2. Kapitel, Vers 2

Deutsche Übersetzung:

Solange sich der Atem bewegt, so lange ist auch alles wandelbare des Menschen (Chitta) unstet. Ruht das eine, kommt auch das andere zur Ruhe | und der Yogi findet innere Harmonie. Daher soll der Yogi den Atem anhalten.

Sanskrit Text:

  • cale vāte calaṁ cittaṁ niścale niścalaṁ bhavet |
    yogī sthāṇutvam āpnoti tato vāyuṁ nirodhayet ||2||
  • चले वाते चलं चित्तं निश्चले निश्चलं भवेत् ।
    योगी स्थाणुत्वमाप्नोति ततो वायुं निरोधयेत् ॥२॥
  • chale vate chalam chittam nishchale nishchalam bhavet |
    yogi sthanutvam apnoti tato vayum nirodhayet ||2||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • cale : unstet, beweglich (Chala)
  • vāte : (ist der) Atem, Prana  („Wind“, Vata)
  • calaṁ : unstet, beweglich
  • cittaṁ : (ist auch der) Geist (Chitta)
  • niścale : (der Atem) unbeweglich (Nishchala)
  • niścalaṁ : (auch der Geist) unbeweglich
  • bhavet : ist, wird (bhū)
  • yogī : (ein) Yogi
  • sthāṇu-tvam : Bewegungslosigkeit (das „wie-ein-Pfosten-Sein“, Sthanutva)
  • āpnoti : erreicht (āp)
  • tataḥ : daher, deshalb (Tatas)
  • vāyuṁ : (den) Atem, Prana („Wind“, Vayu)
  • nirodhayet : man soll anhalten („einsperren“, ni + rudh)        ||2||

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

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Vishnu-devananda

Wenn der Atem wandert, d.h. unregelmäßig ist, ist auch der Geist unruhig. Aber wenn der Atem ruhig ist, so ist es auch der Geist und der Yogi lebt lange. Daher sollte man den Atem zurückhalten.

Wie kann der Atem wandern? Wir können diesen Vers nur verstehen, wenn wir uns vor Augen halten, dass es nicht der körperliche Atem ist, der hier gemeint ist, sondern Prana. Diese Verwirrung kommt durch Übersetzungsprobleme. Das ursprüngliche Sanskrit „Prana Vayu“ ist hier als Atem übersetzt, weil es im Englischen kein Wort für Prana gibt. Manchmal ist es als Luft übersetzt, andere Male wieder als Atem. Wegen der Möglichkeit von Verwirrungen wie dieser ist ein Guru notwendig.
Der Geist ist wie ein Baum und der Atem ist wie der Wind. Wir können den Wind nicht sehen, aber wenn wir die Bewegung des Baumes sehen, wissen wir, dass die Luft in Unruhe ist. Es ist dasselbe mit dem Denken. Wenn Prana in Unruhe oder unbeständig ist, ist euer Geist so sehr in Unruhe, dass ihr nicht still auf einem Fleck sitzen könnt. Im extremen Fall eines Wahnsinnigen ist Prana so sehr in Unruhe, dass es nicht angemessen kanalisiert wird (weder ankommende, noch ausgehende Wellen bewegen sich in Ordnung, und der Motor oder die sensorischen Nerven sind außer Kontrolle). Dann sind Denken und Körpertätigkeit vollständig außer Kontrolle und einer redet, bewegt sich und lacht vollständig unangepasst. Das passiert auch uns in unterschiedlichem Grad, wann immer unser Geist nicht vollständig gefestigt ist – wenn „der Atem wandert“. Das Wesentliche ist, dass wir den Zusammenhang zwischen Prana und Geist verstehen.
Die Pradipika sagt, dass „man den Atem zurückhalten“ soll, aber ihr alles wisst, dass ihr nicht mehr lange lebt, wenn ihr das wörtlich nehmt. Wieder sehen wir, dass wir Atem mit Prana übersetzen müssen. Wenn dieses Prana so geregelt ist, dass es rhythmisch wird, dann wird auch der Atem rhythmisch. Wir können den körperlichen Atem beobachten, um zu erfahren, wie sich Prana bewegt. Vom Beobachten der Blätter auf einem Baum wissen wir, ob der Wind vom Norden kommt oder vom Süden, ob seine Geschwindigkeit acht Knoten ist oder ob es stürmisch ist. Auf ähnliche Weise können wir durch das Beobachten des körperlichen Atems einer Person sagen, wie deren geistige Verfassung ist. Das ist eines der Prinzipien, nach denen Lügen-Detektor-Apparate funktionieren.
Wenn ihr Pranayama macht, dann regelt ihr den Impuls, der zum Zwerchfell kommt in einem bestimmten Verhältnis (1:4:2). Impulse gehen immer vom Gehirn zum Rest des Körpers, zum Beispiel, wenn ich meinen Arm bewege. Ihr könnt den Impuls nicht sehen, aber ihr könnt die Bewegung sehen. Der Muskel wird vom Geist kontrolliert, der die Impulse durch das Nervensystem zu den Muskeln schickt. Es hängt alles vom Denken ab, wie es auch das Denken ist, das die Impulse kontrolliert.
Indem ihr den körperlichen Atem gebraucht, reguliert ihr die Impulse von Prana (und ebenso von Apana). Dann, mit der Zusammenziehung des Mula Bandhas versucht ihr die Impulse davon abzuhalten, zu den geschlechtlichen und niederen Organen zu gelangen; ihr bringt Energie hoch. Ihr schließt Prana ab, indem ihr nicht nur den Atem anhaltet, sondern auch mit dem Kinn die Brust berührt. Indem ihr auf verschiedene Nerven Druck ausübt, kontrolliert ihr das Kreislaufsystem – Herzfrequenz und Atemfrequenz werden kontrolliert. Wenn ihr Druck auf das Muladhara Chakra ausübt, indem ihr den Afterschließmuskel mit der Ferse drückt und über dieser Gegend sitzt, übt ihr Druck auf das Kanda aus, den Ort, wo alle Nerven zusammenmünden. Dies drückt auf Apana und treibt es aufwärts. Prana wird durch die Kinn-Sperre abwärts getrieben. Auf diesem Weg werden diese zwei Impulse miteinander verbunden. Das wird Hatha Yoga genannt: die Vereinigung von „Ha“ und „Tha“. Wir brauchen die Anwendung körperlichen Druckes ebenso wie die Verwendung des Geistes und des Atems. Atem, Denken und Körper sind alle beteiligt – so bekommt ihr dann mit allen dreien gemeinsam volle Kontrolle.
Es wird gesagt, dass ihr durch diesen Vorgang nicht hindurch müsst, wenn ihr im Raja Yoga schon sehr weit gekommen seid. Ein weit fortgeschrittener Raja Yogi ist einer, der sein Denken kontrollieren kann, und wenn ihr das einmal könnt, könnt ihr alles kontrollieren: Prana und den Körper. Aber so jemand ist sehr selten. Ein fortgeschrittener Yogi hat volle Kontrolle über seine Gefühle: Lust, Ärger, Gier, Hass, Eifersucht, Neid, Furcht. Aber die meisten von uns müssen Hatha Yoga praktizieren, um zum Raja Yoga zu gelangen.
Vom Yogi sagt man, dass er „lange lebt“, weil er die ankommenden Impulse so regelt, dass sich der Atem verlangsamt. In dem Verhältnis, in dem sich der Atem verlangsamt, wird das Leben verlängert, weil die Energie dann langsamer verbrannt wird. Aufbauende und abbauende Tätigkeit nehmen beide ab, man ist ausgeglichen, und so wird die Jugend für lange Zeit bewahrt.

