1. Kapitel, Vers 2

Deutsche Übersetzung:

Nach der Verneigung vor dem geachteten Lehrer, wird von Yogi Svatmarama | die Wissenschaft des Hatha-Yoga unterrichtet, ausschließlich für den Zweck, den Zustand des Raja-Yoga zu erreichen.

Sanskrit Text:

  • praṇamya śrī-guruṁ nāthaṁ svātmārāmeṇa yoginā |
    kevalaṁ rāja-yogāya haṭha-vidyopadiśyate ||2||
  • प्रणम्य श्रीगुरुं नाथं स्वात्मारामेण योगिना ।
    केवलं राजयोगाय हठविद्योपदिश्यते ॥२॥
  • pranamya shri gurum natham svatmaramena yogina |
    kevalam raja yogaya hatha vidyopadishyate ||2||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • praṇamya : nach dem er sich verneigt hat (pra + nam)
  • śrī : (vor dem) verehrungswürdigen (Shri)
  • guruṁ : (eigenen) Lehrer, Meister (Guru)
  • nāthaṁ : dem Schutzherrn (Natha)
  • svātmārāmeṇa : Svatmarama
  • yoginā : durch den Yogi
  • kevalaṁ* : einzig, ausschließlich (Kevala)
  • rāja-yogāya : zum (Zwecke des) königlichen Yoga (RajaYoga)
  • haṭha : des (Hatha-Yoga)
  • vidyā : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • upadiśyate : wird gelehrt (upa + diś)    ||2||

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erläutert das Wort „einzig“ (Kevala) dahingehend, dass das wichtigste (Mukhya) Ergebnis (Phala) der Wissenschaft des Hatha Yoga allein (eva) der (Zustand des) RajaYoga ist, und nicht (na) die übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhi): rāja-yoga eva mukhyaṃ phalaṃ na siddhayaḥ.

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

Indem er das Wort „einzig“ verwendet, macht er klar, dass der Zweck von Hatha Yoga Übung, sich auf Raja Yoga vorzubereiten, ist und nicht, sich die Siddhis (psychischen Kräfte) anzueignen. Diese können sich ergeben und sind zweitrangig. Der Hatha Yoga Pfad ist dazu gedacht, dass er vollkommene Kontrolle über die Körperorgane und den Geist gibt, so dass der Yogi sich bei guter Gesundheit halten kann und nicht beeinträchtigt wird, während er dem Raja Yoga folgt, der ihn zu Kaivalya oder endgültiger Befreiung führt.

Vishnu-devananda

2. Swatmarama Yogi gibt die Hatha Yoga Vidya einzig für die Erlangung von Raja Yoga heraus, nachdem er seinen eigenen Guru gegrüßt hat.

Der Tradition folgend grüßt er zuerst seinen eigenen Guru, um die Vorzüge des Lehrens zu erlangen. Ihr müsst Euren Lehrer grüßen, denn Gott lässt durch ihn die Lehre Gestalt annehmen. Hier ist es Shiva, der durch Swatmaramas Lehrer Gestalt annimmt.
Raja Yoga bedeutet Kontrolle der Gedankenwellen, etwas, das ohne Hatha Yoga nicht möglich ist. Swatmarama spricht nicht über Asanas, nicht einmal über das physische Atmen, sondern über die feine Strömung, welche die Gedankenwellen hervorbringt.

Sukadev

2. Swatmarama Yogi gibt die Hatha Yoga Vidya einzig für die Erlangung von Raja Yoga heraus, nachdem er seinen Guru gegrüßt hat.

Hatha Yoga hat heute in Indien und eigentlich auch im Westen drei Grundmotivationen. Das erste ist zur Heilung, das zweite ist zur Erlangung von übernatürlichen Kräften, und das dritte ist zur Erleuchtung, zur Herrschaft des Geistes. Zur Selbstverwirklichung, Gottverwirklichung, Nirvana, Samadhi, wie auch immer wir das ausdrücken wollen. Und Swatmarama sagt hier also, er gibt die Hatha Yoga Pradipika heraus, das Wissen über Hatha Yoga, für die Selbstverwirklichung. In Indien hat Hatha Yoga auch als Heiltradition eine lange Geschichte. Hatha Yoga ist auch sehr viel mit Ayurveda in Verbindung. Ayurveda ist ja eines der vier großen medizinischen Heilsystem in Indien. Es ist nicht das einzige, wenn auch heute das bei Weitem bekannteste. Und wenn ihr die Hatha Yoga Pradipika durchlest, bzw. wenn wir sie durchlesen, werden wir öfters auch auf Ayurvedaterminologie stoßen. Wie zB. die sieben Dhatus, und wir stoßen auf die Doshas und stoßen auf Vata, Pita und Kapha, und wir stoßen auf Verdauungsfeuer, Agni, also alle möglichen Ausdrücke, und ich werde auch im Verlauf dieses Kurses auf diese Ausdrücke eingehen, und dann auch zu so ein paar Hinweisen kommen, eben, wie wirken die Pranayamas, die Asanas und die Kriyas und die Mudras auf die verschiedenen Doshas. Da muss ich sagen, dass sehr viele der Ayurvedaärzte heute das nicht wissen, und da zum Teil Dinge erzählen, die ins Hatha Yoga gehen, die zum Teil nicht ganz korrekt sind. Aber das liegt einfach daran, man kann nicht alles wissen. Das Hatha Yoga hat eben auch eine starke Verbindung mit der ayurvedischen Tradition, gerade was die Gesundheitsaspekte betrifft.

