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13-08 Kommentar Sukadev

Gleichgültigkeit gegenüber den Sinnesobjekten – Vairagyam, Entsagung, Nichtanhaften, Gelassenheit beinhaltet: Es ist nicht so erheblich, ob es regnet oder die Sonne scheint, ob das Essen gut ist oder schlecht, ob die Wohnung sehr schön ist oder weniger schön.

Vairagya heißt Nichtanhaften, Entsagung. Das heißt nicht, dass wir nichts besitzen oder nichts genießen dürfen. Auch die größten Meister richten ihr Zimmer ein und können Schönheit genießen.

Wenn man Swami Vishnu fragte, was er gerne hätte, hat er gesagt, was er wollte. Aber wenn es nicht so war, wie es hätte sein sollen, hat ihm das auch nichts ausgemacht. Wie er Schüler behandelte, die seine Instruktionen nicht beachteten oder nicht ausreichend gut ausgeführt hatten, hing weniger davon ab, wie wichtig ihm die Sache war. Es hing sehr viel mehr davon ab, mit wem er gesprochen hatte. Wenn es ein Schüler war, der nachlässig und eher tamasig war, hat er manchmal so getan, als ob er sehr enttäuscht war oder sich sogar geärgert hat. Jemand, der sich sehr bemühte, aber etwas schüchtern war, wurde von ihm extrem liebevoll behandelt, wenn etwas schief gegangen war. Auf einer Tour durch verschiedene Yoga-Zentren hat er manchmal auf dem Fußboden in einem Yogaraum geschlafen. Manchmal wurde er in einem First-Class Hotel untergebracht. Welche Wünsche er äußerte und wie stark er darauf bestand, hing letztendlich vom Schüler ab. Einmal gab es einen Zentrumsleiter, der sich sagte: „Was sollen wir uns Gedanken machen, wie wir Swami Vishnu unterbringen – Swami Vishnu ist doch ein Meister und überall zufrieden.“ Er hat ihn dann sehr lieblos untergebracht. Swami Vishnu hat darauf scheinbar ärgerlich reagiert: „So schätzt du mich, dass du mich da unterbringst und dir noch nicht einmal vorher das Zimmer ansiehst, ob es etwas taugt. Ich will jetzt sofort ein wirklich gutes Zimmer.“ Der Schüler hatte damit seine Lektion gelernt und war das nächste Mal achtsamer. Ein anderer Schüler hatte ein Zimmer reserviert und es sich angesehen. Dann hat das Hotel die Reservierung storniert, sodass Swami Vishnu ganz woanders unterkommen musste. Es war fast eine Kaschemme, es gab nichts anderes. Dem Schüler war das sehr peinlich. Daraufhin sagte Swami Vishnu: „Mach dir keine Sorgen, was spielt der Raum für eine Rolle“, und war der glücklichste Mensch der Welt.

Oder einmal sollte Swami Vishnu abgeholt werden. Eine Schülerin hatte darum gebeten, dass sie ihn abholen dürfte. Sie hatte vor, ihn mit ihrer klapprigen, lauten und stinkenten Ente abzuholen. Wir wollten das Swami Vishnu nicht zumuten. Als Swami Vishnu ankam, war das erste, was ich fragte, ob er lieber mit dem Auto von der Schülerin fahren wollte oder mit dem Taxi, was schon bereit stand. Swami Vishnu sagte: „Das Auto von der Schülerin „is more spiritual“ – er spürte, wie viel es der Schülerin bedeutete, ihren Meister in ihrem Auto kutschieren zu dürfen.

