezieht sich auch auf die Energien, die man spürt. Dass Prana frei wird, Energie fließt überall hin. Und dieser Aspekt der Leichtigkeit und auch der Verfeinerung von Prana, dem Erzeugen von Sattva, darüber hat Sri Kartikeyan bei seinem Pfingstseminar viel gesprochen. Er selbst ist jetzt keiner, der viele Asanas macht. Er macht andere Sachen. Aber er weiß, die Asanas transformieren das Prana in sattviges Prana. Menschen haben tamasiges, grobstoffliches Prana. Manchmal sieht man bei Menschen, wie hart und fest und erdig das Prana ist. Wenn man dort mit diesen Menschen spricht über subtile Zusammenhänge, dann ist das, wie wenn man zu nem Stein spricht, die können damit nichts anfangen. Alle Energie ist sehr tamasig. Ich hab immer die Erfahrung gemacht, jemand, der eine Weile Asanas macht, wenn der einen Meditationskurs macht, der hat überhaupt keine Probleme. Der kann anschließend über subtile Sachen hören, obgleich der vorher nie gehört hat – das Prana ist sattvig geworden. Das ist eine der schönen Sachen. Bei jedem Menschen, der Samskaras hat, spirituelle Samskaras, die werden wiederbelebt, nachdem sie ja durch eine Erziehung ausgetrieben oder verspannt oder im Herzen verschlossen wurden. Diese Samskaras werden freigelegt und aktiviert, wenn das Prana sattvig geworden ist. Daher helfen Asanas, einen leichtgliedrig zu machen.

Ich meine daher, dass Asanas in unserer modernen Gesellschaft ganz besonders wichtig sind. Die Asanas haben die große Fähigkeit, auch Menschen, die zunächst an nichts Spirituelles denken, zur Spiritualität, zu ihrer eigenen Herzensspiritualität zu bringen. Nicht zu etwas Äußerem, sondern von innen heraus. Und natürlich auch nur dann, wenn’s potenziell angelegt ist. Das ist nicht von außen aufoktoyiert, sondern etwas, was innen angelegt ist, wieder freigesetzt werden kann. Und da glaube ich, das können Asanas besser als alles andere, was es gibt in dieser Gesellschaft. Es müssen natürlich auch die Asanas richtig gelehrt werden. Und leider muss man sagen, es gibt eine ganze Reihe moderner Entwicklungen bei den Asanas, die nicht in diese Richtung gehen, die mehr in Richtung Aerobic gehen. Das nennt sich dann halt Yoga, man springt von hier nach dort. Das macht die Menschen auch energetisch, aber es ist eine rajasige Energie. Das habe ich zumindest miterlebt bei all den Stunden, wo ich selbst mit dabei war. Das war kein sattviges Prana, wo man hinterher das Gefühl hat, jetzt will ich mich hinsetzen zur Meditation. Es war ein Prana, ich hab auch mal Aerobicstunden miterlebt, um zu sehen, wie das ist, durchaus vergleichbar mit einem Prana nach einer Aerobicstunde. Die Leute sind auch irgendwie aufgedreht, fühlen sich wohlig erschöpft und auch kommunikativ. Es ist ja nichts schlechtes, aber es ist nichts Sattviges.

Um Sattva zu erzeugen, müssen wir die Asanas halten. Je länger wir die Asana halten, um so wirkungsvoller sind sie auf sattvigem Gebiet. Und dazu ist eine besondere Verantwortung bei Yogalehrern, denn unsere Gesellschaft geht in eine andere Richtung. Unsere Gesellschaft geht ins Rajas. Und auch bei den Yogarichtungen gibt’s immer diese Tendenz ins rajasige. Fünf Minuten in der Vorwärtsbeuge zu sein, dabei ganz konzentriert zu sein, den Geist nicht abzulenken, den Atem konzentrieren, ist etwas, was den Grundströmungen der Gesellschaft entgegengesetzt ist. Die Gesellschaft will mehr, tut was, ist aktiv, und man ist besser als die anderen und so weiter, oder man entspannt, schwitzt, nachher legt sich auf den Rücken. Nichts gegen Sauna, ich geh ab und zu auch mal hin. Aber eigentlich, ich glaub, die Hauptwirkung bei Sauna, es ist eine Legitimierung, faul herumzuliegen. Wenn ihr mal probiert, statt einen halben Tag in die Sauna zu gehen, einen halben Tag ganz geruhsam sich hinzulegen, zwischendurch mal ein bisschen spazieren gehen, wieder hinlegen, werdet ihr feststellen, es hat einen ähnlichen Erholungswert. Mal Sebastian Kneipp fragen. Gut, ich bin ja durchaus auch für Sachen wie Abhärtung und so weiter, auch für warm/kalt, wird ja einiges da sein, aber auch Sauna erzeugt kein sattviges Prana, behaupte ich hier. Es mag gut sein, aber sattviges Prana erzeugen die Asanas, die Chi Gong Übungen. Vielleicht gibt’s auch noch andere Übungen, aber die Asanas in ganz besonderem Maß. Dafür sind sie ausgerichtet.

