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15-05 Kommentar Sukadev

Wieder und wieder beschreibt Krishna die Eigenschaften eines Vollkommenen. Im Grunde genommen fordert er uns auf, so zu sein. Wenn wir unseren Geist ausrichten auf Gedanken wie: Wie ist ein Vollkommener, wie ist ein Weiser, wie ist ein Ungetäuschter?, dann nehmen wir selbst diese Eigenschaften an. Dem entspricht in der modernen systemischen Psychologie die so genannte Wundervisualisierung.

Praxis-Tipp: Stell dir vor, du wachst morgen früh auf und alle Probleme sind verschwunden. Wie fühlst du dich? – Fantastisch, glücklich, leicht und frei. Halte diese Vorstellung einen Moment fest. So kannst du das spezifische Lebensgefühl, die Grundstimmung kultivieren, die du hättest, wenn alle Probleme verschwunden wären. Dann hat sich in der äußeren Welt zwar nicht wirklich so viel geändert, aber deine Wahrnehmung und deine Befindlichkeit sind anders geworden. Und du merkst: So könnte ich ja auch sein, so könnte ich mich ja auch fühlen in meiner derzeitigen Situation. Das kannst du bewusst trainieren und deinen Geist entsprechend umfokussieren.

So will uns Krishna überzeugen: Du kannst dieser Ungetäuschte sein und nicht nur du kannst, sondern du bist es eigentlich schon, das Potenzial ist da. Zu denken, ich könnte vollkommen sein, wenn ich nur ausreichend hart daran arbeite und dann noch geduldig bin, aber wenn ich mich nicht genügend bemühe, werde ich weiter ein armer Tropf bleiben, ist ein Fehlschluss.

Das ist, als würde man einer Eichel sagen: Du könntest eine Eiche sein. Ist das richtig oder falsch? Es ist richtig und falsch zugleich. Falsch wäre es in dem Sinn: Du könntest eine Eiche sein, wenn du nur wolltest. Macht das Sinn? Nein, denn die Eichel wird irgendwann zur Eiche werden, das ist in ihr angelegt, sie braucht dazu nicht zu wollen oder sich anzustrengen. In der Eichel ist die ganze Eiche enthalten.

Man könnte einwenden, die Eichel könnte ja verdorren oder von Wildschweinen gefressen werden, aber da hat die Analogie ihre Grenzen. Wir werden nicht von Wildschweinen gefressen, zumindest nicht unsere individuelle Seele. Wir werden mit Sicherheit irgendwann Vollkommene sein, denn das ist unsere Natur, unsere Bestimmung. Zumindesten wenn man von der Philosophie der Bhagavad Gita ausgeht, die behauptet, wir inkarnieren uns so lange, bis wir diese Vollkommenheit verwirklicht haben. Krishna beschreibt hiermit unsere Zukunft, über die wir nachdenken können und dadurch kann die Zukunft vielleicht zur Gegenwart werden.

„…Nirmana“, ohne Stolz.

Sobald wir stolz auf etwas sind, ist unser Ego dabei. Auf Stolz folgt Hochmut, und „Hochmut kommt vor dem Fall.“

So warnt uns Krishna hier: Stolz, im Sinne von rajasigem Stolz, kommt vor Leiden. Denn aus Stolz kommt Identifikation, aus Identifikation kommen Raga und Dvesha, Mögen und Nichtmögen. Daraus entsteht Angst und aus Angst erwächst Leid.

„frei von Täuschung“

Wir täuschen uns über alles Mögliche, legen uns unsere Welt zurecht, leben in unserer subjektiv gefärbten Welt.

„siegreich über das Übel der Verhaftung“

Wir mögen momentan an vielen Dingen hängen, aber wir können Anhaftungen auch überwinden.

„stets im Selbst weilend“

Auch wenn wir tätig sind, spüren wir dieses Selbst hinter allem. Zumindest können wir uns bewusst immer wieder an das wahre Selbst erinnern.

„nachdem ihre Wünsche vollständig verschwunden sind“

Das klingt ganz lustig: Wünsche sind plötzlich verschwunden! – Ähnlich wie: Man wacht eines Morgens auf und das Auto ist verschwunden. Vielleicht weil der Sohn eine Spritztour damit gemacht hat oder weil jemand anders gemeint hat, er brauche es nötiger als der Besitzer. Oder jemand meinte, es wäre eine geschickte Weise, seinen Lebensunterhalt zu fristen, indem er Menschen die Anhaftung nimmt und ihre Autos anderen Besitzern zuführt. So ähnlich würde man eines Morgens aufwachen und Wünsche sind plötzlich verschwunden. Das passiert manchmal sogar. Gerade wenn Menschen neu mit Yoga beginnen, stellen sie oft fest, manche Wünsche und vieles, was sie meinten unbedingt zum Glücklichsein zu brauchen, ist plötzlich weggefallen. Manches verschwindet tatsächlich einfach durch die Erfahrung des Höheren, aber manches verschwindet erst nach langem Bemühen, denn vorher sagte Krishna: „siegreich über das Übel der Verhaftungund „im Selbst weilend“ verschwinden die Wünsche. Also manches müssen wir selbst tun, Siege erringen, manches geschieht allmählich, manches geschieht schnell, manches geschieht einfach von selbst.

 

„und sie frei sind von den Gegensatzpaaren, wie Freude und Schmerz“

Was nicht heißt, dass wir dann kein Vergnügen und keinen Schmerz mehr erfahren. Der physische Körper wird weiter Schmerzen haben, auch Emotionen, und es wird weiter Vergnügen bzw. relative Freuden geben, aber wir sind frei von der Anhaftung daran. Und so erreichen wir den Zustand der Ungetäuschtheit und das ewige Ziel.

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