In Indien wurde Hatha Yoga auch zur Verjüngung praktiziert. Es gab auch in früheren Zeiten im Hatha Yoga Kliniken und Hatha Yoga Kayakalpakuren, die versucht werden, auch heute wiederzubeleben. Kayakalpa heißt, die Verjüngung des Körpers. Kaya heißt Körper, Kalpa heißt eigentlich Zeitalter. Das heißt, man will dem Körper ein neues Zeitalter geben. Es gibt manche Teile in Indien, wo Hatha Yoga erst ausgeübt wird, wenn man 50 ist. Als ich mal in Indien auf Reisen war, hat mich mal jemand gefragt, was ich so mache, und ich sagte: „Hatha Yoga, verschieden Yogas“. Und er fragte: „Hatha Yoga? You practise Hatha Yoga?“ Und ich sagte: „Ich mach jeden Tag Asanas und Pranayama.“ Da hat er gesagt: „Aber eigentlich praktiziert man doch erst ab 50, du bist doch noch so jung.“ „Wieso ab 50?“ Ja, wo er herkommt, da machen die Menschen Hatha Yoga erst, wenn sie alt werden. Dann werden sie nicht zum Pflegefall und haben ein erfülltes, energievolles, schönes Alter. Und ich sags auch, weil ja viele von Euch unterrichten, und es ist ja tatsächlich in Deutschland so, dass relativ viele Menschen ab 40, 50, 60 erst mit Yoga beginnen. Und manchmal sagen die, ich bin zu steif, zu alt, um Yoga zu machen. Und dann könnt ihr guten Gewissens sagen, dass gerade in Indien auch erst oft in dieser Lebensspanne Hatha Yoga angefangen oder verstärkt wird, um ein erfülltes Alter zu bekommen. So ab 65 hat man auch mehr Zeit dafür. Aber diese spezifische, intensive Form von Pranayama, viermal am Tag, ist nicht für 65-, 70-jährige geschrieben worden. Es wär vielleicht auch mal interessant. Aber ich muss sagen, die Menschen die ich kenne, die so intensiv geübt haben, und es sind nur eine Handvoll, die sind jünger gewesen. Wenn man 80 ist, die Haare alle weiß sind oder ausgefallen sind, die Zähne sind ausgefallen, da gibt’s dann bestimmte geheime Praktiken, die man ausführen kann, um den Körper wieder jünger werden zu lassen. Da wir in der Tradition von Swatmarama stehen, der die Hatha Yoga hauptsächlich praktiziert hat zur Erlangung von Samadhi, kenne ich diese fortgeschrittenen Formen von Kayakalpakuren nicht, kann sie euch deshalb nicht lehren. Sie sind auch nicht so einfach. Aber nichts desto trotz, obgleich Swatmarama sagt, die Gesundheitswirkungen des Yoga ist eigentlich nicht so, was ihn interessiert, erwähnt er zu beinahe jeder Übung auch die gesundheitlichen Wirkungen der Übung. Das heißt, das eine schließt das andere auch nicht aus, es kommt durchaus parallel. Die meisten von euch werden vermutlich Yogaschüler haben, die mehr aus gesundheitlichen und Wohlfühl- und Antistressgründen kommen, und das wirkt natürlich durchaus auch so.

Aber Swatmarama sagt, er unterrichtet’s nicht zur Gesundung, zur Stressbewältigung oder zur Verjüngung, obgleich er das immer wieder anspricht, dass es dafür gut ist. Der Hauptzweck ist RajaYoga, die Herrschaft über den Geist. Er hat ein hohes Ziel. Und ihr wisst aus meinen Vorträgen, in Indien wurde Hatha Yoga auch zu einem anderen Zweck gemacht.

