01-02 Kommentar Sukadev

Der Geist ist wie das Wasser in einem See, auf dessen Grund ein Schatz ruht. Wenn das Wasser sich bewegt, entstehen Wellen, und wir können nicht auf den Grund schauen, um diesen Schatz zu sehen.

Nirodhah ist das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes, was als einer der fünf Grundzustände [Anm.: Ich folge hier insbesondere bei „vikshipta“=“sammelnd“ den Kommentaren von Swami Vishnu-devananda und Swami Vivekananda. In manchen anderen Kommentaren wird vikshipta als „verwirrt, zerstreut“ übersetzt. Was im Folgenden als viksipta bezeichnet ist, würde in anderen Kommentaren der ersten (unteren) Stufe von ekagrata entsprechen. Was in diesem Text als ekagrata bezeichnet ist, entspricht der höchsten Form von ekagrata. Diese Unterschiede in der Interpretation ändern jedoch nichts an der praktischen Anwendbarkeit]  des Geistes gilt.

Um es mit dem Seevergleich auszudrücken:

Im mudha-Zustand ist das Wasser völlig verschmutzt. Man sieht gar nichts von dem Schatz, der unten liegt. Wir sind gar nicht bei unserem Selbst, sondern sehr weit davon entfernt. Das führt zu Traurigkeit, Verzweiflung, Depression. Es dominieren Gedanken und Gefühle wie „Ich kann nicht“, „Ich will nicht“, „Keiner mag mich“, „Alles hat keinen Sinn“. Man hat nur noch den Wunsch, sich in ein Mauseloch zu verkriechen, entweder für alle Ewigkeit oder mindestens so lange, bis es wieder besser wird. Das ist mudha.

Kshipta, der zerstreute Zustand, ist, wenn man ständig an etwas anderes denkt und alles vergißt, was wichtig ist. Man möchte dann zum Beispiel gleichzeitig Wäsche aufhängen, mit dem Kind spielen, Yoga praktizieren, dazwischen nach dem Essen schauen, lesen, fernsehen, jemanden anrufen… und inzwischen springt die Katze in die Wäsche, und das Kind schreit.

Vikshipta ist das Bemühen um Konzentration. Nehmen wir als Beispiel diesen Text. Folgt man ihm gar nicht, ist es mudha. Denkt man dabei dauernd an alles mögliche andere, dann ist es kshipta. Bemühen man sich, dem Inhalt zu folgen und es taucht nur ab und zu ein anderer Gedanken auf, dann ist es vikshipta.

Und wenn man vollkommen konzentriert ist, ohne irgendeinen anderen Gedanken zu haben und ohne sich selbst noch zu spüren, dann ist es ekagrata, Einpünktigkeit, das, was die Psychologie heute als „Flow“-Erfahrung bezeichnet. Man ist voll konzentriert, man fließt mit, es fließt einfach, das Ego spielt keine Rolle. Es ist mir bei Swami Vishnus Vorträgen oft so gegangen, daß ich sie inhaltlich einfach aufgenommen habe, die einzelnen Worte waren ganz unwichtig, es kam einfach so, es war ein Fluß von Weisheit und Liebe. Das kann bei allen möglichen Tätigkeiten passieren, zum Beispiel beim Mantra Singen. Nicht mehr ich singe, sondern es geschieht einfach. Manche erleben es am Computer, Handwerker erfahren es bei der Arbeit, Köche beim Kochen. Ekagrata tritt immer dann ein, wenn es kein Bemühen um Konzentration gibt, sondern wenn sie einfach geschieht.

Schließlich folgt nirodha, wo es gar keinen Gedanken mehr gibt.

Das erste Kapitel spricht dann noch verschiedene Stufen von ekagrata an, also wie wir uns voll konzentrieren können und welche Erfahrungen dabei kommen. Im täglichen Leben ist ekagrata eine Folge von vikshipta, des Bemühens um Konzentration. Und zwar führt entspanntes, absichtsloses vikshipta zu ekagrata. Wenn man achtsam und ganz losgelöst ist, wird man plötzlich ganz konzentriert.

Dieses Modell hilft, sich mit gewissen Gemütszuständen weniger zu identifizieren. Wenn man zum Beispiel sagt: „Ach, ich bin heute so kaputt!“ oder „Ich bin so deprimiert!“, „Mir geht es wieder so schlecht!“, dann klingt das schon sehr vernichtend. Schon allein der Gedanke daran macht einen noch deprimierter oder läßt es einem noch schlechter gehen. Sagt man aber „Mein chitta ist in kshipta“, dann ist das nicht so tragisch. Nicht „Ich bin deprimiert“, sondern „Mein chitta ist in mudha“ – und dann kann ich ja etwas daran ändern, kann überlegen, was hilft, aus diesem mudha-Zustand heraus in kshipta zu kommen und aus kshipta in vikshipta. Um das zu trainieren und dir bewußt zu machen, kannst du mal als Übung eine oder zwei Wochen lang ein Tagebuch führen, in dem du aufschreibst: Wie lange war ich jeden Tag in mudha, wie lange in kshipta, in vikshipta u.s.w.? Wer oder was hat die Übergänge erzeugt?

