1. Kapitel, Vers 11

Deutsche Übersetzung:

Die Wissenschaft des Hatha-Yoga ist streng geheim zu halten von dem Yogi, der nach Erleuchtung strebt. | Sie ist kraftvoll im Verborgenen, bedeutungslos, [wenn sie] zur Schau gestellt [wird].

Sanskrit Text:

  • haṭha-vidyā paraṁ gopyā yoginā siddhim icchatā |
    bhaved vīryavatī guptā nirvīryā tu prakāśitā ||11||
  • हठविद्या परं गोप्या योगिना सिद्धिम् इच्छता ।
    भवेद् वीर्यवती गुप्ता निर्वीर्या तु प्रकाशिता ॥११॥
  • hatha vidya param gopya yogina siddhim ichchhata |
    bhaved viryavati gupta nirvirya tu prakashita ||11||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • haṭha : (des) Hatha(-Yoga)
  • vidyā : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • paraṁ : äußerst, aufs äußerste (Para)
  • gopyā : zu verbergen, geheim zu halten (Gopya)
  • yoginā : von einem Yogi
  • siddhim : Erfolg, Vollkommenheit (Siddhi)
  • icchatā : der wünscht (iṣ)
  • bhavet : (sie) ist, wird sein (bhū)
  • vīrya-vatī : kraftvoll, wirkungsvoll, mächtig (Virya)
  • guptā : (wenn) verborgen, geheimgehalten (Gupta)
  • nirvīryā : kraftlos, wirkungslos, machtlos (Nirvirya)
  • tu : jedoch (Tu)
  • prakāśitā : (wenn) offengelegt, öffentlich gemacht (Prakashita)     ||11||

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

In diesem Buch beschreibt er diese Vorgänge im Detail, aber dennoch sagt er, dass der Yogi es verborgen halten sollte. Es ist also offensichtlich, dass nicht alles preisgegeben wird und die wichtigsten Vorgänge direkt vom Guru gelernt werden sollten. Daraus folgt, dass jener, der dies nach einem theoretischen Studium und ohne Guru ausführt, zu Schaden kommen wird. Der Adkari oder Kandidat sollte die folgenden Qualifikationen aufweisen:
a. Er sollte seinen Verpflichtungen nachkommen und frei von persönlichen Motiven und Bindungen sein.
b. Er sollte sich in Yama und Niyama (später beschrieben) vervollkommnet und den Intellekt geschult haben. Er sollte Ärger überwunden haben.
c. Er sollte gänzlich seinem Guru und Brahmavidya ergeben sein.

Vishnu-devananda

11. Der Yogi, der das Verlangen nach Siddhi hat, sollte Hatha Yoga streng verborgen halten, denn es ist nur wirksam, wenn es verborgen gehalten wird. Es wird inhaltslos, sobald es ungerechtfertigt preisgegeben wird.

Kein Wunder, dass die Meister sich weigern, unterschiedslos alle Kandidaten zuzulassen und betonen, ein Aufnahmewürdiger ist die seltene Blütenerscheinung eines Zeitalters.
Das ist eine Mahnung, das Wissen verborgen zu halten. Breite es nicht vor jedem Beliebigen aus. Es ist ein Vidya, ein Wissen – etwas, das nicht für die Alltäglichkeit gedacht ist. Wenn der Schüler zum Lehrer kommt, beurteilt der Lehrer, ob er bereit ist. Darüber hinaus ist dies nichts für gedankenlose Verbreitung. Es ist nur für euch selbst. Eure Praktik sollte niemand anderem enthüllt werden, da man kein Verständnis haben wird. Sie ist auch nicht für die öffentliche Vorführung gedacht.

Sukadev

11. Der Yogi, der das Verlangen nach Siddhi hat,

Siddhi in der Einzahl heißt Vollkommenheit. Siddhis in der Mehrzahl sind die übernatürlichen Kräfte. Also

– Der Yogi, der das Verlangen nach Siddhi hat, sollte Hatha Yoga streng verborgen halten, denn es ist nur wirksam, wenn es verborgen gehalten wird. Es wird inhaltslos, sobald es ungerechtfertigt preisgegeben.

