4. Kapitel, Vers 114

Deutsche Übersetzung:

Solange das Prana nicht in den mittleren Kanal einströmt und dort zirkuliert, solange der Bindu nicht durch die Kontrolle der Prana-Bewegung beständig wird, solange der Geist nicht das Wesen Brahmas annimmt solange die Meditation nicht anstrengungslos geübt wird – solange ist all das Reden von Erkenntnis und Weisheit bloß unsinniges Geplapper eines törichten Menschen.

Sanskrit Text:

  • yāvan naiva praviśati caran māruto madhya-mārge
    yāvad bindur na bhavati dṛḍhaḥ prāṇa-vāta-prabandhāt |
    yāvad dhyāne sahaja-sadṛśaṃ jāyate naiva tattvaṃ
    tāvaj jñānaṃ vadati tad idaṃ dambha-mithyā-pralāpaḥ || 114 ||
  • यावन्नैव प्रविशति चरन्मारुतो मध्यमार्गे
    यावद्बिन्दुर्न भवति दृढः प्राणवातप्रबन्धात् |
    यावद्ध्याने सहजसदृशं जायते नैव तत्त्वं
    तावज्ज्ञानं वदति तदिदं दम्भमिथ्याप्रलापः || ११४  ||
    yavan naiva pravishati charan maruto madhya marge
    yavad bindur na bhavati dridhah prana vata prabandhat |
    yavad dhyane sahaja sadrisham jayate naiva tattvam
    tavaj jnanam vadati tad idam dambha mithya pralapah || 114 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • yāvat : solange wie (Yavat)
  • na : nicht (Na)
  • eva : wahrlich (Eva)
  • praviśati* : eingeht (in das Brahmarandhra, pra + viś)
  • caran : (der) fließende (“wandelnde”, car)
  • mārutaḥ : Lebensatem, das Prana (“Wind”, Maruta)
  • madhya-mārge* : im mittleren Pfad (MadhyaMarga)
  • yāvat : solange wie
  • binduḥ : (der) Samen (Bindu)
  • na : nicht
  • bhavati : wird (Bhava)
  • dṛḍhaḥ : fest (Dridha)
  • prāṇa-vāta : (des) Lebens-Windes (Prana-Vata)
  • prabandhāt** : aufgrund des Hemmens (“Bändigens”, Prabandha)
  • yāvat : solange wie
  • dhyāne : in der Meditation (Dhyana)
  • saha-ja*** : (dem) natürlichen (“angeboren” Zustand, Sahaja)
  • sadṛśaṃ : gleich, identisch mit (Sadrisha)
  • jāyate : wird (jan)
  • na : nicht
  • eva : wahrlich
  • tattvaṃ : (der) Geist, (das geistige) Prinzip (Tattva)
  • tāvat : solange (bleibt, Tavat)
  • jñānaṃ : Wissen (Jnana)
  • vadati : (was einer) ausspricht (vad)
  • tad idaṃ : genau das, ebendas (Tad Idam)
  • dambha : (auf) Heuchelei (beruhendes, Dambha)
  • mithyā : leeres (“falsches”, Mithya)
  • pralāpaḥ : Geschwätz (Pralapa)        || 114 ||

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erklärt, dass es sich nur um das „Wissen (Jnana) von Nichtyogis“ (a-Yogin) handelt, solange (yāvat) der „im mittleren (Madhya) Pfad (Marga)“, d.h. in Sushumna fließende (Charat) Lebensatem (Prana-Vayu) nicht (na) ins Brahmarandhra eingeht (viśati): ayogināṃ jñānaṃmadhya-mārge suṣumnāyāṃ caran … prāṇa-vāyuḥ yāvatbrahma-randhra-paryantaṃ na viśati.

**Anmerkung: Brahmananda ergänzt, dass das „Bändigen des Lebensatems“ (Prana-VataPrabandha) das Bewegungslosmachen (SthiraKarana) mittels Atemverhaltungen (Kumbhaka) meint: prabandhāt kumbhakena sthirī-karaṇāt.

