Kapitel 3, Vers 16

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die drei Arten der Veränderungen (Form, Zeit und Zustand) kommt Wissen um Vergangenheit und Zukunft.

Sanskrit Text:

pariṇāmatraya-saṁyamāt-atītānāgata jñānam ||16||

परिणामत्रयसंयमाततीतानागत ज्ञानम् ॥१६॥

parinamatraya sanyamat atitanagata jnanam ||16||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pariṇāma = Wandlung, Veränderung, Entwicklung
  • traya = die drei
  • saṁyamā = Konzentration, Versenkung, Samyama, Meditation
  • atīta = vergangen
  • anāgata = künftig
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

Wenn wir wissen wollen, wie Vergangenheit und Zukunft von etwas beschaffen ist, dann müssen wir schauen, wie es sich momentan verändert oder wie es sich in einem gewissen Zeitraum verändert hat. So können wir die Gesetze herausfinden, wie es sich in der Vergangenheit verhalten hat und wie es sich in Zukunft entwickeln wird.

Das ist eine Technik, die wir oft rein verstandesmäßig anwenden: Man stellt fest, daß ein Grashalm heute fünf Zentimeter hoch ist, vor zwei Wochen war er zwei Zentimeter hoch – was ist die logische Schlußfolgerung, wie hoch er in zwei Wochen sein wird? Wahrscheinlich um die acht Zentimeter. Aus Erfahrung wissen wir, daß das nicht immer ganz genau zutrifft. Denn wenn wir ein Baby anschauen, ist es bei der Geburt um die 50 Zentimeter groß, mit zwei Jahren 80 Zentimeter, mit fünf Jahren etwa 1,20 m – wenn wir das hochrechnen, wie groß müßte jemand sein, der 100 Jahre ist? – Das klappt also nicht so ganz!

Vieles kann man mit dem Intellekt erkennen und steuern. Aber es gibt etwas jenseits des Intellekts, und das ist unsere Intuition, die wir wiederum mit samyama erwecken können. Wenn man also die Zukunft oder auch die Vergangenheit erkunden will, schaut man, wie die Veränderung in einem gewissen Zeitraum verläuft. Dazu konzentriert man sich gleichzeitig entweder auf einen Punkt in der Vergangenheit und den jetzigen Zeitpunkt oder auf zwei auseinanderliegende Punkte in der Vergangenheit und macht samyama auf die Veränderung dazwischen.

Wenn du beispielsweise wissen willst, wie sich ein Mensch in Zukunft entwickeln wird, versuche, dich zu erinnern, wie der Mensch vor einem Jahr war, analysiere, wie er heute ist, und nimm dann den Menschen von heute und den von vor einem Jahr gleichzeitig wahr. Und während du das gleichzeitig wahrnimmst, kannst du dich auf die Veränderung konzentrieren, die dazwischen passiert ist. Und wenn du dich absichtslos und urteilslos auf diese Veränderung konzentrierst, verstehst du intuitiv, wie dieser Mensch in Zukunft sein wird. Das kann manchmal ganz praktisch sein, wenn man seine Beziehung zu einem Menschen analysieren will. Man kann überlegen, wie ist die Beziehung jetzt, wie war sie vor einem halben Jahr, sich auf die Veränderung konzentrieren, und dann kommt eine Intuition, wie sich die Beziehung in Zukunft entwickeln wird. Wobei wir natürlich wissen müssen, daß die Zukunft nie determiniert ist. Sobald wir – oder der andere – neue Ursachen setzen, entwickelt sich die Zukunft anders. Man kann die zukünftige Entwicklung also nur insoweit erkennen, als keine neuen Ursachen gesetzt werden. Da die meisten Menschen sehr unbewußt leben und nichts wirklich aus ihrem freien Willen entscheiden, sondern sich von ihren Verhaltensmustern bestimmen lassen, hat man in der Regel eine ziemlich hohe Treffsicherheit – wenn man das will. Die wenigsten Menschen überlegen sich wirklich, was sie tun könnten und tun dann auch wirklich etwas, um den Lauf der Dinge zu verändern.

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Kapitel 3, Vers 17

Deutsche Übersetzung:

Klang, Bedeutung und geistige Vorstellung sind normalerweise im Geist miteinander vermengt; durch samyama (auf den Klang) entwirren sie sich und man erlangt Wissen der Klänge aller lebenden Wesen.

Sanskrit Text:

śabdārtha-pratyayāmām-itaretrarādhyāsāt-saṁkaraḥ tat-pravibhāga-saṁyamāt sarvabhūta-ruta-jñānam ||17||

शब्दार्थप्रत्ययामामितरेत्रराध्यासात्संकरः तत्प्रविभागसंयमात् सर्वभूतरुतज्ञानम् ॥१७॥

shabdartha pratyayamam itaretraradhyasat sankarah tat pravibhaga sanyamat sarvabhuta ruta jnanam ||17||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śabda = Wort, Ton, Benennung
  • artha = Objekt, Zweck, Bedeutung
  • pratyayāna = Gedanke, Verstandesinhalt, Erfahrung
  • itara = das eine
  • itaretarā = das eine und das andere
  • adhyāsa = auf etwas legen, basieren aufeinander
  • saṁkara = Vermischung, Verwirrung, sind verwoben
  • tat = von ihnen
  • pravibhāga = Trennung, Auflösung, Differenzierung
  • saṁyamā = Konzentration, Versenkung, Samyama, Meditation
  • sarva = alle
  • bhūta = Wesen, Lebewesen
  • ruta = Klang, Ton, Sprache, Ausdrucksform
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

Hier erfahren wir, wie wir Menschen und auch Tiere verstehen können, deren Sprache wir nicht kennen.