Eine Stellung lange halten. Wie lange ist lange? Ihr seid alle sehr großzügig in der Zeit. Also schon drei, fünf Minuten. Da fangen die Asanas an, interessant zu werden. Es stimmt, die Asana Jaya, die Herrschaft über die Stellungen, ist erreicht, wenn man sie zwei Stunden lang gehalten hat. Und der Swami Vishnu hat uns öfter gesagt: Jeder ernsthafte Yoga Schüler sollte die Grundasanas mal mindestens zwanzig Minuten gehalten haben. Sofern nichts körperliches dagegen spricht. Grundasanas wären Kopfstand, Schulterstand, Pflug, Fisch, Vorwärtsbeuge, Kobra, Drehsitz. Das sind alles Asanas, die man mal mindestens zwanzig Minuten halten kann. Das hängt natürlich auch von deiner Zeit ab. Aber typischerweise wird man mal einen Tag die eine Asana länger halten, oder eine Woche lang daran üben, eine Asana länger zu halten, die nächsten Wochen eine andere, sonst bist du drei bis vier Stunden beschäftigt. Wenn man Zeit hat, würde auch nichts dagegen sprechen, aber ich vermute, die habt ihr nicht. Aber mindestens einmal im Leben sollte man die Asanas länger halten. Also, meine Ermutigung ist, macht’s ruhig, wenn euer Körper das erlaubt. Wenn es der Körper nicht erlaubt – es gibt noch genügend andere, schöne Dinge, die man im Yoga machen kann. Der Trick beim Yoga ist immer, sich nicht über das zu ärgern, was man nicht kann, sondern sich über das zu freuen, was man machen kann.

Und auch etwas Wichtiges, was man nicht vergessen darf: Unser Geist ist immer ein bisschen rajasig. Und was will der rajasige Geist? Abwechslung. Er will immer was Neues. Gut, und bis zum gewissen Grad versuchen wir, Vikshepa, der Unruhe des Geistes, Rechung zu tragen, und immer wieder Variationen zu machen, diese kleine Veränderung und jene kleine Veränderung. Aber nichts desto trotz, die machtvollste Art und Weise, die Asanas auszuführen, sind diese banalen Grundstellungen. Das sind die machtvollsten Stellungen überhaupt, wenn man sie lange hält mit Konzentration. Die anderen haben auch ihren Zweck, und es ist gut, sie auch zu üben. Sie geben eine körperliche, energetische und geistige Stärke. Und wir sollten nicht vergessen, es ist eigentlich nur eine Vorbereitung für das lange Halten der Asanas. Das ist die tiefste und machtvollste Weise. Und man fängt an, sanft zu üben. Das hilft schon, dass man einige Beschwerden loswerden kann, Spannungen, insbesondere den Leistungstrieb loswerden kann, den Vergleichstrieb loswerden kann. Das ist nämlich wichtig. Wenn wir in die zwote Phase der Asanapraxis gehen mit vielen Variationen, mit anstrengenden Variationen, dann müssen wir darauf achten, dass wir das nicht mit Wettbewerbsgeist machen. Und dann zum Schluss lange halten, und dann fühlt man sich sehr leicht. Wer eine halbe Stunde in der Vorwärtsbeuge war und dabei konzentriert gewesen ist, dann sind alle Probleme verschwunden. Das Prana ist sattvig geworden, die Schwingung ist subtil geworden, und man fühlt sich sehr, sehr gut.

Es gibt auch vorübergehende Sachen, z.B. dass Reinigungserfahrungen auftreten. Gut, man muss auch sehen, der Körper altert, es treten Beschwerden auf, und manchmal können auch Asanas diese Beschwerden nicht verhindern. Beispielsweise bei manchen Menschen ist der Körper so angelegt, dass er mit fünfundvierzig Jahren Rheuma kriegt. Jetzt beginnt man mit dreiundvierzig mit Yoga, dann kriegt mit man fünfundvierzig trotzdem Rheuma. Vielleicht weniger, als wenn man kein Yoga gemacht hätte, aber denkt dann, ich hab durch’s Yoga Rheuma gekriegt. Aber wenn man dann seine Familie anschaut, die Eltern oder die Geschwister, die haben auch irgendwas gekriegt, ohne Yoga zu praktizieren. Manchmal muss man sagen, Yoga heilt nicht alle Krankheiten und verhindert nicht alle Krankheiten. Dass Yoga selbst Krankheiten hervorruft, ist äußerst selten. Dann macht man irgendwas falsch. Dass Yoga hilft, Krankheiten zu heilen, ist relativ häufig. Aber leider ist es nicht so, dass Yoga alle Krankheiten heilt. Aber im Zweifelsfall, wenn man selbst nicht weiß, wie man die Praxis anpassen kann, dann sollte man jemanden fragen, der mehr weiß. Schaden richten die Asanas nicht an.

