1. Kapitel, Vers 29

Deutsche Übersetzung:

Die Haltung von Matsyendra reguliert das Verdauungsfeuer und beseitigt viele schreckliche Krankheiten wie eine Waffe. | Durch diese Praxis wird die Kundalini geweckt, der Mond stabilisiert und sie ist für [alle] Menschen sehr empfehlenswert.

Sanskrit Text:

  • matsyendra-pīṭhaṁ jaṭhara-pradīptiṁ
    pracaṇḍa-rug-maṇḍala-khaṇḍanāstram |
    abhyāsataḥ kuṇḍalinī-prabodhaṁ
    candra-sthiratvaṁ ca dadāti puṁsām ||29||
  • मत्स्येन्द्रपीठं जठरप्रदीप्तिं
    प्रचण्डरुग् मण्डलखण्डनास्त्रम् ।
    अभ्यासतः कुण्डलिनीप्रबोधं
    चन्द्रस्थिरत्वं च ददाति पुंसाम् ॥२९॥
  • matsyendra pitham jathara pradiptim
    prachanda rug mandala khandanastram |
    abhyasatah kundalini prabodham
    chandra sthiratvam cha dadati pumsam ||29||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • matsyendra : (des) Matsyendra
  • pīṭhaṁ : (die) Körperhaltung („Sitz“, Pitha)
  • jaṭhara : (des) Magens, Verdauungsfeuers (Jathara)
  • pradīptiṁ : (das) Aufflammen (Pradipti)
  • pracaṇḍa : (von) überaus heftig(en), grimmig(en), schrecklich(en, Prachanda)
  • ruj : Krankheit(en, Ruj)
  • maṇḍala : (einer ganzen) Schar, Menge (Mandala)
  • khaṇḍana : (zum) Beseitigen („Zerstückeln“, Khandana)
  • astram : (ist eine) Waffe (Astra)
  • abhyāsataḥ : aufgrund (ihrer) Praxis, durch das Üben (Abhyasa)
  • kuṇḍalinī : (der) Kundalini
  • prabodhaṁ : (das) Erwachen (Prabodha)
  • candra* : (des) Mondes (Chandra, des „Tropfens“ Bindu, des Nektars)
  • sthiratvaṁ : (die) Beständigkeit, Bewegungslosigkeit, Festigkeit (Sthiratva)
  • ca : und (Cha)
  • dadāti : (sie) gibt, verleiht, verursacht ()
  • puṁsām : den Menschen  (Pums)      ||29||

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erklärt, dass sich der „Mond“ (Chandra) in der Region (Bhaga) oberhalb (Upari) des Gaumens (Talu) befindet (sthitasya) und ständig (Nitya) herabtropft (kṣarataḥ). Die Stellung des Matsyendra bewirkt (dadāti) die Festigkeit (Sthiratva) bzw. das „Nichtsein“ (Abhava) dieses Herabfließens (Ksharana): candrasya tāluna upari-bhāge sthitasya nityaṃ kṣarataḥ sthiratvaṃ kṣaraṇābhāvaṃ ca dadāti.

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

Es heißt, dass sich der Mond über der Wurzel des Gaumens befindet und immerzu ambrosischen Nektar tropfen lässt, der im Vermischen mit dem Verdauungsfeuer aufgezehrt wird. Aber diese Asana verhindert das. Es wird eine merkwürdige Geschichte von Matsyendra erzählt. Er soll ein Schüler von Adinath oder Shiva gewesen sein. Einst begab sich Shiva zu einer einsamen Insel und, im Glauben sie wäre unbewohnt, lehrte er seiner Frau Parvati die Geheimnisse des Yoga. Ein Fisch, der gerade der Küste nahe war, hörte alles und blieb unbeweglich, mit seinem Geist in Konzentration. Adinath erkannte dies und dachte, dass der Fisch den Yoga erlernt hätte, und voller Erbarmen besprengte er ihn mit Wasser. Augenblicklich wurde er ein Siddha, im Besitz eines göttlichen Körpers, und er wurde Matsyendra genannt.

Vishnu-devananda

29. Matsyendrasana hebt den Appetit, indem sie das Magen-Feuer entfacht, und zerstört schreckliche Beschwerden im Körper. Wenn sie durchgeführt wird, lässt sie Kundalini steigen und macht den Mond fest.

Das ist tief symbolisch und suggestiv. Vergleiche dazu die Geschichte von Matsya Avatara, dem Fisch, an dessen Horn die Hindu-Arche von Vaivasvata während der Flut gebunden war.