Wie erwähnt, sind normale Gedanken verbunden mit Klängen, Bildern und Vorstellungen. Mit Vorstellungen sind auch Gefühle verknüpft. Wenn wir eine Sprache lernen wollen, können wir auf herkömmliche Weise Wörter, Grammatik u.s.w. lernen und die verschiedenen Bestandteile zusammensetzen. Oder wir konzentrieren uns voll auf den Klang der Sprache an sich, und zwar auf ganz entspannte Weise, noch nicht einmal mit der Absicht, verstehen zu wollen. Und wenn man sich ganz entspannt konzentriert auf die Laute egal welcher Wesen, dann versteht man plötzlich, was sie meinen. Das kannst du nächstes Mal ausprobieren, wenn du irgendwo bist, wo sich Menschen in einer fremden Sprache unterhalten. Versuche einfach, dich ganz entspannt dem Klang hinzugeben, ihn in dich aufzunehmen, als sei es das schönste Musikstück. Wenn du das eine Weile machst, bekommst du plötzlich ein Gefühl für die Bedeutung – auch für abstrakte Inhalte. Die modernen Super-Learning-Methoden für Sprachen beruhen letztlich auf diesem Prinzip. Statt Grammatik und Vokabeln zu pauken, hört man einfach zu und fängt relativ zügig an, selbst in der Sprache zu sprechen. Teilweise erzielt man damit gute Erfolge. Ob es für alle Zwecke ausreicht, sei dahingestellt. Aber auf jeden Fall ist es eine sehr gute Ergänzung zum herkömmlichen Büffeln.

Und wir können es auch mit einer Katze ausprobieren, einem Hund oder einem Vogel, sogar mit einem Bach. Auch Bäche können etwas ausdrücken. Wenn man sich voll auf das Rauschen konzentriert, erfährt man vielleicht plötzlich, was der Bach einem sagen will, oder auch, was Gott einem über das Rauschen des Baches sagen will.

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Kapitel 3, Vers 18

Deutsche Übersetzung:

Durch die direkte Erfahrung von samskaras (Eindrücke im Unterbewußtsein) entsteht das Wissen um das vorige Leben.

Sanskrit Text:

saṁskāra-sākṣātkaraṇāt pūrva-jāti-jñānam ||18||

संस्कारसाक्षात्करणात् पूर्वजातिज्ञानम् ॥१८॥

samskara sakshatkaranat purva jati jnanam ||18||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • saṁskāra = Eindrücke, Neigungen, die Erfahrung aus den vorangegangenen Handlungen
  • sākṣāt = direkt, unmittelbar
  • sākṣātkaraṇa = direkte Erfahrung
  • pūrva = vorher
  • jāti = Geburt
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

So geht man in frühere Inkarnationen hinein. Manche Reinkarnationstherapeuten arbeiten mit dieser Technik.

Eine Weise, in frühere Leben zu gehen, ist, sich zu entspannen und mit der Vorstellung in die Vergangenheit hineinzugehen. Diese Methode habe ich einmal im Rahmen eines Workshops als kollektive Rückführung kennengelernt. Swami Vishnu hat zwar grundsätzlich gesagt, man soll keine Rückführung machen, man soll nicht in frühere Leben gehen, aber er war nicht immer ganz so konsequent, was ja typisch indisch ist. Zweimal im Jahr hat er Festivals veranstaltet, zu denen er bekannte Leute eingeladen hat, einmal auf den Bahamas und im Sommer im Hauptashram in Kanada. Zu einem solchen Symposium, bei dem es um Yoga und Reinkarnation ging, hat er alle Fachleute eingeladen, die auf diesem Gebiet Rang und Namen hatten. Dazu gehörten Jan Stevenson, Raymond Moody und die bekannteste amerikanische Reinkarnationstherapeutin, die dort einen Workshop für kollektive Rückführung durchgeführt hat. Unter ihrer Anleitung legten wir uns auf den Rücken, entspannten uns, stellten uns vor, eine Wolke kommt herunter, wir setzen uns auf sie, und die Wolke trägt uns in die Vergangenheit. Dann sollten wir von oben hinunterschauen und sowie wir etwas sehen, sollten wir herunterkommen, uns dort niederlassen und schauen, was geschieht. Gut, dabei haben wir dann Verschiedenes gesehen. Ich habe mich zum Beispiel auf Eukalyptusbäumen in Australien gesehen, umgeben von Koalabären, die ich zu beschützen versuchte, und dabei wurde ich von Piraten erschossen. Ich bin da etwas skeptisch. Es ist nicht unbedingt sicher, daß das, was wir auf diese Weise sehen, auch wirklich ein früheres Leben ist. Denn der Geist hat eine lebhafte Phantasie. Wir können uns auch einiges ausmalen. Eigentlich kann man nur dann etwas sicherer sein, daß es ein früheres Leben ist, wenn man sich mit ausreichender Sicherheit an den Namen erinnert und an konkrete, nachvollziehbare Ereignisse, die man überprüfen kann, zum Beispiel in alten Gemeinde- oder Kircheneinträgen. Es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die bei solchen Rückführungen zu so konkreten Angaben kommen, daß man sie über Standesämter oder kirchliche Register nachprüfen kann.