Wenn ihr die Asanas länger als zehn Minuten halten wollt, dann müsst ihr Vegetarier sein. Ansonsten bis zehn Minuten die Asanas halten, da ist es jetzt nicht notwendig, dass man die richtige Ernährung hat. Natürlich ist es hilfreich, die richtige Ernährung zu haben, und sehr viele Menschen, habe ich erlebt, dass wenn sie die Asanas so machen, dass sie die Asanas länger halten und bewusst halten, die werden von selbst Vegetarier. Die hören, von selbst auf zu rauchen, die hören von selbst auf, Alkohol zu trinken. Wir dürfen jetzt nicht unseren Schülern sagen: „Du darfst keine Asanas machen, wenn du nicht vegetarische Vollwertkost hast, das stimmt nicht. Es gibt genügend Menschen, die anfangen mit Asanas, die Alkoholiker sind, rauschgiftsüchtig sind, deren Ernährung aus Schokolade und Abführmitteln besteht. Und indem sie anfangen, regelmäßig Yoga zu machen, damit aufhören. Also das wird nicht zur Bedingung, obgleich man als Yogalehrer irgendwann mal auch auf die Ernährung hinweist.

Schreckt jetzt nicht eure Schüler ab. Ich erinnere mich an jemand, der hat gesagt, vor zehn Jahren hätte er schon mal Yoga gemacht. Und dann hätte die Lehrerin gesagt, sie dürften kein Yogamachen und Fleisch essen. Das hat er dann eingesehen und kein Yoga mehr gemacht. Und zehn Jahre später kam er zu mir und hat gesagt, eigentlich hätte das Yoga ja doch gut getan. Ob ich meine, ob er vielleicht auch Yoga machen könne, auch wenn er Fleisch isst. Und er hat dann Yoga gemacht, und nach nem Jahr ist er Vegetarier geworden. Aber er wollte ganz ausdrücklich kein Vegetarier werden. FortgeschrittenesPranayama, also Samanu-Konzentration, Jalandhara Bandha, Suryabedha, Ujjayi, Bhastrika, Mudras, dafür sollte man Vegetarier sein. Und auch Nichtraucher, keine Drogen zu sich nehmen, insbesondere keine bewusstseinsverändernden Drogen und keine alkoholischen Getränke. Aber normales Kaphalabhati, Wechselatmung, könnt ihr auch einen nichttrockenen Alkoholiker mit großem Nutzen unterrichten.

– Ich fahre fort, einige von den Asanas darzustellen, die von solchen Weisen wie Vasishta und solchen Yogis wie Matsyendra aufgenommen worden sind.

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1. Kapitel, Vers 20

Deutsche Übersetzung:

Ich werde eine Auswahl von Asanas beschreiben, die für gut befunden wurden | von Vashishtha und weiteren Heiligen sowie Matsyendra und weiteren Yogis.

Sanskrit Text:

  • vasiṣṭhādyaiś ca munibhir matsyendrādyaiś ca yogibhiḥ |
    aṅgīkṛtāny āsanāni kathyante kāni-cin mayā ||20||
  • वशिष्ठाद्यैश् च मुनिभिर् मत्स्येन्द्राद्यैश् च योगिभिः ।
    अङ्गीकृतान्य् आसनानि कथ्यन्ते कानिचिन् मया ॥२०॥
  • vasishthadyaish cha munibhir matsyendradyaish cha yogibhih |
    angikritany asanani kathyante kani chin maya ||20||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vasiṣṭha : Vasishtha
  • ādyaiḥ : usw., und anderen (Adya)
  • ca: und, sowohl (Cha)
  • munibhiḥ : von den Weisen (Muni)
  • matsyendra : Matsyendra
  • ādyaiḥ : usw., und anderen
  • ca : und, als auch
  • yogibhiḥ : von Yogis (wie)
  • aṅgīkṛtāni : die akzeptiert, berücksichtigt worden sind (Angikrita)
  • āsanāni : Asanas (Körperstellungen)
  • kathyante : werden genannt, gelehrt (kath)
  • kāni-cid : einige (Ka Chid)
  • mayā : von mir (Mad)     ||20||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

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Sukadev

20.  Ich fahre fort, einige von den Asanas darzustellen, die von solchen Weisen wie Vasishta und solchen Yogis wie Matsyendra aufgenommen worden sind.

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