Wie kann man sich nun von einem Zustand in den anderen versetzen? Das ist individuell und je nach Situation verschieden. Manchmal geschieht es automatisch durch äußere Einflüsse. Angenommen, man fühlt sich schlecht, und jemand klopft einem plötzlich auf die Schulter, und sagt: „Was du da gestern gemacht hast, das war ja richtig toll!“, dann wird man meist aus mudha herausgehoben. Manchmal ist man aber so tief verstrickt, daß selbst das nichts nützt. Manchmal führt auch äußerer Druck aus mudha heraus, zum Beispiel, wenn man sehr viel zu tun hat und keine Zeit bleibt, sich selbst zu bemitleiden.

Es gibt drei Ursachen, warum man sich schlecht fühlen kann oder in den mudha-Zustand hineinkommt: Es kann ein äußerer Grund sein, ein innerer Rhythmus, oder es geschieht einfach ohne erkennbaren Anlaß.

Eine wichtige Aufgabe eines Aspiranten (Yogaschüler, jemand, der auf dem spirituellen Weg ist) liegt darin, dafür zu sorgen, nicht zu lange in mudha und kshipta zu bleiben. Das hängt von einer gewissen Grundzusammensetzung unseres Unterbewußtseins ab. Wenn viel tamas (Trägheit, Dunkelheit) im Unterbewußtsein ist, ist man relativ viel in mudha. Herrscht rajas (Aktivität) vor, ist man relativ viel in kshipta. Wenn sattva (Reinheit) überwiegt, ist man eher in vikshipta und auch in ekagrata. Wenn man sich nicht bemüht und an sich arbeitet, bleibt der Grundzustand im Leben relativ konstant. Menschen haben unabhängig von äußeren Veränderungen einen gewissen Glückslevel; das hat auch die moderne Psychologie festgestellt. Bei einer vollkommenen Veränderung im Leben wird man ein paar Monate lang durcheinandergeschüttelt, dann pendelt sich der innere Gemütszustand wie vorher ein. Die Vorstellung, durch die Veränderung äußerer Umstände glücklich zu werden, stimmt also nicht so ganz. Äußere Veränderungen können eine Hilfe sein, damit wir besser an der inneren Transformation arbeiten können. Das kann dann auch sehr schnell gehen, denn wir arbeiten im Yoga auf mehreren Ebenen, um auch innerlich etwas zu verändern. Auch die verschiedenen asana– und pranayama-Praktiken erhöhen sattva in uns. Ist mehr sattva und mehr Energie da, fällt es leichter, in vikshipta oder ekagrata zu kommen und zu bleiben. Auch Meditieren und Mantrasingen sind Gelegenheiten, mehr sattva zu schaffen.

Wenn du mal in einer depressiven Stimmung bist, kannst du überlegen, was du konkret tun kannst. Je nach Situation kann die Antwort heißen, einfach mal entspannen oder dich mit etwas Bestimmtem beschäftigen, dich reinigen oder ein paar Runden pranayama machen. Manchmal reicht es auch aus, dem Geist zu sagen: „Das ist jetzt eine Depression, die will ich nicht“ und den Geist davon abzubringen, das heißt also, Nicht-Identifikation und Umschalten.

Wenn man zerstreut ist, wenn der Geist unruhig ist und vieles gleichzeitig machen will, dann hilft es manchmal, aufzuschreiben, was alles zu tun ist, Prioritäten zu setzen und dann eins nach dem anderen zu erledigen.

Es gibt verschiedene Gründe, warum der See in Bewegung kommen kann:

Der Wind, der bläst und das chitta durcheinanderbringt, ist letztlich unser prana (Lebensenergie). Ist das prana unruhig, wird auch das chitta unruhig.

Der zweite Grund sind Boote auf dem See, also äußere Ereignisse, die Unruhe erzeugen.

Fische bewegen sich von unten herauf, das sind Eindrücke aus dem Unterbewußtsein, die an die Oberfläche kommen und den See aufwühlen.

Wenn man die Gründe für die Bewegung ausschaltet, also nicht mehr so zwanghaft auf äußere Ereignisse reagiert, wenn man sein Unterbewußtsein langsam reinigt – das ist ein langanhaltender Prozeß –, und sein prana harmonischer macht, wird der See langsam ruhiger. Dann kommt man öfter zu vikshipta und ekagrata, dann allmählich zu nirodhah und schließlich auch zu „tadâ drashtuh swarûpe ´vasthânam“, wo „der Sehende in seinem wahren Wesen ruht“. – Aber bis dahin dauert es eine Weile!

01-03 Wort-für-Wort Übersetzung

tadā = dann

draṣṭuḥ = der Sehende, der Wahrnehmende

sva = eigen

rūpa = eigene Natur, wahres Wesen

svarūpe = in der eigenen Form, eigene Natur, wahres Wesen, wahren Natur

avasthānam = Wohnsitz, Ruhestelle, Niederlassung, Bleibe, ruhen in, erkennen

01-03 Kommentar Sukadev

Sind die Gedanken, die vrittis, ruhig, dann ruht man in seinem wahren Wesen, in der eigentlichen Natur. Wir sind nicht der Geist, wir sind nicht die Gedanken, wir sind reines Bewußtsein, Bewußtsein jenseits der Gedanken, was als sat-chit-ananda, Sein-Wissen-Glückseligkeit, erfahrbar ist.