***Anmerkung: Das Identischwerden (Sadrisha) des Geistes (Chitta) mit dem natürlichen, innewohnenden (Sahaja) Zustand in der Meditation (Dhyana) erklärt Brahmananda in der Weise, dass der Geist (vollständig) aus dem kontinuierlichen Fluss (Pravaha) der mentalen Fluktuationen (Vritti) in Form (Akara) des Meditationsobjektes (Dhyeya) besteht, welches das Selbst bzw. das „eigene Wesen“ (Svabhava) ist: sahaja-sadṛśaṃ svābhāvika-dhyeyākāra-vṛtti-pravāha-vat.

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

a) Solange das Prana nicht in die Sushumna gelangt und Brahmarandhra durchstößt, b) solange Bindu (Samen) nicht fest wird durch das Zurückhalten des Atems, c) solange Chitta nicht mit dem Objekt, auf das während Dhyana meditiert wird (Brahman) verschmilzt, solange sind jene, die über Dhyana sprechen, nichts als eitle Schwätzer und unaufrichtige Menschen.

a) die Amrita Siddhi sagt: „Erkenne denjenigen als einen unwahren Yogi, dessen Prana nicht in die Sushumna gelangt ist und in Brahmarandhra absorbiert worden ist.“ b) betrachte denjenigen nicht als Brahmachari, sondern als einen, der in Yoga völlig versagt hat, der Alter, Tod und allen Arten von Schwächen unterliegt, solange er nicht seinen Samenfluss unter Kontrolle hat und den Zustand von Samadhi erreicht hat. Solch ein Mensch, heißt es, ist weltlich. Er wird trotz seiner Yoga-Übungen Asiddha (Unvollkommener) genannt. c) Die Yoga-Bija besagt: „Wenn sich Chitta tot zeigt, stellt sich das Prana als tot heraus. Macht der Yogi diese Erfahrung nicht, kennt er keine Shastras, keinen Guru, kein Moksha und keine Vereinigung mit Atman.“

Vishnu-devananda

Krishna sagt in der Bhagavatam: „Es gibt nur drei Wege, die zur Befreiung führen und von mir dargelegt wurden. Sie sind: Jnana, Karma und Bhakti.“ Warum sagt man dann, dass (Raja)-Yoga der wichtigste Weg zur Befreiung ist? Die Antwort lautet, dass alle drei Wege im achtstufigen Yoga vereint sind.

Die Sruti sagt: „Das Selbst alleine kann gesehen, gehört, überdacht und verwirklicht werden.“ Das Selbst kann durch Sravana (Zuhören), Manana (Nachdenken) und Nididhyasana (Verwirklichung) erreicht werden. Die ersten zwei sind in Swadhyaya, einer Unterteilung der Niyamas, der zweiten Yogastufe, enthalten. Swadhyaya ist das gründliche Studium der Lehren zur Befreiung, mit vollständigem Wissen ihrer inneren Bedeutung und Symbolik. Als Nididhyasana wird das Zurücknehmen der Vorstellung, dass neben Brahman noch irgendetwas existiert und das Fordern der Verwirklichung, dass alles Brahman ist, bezeichnet. Dies ist in Dhyana, der siebenten Stufe des (Raja)-Yoga, enthalten.
Karma Yoga – alle Handlungen werden Ishwara dargeboten – ist in Kriya Yoga, beschrieben von Patanjali, enthalten. Patanjali sagt: „Kriya Yoga ist Tapas, Swadhyaya und Ishwara Pranidhana.“ Als Tapas wird die Körperreinigung durch Befolgung verschiedener Selbstdisziplinen bezeichnet. Swadhyaya besteht aus jenen Studien, die zu einer Vorherrschaft von Sattwa Guna führt. Im Ishwara Pranidhana wird Ishwara gepriesen durch Wort, Gedanke und Taten und unerschütterliche Hingabe zu Ihm.