Ein zweiter Grund, weshalb Menschen Hatha Yoga geübt haben und auch heute üben, ist heutzutage etwas mehr aus der Mode gekommen.Um Kräfte zu bekommen, Siddhis, und auch um Macht über andere zu bekommen. Gerade in den alten Schriften, in den Veden, in der Mahabharata, dem Ramayana und noch mehr in den Puranas, liest man von Ahuras, die jahrhundertelang Hatha Yoga praktiziert haben. Das wird so beschrieben: Sie haben ihren Körper in furchtbare Verrenkungen gebracht, blieben dort Ewigkeiten drin, hielten die Luft an Sie fasteten und aßen nur Kräuter und Früchte, verzichteten auf das Feuer. Rohköstler – Dämonen. Auch Heilige übrigens, auch Arjuna hat das ne ganze Weile gemacht. Und auf diese Weise haben sie dann Kräfte bekommen, Siddhis. Und diese haben sie dann aber missbraucht. Und weil sie sie dann missbraucht haben, musste sich nachher Gott inkarnieren, um ihnen die Kraft letztlich zu nehmen und ihnen die Konsequenzen ihres Karmas zu geben. O.K., also bitte missbraucht diese Kräfte nicht, sondern nutzt sie als Teil der Herrschaft des Geistes. Menschen wollen übernatürliche Fähigkeiten erreichen, und um diese zu erreichen, üben sie Hatha Yoga. In der Tat ist Hatha Yoga eine der schnellsten Weisen, wie man übernatürliche Fähigkeiten bekommt. Schnellsten ist natürlich relativ zu sehen, man muss dann schon intensiver üben. Ich will da gleich noch mal drauf zu sprechen kommen.

Auch Patanjali erwähnt ja im ersten Vers der Yoga Sutra, wer’s mal gelesen hat: Es gibt fünf Grundlagen für Siddhis. Wer erinnert sich noch? Für die übernatürlichen Kräfte? Das erste: Geburt: Manche haben’s einfach als Talent, es wird ihnen in die Wiege gelegt. Haben sie irgendwie im früheren Leben erreicht. Zweitens: Kräuter und Drogen. Es gibt bewusstseinserweiternde Drogen, von denen abgeraten wird, soweit sie sich nicht mit Hatha Yoga vertragen. Drittens: Mantras. Mantras, Zeremonien und Rituale. Viertens: Tapas. Tapas ist Askeseübungen. Und unter den ganzen Begriff von Tapas würden auch die Hatha-Yoga-Übungen dazugehören. Aber wenn man 42-Tage-Fasten gemacht hat, das ist auch eine Weise, wie man andere Wahrnehmungsvermögen entwickelt. Ich will das jetzt nicht raten, dass man das einfach so macht, da muss man schon innerlich drauf vorbereitet sein. Wenn man das erzwingt, kann man sogar seinen Darm schädigen. Aber ich hab’s mal gemacht und es war eine hochinteressante Erfahrung. Aber in der Tapas, dazu gehört eben auch die verschiedenen Hatha-Yoga-Intensivpraktiken. Und als fünftes: Durch Samadhi, durch’s Überbewusstsein.

Das sind also fünf Gründe oder fünf Ursachen, wie man übernatürliche Kräfte bekommt. Und in den Schriften wird immer davor gewarnt, nach übernatürlichen Kräften zu streben. Und es ist jetzt auch in der heutigen Yogaszene kaum mehr die Rede davon. Und es sind auch äußerst wenige Menschen, die mich fragen: Du, Sukadev, ich würde gerne lernen, auf Astralreise zu gehen, was kann ich machen? Per E-mail kriege ich solche Anfragen allerdings. Grad letzte Woche hab ich drei davon gekriegt. Der eine will wissen, wie er schweben kann. Der nächste wollte wissen – ich weiß es jetzt nicht hier – ich weiß es nicht. Ich gebe meistens dann ernst gemeinte Anworten, trotzdem. Es wird dann ja auch noch veröffentlicht unter ‚Fragen an Sukadev’ [auf der Website], so dass irgendjemand, der die ernsthafte Frage hat, . . . aber einige dieser Fragen, die waren nicht so übermäßig ernst gemeint. Gut, und ihr findet manchmal in alten Schriften etwas von irgendwelchen sowohl Meistern wie auch Asuras, die üben dann eine gewisse Zeitlang eine Menge Tapas, und dann erscheint ihnen ein Deva und der gewährt ihnen eine Gnade. Wer hat das schon mal gelesen? Relativ wenige beschäftigen sich mit indischer Mythologie. Wie die gute Fee im Märchen, nur dass man vorher viel Tapas üben muss. Da reicht’s nicht aus, nur irgendwie was zu sagen, sondern da muss man erstmal ein paar Jahre auf dem Kopf gestanden haben, und dann erscheint einem Indra oder Brahma oder manchmal sogar Shiva oder Durga. Anschließend kann man dann um einen Gefallen bitten, und der wird einem dann gewährt. Und manche sind klug genug, als Gefallen zu bitten, dass sie ihren Geist unter Kontrolle bekommen und sie fähig sind zur Selbstverwirklichung kommen. Und manche bitten, dass sie größer werden, kleiner werden, dass sie eine stärkere Ausstrahlung haben usw.