Eine zweite Weise wäre, man nimmt ein samskara (Eindruck im Geist, Fähigkeit) wahr, der in diesem Leben keine Begründung hat. Jemand hat zum Beispiel große Angst vor Wasser, und man kann mit Sicherheit ausschließen, daß er oder sie als Kind ins Wasser gefallen ist. Es könnte ja auch sein, daß man als Baby in die Badewanne gefallen und fast ertrunken wäre und daher Angst vor dem Wasser hat. Oder jemand hat Angst vor dem Feuer, weil er als Kind in eine Flamme oder auf eine heiße Herdplatte gefaßt hat oder Zeuge geworden ist, wie jemand verbrannt ist. Oder man hat als Kind einen Horrorfilm gesehen, wo Menschen im Feuer umkamen oder als Hexen verbrannt wurden. Das wären alles logische Erklärungen. Aber angenommen, jemand hat vor etwas Angst, ohne daß es in diesem Leben eine Begründung dafür gibt, dann läßt das auf Eindrücke aus früheren Leben schließen. Man hat zum Beispiel ein Talent, für das es in der eigenen Biographie und in der Genetik der Eltern und Vorfahren keine Begründung gibt. Angenommen, jemand ist sehr musikalisch, und weder Vater noch Mutter sind musikalisch, und man wurde auch nicht von Kindheit an gefördert. Dann kann man sich auf diesen samskara konzentrieren, entspannt konzentrieren, mit vollem Bewußtsein. Man kann als Vorarbeit darüber nachdenken, aber das eigentliche samyama, wenn man versucht, diesen samskara intuitiv wahrzunehmen, geschieht ohne Nachdenken. Über die samyama-Konzentration auf dieses Talent oder diese besondere Eigenschaft kommt man in das Leben, in dem der Ursprung dafür gelegt wurde. Beispielsweise Angst vor dem Feuer – dann sieht man plötzlich ein Bild, wo man selbst im Feuer umgekommen ist. Angst vor dem Wasser – man merkt vielleicht, wie man in einem früheren Leben ertrunken ist. Oder man war schon als Kind von Yoga fasziniert, aber keiner sonst aus der Familie, dann kann man sich vielleicht als Yogi irgendwo sehen.

Diese Erinnerungen sind nicht notwendig für das spirituelle Leben. Sie können einem unter Umständen dabei helfen, mit bestimmten Schwierigkeiten besser fertig zu werden. Auf Schwierigkeiten können wir auf verschiedene Weise reagieren: Wir können mit tapas, swadhyaya, ishvara pranidhana arbeiten – wie bereits erläutert –, und mit verschiedenen anderen geistigen oder praktischen Techniken. Oder wir können uns einfach auf die Schwierigkeit an sich konzentrieren, und das kann uns manchmal helfen, zur Ursache zu kommen oder die Lösung zu finden. Allein die Tatsache, daß wir uns darauf konzentrieren, kann oft schon dazu führen, daß es sich auflöst. Wenn es aber etwas ist, was seine Ursache in einem früheren Leben hat, dann kann es sein, daß Bilder aus einem früheren Leben aufsteigen, während wir uns darauf konzentrieren. In einem solchen Fall brauchen wir nicht zu befürchten, verrückt geworden zu sein, sondern wir wissen: Wir sind bewußt in dieses Problem hineingegangen, nicht in der Absicht, unsere früheren Leben zu ergründen, sondern um das Problem zu erfassen, und dabei ist halt jetzt dieses Bild aus einem früheren Leben aufgestiegen. Wenn wir das erkannt haben, kann es uns helfen, mit einer bestimmten vorhandenen Schwierigkeit in unserem jetzigen Leben besser fertigzuwerden. Man muß aber damit umgehen können, man darf aus früheren Leben keine Schuldgefühle entwickeln. Man sollte nicht unbedingt in der Vergangenheit wühlen und nicht grundlos in frühere Leben hineingehen. Deshalb hat Swami Vishnu normalerweise auch davon abgeraten.

Die Reinkarnationstherapeuten argumentieren eben damit, daß, wenn jemand unerklärliche emotionale und psychische Reaktionen zeigt, es ihm manchmal helfen kann, in die Vergangenheit zu gehen, um dann loszulassen. Ich will den therapeutischen Wert auch nicht in Abrede stellen. Es gibt Menschen, die dadurch zu einer gewissen Heilung gekommen sind. Aber als Yogis machen wir es normalerweise nicht.

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Kapitel 3, Vers 19

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die Gedanken eines anderen erhält man Wissen über seinen Geist.

Sanskrit Text:

pratyayasya para-citta-jñānam ||19||

प्रत्ययस्य परचित्तज्ञानम् ॥१९॥

pratyayasya para chitta jnanam ||19||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pratyaya = Geistesinhalt, Gedanke, direkte Wahrnehmung
  • para = eines anderen
  • citta = Verstand
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

Mit anderen Worten, wenn wir jemanden besser verstehen wollen, können wir versuchen, uns auf seine Gedanken zu konzentrieren. Wir versuchen, seine geistigen Vorstellungen zu erspüren und zu erfühlen. Das ist natürlich schwierig, denn im Normalfall konzentrieren wir uns auf den Körper eines Menschen. Wenn wir an einen anderen Menschen denken, haben wir sein äußeres Erscheinungsbild vor Augen. Aber der Körper ist nur der Träger des Geistes. Schwieriger ist es, sich auf den Geist des anderen einzustellen. Da aber der Körper letztlich ein Ausfluß des Geistes ist, können wir uns auch einfach den anderen vorstellen und uns auf ihn oder sie konzentrieren. Das ist eine nützliche Methode, wenn wir uns mit jemandem verkracht haben und uns gerne wieder vertragen möchten – neben allem anderen natürlich, was wir auch tun sollten: Mit ihm oder ihr sprechen, die Kommunikation aufnehmen, einen Dritten als Vermittler zu Hilfe nehmen, ihm/ihr ein Geschenk machen, uns entschuldigen, klar sagen: „So geht es nicht“, auf den Tisch hauen, um Verständigung beten, entsprechende Affirmationen wiederholen, visualisieren, Licht schicken u.s.w. Oder man kann sich eben in den anderen hineinversetzen. Und wenn wir den anderen wirklich von innen heraus spüren, so als ob wir in dem anderen Körper drin wären, identifizieren wir uns mit dem anderen Geist und wissen, was mit ihm los ist.