Sukadev

29. Matsyendrasana hebt den Appetit, indem sie das Magenfeuer entfacht, und zerstört schreckliche Beschwerden im Körper. Wenn sie durchgeführt wird, lässt sie Kundalini steigen und macht den Mond fest.

Also verschiedene Wirkungen. Und die Folge dieser drei Wirkungen ist auch eine Konzentrationshilfe. So müsst ihr das verstehen, wenn Swatmarama an verschiedenen Stellen über die Wirkungen der Übungen spricht, dass man immer auch weiß, wie man sich konzentriert. Wenn ihr in den Drehsitz kommt, könnt ihr euch zuerst auf den Bauch konzentrieren. Der Bauch ist der Sitz der Sonnenenergie, auch Feuer genannt, Agni, und damit auch Verdauungsfeuer. Und wer von euch schon mal was von Ayurveda gehört, sich schon enger mit Ayurveda beschäftigt hat, der weiß: Dem Verdauungsfeuer, kommt im Ayurveda ein hoher Stellenwert zu. Und wenn Agni zu schwach ist, dann wird nicht richtig verdaut, dann kriegt der Mensch nicht die richtigen Nährstoffe, dann kommen statt dessen Gifte in den Körper und alle möglichen Probleme kommen auf, denn der Körper verwandelt die Nahrung dann nicht in Nährstoffe, sondern Schlacken entstehen. Und so ist wichtig, ein gutes Agni zu haben. Was macht man dafür in Ayurveda, um ein gutes Agni zu entfachen? Ingwer essen, oder kleine Stücke von Zitronen, und heißes Wasser trinken. Ingwerwasser trinken. Das sind vielleicht die im Westen populärsten Weisen, das Verdauungsfeuer zu aktivieren. Und wer Verdauungsbeschwerden hat, oder merkt, dass er in dem Bereich schwach ist, kann das ja mal probieren. So vor jeder Mahlzeit ein paar kleine Ingwerstücke roh zu verzehren und halt nichts Kaltes zu trinken, sondern heißes Wasser zu trinken oder Ingwerwasser.

Im Hatha Yoga gibt’s sehr viele Übungen, die Agni aktivieren. Eine hab ich eben schon genannt: Agni Sara, den Bauch vor und zurück, aktiviert das Verdauungsfeuer, wie auch Matsyendrasana wie auch Paschimottanasana wie auch Mayurasana. Also Vorwärtsbeuge und Pfau gelten auch als ausgezeichnete Übungen, das Verdauungsfeuer zu entfachen. Und ist das Verdauungsfeuer entfacht, verschwinden alle anderen möglichen Beschwerden auch.

Also hier beschreibt er zum Einen das Sonnengeflecht, auch damit verbunden physische Wirkungen: Physische Krankheiten verschwinden. Und so wird mit Matsyendrasana auch Selbstvertrauen, Mut, Willenskraft und auch Ruhen in sich selbst gestärkt. Und so kann man auch dieAsana beginnen, sich darauf zu konzentrieren. Nicht umsonst heißt es ja: Der Tod ist im Darm. Glücklicherweise nicht nur der Tod. Wenn wir das Verdauungsfeuer entfachen, dann ist der Tod nicht mehr da. Auch wenn wir dieses Ruhen in uns selbst, in unserer Mitte, haben, die Chinesen nennen es ja Hara, oder die Japaner, dann haben wir auch ein inneres Gleichgewicht. Und wenn wir dieses innere Gleichgewicht haben, dann verschwinden alle möglichen psychischen oder psychosomatischen Beschwerden. Und das gilt durchaus auch für das tägliche Leben. Da ist es wichtig, sich im Bauch zu zentrieren.

