1. Kapitel, Vers 17

Deutsche Übersetzung:

Nun Yama und Niyama: Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Handeln im Bewusstsein eines höheren Ideals, Vergeben, Toleranz | Empathie, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Hygiene sind wahrlich Yama.

Sanskrit Text:

  • atha yama-niyamāḥ
    ahiṁsā satyam-asteyaṁ brahmacaryaṁ kṣamā dhṛtiḥ |
    dayārjavaṁ mitāhāraḥ śaucaṁ caiva yamā daśa ||17||
  • अथ यमनियमाः
    अहिंसा सत्यमस्तेयं ब्रह्मचर्यं क्षमा धृतिः ।
    दयार्जवं मिताहारः शौचं चैव यमा दश ॥१७॥
  • atha yama niyamah
    ahimsa satyam asteyam brahmacharyam kshama dhritih |
    dayarjavam mitaharah shaucham chaiva yama dasha ||17||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • atha : nun (folgen die, Atha)
  • yama : Yamas (Regeln, Observanzen, Selbstbeschränkungen)
  • niyamāḥ : (und) Niyamas (Regeln, Gelübde)
  • ahiṁsā* : Gewaltlosgkeit, Nichtschädigen (Ahimsa)
  • satyam* : Wahrhaftigkeit (Satya)
  • asteyaṁ* : Nichtstehlen (Asteya)
  • brahmacarya* : Enthaltsamkeit („Wandel im Brahman„, Brahmacharya)
  • kṣamā : Geduld, Langmut, Nachsicht (Kshama)
  • dhṛtiḥ : (innere) Festigkeit, Entschlossenheit (Dhriti)
  • dayā : Mitgefühl (Daya)
  • ārjavaṁ : Aufrichtigkeit, Redlichkeit (Arjava)
  • mita-āhāraḥ : Mäßigung beim Essen (Mitahara)
  • śaucaṁ* : Reinheit, Reinlichkeit (Shaucha)
  • ca : und (Cha)
  • eva : gewiss (Eva)
  • yamāḥ : Yama (genannten Regeln)
  • daśa : (dies sind) die zehn (Dasha)       ||17||

*Anmerkung: Textgeschichtlich handelt es sich bei den Versen 17 und 18, die eine Aufzählung der Yamas und Niyamas beinhalten, um spätere Einschübe. Dies ist daraus ersichtlich, dass sie der Kommentator Brahmananda nicht kommentiert, also offensichtlich in seinen Handschriften nicht vorliegen hatte. Auffällig ist die Ähnlichkeit mit den fünf im Yogasutra (2.30) aufgezählten Yamas (es fehlt lediglich Aparigraha). Bei Patanjali  wiederum zählt die „Reinlichkeit“ (Shaucha) zu den Niyamas (vgl. auch die Anmerkung zu Vers 40 dieses Kapitels).

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

Ein Zuwiderhandeln in Tat, Wort und Gedanken sollte vermieden werden.

Vishnu-devananda

17. Keinem Schaden zuzufügen, die Wahrheit zu sprechen, Nichts nehmen, was anderen gehört, Enthaltsamkeit zu pflegen, Geduld und Seelenstärke zu praktizieren, mit allen Erbarmen zu haben, geradewegs vorwärts zu schreiten, gemäßigt in der Diät zu sein und sich selbst reinigen – das macht Yama aus.

„Geradewegs“ bedeutet, dass ihr in Gedanken, Wort und Tat die Wahrheit praktiziert. Enthaltsamkeit zu pflegen (umfassendes Brahmacharya) ist besonders wichtig, wenn ihr intensives Sadhana praktiziert wie in diesem Buch beschrieben. Dann werdet ihr erfolgreich sein. Das wird ein wenig später mehr erklärt werden. „Erbarmen“ bezieht sich auf Ahimsa (Gewaltlosigkeit).