Wenn die Schüler nachlässig waren, konnte er auch so tun, als ob ein Wunsch sehr wichtig wäre. Erst nachher merkte man, dass er nicht daran hing. Einmal kam Swami Vishnu zu Besuch in ein Center, das ich leitete. Vorher fragte ich seine Sekretärin, was ich ihm besonders Gutes tun könnte. Sie sagte, dass Swami Vishnu gerne Iddli (flache, dampfende Reiskuchen), Vada und Masala Dosha essen würde. Ich hatte diese Worte noch nie in meinem Leben gehört. Damals gab es noch kein Internet, um nachzuforschen. Das sagte ich ihr. Sie sagte mir daraufhin, ich könne auch etwas anderes kochen. Ein paar Stunden später kam der Anruf: „Swamiji besteht darauf, Idli, Vada und Masala Dosha zu essen.“ Daraufhin haben wir in indischen Restaurants nachgefragt und keiner hatte damals eine Ahnung. Es waren nordindische oder pakistanische Restaurants. Swami Vishnu wollte südindische Spezialitäten. Es gab noch so viel anderes für Swami Vishnus Besuch vorzubereiten, für seinen Vortrag, sein Seminar, Unterkunftmöglichkeiten und Abholungen von allen, die dafür kommen wollten, für seine Reisebegleiter etc. Und jetzt musste ich mich um Idlis und Vadas kümmern… Eine meiner 3 Mitarbeiterinnen bekam dann als Hauptaufgabe, alles dafür zu tun, damit Swamiji seine Idlis haben konnte. Es war fast surreal. Die Mitarbeiterin telefonierte einen ganzen Morgen, machte eine Inderin ausfindig, ging in diverse indische Läden, um die Zutaten zu finden. Die Inderin bereitete alles zu. Wann immer ich seitdem nach Indien komme und Iddlis, Vada oder Masala Dosha esse, denke ich immer an Swami Vishnu. Das ist wie ein Dienst an Swami Vishnu. Wenn ich Iddlis esse, ist das für mich eine tief spirituelle Handlung und ich fühle mich Swami Vishnu sehr verbunden. Er hat dann die Speisen gegessen und es hat ihm offensichtlich viel Vergnügen bereitet. Wir haben ihn gefragt, ob wir das am nächsten Tag noch einmal zubereiten sollen und er sagte: „Wenn ihr wollt. You know it doesn’t really matter.“ Wir bereiteten es ihm am nächsten Tag noch einmal zu. Als er merkte, dass wir so viel Liebe hineingesteckt haben, hat er so getan, als ob es ihm sehr gut schmeckte, aber im Grunde genommen war es ihm egal. An den nächsten Tagen hat er gesagt, wir sollen ihm das geben, was wir auch essen.

Indriyathesu vairagyam – Gleichgültigkeit gegenüber den Sinnesobjekten

Wir können unsere Wünsche und Vorlieben haben, aber wir sollen nicht daran hängen.

„Das Fehlen von Überheblichkeit, Erkennen von (oder die Reflexion über) Leid in Geburt, Tod, Alter, Krankheit und Schmerz.“

Auch das sind Mittel, mit denen du Vairagyam entwickeln kannst. Manche Menschen denken, Leben ist Vergnügen. Das kann man so lange denken, wie das Leben schön ist. Wenn ein Kind oder der Partner schwer krank ist, wenn die Eltern dahin siechen, wenn ein Unternehmen pleite gegangen ist, wenn man den Arbeitsplatz verloren hat, wenn man einen schweren Unfall gebaut hat, merkt man, dass das Leben doch nicht so schön ist, zumindest nicht dauerhaft. Ich kenne eine Reihe von Menschen, die viel darüber erzählen, dass man das Leben genießen soll und dass das Leben so toll ist. Irgendwann machen sie eine dieser traumatischen Erfahrungen, so dass das Genießen plötzlich vorbei ist: Kind gestorben, Frau hat Krebs, man verliert das Augenlicht. Ein Yogi kann das Leben durchaus auch genießen, z.B. im Sinne von diesem barocken Lebensgefühl: lasst uns genießen, was das Leben bringt, morgen kann es vorbei sein. Wenn die Sonne da ist, genießen wir jetzt die Sonne, aber wir haften nicht daran, weil wir wissen, dass es morgen schon regnen kann. Vielleicht sagen die Wetterberichte, dass es schön bleibt und jeden Tag wärmer wird. Aber vielleicht wird es in einer Woche wieder anders. Und nicht immer folgt das Wetter dem Wetterbericht. Solange wir etwas Schönes haben, können wir es mit Dankbarkeit genießen. Aber wir wissen im Hintergrund immer, dass es schnell vorbei sein kann. Darüber nachzudenken ist eine große Hilfe auf dem spirituellen Weg.

Indem man dient, z.B. in spirituellen Institutionen, hilft man sich zu öffnen, sodass die Lehre fließen kann. Das ist auch ein Grund, weshalb 45 Minuten Karma Yoga ein Teil der Ausbildungen bei Yoga Vidya sind. Indem man mehr gibt als nur Geld, in der Gemeinschaft jeden Tag etwas mithilft, öffnet man die Kanäle und der Geist stimmt sich ein, das Wissen kann besser fließen. Deshalb verteilen wir auch am Ende von Seminaren die Broschürentaschen. Das hat sich als sehr effektiv erwiesen, da es inzwischen einer der Hauptgründe ist, weshalb neue Schüler hierher kommen. Es ist aber auch hilfreich für den, der nach Hause geht. Er hat etwas Wertvolles bekommen. Er hat Geld gegeben, ein bisschen geholfen, aber es ist mehr als das. Damit es Früchte trägt, gilt es, dass man nach den Seminaren oder Ausbildungen auch weiter dient. Nicht umsonst hat man früher, wenn man zum Guru gekommen ist, erst einmal die Anfangsgabe gegeben, während der Zeit dient man dem Meister und zum Schluss gibt man auch wieder eine Gabe. So kann das Wissen, das man empfangen hat, besser gedeihen.