Mit der richtigen Motivation ist das sicherlich positiv nutzbar. Man konzentriert sich auf einen anderen und lernt, ihn zu verstehen. Man kann besser auf ihn eingehen, sich besser mit ihm vertragen, besser mit ihm zusammenarbeiten und ihm vielleicht auch einen Tip geben zur Hilfe.

Aber es kann natürlich auch mißbraucht werden. Denn wenn man sich gänzlich in den anderen hineinversetzt und es einem wirklich gelingt, im anderen so zu sein, als sei man selbst in dessen Körper, dann kann man theoretisch auch anfangen, dem anderen Gedanken aufzuoktroyieren, ihm vorzuschreiben, was er tun soll. Hier wird es zur Manipulation und zu einem Mißbrauch der siddhis. Und ein Mißbrauch führt immer zu einer karmischen Reaktion.

Deshalb schreckt uns Patanjali im nächsten Vers ab:

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Kapitel 3, Vers 20

Deutsche Übersetzung:

(Man erhält aber) kein (Wissen) über die zugrundeliegenden (geistigen Faktoren), die nicht Gegenstand des samyama sind.

Sanskrit Text:

na ca tat sālambanaṁ tasya-aviṣayī bhūtatvāt ||20||

न च तत् सालम्बनं तस्याविषयी भूतत्वात् ॥२०॥

na cha tat salambanam tasya avishayi bhutatvat ||20||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • na = nicht
  • ca = und
  • tat = das
  • sa = ihre
  • ālambana = das Zugrundeliegende
  • tasyaḥ = seine
  • aviṣayībhūtatvāt = weil es nicht das Objekt (von samyama) ist

Kommentar

Wir lernen nicht den ganzen Geist des anderen kennen. Wenn wir einen Teilaspekt des anderen erspüren, sollten wir uns nicht einbilden, ihn jetzt vollständig zu verstehen. Dazu ist die menschliche Psyche zu kompliziert. Mit dem einfachen samyama auf einen Menschen lernen wir ihn noch lange nicht vollständig kennen, sondern nur bestimmte Teile seiner Psyche.

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Kapitel 3, Vers 21

Deutsche Übersetzung:

Samyama auf die Gestalt des eigenen Körpers hebt die Kraft, die ihn wahrnehmbar macht, auf; die Verbindung des Lichts mit dem Auge wird unterbrochen; er wird unsichtbar.

Sanskrit Text:

kāya-rūpa-saṁyamāt tat-grāhyaśakti-stambhe cakṣuḥ prakāśāsaṁprayoge-’ntardhānam ||21||

कायरूपसंयमात् तत्ग्राह्यशक्तिस्तम्भे चक्षुः प्रकाशासंप्रयोगेऽन्तर्धानम् ॥२१॥

kaya rupa sanyamat tat grahyashakti stambhe chakshuh prakashasanprayoge ’ntardhanam ||21||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kāya = Körper
  • rūpa = Form
  • saṁyamāt = durch Übung von saṁyama
  • tat = von ihm, daher
  • grāhya = wahrnehmbar
  • śakti = Kraft, Fähigkeit
  • stambha = Behinderung
  • cakṣuḥ = Auge
  • prakāśa = Licht
  • asaṁprayoga = keine Verbindung
  • antardhāna = Verschwinden, Unsichtbarkeit

Kommentar

Hier sagt Patanjali uns, wie man unsichtbar wird.

Ich nehme an, es funktioniert wirklich im wörtlichen Sinn. Wenn jemand volles samyama beherrscht, kann er sich tatsächlich soweit unsichtbar machen, daß selbst eine Kamera ihn nicht sieht und man ihn nicht fotografieren kann. Es gibt viele Berichte von Menschen, die unsichtbar geworden sind. Manche Menschen berichten, daß sie gesehen haben, wie Heilige vom einen Moment auf den anderen verschwunden sind. Ich selbst habe so etwas noch nie gesehen und kenne es nicht aus Erfahrung.

Dieser Vers hat aber auch eine praktische Anwendung im abgeleiteten Sinn. Wenn du irgendwo in eine Menschenmenge kommst und willst nicht gesehen werden, ist die beste Technik, dich nur auf dich selbst zu konzentrieren. Nimm nur dich selbst wahr. Wenn du nur dich selbst wahrnimmst und an niemand anderen denkst, dann werden dich die anderen nicht bemerken. Du kannst durch die Menge hindurchgehen, ohne daß jemand von dir Notiz nimmt.

Die meisten Menschen machen dummerweise das Gegenteil, wenn sie nicht wahrgenommen werden wollen. Sie denken ständig: „Hoffentlich sieht der mich jetzt nicht.“ – “Jetzt bin ich so ungekämmt oder unrasiert oder ungeschminkt, ich hoffe, keiner sieht mich in dem Aufzug.“ Man denkt also ständig an andere Menschen. Und was passiert logischerweise? Weil man ständig an andere Menschen denkt, weckt man ihre Aufmerksamkeit und wird wahrgenommen.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil, nämlich, daß man sich bemerkbar machen will. Schüchterne Menschen zum Beispiel: Sie gehen auf eine Party oder eine Versammlung und nehmen sich vor: „Heute will ich endlich auch mal im Mittelpunkt stehen.“ Und dann überlegen sie ständig: „Was müßte ich jetzt machen, damit mich jemand bemerkt? Wie komme ich zu Wort? Wie drücke ich mich jetzt richtig aus? Sehe ich richtig aus?“ – Sie sind nur auf sich selbst konzentriert. Was ist die Folge? Man sieht sie nicht, nimmt sie nicht wahr!

