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18-10 Kommentar Sukadev

Normalerweise klingt „Entsagung“ nicht sehr erstrebenswert in unserer hedonistisch geprägten Welt. Genießen gilt da mehr als entsagen. – Was willst du lieber sein, ein Genießender oder ein Entsagender? – „Genießen“ klingt in unserer westlichen Lebensphilosophie, von der Werbung tatkräftig unterstützt, entschieden besser, freudevoller, moderner. Aber das eine schließt das andere nicht aus.

Die Definition von Entsagung in diesem Vers umfasst sowohl Genießen wie auch Freude und Freiheit.

Sattwa, Reinheit, als Kriterium für Entsagung hat Krishna bereits im vorherigen Vers definiert. Sich dabei „klug“ zu verhalten ist wichtig.

Das muss Krishna immer wieder betonen, denn Menschen nehmen oft das Nicht-Anhaftung und das Nicht-Wünschen des Lohnes als Vorwand für Verantwortungslosigkeit. Wenn man nicht verhaftet ist an den Lohn, warum soll man sich dann anstrengen? So ist dann mit einer sogenannten Verhaftungs- und Wunschlosigkeit oft Halbherzigkeit verbunden oder ständiges Infragestellen und Zweifeln.

Es ist auch gut, ab und zu mal Zweifel zu haben – nur Fanatiker haben nie Zweifel -, aber man sollte nicht ständig alles anzweifeln.

Wenn wir uns für etwas entschieden haben, sollten wir mindestens eine Weile dabei bleiben, sonst verzetteln wir uns.

Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, da war es modisch, dass wir zu Skeptizismus erzogen wurden. Ich weiß nicht, wie das heute in der Schule ist, aber bei uns in den 1970er Jahren war einer der Hauptwerte, an nichts zu glauben, alles in Frage zu stellen. Der mündige Bürger ist skeptisch, stellt jede Autorität und jedes Glaubenssystem in Frage. Das hat sicher seine Berechtigung, insbesondere nach den Kriegserfahrungen der 30er und 40er Jahre. Es ist gut, selbst zu denken. Auch Swami Vishnu hat gerne gesagt: „Ihr braucht mir nichts zu glauben. Haltet es nur für möglich, probiert es aus und dann werdet ihr es erkennen.“ Oder: „Ihr werdet erkennen, was für euch stimmig ist.“ Und jeder hat ja auch den Bezug zum Yoga irgendwie anders und das ist im klassischen Yogasystem ganz legitim und ganz normal.

Wenn wir aber ständig immer und alles in Frage stellen und immer wieder skeptisch sind, ist das unserem Glücksgefühl auch nicht zuträglich. Skeptisch Dinge zu prüfen ist gut. Wenn wir sie geprüft haben, sollten wir uns mindestens für eine Weile richtig darauf einlassen und engagieren.

„Er hasst keine unangenehme Tätigkeit und ist auch an eine angenehme nicht verhaftet.“ – Darin hat Swami Vishnu seine Schüler ganz besonders ausgebildet, unter anderem auch mich. Er hat gesagt: „Es sollte nichts geben, was ethisch verantwortbar ist, was dir keinen Spaß macht. Lerne es, alles zu mögen, dann wirst du immer frei sein.“ Das klingt erst mal gut, ist aber gar nicht so einfach. Deshalb hat er mich auch darin geschult.

Die persönliche Schulung durch einen Meister

Er hat mich mal ein Zentrum leiten lassen, mal war ich der Ashramleiter, mal für den Spüldienst zuständig. Ich unterrichtete eine fortgeschrittene Yogalehrerweiterbildung, anschließend musste ich als Buchprüfer die Zahlen durchforsten, ob jemand irgendwo zwei Cent übersehen hat, was mir gänzlich gegen den Strich gegangen ist. Aber dabei habe ich festgestellt, dass diese detektivische Forschungsarbeit auch etwas für sich hat.