Bhakti bedeutet eigentlich ständige Wahrnehmung der Erscheinungsform des Herrn durch das innere Organ. Es gibt neun Arten von Bhakti: die Lehre über den Herrn zu hören, diese zu singen, sich an Ihn zu erinnern, Seine Füße zu verehren, Ihm Blumen darzubieten, sich vor Ihm zu verneigen (im Geist), sich Ihm völlig hinzugeben, sich selbst als Seinen Diener zu betrachten, Sein Begleiter zu werden und sich Ihm völlig darzubieten.
All dies ist in Ishwara Pranidhana enthalten. Bhakti ist durch Narayana Tirtha als ein ununterbrochener Strom der Liebe zu den Füßen des Herrn bezeichnet worden. Eine Liebe, die das All-Seiende und das Alles-Beendende einer menschlichen Existenz ist, während dieser er gewissermaßen in dem Objekt seiner Hingabe aufgeht. Madhusudana Saraswati beschrieb es auch als einen Geisteszustand, der vor seinem Dasein, ganz und gar vernichtet und absorbiert, zur Natur des Herrn wird. Folglich ist Bhakti in seinem transzendentalen Aspekt in Samprajnata enthalten.
So sind die drei von Krishna dargelegten Wege in der Bhagavatam aufgezeigt worden, um zu zeigen, dass sie zu den Stufen des Yoga gehören. Folglich reicht Yoga – in seiner Gesamtheit und vorgeschriebenen Reihenfolge praktiziert – aus, um Befreiung zu erlangen. Einzig allein in diesem Sinne sind die Wörter in den Puranas zu verstehen, die besagen, dass Brahman durch Yoga zu erreichen ist.

Sukadev

114 a) Solange das Prana nicht in die Sushumna gelangt und Brahmarandhra durchstößt, b) solange Bindhu (Samen) nicht fest wird durch das Zurückhalten des Atems, c) solange Chitta nicht mit dem Objekt, auf das während Dhyana meditiert wird ( Brahman) verschmilzt, solange sind jene, die über Dhyana sprechen, nichts als eitle Schwätzer und unaufrichtige Menschen.

Was heißt das? Bis dahin, bis wir das Selbst erreichen, müssen wir uns selbst etwas demütig vorkommen. Solange das Prana nicht in der Sushumna ist, also der feinstoffliche Kanal damit alle Chakras öffnet, und das heißt auch Bindhu. Eigentlich ist Bindhu ein gewisses Energiezentrum hinten am Hinterkopf. Und dieser Bindhu, der muss eine Festigkeit haben, das ist ein Zeichen dafür, dass der Geist konzentriert ist. Und dann heißt es auch: Solange Chitta, der Geist, nicht mit dem Ziel, auf das während Dhyana meditiert wird, Brahman, verschmilzt. Also Meditation können wir wirklich erst beschreiben, wenn wir dies erreichen, wenn wir die Einheit mit dem Unendlichen erfahren haben. Bis wir die Einheit mit dem Unendlichen erfahren haben, sind wir was? Auf der einen Seite Schwätzer, auf der anderen Seite sind wir immer noch das unsterbliche, absolute, reine Selbst, Satchidananda, Sein, Wissen, Glückseligkeit. Was wir von uns geben, müssen wir wissen, ist etwas Relatives. Und wenn wir das wissen, dass das, was wir von uns geben als Yogalehrer, relativ ist, Geschwätz ist, was können wir dann machen? Zum Einen können wir nicht ganz so viel sprechen, gut, aber andererseits können wir humorvoll sein. Versteht ihr das? Der Wilhelm Busch hat ja so schön gesagt – ich hab das schon mal zitiert – „Und ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert“. Und wenn man weiß: In sich selbst ist die höchste Wahrheit, das ist Brahman, und diese Wahrheit ist absolut. Das Unendliche zu erfahren, das ist das Ziel. So lange wir es nicht erreicht haben, ist alles, relativ. Also brauchen wir uns gar nicht zu sehr unter Stress zu setzen.

 

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