Wenn du wahrgenommen werden willst, bringe die Aufmerksamkeit weg von dir selbst. Richte deine Aufmerksamkeit auf die anderen, und du wirst wahrgenommen. Das ist eine gute Hilfe für schüchterne Menschen, die sich nicht trauen, auf andere zuzugehen. Es ist gar nicht nötig, auf andere zuzugehen. Es reicht, sich auf die anderen zu konzentrieren und sie wahrzunehmen, Interesse für sie aufzubringen und zu lächeln. Dann kommen sie von allein auf dich zu – manchmal mehr, als einem lieb ist! Es ist hilfreich, wenn man auch mal das erste Wort sagt, um den Kontakt herzustellen. Aber das ist nicht einmal so nötig.

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Kapitel 3, Vers 22

Deutsche Übersetzung:

Karma ist jetzt wirksam oder schlummernd. Durch samyama darauf erhält man Wissen über den eigenen Tod oder sein Schicksal.

Sanskrit Text:

sopa-kramaṁ nirupa-kramaṁ ca karma tatsaṁyamāt-aparāntajñānam ariṣṭebhyo vā ||22||

सोपक्रमं निरुपक्रमं च कर्म तत्संयमातपरान्तज्ञानम् अरिष्टेभ्यो वा ॥२२॥

sopa kramam nirupa kramam cha karma tatsanyamat aparantajnanam arishtebhyo va ||22||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sopa = gestützt auf
  • krama = Abfolge, Ablauf
  • sopakramaṁ = auf dem Ablauf basierend, nachvollziehbar, vorhersehbar
  • nirupa = nicht gestützt, leer
  • nirupakramaṁ = nicht auf dem Ablauf basierend, unvorhersehbar, nicht nachvollziehbar
  • ca = und
  • karma = Karma, Handlung, Ursache oder Wirkung einer Handlung, Schicksal
  • tat = dies
  • saṁyamāt = durch Versenkung auf, durch Ausübung von Samyama über
  • aparānta = Tod, Ende
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis
  • ariṣṭa = Schicksal
  • ibhya = sein
  • vā = oder

Kommentar

Es gibt die drei Hauptformen von karma: prarabdha, das Karma, das jetzt aktiv ist, sanchita, das gespeicherte Karma und agami, das neu geschaffene Karma.

Wenn man samyama ausführt auf das karma, das jetzt aktiv ist (prarabdha) und auf den Speicher des karmas (sanchita), also die Lektionen, die noch vor einem liegen, und sich auf beides konzentriert, dann weiß man plötzlich, welche Aufgaben man noch zu erfüllen hat. Und dann weiß man auch, wann es vorbei ist. Und wenn es vorbei ist, stirbt der Körper natürlich.

Eigentlich ist es nicht empfehlenswert, den Zeitpunkt des Todes zu wissen. Allein die Vorstellung und Überzeugung, daß wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sterben werden, kann dazu führen, daß wir tatsächlich an diesem Tag sterben.

Ein Beispiel dafür ist die negative Beeinflussung durch ärztliche Diagnosen. Bei Untersuchungen hat man festgestellt, daß eine außergewöhnlich große Zahl von Menschen genau dann stirbt, wie es die Ärzte vorausgesagt haben. Wenn die Ärzte eine Lebenserwartung von sechs Monaten oder zwei Jahren diagnostizieren, dann sterben viele Patienten auf den Tag genau nach sechs Monaten oder nach zwei Jahren – selbst wenn sich bei der Obduktion nachher herausstellt, daß der Mensch eigentlich gar nicht so krank war oder daß die Krankheit nicht notwendigerweise zum Tod hätte führen müssen. Der Mensch stirbt aufgrund der Suggestion durch die Prognose des Arztes.

Ein Arzt erzählte einmal folgenden Fall, den er in seiner eigenen Praxis erlebt hat: Er hatte einen Patienten mit einer eigentlich tödlichen Krankheit. Gegen diese Krankheit war ein ganz neues Medikament entwickelt worden, das aber noch nicht zugelassen war, weil es erst noch erprobt werden mußte. Jedes Medikament muß erst an Hunderten von Tieren, Zellkulturen und schließlich an Menschen erprobt werden, bevor es zugelassen wird. Dieser Patient hatte also eine sehr heimtückische Krankheit mit einer sehr geringen Lebenserwartung. Der Arzt erzählte ihm von dem Medikament, das vielleicht zur Heilung führen könne, das aber noch erprobt werden müsse und das unter Umständen auch Nebenwirkungen mit sich bringen könne. Ob er trotzdem bereit wäre, es auszuprobieren. Der Patient nahm das Medikament und wurde innerhalb von zwei Monaten vollkommen gesund. Eine ganze Weile später hat er in einer Zeitschrift gelesen, daß dieses Medikament für seine damalige Krankheit nun doch nicht eingesetzt werden könne, weil es nicht sehr wirkungsvoll sei. Einen Monat, nachdem er das gelesen hatte, war er tot, nachdem er dazwischen um die drei Jahre vollkommen beschwerde- und symptomfrei gelebt hatte!

Man muß vorsichtig sein mit dem, was man zu Menschen sagt. Worte haben Macht, wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, wo Patanjali vikalpa (Wortirrtum, Einbildung, Suggestion) als eine der fünf vrittis (Gedankenwellen) behandelt.

 

Anm.: In manchen Ausgaben wird zusätzlich als Vers 22: „Etena shabdâdy antardhânam uktam“ als weiterer Aphorismus berücksichtigt, so daß eine andere Zählweise entsteht. Wir folgen hier der kürzeren Zählweise, doch der Vollständigkeit sei hier der zusätzliche Vers angefügt:

Etena shabdâdy antardhânam uktam

Etena = durch dieses
shabda = Ton
âdi = andere
antardhâna = Verschwinden
ukta = gesagt, beschrieben, erklärt

Kommentar von Sukadev: Dies erklärt auch das Verschwinden von Lauten und anderem.  Das gilt also nicht nur für das Unsichtbarwerden, sondern auch für das Unhörbarwerden. Wenn man voll auf sich selbst konzentriert ist, kann man sogar mantras singen, ohne daß andere es hören.