Sukadev

17. Keinem Schaden zufügen, die Wahrheit sprechen, nichts nehmen, was anderen gehört, Enthaltsamkeit zu pflegen, Geduld und Seelenstärke zu praktizieren,

Keinem Schaden zufügen – Ahimsa. Die Wahrheit zu sprechen – Satya. Nichts nehmen, was anderen gehört – Asteya. Enthaltsamkeit zu pflegen – Brahmacharya. Und die nächsten sind jetzt anders. Geduld und Seelenstärke zu haben. Mit Allen Erbarmen zu haben. Geradewegs vorwärts zu schreiten. Gemäßigt in der Diät zu sein und sich selbst zu reinigen. Das macht Yama aus. Also ihr habt vier der fünf Yamas des Raja Yoga und sechs andere. Also auch wichtig für die Wirksamkeit der Hatha Yoga Praktiken. Auch dass wir nicht zu Asuras werden, Dämonen mit übernatürlichen Kräften.

Es ist wichtig, von Anfang an, wo wir praktizieren, Ahimsa zu kultivieren. Das wird ja auch positiv ausgedrückt: Erbarmen zu haben. Das heißt Mitgefühl mit anderen und tätige Nächstenliebe. Anderen helfen und dienen. Auch wenn wir praktizieren, können wir sagen, dass wir nicht nur für uns selbst praktizieren, sondern für alle, mit denen wir zu tun haben. Oder allein ohne Familie ins Haus Yoga Vidya zu kommen. Da denkt man vielleicht, ist doch ein bisschen egoistisch. Auf der einen Ebene mag das so sein. Auf der anderen Ebene, wenn jemand praktiziert, dann strahlt er Energie aus. Und diese spirituelle Energie bekommen alle, mit denen man zu tun hat. Manche Menschen haben dann ja auch noch eine andere Frage: „Was kann ich denn machen? Immer wenn ich mit Menschen zu tun habe, dann verliere ich meine Energie. Wie kann ich das vermeiden?2 Meine verbreitetste Antwort ist: „Seid nicht so geizig.“ Ihr habt das große Glück, die Techniken zu kennen und auch die Willenskraft, zu praktizieren. Und dann ist es doch was Gutes. Ihr praktiziert nicht nur für euch, sondern auch für andere. Und das, was freiwillig gegeben wird, ist niemals verloren. So wie es auch heißt, niemand ist durch Spenden arm geworden. Irgendwie kommt alles wieder zurück. Und so können wir sicher sein, wenn wir praktizieren, machen wir das nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere. Sofort für andere, weil andere das Prana bekommen, und keinem Menschen ist damit gedient, dass dort jemand Ausgelaugtes, Ausgesaugtes [Seitenwechsel: . . . ? ? ? sich abmüht.

Dann wird unser Geist schwach, und auch das Prana wird schwach. Das gilt auch, wenn wir eine Weile Ahimsa geübt haben und regelmäßig praktizieren, auch Asanas und Pranayama: Sowie wir etwas tun, um jemand anderen zu verletzen, das ist dann, wie so eine Klinge, die in unser Herz reingeht. Das ist so eine Warnung, wie auch letztlich ein Versprechen. Wenn wir eine Weile praktizieren, und von Anfang an uns bemühen, anderen zu helfen und zu dienen, wenn wir dann wirklich egoistisch was Schlechtes machen, das spüren wir. Das spüren wir fast körperlich. Manchmal, wenn man dann abends überlegt, warum geht’s mir eigentlich nicht so gut, ich hab doch alles gemacht, das Richtige, sogar Mantras am Tag wiederholt, dann stellt man fest: Aha, dort bin ich jemand über’n Mund gefahren, was gar nicht notwendig und hilfreich war. Gut, dann braucht man nicht ewig ein schlechtes Gewissen zu haben. Dann schickt man dem anderen positive Gedanken, eventuell entschuldigt man sich, eventuell bringt man’s Gott dar, und muss auch das wieder loslassen.

– mit allen Erbarmen zu haben,

ist auch wichtig, ist eigentlich eine Ausführung von Ahimsa. Wenn ihr selbst sehr diszipliniert seid, dann solltet ihr nicht von anderen erwarten, dass sie genau so sind. Wenn man selbst es geschafft hat, soll man nicht hemmungslos über die schimpfen, die das noch nicht geschafft haben. Man sollte dort auch Mitgefühl haben gegenüber anderen Menschen. Und noch weiter verbreitet, als zu strikt zu sein, weil man es selbst schon geschafft hat, ist, wenn mans noch nicht geschafft hat, und man bekämpft die eigenen Probleme im anderen. Auch sehr verbreitet. Aber sich in andere hineinzufühlen und mit ihnen Mitgefühl zu haben, das ist eine wichtige Sache. Das ist sowohl wichtig für jeden Menschen. Besonders für Menschen, die eine Verantwortung für jemand haben. Sei es als Yogalehrer, sei es als Eltern, sei es als Vorgesetzter irgendwo, sei es, wenn ihr irgendwo gemeinnützige Arbeit organisiert.