Mit dem Verteilen der Broschüren hilft man, dass sich dieses Wissen weiter entwickeln kann. Wenn man anschließend Yoga unterrichtet, auch wenn man es gegen Bezahlung macht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen oder um die nächste Weiterbildung davon zu finanzieren, sollte man das als Dienst sehen. Man unterrichtet, um zu dienen: dem Menschen zu dienen, dem Meister zu dienen, in dessen Tradition man gelernt hat. Und dieser Dienst am Meister ist hilfreich. Damit öffnet man sich und das hilft, dass Wissen entstehen kann.

All das, was Krishna jetzt sagt, bedeutet: „Wie kann ich auf eine Weise dienen, dass das Wissen in mir entstehen kann?“

„Nichtverhaftung, Nichtidentifikation des Selbst mit Sohn/Tochter, Frau/Mann, Heim und allem anderen und ständige Gelassenheit.“

Folgende Dinge sind im Jnana Yoga wichtig, um Vairagya (Nichtanhaften) zu entwickeln: das Entwickeln von Nichtanhaften an Sinnesobjekten; „Fehlen von Überheblichkeit“ – Überheblichkeit ist für Jnana Yogis oft ein Problem. Das entdecke ich immer wieder. Wenn Menschen reine Jnana Yogis sind, schauen sie auf die Primitivlinge herunter, die dieses Leben unnötig kompliziert machen, die Luft anhalten, Mantras singen, meditieren, Schriften lesen. Da das alles nicht so einfach ist, sagen die Jnana Yogis: „Frage „Wer bin ich“, erkenne dein Selbst und sei frei.“ Manche Jnana Yogis entwickeln dabei eine Überheblichkeit, die eine große Schwierigkeit ist. Deshalb erwähnt Krishna dieses „Fehlen von Überheblichkeit“ gerade da, wo es um den Jnana Yoga Aspekt geht. „Abwesenheit von Überheblichkeit“, „Nachdenken über das Leiden“, Nichtverhaftung (Ashakti) erwähnt er noch einmal. Nichtidentifikation: Wir identifizieren uns mit unseren Kindern, mit „meinem“ Kind, „meinem“ Mann, „meiner“ Frau, mit Lebensgefährten und Lebensgefährtin…. Natürlich hat man besondere Aufgaben gegenüber den Kindern, denen man bei der Reinkarnation geholfen hat, jedoch „gehören“ sie einem nicht, es sind eigenständige Wesen. Sie sind mit ihrem eigenen Karma, ihrem eigenen Geist, ihrer eigenen Persönlichkeit auf die Welt gekommen und haben ihre eigenen Aufgaben. Das zu respektieren, ist wichtig, aber auch zu wissen, dass man ein bestimmtes Dharma, eine bestimmte Verpflichtung gegenüber den eigenen Kindern und natürlich auch gegenüber dem eigenen Ehemann und der Ehefrau hat.

Deshalb heißt Nichtanhaftung nicht, dass man wild fremdgehen oder sich sexuelle Freiheiten nehmen kann. Das ist eine Behauptung, mit der Yogis manchmal konfrontiert werden. Nur weil es heißt, „ich hafte nicht an…“, sollte man nicht meinen, dass man deshalb eine offene Beziehung leben kann. Das ist keinesfalls damit gemeint. Diese Art von Sexualität zu leben, findet man in keiner klassischen Spiritualität. Brahmacharya meint auch die Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten und besonders auch die Einhaltung von Treue. „Nichtanhaften“ heißt, dass man sich nicht über den Partner identifiziert. Das bedeutet aber nicht, dass man sich einfach einen anderen Partner sucht, wenn der eigene Partner nicht das tut, was man will. Aus der Identifikation heraus kommen dann oft die nächsten Schritte. Natürlich sind das alles hohe Ideale. Es ist aber gut, die Ideale hochzuhalten. Denn auch mit Heim, Wohnung, Haus und im weiteren Sinne dort, wo das Haus steht, der Ort, die Region, die Religion – mit was auch immer wir uns identifizieren könnten – wir sollten uns nicht identifizieren und wir sollten auch nicht daran verhaftet sein.

„…sama-chittatvam“ (ständige Gelassenheit im Geist), gleichviel ob das Erwünschte oder Unerwünschte eintritt“

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