Inwieweit das wörtlich zu nehmen ist, sei dahingestellt, aber wer jemals mal zwo, drei Jahre seines Lebens vier Stunden Pranayama macht, der wird feststellen, dass dort bestimmte außergewöhnliche Erfahrungen und, wie kann man sagen, Fähigkeiten entstehen. Oder auch wenn man mal ein viertel oder halbes Jahr acht bis zwölf Stunden Pranayama am Tag macht, das führt auch zu bestimmten Fähigkeiten. Im Verlauf der Hatha Yoga Pradipika werden wir darauf zu sprechen kommen, denn die Hatha Yoga Pradipika ist eigentlich ein Begleitbuch für jemanden, der so intensiv praktizieren will. Es gibt auch Hinweise für die Bright Sight Hatha Yogis, wie die meisten Menschen hier. Aber, das muss ich euch so sagen, es ist hauptsächlich geschrieben für Menschen, die eine gewisse Zeitspanne, einen Monat oder ein halbes Jahr sich hauptsächlich dem intensiven Üben widmen wollen. Das mag jetzt recht radikal klingen, aber andererseits heißt es, dass 10 % der Menschen arbeitslos sind, die könnten das ja machen. Zum Zwoten, gibt’s ne ganze Reihe Menschen, die 60, 65 sind und frühpensioniert sind, und anstatt dann auf Weltreisen zu gehen, und noch ein Universitätsstudium zu absolvieren, oder zu versuchen, das Haus gründlich zu renovieren oder den Garten, das fänd’ jeder normal, wenn Leute acht Stunden am Tag im Garten verbringen. Aber wenn sie dann acht Stunden mit Pranayama verbringen, dann klingt das als abnormal und unnormal. Jetzt möchte ich euch fragen: Was ist besser für die Selbstverwirklichung? Acht Stunden am Tag im Garten zu verbringen oder acht Stunden am Tag Pranayama zu machen? Es hängt Vieles von der Einstellung ab. Ich hab jetzt bewusst zwei Sachen gewählt, die beide sattvig sind. Man kann’s vereinen, acht Stunden Pranayama und acht Stunden Gartenarbeit. Ich hätt’ n anderes Beispiel wählen sollen. Gut. So, aber zu eurer Beruhigung, Swatmarama bietet ja auch Hatha Yoga hauptsächlich für die Selbstverwirklichung an, eben nicht für übernatürliche Kräfte. Für die Selbstverwirklichung ist es jetzt nicht nötig, dass ihr so viel Pranayama macht. Da kann man’s kombinieren mit Meditation, mit Karma Yoga, mit Bhakti Yoga, mit Jnana Yoga, und mit dieser Einstellung kann man ja alles mögliche machen.

Hier ist noch interessant, und das ist auch etwas, was man für seine eigene Praxis macht: Die ersten beiden Verse sind fast etwas, was man sich selbst bewusst machen kann bei jeder Praxis. Er grüßt zuerst Gott. Dann sagt er: Wozu ist das gut, was er jetzt macht. Und als Drittes grüßt er den Guru. Das sollte man immer am Anfang der Praxis machen. Gott grüßen, den Guru grüßen, und sich bewusst machen: Wozu mach ich das? Zwar sollte man nicht zu konkret eine Zeittafel setzen: Bis in drei Wochen den Skorpion, bis in vier Wochen den Handstand, und in fünf Wochen Sarvikalpa Samadhi. Das wäre erwartungsorientiertes Denken und das führt nur zu Unruhe. Aber man kann sich sehr wohl sagen: „Ich werde jetzt eine halbe Stunde Pranayama üben, um meinen Geist zur Ruhe zu bringen für die Meditation als Vorbereitung für Samadhi.“ So können wir das sagen. Und dann können wir danach sagen: „Ich bitte dafür um den göttlichen Segen und die Führung durch meinen Meister.“ Und im Grunde genommen machen wir das hier, indem wir alles beginnen mit Gajananam oder anderen Mantras , schließen auch mit Shanti und dem Grüßen des Gurus. Und so leitet ihr ja auch eure eigenen Yogastunden ein.

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