Wenn man hingegen selbst sehr konzentriert mit etwas beschäftigt ist, z.B. wenn man ein interessantes Buch liest oder einen Film schaut und dann nichts hört, wenn jemand hereinkommt, klopft oder etwas sagt, das ist pratyahara.

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Kapitel 3, Vers 23

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf Freundlichkeit u.s.w. erlangt man deren Kräfte.

Sanskrit Text:

maitry-adiṣu balāni ||23||

मैत्र्यदिषु बलानि ॥२३॥

maitry adishu balani ||23||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • maitrī = Liebe, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit
  • ādiṣu = und so weitere
  • balāni = Kräfte

Kommentar

Ähnliches hat Patanjali nun schon mehrmals erzählt:

Im ersten Kapitel hieß es, indem man sich auf etwas konzentriert, auf eine positive Eigenschaft zum Beispiel, verschwinden die Hindernisse (I 33).

Im zweiten Kapitel hat er gesagt, wenn wir negative Emotionen haben, sollten wir über das Gegenteil nachdenken (II 33).

Und hier erwähnt er es im Zusammenhang mit samyama. Wenn wir also nicht nur über eine Eigenschaft nachdenken, sondern tief in die Eigenschaft hineingehen, dann erlangen wir deren Kräfte. Die Eigenschaftsmeditation (siehe Kommentar zu I 33) zum Beispiel umfaßt neben anderen Techniken auch die samyama-Konzentration. Sie beginnt mit der Wiederholung einer Affirmation zu der Eigenschaft, die man entwickeln will, zum Beispiel: „Ich bin geduldig“. Als zweites denkt man über die Vorteile dieser Eigenschaft nach. Als drittes folgt der samyama-Teil: Man konzentriert sich auf die Eigenschaft an sich, ohne Visualisierung und ohne Affirmation, man erspürt die Eigenschaft als solche, konzentriert sich voll darauf, geht völlig in ihr auf. Das ist der machtvollste Teil dabei. Wenn wir uns auf Geduld konzentrieren, die Essenz der Geduld, und sie wirklich in uns spüren, dann wird sie sehr machtvoll in uns. Zum Abschluß kann man nachher nochmals eine Visualisierung und eine Affirmation machen.

Es kann aber sein, daß es einem schwerfällt, eine bestimmte Eigenschaft in sich selbst zu spüren. Dafür bietet Patanjali die folgende Lösung an:

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Kapitel 3, Vers 24

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die Kräfte verschiedener Tiere erlangt man die betreffende Kraft (z.B. eines Elefanten oder des betreffenden Tieres).

Sanskrit Text:

baleṣu hastibalādīnī ||24||

बलेषु हस्तिबलादीनी ॥२४॥

baleshu hastibaladini ||24||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • baleṣu = in die Kräfte
  • hasti = Elefant
  • balāni = Kräfte

Kommentar

Wenn wir schwach sind und gerne stärker wären, können wir versuchen, uns auf unsere innere Stärke zu konzentrieren. Möglicherweise fällt uns das aber sehr schwer, weil wir vielleicht das Gefühl haben, wenig innere Stärke zu haben. Wenn wir uns dann beispielsweise auf einen Elefanten konzentrieren, werden wir stark wie ein Elefant. Wenn wir Sanftmut entwickeln wollen, dann können wir uns auf eine Kuh konzentrieren. Wenn wir Durchsetzungsvermögen und Mut in uns stärken wollen, können wir uns auf einen Tiger konzentrieren. Und natürlich können wir auch samyama auf die positiven Eigenschaften anderer Menschen ausführen.

Hier machen viele Menschen leider oft das Gegenteil. Was muß man machen, um alle negativen Eigenschaften von anderen zu übernehmen? – Sich ständig auf die negativen Eigenschaften der anderen konzentrieren, ständig darüber nachdenken, welche Fehler die anderen haben, ständig darüber sprechen, was die anderen alles schlecht und falsch machen. Auf diese Weise werden diese negativen Eigenschaften in einem selbst eben auch stärker. Hingegen, wenn wir uns auf die positiven Eigenschaften von anderen konzentrieren, dann stärken wir diese positiven Seiten auch in uns.

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Kapitel 3, Vers 25

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf Licht erhält man intuitives Wissen über das Subtile, das Verborgene und das weit Entfernte.

Sanskrit Text:

pravṛtty-āloka-nyāsāt sūkṣmā-vyāvahita-viprakṛṣṭa-jñānam ||25||

प्रवृत्त्यालोकन्यासात् सूक्ष्माव्यावहितविप्रकृष्टज्ञानम् ॥२५॥

pravritty aloka nyasat sukshma vyavahita viprakrishta jnanam ||25||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pravṛtti = Quelle, Ursprung
  • āloka = inneres Licht
  • nyāsā = durch Projizieren, durch das darauf ausrichten
  • sūkṣma = des Feineren, Subtilen
  • vyavahita = das Verborgene, das Verdeckte
  • viprakṛṣṭa = das Entfernte
  • jñāna = Wissen, Erkenntnis

Kommentar

Eine einfache Anwendung ist zum Beispiel tratak [Anm.: Wer tratak noch nicht kennt, sollte diese Übung von einem erfahrenen Yogalehrer oder einem guten Yogabuch lernen.], das Starren auf eine Kerzenflamme. Mir ist es schon so gegangen, daß ich anschließend an tratak in einer Gruppe die Auras der anderen gesehen habe. Man schaut in die Flamme, und dann sieht man darum herum die Aura. Wenn man das regelmäßig macht, eine halbe Stunde bis zu einer Stunde jeden Morgen, kann es auch sein, daß man Astralwesen im Raum wahrnimmt. Denn tratak ist nicht nur eine Vorbereitungsübung auf die Meditation, sondern auch eine Übung zur Entwicklung von Hellsichtigkeit, wenn man es lange übt. Deshalb wird normalerweise empfohlen, tratak nicht länger als 15 bis 20 Minuten am Tag zu machen. Ab einer halben Stunde kann es nämlich sehr machtvoll wirken, und nicht jeder ist darauf vorbereitet. Aber wenn man es eine Weile geübt hat und keine Angst hat, Astralwesen zu sehen, kann man es auf eine oder zwei Stunden verlängern. Das führt zu einigen sehr interessanten Phänomenen.