Ich war immer eher geisteswissenschaftlich orientiert gewesen, und es war mir während meines Studiums irgendwie gelungen, mich erfolgreich von Computern fernzuhalten. Ausgerechnet mich hat Swami Vishnu zum Computerbeauftragten in den Sivananda Yoga Vedanta  Centren gemacht. Das kam so: Es war ein PC angeschafft worden, zu dem es kein Handbuch gab und auch niemanden, der mir etwas hätte erklären können. Ich hatte diese Kiste vor mir, in der unsere Adressdatei drin war und die Texte der Broschüren und ich hatte keine Ahnung, wie ich da dran kommen sollte. – Notgedrungen lernte ich immer mehr über das Innenleben von Computern. Nach einer Weile hat es mir wahnsinnig Spaß gemacht, den Computer zu überlisten und ich wusste alles über RAM und Hard-Discs und wie man ein Motherboard aufschraubt und was da an wichtigen Bestandteilen drin ist.

Eines Tages ließ Swami Vishnu mich eine Treppe bauen. Ich habe mich nie als Handwerker gesehen, im Gegenteil. Aber jetzt sollte ich eine Treppe bauen aus Holz, zu einem Haus auf einer Terrasse. Erst dachte ich, „Was soll das überhaupt? Da gibt es andere, die können das besser als ich und es gibt Dinge, die ich besser kann.“ Aber nachher war es ganz lustig, mit Holz, Sägen, Schraubern usw. zu arbeiten. Endlich mal etwas, wo man das Ergebnis wirklich sehen konnte – nicht immer nur Papier von hier nach dort bewegen, elektronische Nachrichten versenden, positive Schwingungen in der Luft verbreiten und Menschen damit zum Lachen und vielleicht auch zur Einsicht zu bringen.

Nachher hat er mich aber doch nicht zum Leiter des Bauteams gemacht und, nachdem ich meinen detektivischen Spürsinn entwickelt hatte, auch festgestellt, ich bin doch woanders sinnvoller einzusetzen als Buchhaltungsfragen detailliert zu klären.  Aber zuerst musste mein Dwesha gelöst werden, eben die Vorstellung, es gibt etwas, was ich nicht mag. Anschließend hat Swami Vishnu die Menschen doch immer eingesetzt für das, wofür sie am meisten Talent hatten.

Er hat mich auch häufig in andere Zentren versetzt. In neun Jahren war ich in zwölf verschiedenen Städten tätig. Er hat mich angerufen und gesagt, „Komm sofort.“ Und wenn ich dann gefragt habe, „Wozu?“, hat er gesagt, „Permanent Transfer.“ Gut, und dann war ich halt woanders. So habe ich gelernt, dass ich mitten in New York glücklich sein kann. Ich kann in Grass Valley in Nord-Kalifornien glücklich sein, wo in weitem Umkreis sonst niemand da ist, und wo kein Geld da ist, sich außer Reis und Linsen etwas anderes zu kaufen. Und ich kann im Yogacenter in Paris, in unmittelbarer Nähe des Rotlichtviertels, glücklich sein.

So hat Swami Vishnu mich immer wieder getestet und trainiert. Er hat immer genau das herausgefunden, wo es noch so ein bisschen etwas gab, wovon ich gedacht hatte, das ist nicht mein Ding. Genau das hat er mich machen lassen. Und letztlich hat mir das eine große innere Freiheit gegeben.

Genau dahin führt uns Krishna in den nächsten Versen, wo es sinngemäß darum geht, seine Stärken einzusetzen, seiner Prakriti, seiner Swabhava, seiner Wesensnatur zu folgen.

So können wir Ängste abbauen vor Dingen, von denen wir denken, wir könnten sie nicht und parallel unsere Stärken, unsere Talente entfalten. Beides ergänzt sich zu einem erfüllten, freudevollen, freiheitlichen Leben. Einem sinnvollen Leben voll Genuß bei gleichzeitiger innerer Entsagung. Einem Leben, in dem unser Herz sich immer mehr öffnet, wir immer weitere Liebe fühlen und schließlich mit dem Unendlichen verschmelzen.

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