Das erzähl ich jetzt vor einer Versammlung von 70 Yogalehrern. Gut, es hängt davon ab, was wir weitergeben. Ich hoffe, ihr habt noch von der Yogalehrerausbildung in Erinnerung, ihr solltet nicht alles weitergeben, was ihr hier praktiziert.

Gerade die Praktiken, die der Swatmarama nachher beschreibt, sollte man nicht gleich in nem Anfängerkurs erzählen. Also jetzt nicht erzählen, dass man 4 Mal 2 Stunden am Tag Pranayama machen sollte. Erzählt nicht gleich in der ersten Stunde über die Kriyas, die dort sind, und über die komplexen Mudras, damit verwirrt ihr nur die Menschen. Und so muss man bewusst sein, wem erzählt man was. Auch in der ersten Klasse wird einem nicht die Differenzial- und Integralrechnung beigebracht, sondern das 1×1, vermutlich nur das 1+1 und 2-1 und so weiter. Wenn man der Erstklässlern versuchen würde, Differenzial- und Integralrechnung beizubringen, dann gäb es nur frustrierte Schüler und Lehrer. So ist das auch im Hatha Yoga.

Ihr lernt, wie man Asanas und Pranayama weitergebt. Ihr solltet aber nicht die JalandharaBandha weitergeben. Ihr solltet nicht die Samanu-Konzentration weitergeben, nicht den Gebrauch von Bija-Mantras weitergeben. Und auch nicht Ujjayi, Kumbhaka, Surya Bedha und Bhastrika in ihren fortgeschrittenen Variationen. Und auch nicht die fortgeschritteneren Mudras. Man sollte nicht die Perlen vor die Säue werfen, das ist ein Aspekt. Und ein Zwoter ist, wenn Menschen nicht in einem energetischen Schutzfeld sind, so wie hier, und man gibt dann Praktiken weiter, dann können die zu Ungleichgewichten führen. Weshalb wir es z.B. so machen, dass wir diese Art von Praktiken nur hier im Ashram oder auch im Rahmen von mehrjährigen Yogalehrerausbildungen weitergeben, oder wenn jemand ganz besonders befähigt ist und von mir dazu autorisiert wird. Es gibt auch in den ein oder anderen Zentren mal eine Ausnahme. Aber hier in dem Ashram gibt’s so ne Grundenergie. Außerdem haben die Leute die richtige Ernährung, die sie dazu brauchen. Und so kann man diese fortgeschrittenen Techniken weitergeben. Aber ihr solltet diese fortgeschrittenen Techniken nicht an Anfänger weitergeben. Es gibt wenige, die diese Hatha Yoga Pradipika so kennen. Man kann sehr viel machen. Ihr könnt die Stellungen länger halten. Ihr könnt mehr in die Variationen gehen. Ihr könnt beim Pranayama durchaus die Chakrenkonzentration machen, aber ohne Jalandhara Bandha.

Es gibt da schon ne ganze Menge, was man machen kann, ohne in diese Techniken zu gehen. Grundsätzlich nicht. Es sei denn, du hast jetzt schon einige fortgeschrittene Seminare gemacht. Und wenn du dann weißt, dass du Schüler hast, die sicher vegetarisch sind, und sicher jeden Tag Asanas , Pranayama und Meditation praktizieren, dann könntest du überlegen. Man muss auch selbst schon eine Weile die wirklich geübt haben, und dann muss man sicher sein, dass das Menschen sind, die die Voraussetzungen für diese Techniken erfüllen. Mula Bandha kann man schon unterrichten. Auch Uddhiyana Bandha im Stehen, spricht nichts dagegen, auch Ujjayi als Atemtechnik kann man unterrichten, aber eben nicht UjjayiKumbhaka mit allen Bandhas. Man könnte auch eine einfache Variation von Surya Bedha unterrichten. Rechts einatmen, anhalten, links ausatmen. Oder Chandra Bedha, links einatmen, anhalten, rechts ausatmen. Diese einfachen Variationen, aber nicht mit Bandhas und so weiter. Bija- Mantras normalerweise nicht. Gut, und genauso, wenn ihr selbst praktiziert, dann erzählt ihr nicht allen, dass ihr praktiziert, und was ihr grad praktiziert. Also wenn ihr sagt: „Einmal die Woche schlucke ich zwei Liter Salzwasser und speie sie wieder aus“, dann bringen die Leute nur Zweifel in euren Geist. Oder wenn ihr sagt: „Ich steh jeden Tag zwei Stunden lang auf dem Kopf“, finden die Leute auch ein bisschen komisch. Aber wenn die Leute fragen: „Du schaust so toll und gut gelaunt aus, was machst du?“ Dann kann man sagen: „Ja, ich praktiziere Yoga“. Man muss es ja nicht detaillierter angeben. „Und wo kann man das lernen?“ „Ja, ich gebe jeden Donnerstag einen Kurs von 19 – 20 Uhr.“ Da braucht man jetzt keine Hemmungen zu haben. Und es ist natürlich auch gut, wenn viele Menschen die Grundlagen des Hatha Yoga lernen. So sagt ja auchKrishna im 18. Kapitel der Bhagavad Gita: Keiner tut mir einen größeren Gefallen, als derjenige, der spirituelles Wissen weitergibt. Und das sind selbst die Asanas und Pranayama, wenn sie mit der richtigen Konzentration,Atmung, Entspannung weitergeben werden, ist das eine Vermittlung spirituellen Wissens.