Es gibt verschiedene Weisen, wie man in die Kerze schauen kann. Man kann entweder versuchen, sie zu fokussieren, sie genau anzuschauen. Oder man kann versuchen, die Kerze als Ganzes wahrzunehmen, indem man mit dem sogenannten weichen Blick durch sie hindurchschaut. Das letztere wäre samyama: Den weichen Blick auf die Flamme richten, durch sie hindurchschauen, sie aber trotzdem wahrnehmen, ohne sie zu fokussieren, also die entspannte Konzentration auf die Flamme. Wenn man das länger ausübt, führt es dazu, daß man das Feinstoffliche, Versteckte oder weit Entfernte erkennt.

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Kapitel 3, Vers 26

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die Sonne erlangt man Wissen um die Welt.

Sanskrit Text:

bhuva-jñānaṁ sūrye-saṁyamāt ||26||

भुवज्ञानं सूर्येसंयमात् ॥२६॥

bhuva jnanam surye sanyamat ||26||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • bhuvana = Welt, die feinstofflichen und physischen Welten
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis
  • sūrye = über die Sonne, über Surya
  • saṁyama = tiefe Versenkung, Meditation

Kommentar

Die Sonne ist das Zentralgestirn unseres Planetensystems. Das Sonnensystem ist ein organisches Ganzes. Indem man sich auf das Zentrum des Ganzen, die Sonne, konzentriert, erlangt man Wissen um die Welt.

Physiker müßten sich also auf die Sonne konzentrieren, um schneller die Zusammenhänge der Natur und des Sonnensystems zu verstehen.

In Indien gibt es die Technik, tratak auf die Sonne selbst auszuführen, d.h. direkt in die Sonne zu starren. Dazu muß man aber bestimmte Techniken lernen, sonst erblindet man. Daher hat Swami Vishnu uns davor gewarnt, das zu probieren. Von Swami Sivananda gibt es jedoch Photos, wo er direkt in die pralle Mittagssonne hineinschaut. Er hat die subtile Technik dafür gelernt und keine Augenprobleme dadurch bekommen. Selbst ausprobieren kann es jeder bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang: Wenn man zu diesen Momenten in die Sonne schaut und in die tiefe Versenkung geht, erhält man ein tiefes Verständnis dieser Welt und des eigenen Platzes auf dieser Erde. Und natürlich kann man vollkommen gefahrlos mit geschlossenen Augen samyama auf die Sonne ausführen.

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Kapitel 3, Vers 27

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf den Mond erhält man astrologisches Wissen.

Sanskrit Text:

candre tāravyūha-jñānam ||27||

चन्द्रे तारव्यूहज्ञानम् ॥२७॥

chandre taravyuha jnanam ||27||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • candra = Mond
  • tāra = Stern
  • vyūha = Anordnung, Ganzheit, Formatierung
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis
  • tāra vyūha jñāna = Wissen um die Anordnung der Sterne, astrologisches Wissen

Kommentar

Das ist auch eine sehr interessante Sache. Es ist zwar für einen spirituellen Aspiranten nicht notwendig, aber für manche doch hilfreich, sich mit Astrologie zu beschäftigen. Weniger mit der vorausschauenden Astrologie, die einem sagt: Nächstes Jahr wirst du Millionär oder übernächstes Jahr findest du deinen Lebensgefährten oder ähnliches, sondern mit der Persönlichkeitskonstellation. Astrologie kann helfen, bestimmte Charakterzüge der eigenen Persönlichkeit zu erkennen, Aufgaben und Schwierigkeiten im eigenen Leben zu erkennen, zu akzeptieren, in einen größeren Rahmen einzuordnen. Heutzutage werden ja viele Horoskope per Computer erstellt. Nur, das Programm allein taugt letztlich nichts. Denn ein guter Astrologe nutzt seine Intuition. Er lernt zwar auch sein Handwerkszeug, lernt, was die einzelnen Konstellationen zu bedeuten haben, wie sie zu interpretieren sind u.s.w. Aber dann schaut er dieses Horoskop, das Schaubild mit den einzelnen Planetenkonstellationen, an und läßt es auf sich wirken. In meiner Anfangszeit als spiritueller Aspirant habe ich auch drei Semester lang bei einem recht guten Astrologen etwas Astrologie studiert. Seine Vorgehensweise war: Er malt das Horoskop auf, dann stellt er sich davor und schaut es sich an, läßt es auf sich wirken, ohne darüber nachzudenken, was die Konstellationen zu bedeuten haben. Er ist voll konzentriert, läßt es auf sich wirken, und dann kennt er alle Themen dieses Menschen, dieses speziellen Lebens. Wenn er das Gesamtbild auf diese Weise intuitiv erfaßt hat, deutet er anschließend noch die einzelnen Planeten, untersucht die Mondeinflüsse u.s.w. Aber sein eigentliches Wissen kommt daher, daß er das Horoskop als Hilfe zur Konzentration nimmt. In früheren Zeiten war es noch direkter. Damals haben die Astrologen zur Deutung direkt in den Himmel geschaut. Dann war es natürlich gut, wenn ein Mensch nachts und nicht während der Monsunzeit geboren war, dann konnte nämlich der Astrologe die Bewegungen der Gestirne und Planetenkonstellationen direkt am Himmel sehen und wußte instinktiv, was es mit diesem Menschen auf sich hat, der zu diesem Zeitpunkt geboren wurde.