Ich war mal letztes Jahr im November, da wurde ich eingeladen, zu so einem Managementkongress oder -Tagung. Und da sollte ich einen Vortrag geben über Führung in einer spirituellen Gemeinschaft. Die hatten dann auch einen aus der Führung der Bundeswehr. Da war ein Generalleutnant. Und der hat etwas Interessantes gesagt: Wenn man Menschen führen will, muss man sie lieben. Fand ich lustig von jemand aus der Bundeswehr. Der hat überhaupt sehr gute Sachen gesagt. Konnte man viel von lernen. Und das gilt in Allem. Wenn ihr irgendeinem Menschen etwas beibringen wollt, dann müsst ihr ihn lieben. Wenn ihr ihn nicht liebt, wird er sich von euch nichts sagen lassen und nicht lernen. Und daher hier: Mit allen Erbarmen zu haben. Die meisten hier sind Yogalehrer oder angehende Yogalehrer. Es geht am leichtesten, die Yogaschüler zu lieben. Wenn die dort entspannt vor einem liegen, die Augen geschlossen und lächeln, dann geht einem das Herz auf. Und wenn man sie vorher sieht, wie sie vom Tag gekommen sind, und man sieht, sie haben Einiges getan, vielleicht ein bisschen frustriert vom Tag oder einige froh, man muss sie nur anschauen und dann kommt Liebe. Von daher ist das Unterrichten von Yoga eine wunderbare Weise, dort diese Liebe zu entwickeln. Es ist vielleicht schwieriger in anderen Kontexten, aber das ist ne grundlegende Wichtigkeit.

– geradewegs vorwärts zu schreiten,

find ich auch ne schöne Sache. Das gehört dazu. Viele machen immer alle möglichen Umwege und manchmal macht sich das Leben zu kompliziert. Ich muss zugeben, ich kenne jetzt den Sanskritausdruck nicht. Ich weiß also nicht, was da jetzt tatsächlich gemeint ist. Aber geradewegs vorwärts zu schreiten ist eine gute Sache. Ich hab bei den Arbeiten an dem Buch ‚Die Yogaweisheiten des Patanjali’ festgestellt, dass Vieles im Sanskrit nicht dem entsprochen hat, was die generellen Übersetzungen sind, dass da durchaus noch andere Übersetzungen sind. Wir leben in einer sehr komplexen Gesellschaft, wo die Menschen ihr Leben viel zu kompliziert machen. Manchmal denkt man, man braucht zu viel, und man denkt über zu viele Dinge nach. Und manchmal könnte man es viel einfacher haben, so geradewegs vorwärts zu schreiten.

Geduld ist wichtig. Wir sollten zwar mutig sein, aber auch geduldig. Es gehört vielleicht Mut hin, eine Eiche zu pflanzen, denn es wird dreißig Jahre dauern, bis sie ausreichend sichtbar ist. Wir brauchen Mut, etwas anzugehen wie die Selbstverwirklichung, es wird auch nicht in einem Monat typischerweise erreicht. Aber dann brauchen wir auch Geduld. Es nützt jetzt nichts, die Eichel jeden Tag auszubuddeln um festzustellen, sind jetzt schon Wurzeln da, und es nutzt auch nichts, wenn wir sie jetzt hemmungslos übergießen und überschwemmen, denn dann verfault sie nämlich. Es nutzt auch nichts, wenn wir dort Massen Dünger geben, dann versalzt sie. Und es nützt auch nichts, wenn der Keimling da ist und wir dran ziehen und zu hoffen, dass sie dann schneller wird. Und so ähnlich ist es mit dem spirituellen Fortschritt, er geht schrittweise. Wir müssen ihn natürlich angehen, wir müssen auch Enthusiasmus haben, wir brauchen dann auch Geduld. Seelenstärke.

– gemäßigt in der Diät zu sein und sich selbst zu reinigen – das macht Yama aus.

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