Dann kommt das Zweite, die energetischen Wirkungen. Und das ist, sagt er, dass die Kundalini erweckt wird. Also die einfachen Asanas, wie zB. der Drehsitz, können die Kundalini erwecken. Wenn wir mehrere Dinge machen. Erstens müssen wir schon einen gewissen Grad der Reinheit erlangt haben. Zweitens, müssen wir sie lang genug halten, bis zu zwei Stunden. Wenn ihr so eine Minute haltet, wird da nicht viel passieren. Aber wenn man dort fünf Minuten, zehn Minuten drin ist, das haben sicher schon Einige gespürt, da tut sich in der Wirbelsäule etwas. Wenn man in der Wirbelsäule etwas spürt, heißt das noch lange nicht, dass dann die Kundalini voll erweckt ist. Da braucht ihr weder Angst noch falsche Hoffnungen zu haben. Aber es heißt mindestens, dass die Sushumna sich öffnet, dass Prana durch die Sushumna hochfließt, und das ist ja schon schön genug. Und so kann man sich als nächstes darauf konzentrieren, dass Prana durch die Sushumna hochfließt. Sei es mit Visualisierung, sei es Einatmen zur untersten Wirbelsäule, Ausatmen über die Wirbelsäule hoch, oder man kann sich Lichtkugeln nach oben schwebend vorstellen, oder man kann sich dort eine Bambusröhre vorstellen. Paramahansa Yogananda hat dann gerne vorgeschlagen, dass man sich eine Glasröhre sich vorstellt, innen leuchtend nach oben, oder ein Feuer, das nach oben züngelt. Oder man kann sich die Kundalinischlange vorstellen, die wie ein Drachen ist, die aus dem Mund Feuer speit, das bis ins Sahasrara-Chakra geht. Die letzte ist besonders machtvoll und deshalb auch mit Vorsicht zu genießen. Wenn ihr euch dann wirklich diesen Drachen vorstellt und dann Feuer bis nach oben geht, da kann’s dann wirklich heftig werden.

Und dann das Dritte ist

– Macht den Mond fest –

Das ist die Konzentration hier. Jetzt wisst ihr auch, warum der Mond noch nicht runtergefallen ist. Weil Menschen Ardha Matysendrasana ausführen. So ist das jetzt hier natürlich nicht zu verstehen. Das bezieht sich auf den inneren Mond, wie ihr vermutlich alle wisst. Ihr seht hier den Shiva, der ja die Mondsichel über der rechten Augenbraue hat. Und so hilft die Ardha Matysendrasana zwar zum einen, die Kundalinienergie, welche ja eine feurige Energie ist, zu aktivieren, aber umgekehrt wird auch die kühlende Energie des Mondes aktiviert, und diese strömt dann nach unten und harmonisiert das Energiesystem. Und dieser Mond ist sehr, sehr wichtig. Man kann sich auch darauf konzentrieren, wenn man merkt, dass die Asanas einen zu feurig machen, oder die ganzen Praktiken, dann kann man sich hier auf die rechte Augenbraue konzentrieren, sich die Mondsichel vorstellen, und sich vorstellen, dass dort kühler Nektar runterströmt. Man kann sich sogar auch vorstellen, dass göttliche Gnade herunterströmt. Auch das ist das Gleiche. Man kann sich zum Schluss auch auf das Ajna-Chakra konzentrieren. Es gibt sogar verschiedene Chakras, die miteinander in Verbindung stehen. Zum einen dieses Mondchakra. Dann gibt’s das Ajna-Chakra. Dann gibt’s hier dieses Nasenspitzen-Chakra. Krishna empfiehlt ja sogar, man soll sich auf dieses Chakra konzentrieren. Also auch darauf kann man sich konzentrieren im Drehsitz. Damit würde man typischerweise die Konzentration abschließen. Das ist nicht die einzige Weise, sich zu konzentrieren, aber es ist die, die der Swatmarama empfiehlt. Erst auf den Bauch, dann auf die Wirbelsäule, dann den Punkt zwischen den Augenbrauen oder den Mond oder die Verbindung zum Unendlichen.

Und Mond steht aber nicht nur für die Mondenergie, obgleich ihr eben hier Feuer und Mond habt, oder Sonne und Mond. In Matsyendrasana wird beides aktiviert. Der Mond steht auch für den Geist. Er hat eine vielfältige Symbolik und manchmal sagt man Mond für den Geist. Und so hilft diese Asana auch, den Geist ruhig zu machen. Drehsitz gilt auch als eine der machtvollsten Übungen für Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren für die Meditation. Dann sollte man den Drehsitz länger halten. Das macht den Mond fest. Natürlich, die eigentliche Meditation ist, wenn wir in einer der Grundsitzhaltungen mit geradem Rücken sind. Aber in anderem Sinne kann man in jeder Asana auch meditieren, wenn man eine Stunde den Drehsitz halten will, dann wird man sich irgendwann nur noch hier konzentrieren und sein Mantra wiederholen, oder ganz im Unendlichen sein mit dem Geist. So wie Patanjali ja auch geschrieben hat im Yoga Sutra, zwotes Kapitel: Asana wird gemeistert durch das Loslassen von Spannungen und Konzentration auf das Unendliche. Dies als Zusatzhilfe für all diese Verse zu verstehen.

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