Sukadev

2. Wenn der Atem wandert, d.h. unregelmäßig ist, ist auch der Geist unruhig. Aber wenn der Atem ruhig ist, so ist es auch der Geist und der Yogi lebt lange. Daher sollte man den Atem zurückhalten.

‚Zurückhalten’ steht hier; ’steuern’ wäre der korrektere Ausdruck. Ist der Atem unruhig, ist der Geist unruhig. Die einfachste Anwendung gegen Lampenfieber ist, gleichmäßig einatmen, gleichmäßig ausatmen in den Bauch, dann wird diese Angstenergie umgewandelt in gleichmäßige positive Energie. Oder wenn man ärgerlich ist, dann kann man einatmen und doppelt so lange ausatmen, wie man eingeatmet hat. Natürlich kontrollieren wir über die Kontrolle des Atems nicht nur den Atem, sondern auch das Prana, und über Prana den Geist. Und dann sagt Swatmarama hier: Der Yogi lebt lange. Das lange Leben kann man jetzt wörtlich nehmen oder auch im übertragenen Sinne. Es gibt tatsächlich so Legenden, dass die großen Hatha Yoga Meister mehrere hundert Jahre alt werden. Der Swami Vishnu ist nicht so alt geworden, der Swami Sivananda auch nicht, aber sie waren auch keinen reinen Hatha-Yoga-Meister. Ich kenne einen, der behauptet hat, er hätte mal einen Lehrer gehabt, der sei 980 Jahre alt geworden. Der hätte sich noch erinnern können an Dinge, die vor 500 und 800 Jahren waren. Ich selbst bin immer zunächst skeptisch, wenn ich so was höre, denn behaupten kann man ja Vieles. Aber ich halt’s auch nicht für ausgeschlossen. Ich habe schon so viele Dinge gesehen, die man nicht mit Schulbuchweisheit erklären kann, und die den Konzepten der modernen Biologie nicht entsprechen; trotzdem, man sollte nicht alles glauben, wenn jemand so was behauptet. Aber es heißt durchaus, wenn man vielAsanas macht, sehr viel Pranayama macht, dann soll sich durchaus auch das physische Leben verlängern. Und jetzt die reinen Hatha Yogis, die wirklich stundenlang, 3 drei bis fünf Stunden am Tag Asanas und Pranayama üben, die sind tatsächlich auch mit achtzig oder neunzig Jahren noch sehr flexibel und gesund. Die bringen das Prana in die Sushumna, aber sie haben auch viel Lebensenergie, Prana, und wer viel Lebensenergie hat, ist eher lebendig, und dadurch lebt er lange. Erst dann, wenn die Lebensenergie verschwunden ist, stirbt auch der Körper. Und die zwote Bedeutung gilt sicherlich für jeden Menschen. Wenn man Pranayama macht, dann ist tatsächlich mehr Lebenskraft da und ist auch lebendiger. Und das ist am deutlichsten, wenn Menschen im fortgeschrittenen Alter Pranayama üben, dann kann man merken, wie deren Gesichtsausdruck sich ändert, das ist das deutlich sichtbarste.

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