Suche
  • TIPP: Nutze die Suche, um bestimmte Verse zu finden.
  • z. B.: die Eingabe 01-21 bringt dir 1. Kapitel, 21 Vers.
Suche Menü
Kapitel
Vers
Schrift öffnen

14-25 Kommentar Sukadev

Das sind also Indizien für einen Weisen. Sie können aber von Menschen, die auf einer anderen Bewusstseinsebene agieren, auch miss-interpretiert werden. Das Unberührt- und Unbeteiligt-Sein, von dem hier die Rede ist, hat nichts mit Trägheit zu tun. Auf einer Ebene gilt es sich intensiv zu engagieren, auf der anderen Ebene gilt es sich davon zu lösen.

 

Wenn sich Sattwa, Rajas und Tamas manifestieren, hassen wir sie nicht. Wir wissen, sie haben auf der relativen Ebene ihre Berechtigung. Wir können spielerisch mit ihren Erscheinungsformen umgehen, einen gewissen Einfluss nehmen, überlegen, welche Einstellung und Handlungsweise jetzt im Hinblick auf unsere karmischen Aufgaben gerade angebracht sein mag. Innerlich wissen wir aber, wir selbst sind von all dem in Wirklichkeit unberührt und nicht betroffen.

..„wie unbeteiligt sitzt“..

Arjuna sitzt nicht einfach nur unbeteiligt da nach dem Motto: Mir ist alles egal. Er ist engagiert. Auf der anderen Ebene lernt er von Krishna, dass in Wirklichkeit nichts geschieht –

„von den Eigenschaften nicht bewegt wird“.. „in sich selbst gesammelt“..

und er weiß, nur die Eigenschaften sind aktiv.

„gleich bleiben in Vergnügen und Schmerz“

Vergnügen kommen und gehen, Schmerzen kommen und gehen. Wir können in der physischen Welt Schmerzen nicht vermeiden. Wir können aber lernen, uns nicht damit zu identifizieren; das ist sehr wohl möglich. Das vergisst man gerade in unserer nach außen orientierten Welt, wo viele Aspiranten es für ein Zeichen von spirituellem Fortschritt halten, nicht mehr krank zu werden, keine Unfälle und Schmerzen mehr zu haben, immer erfolgreich zu sein usw. Krishna sagt da etwas anderes:

„..in Vergnügen und Schmerz gleich bleibt und im Selbst ruht“; „für wen ein Klumpen Erde und ein Stück Gold dasselbe bedeuten“

Eigentlich ist ein Klumpen Erde eines der größten Wunder, wenn man sich bewusst macht, was darin alles vorhanden ist: Unzählige Kleinstlebewesen, Insekten, Bakterien, kleine Pflanzen, die begonnen haben Wurzeln zu schlagen. Warum sollten wir einen Klumpen Erde einfach nur „Dreck“ nennen? Was ist dagegen ein Klumpen Gold? Auch er hat seine Schönheit und Großartigkeit. Wir können beides als Wunder anschauen und brauchen nicht gierig nach dem einen oder anderen zu sein.

Natürlich, wenn wir Gutes bewirken wollen und wenn es unser Karma ist oder wir diese Aufgaben haben, müssen wir auch mit Geld geschickt umgehen. Wenn aber aus karmischen Gründen plötzlich kein Geld mehr da ist, ist es eben so und wir stellen uns neu auf die Situation ein.

„…wer sich Freundlichen und Unfreundlichen gegenüber gleich verhält“

Was natürlich nicht heißt, dass wir alle Menschen gleich behandeln, sondern dass wir aus dem gleichen Geist heraus handeln, nämlich dem Geist von Liebe und Mitgefühl.

 „für wen Tadel und Lob gleichbedeutend sind“

Jemand lobt uns, jemand kritisiert uns. Beides sind zunächst einfach neutrale Schallschwingungen in der Luft. Auf der Jnana Yoga Ebene identifizieren wir uns nicht damit. Lob und Tadel sind nur ein Ausdruck der Gunas. Ich selbst bin Brahman – „Ahambrahmasmi“.