In der indischen Astrologie hat der Mond eine besondere Bedeutung. Er ist der wichtigste Teil des Horoskops. Deshalb heißt es, wenn man sich besonders auf den Mond konzentriert, erkennt man das Hauptthema im Leben von sich selbst oder einem anderen Menschen.

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Kapitel 3, Vers 28

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf den Polarstern kommt das Wissen um die Bewegung der Sterne.

Sanskrit Text:

dhruve tadgati-jñānam ||28||

ध्रुवे तद्गतिज्ञानम् ॥२८॥

dhruve tadgati jnanam ||28||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • dhruva = Polarstern
  • tat = sein, ihr
  • gati = Bewegung
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

Wer in seinem astronomischen Wissen weiterkommen will, sollte auf den Polarstern meditieren. Oder nachts den Polarstern anschauen und auf sich wirken lassen. Er hat eine besondere Bedeutung für das ganze Weltall.

Auch die Wissenschaftler kommen ja letztlich auf diese Weise zu ihren Resultaten. Wissenschaftliche Resultate sind nur zum Teil auf logisches Denken, Experimente und Berechnungen zurückzuführen. Der Rest ist Intuition. Jemand beschäftigt sich intensiv mit etwas, konzentriert sich, meditiert darauf, absorbiert das Problem und dann versteht er es plötzlich. Einstein und Newton sind dafür die besten Beispiele.

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Kapitel 3, Vers 29

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf das Nabelzentrum kommt das Wissen um den Aufbau des Körpers.

Sanskrit Text:

nābhicakre kāyavyūha-jñānam ||29||

नाभिचक्रे कायव्यूहज्ञानम् ॥२९॥

nabhichakre kayavyuha jnanam ||29||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • nābhi = Nabel
  • cakra = Energiezentrum, Rad
  • kāya = der Körper, physischer Körper
  • vyūha = Anordnung, Aufbau
  • jñāna = Wissen, Verständnis

Kommentar

Nabhi chakra, das Nabelchakra, ist der energetische Mittelpunkt und Schwerpunkt des Körpers. Wenn wir uns darauf konzentrieren, kennen wir die Struktur des Körpers.

Das gilt einmal für die ganze Anatomie. Wenn jemand Medizin studiert oder Heilpraktiker werden will, würde ich ihm – neben allem anderen, was er rational zu lernen hat – raten, sich regelmäßig auf sein Nabelchakra zu konzentrieren. Dann kommt ein intuitives Verständnis für den menschlichen Körper.

Zum zweiten läßt sich das auch anwenden bei einer bestimmten körperlichen Krankheit. In diesem Fall könnte man sich, wie schon früher erwähnt, auf den betreffenden Körperteil und die betreffende Krankheit konzentrieren. Oder man könnte sich alternativ auch auf das nabhi chakra als Grundlagenchakra für alle körperlichen Vorgänge konzentrieren. Die Körperenergien sind konzentriert im Nabelchakra, der Sonne des ganzen Körpers.

Deshalb ist es auch wichtig, sich bei den asanas immer wieder auf den Bauch zu konzentrieren. Nicht umsonst raten wir ja den Schülern in der Anfänger- und Mittelstufe, sich auf den Bauch zu konzentrieren: einatmen – Bauch hinaus, ausatmen – Bauch hinein. Das hilft, Zugang zur Struktur und zu den Bedürfnissen des Körpers zu bekommen. Ich glaube, die richtige Bauchatmung ist ein entscheidender Punkt, daß man lernt, gewisse negative Gewohnheiten von selbst abzulegen. Und meine Beobachtung ist, daß in Yogasystemen, wo kein Wert auf die Atmung gelegt wird, mindestens nicht auf die Bauchatmung – da gibt es ja einige –, die Menschen ihre schlechten Gewohnheiten nicht ablegen. Bei Schulen, die den Atem einfach nur fließen lassen und die Übungen sehr genau ausführen, mag die körperliche Exaktheit richtig sein, aber es entsteht kein intuitives Wissen um die Struktur und die Notwendigkeiten des Körpers. Währenddessen, wenn man sich auf den Nabel konzentriert, geschehen viele Sachen von selbst. So ist es also wichtig, auch wenn man den vollständigen Atem gelernt hat und fortgeschrittene Atemübungen macht, sich immer wieder auf den Bauch zu konzentrieren.

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Kapitel 3, Vers 30

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die Kehlhöhle hören Hunger und Durst auf.

Sanskrit Text:

kanṭha-kūpe kṣutpipāsā nivṛttiḥ ||30||

कन्ठकूपे क्षुत्पिपासा निवृत्तिः ॥३०॥

kantha kupe kshutpipasa nivrittih ||30||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kaṇtha = Kehle
  • kūpa = Höhle, Brunnen, Loch, Grube
  • kṣudh = Hunger
  • pipāsā = Durst
  • nivṛttiḥ = Aufhören

Kommentar

Sich regelmäßig auf die Höhlung unterhalb des Kehlkopfes zu konzentrieren – vielleicht auch eine Methode, eine Schlankheitskur zu begleiten!

Interessant ist: In diesem Bereich liegt ja auch die Schilddrüse. Und die Schilddrüse steuert den Metabolismus, den Stoffwechsel des Körpers, und auch den Appetit. Indem man sich darauf konzentriert, kann sich die Schilddrüsenfunktion verändern.

Patanjali geht sogar so weit zu sagen, daß Hunger- und Durstgefühl ganz schwinden können.

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