Noch etwas zur Aussprache: Taapas mit langem a ist Leiden, Tapas mit kurzem a ist Askeseübungen oder intensive Praxis. Das ist manchmal so ein Unterschied. Z.B. auch beim OM Tryambhakam, da gibt’s zum Schluss Maamritat. Das heißt führe mich zur Unsterblichkeit. Wenn ihr statt dessen Mamritat sagt, das heißt führe mich zum Tod. Mrityor Mukshya Mamritat, das ist, wenn ihr Selbstmordgedanken hegt. Aber ihr wisst, dass es karmisch nicht erlaubt ist, sich selbst umzubringen, dann schafft man sich nur noch mehr Probleme. Dann kann man Mamritat sagen und hoffen. Also bitte sagt immer: „Maamritat“. Ist klar? Das ist zwar jetzt nicht so, wenn ihr’s falsch aussprecht, dass ihr dann gleich sterben werdet. Nichts desto trotz, wenn wir manchmal Inder zu Besuch haben, und die hören dann, eine Zuhörerschaft von 100 Leuten, die darum bitten, möglichst schnell umgebracht zu werden, dann empfinden die das als etwas eigenartig. Weshalb manche Inder, wenn sie in den Westen kommen, sagen sie nicht: „Maamritat“, sondern sagen: „Ma-amritat“, dass keiner auf die Idee kommt, es falsch auszusprechen. Oder auch Asatoma, sat gamaya, tamaso ma, jyotir gamaya, mrityor maamritam gamaya – führe mich von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit. Wenn man dagegen sagt: „Mrityor mamritam gamaya“, das heißt: Führe mich von der Sterblichkeit direkt zum Tod. Oder auch, es heißt: Harre Rama, Harre Rama, Rama Rama Harre Harre. Und Harre ist ein Beiname von Vishnu, und es heißt: Der die Herzen aller zu sich zieht. Es heißt auch so was wie: Bitte zieh mich zu dir. Wenn wir statt dessen sagen: „Ha-a-re Harre, Ha-a-re Harre“, – Ha-a-re heißt: Bring mich um. Kann man ja auch sagen: Bring mein Ego um“, oder: „Vernichte mich“. Eigentlich nicht: Bring mich um, sondern: Vernichte mich. Ha-a-re Harre. Also bitte nicht: Ha-a-re, sondern: Harre oder: Hare-e, das ist auch gut. Der Swami Vishnu hat immer den Kirtan gestoppt, wenn jemand gesagt hat Ha-a-re Hare. Er hat fast alles durchgehen lassen, aber wenn jemand gesagt hat, vernichte mich, oder töte mich, das hat er immer gestoppt. Gut, aber keine Angst, wenn ihr das falsch ausgesprochen habt. Letztlich, sehr viel zählt das Herz. Aber am Besten ist, man hat das Herz dabei, man weiß die Bedeutung und man spricht es korrekt aus. Dann habt ihr alles gut. Gut.

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