Auf einer praktischen Ebene können wir Lob und Tadel auch als Ausdruck einer gewissen Wertschätzung uns gegenüber sehen. Auch Tadel drückt eine gewisse Wertschätzung, ein gewisses Interesse aus. Wäre dieses Interesse nicht da, würde sich der Kritiker nicht die Mühe machen, etwas zu sagen. Eigentlich schätzt er uns und will uns wertvolle Tipps geben bzw. hält uns für fähig, uns zu verbessern. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn ich zu jemandem sage: Du Dummkopf!, dann will ich nicht damit sagen, derjenige sei dumm, sondern ich meine damit, er könnte sich viel klüger verhalten, als er es gerade tut.  Wenn uns jemand tadelt, ist es eigentlich ein Kompliment. Er hält uns zu sehr viel mehr fähig. Er meint, in uns sind viele Talente und Möglichkeiten vorhanden und er findet es wert, das auszudrücken.

Wenn dich das nächste Mal jemand kritisiert, denke darüber nach, ob es nicht ein verklausulierter Ausdruck einer tief verstandenen Hochachtung und eines Vertrauens ist, das du selbst vielleicht nicht einmal in dich hast, und ob dir die Kritik nicht helfen kann, neue Aspekte deines Wesens zu entfalten.

„..unberührt von Ehre oder Schmach“

Das geht in eine ähnliche Richtung wie Lob und Tadel, zeigt aber nochmals einen anderen Aspekt auf. Es gibt Menschen, die bei geringfügigsten Anlässen das Gefühl haben, sich unsterblich blamiert zu haben, das Gesicht verloren zu haben. Natürlich hat auch das irgendwie seinen Sinn. Es ermöglicht letztlich dem Menschen, in der Gemeinschaft zu leben. Aber es ist oft übersteigert und davon gilt es, sich zu lösen.

Auch Ehre kommt und geht. Mal loben einen Menschen über alle Maßen, dann kritisieren sie einen wieder. Wie Wilhelm Busch so treffend sagt: „Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert.“ – Das kann auch sein Gutes haben, dann braucht man sich schon um seinen Ruf nicht mehr viele Gedanken zu machen.

„..gleich verhält gegenüber Freund und Feind“

Dieser Ausdruck sagt mir persönlich nicht so zu. Er impliziert, dass man denkt, man habe Feinde oder es gebe so etwas wie „Feinde“ überhaupt.

Patanjali drückt diesen Sachverhalt im Yoga Sutra elegant aus: „Ist Gewaltlosigkeit fest begründet, trifft der Yogi auf keine Feindschaft.“ (II.35)  Man empfindet niemandem gegenüber Feindschaft, egal was andere einem vielleicht antun mögen, weil man diese tiefe Liebe, dieses grundlegende Verständnis und Gefühl der Verbundenheit mit allem und allen hat. Man merkt, da sind Menschen, die es auf ihre Art gut und richtig meinen, die aus Unwissenheit handeln und damit für sich und andere Probleme schaffen. Sie sind keine Feinde.3)

So wie Jesus am Kreuz sagte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Er hat zwar gepredigt, man solle seine Feinde lieben, aber er selbst hatte nicht das Gefühl, es seien Feinde, die ihn ans Kreuz nageln und er müsse diese Feinde lieben. Aus seiner Sicht hatte er keine Feinde, sondern er wusste, sie halten das, was sie tun, für ihre Aufgabe – vielleicht, um das Gesetz einzuhalten oder die Reinheit der Religion zu erhalten. Sie tun etwas Schlimmes, aber ihre Motivation ist aus ihrer Sicht ehrlich, sie tun es nicht aus persönlicher Feindschaft heraus.

Praxistipps

1. Wenn du jemanden nicht magst, frage dich, warum eigentlich nicht? Vielleicht gleicht er jemandem aus der Kindheit und ruft gewisse Assoziationen oder unbewusste Reaktionen hervor. Vielleicht hat er dich einmal unfreundlich behandelt. Wenn du besser verstehst, warum du ihn nicht magst, kann dir das für eine gewisse Des-Identifikation wie auch für das Erkennen eigener Muster helfen. Der Nachteil dieser Technik ist, dass man damit seine Achtsamkeit auf das fokussiert, was man an dem Menschen nicht mag.

2. Eine alternative Technik wäre, stattdessen zu schauen, welche positiven Neigungen und Anliegen diesen Menschen veranlassen, so zu handeln. Vielleicht erkennst du dann, dass seine Handlungsweise zwar unfreundlich ist, er aber im Grunde ein positives Anliegen hat. Eigentlich will er Liebe ausdrücken und empfangen. Er macht es leider auf eine Weise, die es anderen schwer macht, ihm diese Liebe zu geben, die er sucht.
3. Dabei merkst du vielleicht parallel, dass in dir auch einige nicht so positive Seiten sind. Tief in dir weißt du aber: Ich bin das unsterbliche Selbst, er ist das unsterbliche Selbst, seine Gunas haben ihre Berechtigung, meine Gunas haben ihre Berechtigung. Letztlich ist alles im Göttlichen verankert.

4. Oder schaue, welche positiven Talente und Fähigkeiten er hat, und konzentriere dich mehr darauf. So entwickelst du eine Wertschätzung für den Menschen und kannst anders auf ihn zugehen als bisher.

 

Das Nächste ist:

 „…(wer) alle Vorhaben aufgibt“ – sarvarambha-parityagi.

Das heißt jetzt nicht, dass wir nichts mehr tun sollen. Die Bhagavad Gita sagt ja gerade das Gegenteil. Wir sollen tätig sein, unser Karma erfüllen, unser Dharma, unsere Aufgabe erfüllen. „Arambha“ bezeichnet einen nur nach außen gerichteten Aktionismus bzw. die Vorstellung, durch eigenes Tun alles bewirken zu können.

Auch hier stoßen wir wieder auf eine der Paradoxien auf dem spirituellen Weg. Wir wissen, wir werden die Welt nicht dauerhaft zum reinen Paradies machen können. Trotzdem können wir auf einer relativen Ebene einiges bewirken. Es ist zum Beispiel denkbar, dass wir es noch in unserer Generation schaffen, dass es keine Kriege mehr auf der Erde gibt. Und es ist denkbar, dass in absehbarer Zeit kein Mensch mehr an Hunger stirbt und dass alle Menschen gesundes Wasser zu trinken haben. Das alles liegt im Rahmen des Erreichbaren, wofür wir uns engagieren können und sollen.

Aber es ist undenkbar, dass alle Menschen dauerhaft immer glücklich sind. Die Vorstellung, wenn ich das und das erreicht oder gemacht habe, dann bin ich dauerhaft glücklich, ist illusionär. Mit Plänen wie: Wenn ich erst umgezogen bin, in den neuen Räumen mein eigenes Yogacenter eröffnet habe, viele Schüler kommen, dann kann ich regelmäßig ins Haus Yoga Vidya gehen zu Weiterbildungen und vier Stunden am Tage intensiv üben…usw. Oder: Wenn erst das neue Haus fertig ist…Wenn erst die Kinder mit dem Studium fertig sind… Diese Art von Vorhaben, „arambha“, bedeutet, wir verschieben unser Glücklichsein in die Zukunft.

Einem Trigunatita der jenseits der Gunas ist, gelingt es jetzt glücklich zu sein. Er erfüllt sein Karma und Dharma, tut, was nötig ist, und ist gleichzeitig hier und jetzt glücklich, auch wenn die Welt so ist wie sie ist.

 

3) S. Kommentar zu Vers II.35 in „Die Yoga Weisheit des Patanjali für Menschen von heute“, von Sukadev Bretz

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.