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12-16 Kommentar Sukadev

Also „frei von Wünschen“ sollte der Mensch sein, wobei hier als Wünsche die Gier gemeint ist. Ohne egoistische Wünsche bist du rein. Wir sind auch suchir. Da steckt saucha drin, was du vielleicht aus den Yoga Sutras als eines der Niyamas kennst. Saucha bedeutet Reinheit, gleichmütig, frei von Schmerz, allen Absichten entsagt. Man muss aufpassen, was damit gemeint ist. Krishna wiederholt immer wieder: Wir sollen nicht von Handlungen frei sein, im Gegenteil, wir sollen handeln, aber frei sein von diesem ständigen Beschäftigtsein. Wir sollten als spirituelle Aspiranten, wenn sich die Gelegenheit ergibt, auch in der Lage sein, einfach zu sitzen, zu meditieren und nichts zu tun, also keine Workaholics sein. Wir sollten auch nicht frei von Feuer sein, tamasig, trantütig. Immer wieder will uns Krishna vor dem einen oder anderen Extrem bewahren. Frei von Absichten, im Sinne frei von dem Denken, dass ich nur glücklich bin, wenn das und das passiert. Sattwige Absichten sind gut, sattwige Unternehmungen auch. Das beschreibt Krishna im 14. Kapitel, in dem es um die 3 Gunas geht.

Wir selbst sollten uns von der Vorstellung befreien: „Ich muss nur das und das tun und dann werde ich ewig glücklich sein. Wenn das und das geschieht, dann ist alles in Ordnung.“ Im Yoga haben wir nicht diesen Weihnachtsmannglauben: „Wenn mein Wunsch erfüllt ist, bin ich ewig glücklich.“ Wir sind dann glücklich, wenn wir die Gegenwart Gottes erfahren, wenn wir im eigenen Selbst ruhen, im Überbewusstsein. Kleines Glück haben wir, wenn wir aus dieser Bewusstheit der Verbundenheit handeln.

Krishna sagt an allen möglichen Stellen: „Diese Welt ist asukha und anitya. Sie ist ohne wirkliche Freude und nicht ewig. Diese Welt ist voller Leiden.“ Wir können nicht vermeiden, dass uns der Körper wehtut. Irgendwann kommt die eine oder andere Krankheit.

Fast jeder Mensch hatte schon körperliche Krankheiten, die mit Schmerzen verbunden waren. Es beginnt schon mit der Geburt. Die Mehrheit der Menschen hatte sogar in den letzten 12 Monaten eine körperliche Krankheit, die mit starken Schmerzen verbunden war.

Der Körper produziert Schmerzen. Das ist sinnvoll und ermöglich Leben. Aber Leiden ist wiederum etwas anderes als Schmerz. In der Übersetzung von Swami Sivananda wird Dukha als „Schmerz“ übersetzt. Schmerz ist nicht zu vermeiden. Leiden ist zu vermeiden. Leiden ist letztlich, wenn man sich über den Schmerz ärgert. Schmerz ist eine Sache, Leiden ist eine zweite Sache. Man kann Schmerzen haben, ohne darunter zu leiden, behaupten mindestens die großen Meister.

Es gibt eine Geschichte von Ramana Maharshi: Im hohen Alter bekam er einen Tumor am Arm. Die Schüler haben ihn zu einer Operation überredet, damit die Geschwulst abgeschnitten wird. Der Arzt wollte ihn vor der Operation in Narkose versetzen. Ramana fragte: „Wozu?“ Die Schüler: „Damit du keinen Schmerz empfindest.“ Ramana: „Schmerz empfinde ich auch jetzt die ganze Zeit, wenn ich mein Bewusstsein dorthin richte. Aber ich muss mein Bewusstsein nicht dorthin richten. Wenn mein Bewusstsein nicht beim Schmerz ist, kann der Tumor weggeschnitten werden.“ Er hat darauf bestanden, kein Schmerzmittel zu bekommen und hat sogar lokale Betäubung abgelehnt. Er konnte sich von der Schmerzempfindung lösen.

Nicht alle Yogameister sind so weit gegangen. Swami Sivananda hat durchaus auch Schmerzmittel genommen, vielleicht um seine Schüler vor dem Nachahmen und damit unnötigem Leid zu bewahren. Einmal hatte Swami Sivananda in seinen letzten Jahren eine sehr schmerzhafte Krankheit, für die er kein Schmerzmittel nahm. Öfter kam der Arzt und fragte: „Wie geht es dir?“ Swami Sivananda antwortete: „Hervorragend.“ „Hast du Schmerzen?“ „Ja, grässliche.“ Er hat nicht gelogen. Für Swami Sivananda war Schmerz eine Sache, Befinden eine zweite. Das Selbst ist etwas anderes als die Schmerzen.

Manchmal sind westliche Aspiranten etwas irritiert, wenn sie hören, dass indische Meister im Alter Krankheiten hatten. Irgendwie besteht im Westen der Aberglaube, dass Selbstverwirklichte nie krank werden dürften. Viele denken bewusst oder unbewusst, dass strahlende Gesundheit ein Zeichen für Heiligkeit ist. Manche meinen, dass jede Krankheit eine Bestrafung für eine geistige Verfehlung ist oder für einen falschen Lebensstil. Das gehört zu den so genannten neospirituellen Mythen.

Sicherlich kann falscher Lebensstil Ursache für Krankheiten sein, ebenso auch negatives Denken. Aber auch die Tiere in freier Wildbahn erleiden Krankheiten, Unfälle und Tod. Und die Menschen in der Steinzeit sind erheblich früher gestorben als heute.

Für Krankheit gibt es verschiedene Ursachen. Krankheit kommt nicht nur durch falsche Ernährung. Wir können verschiedenes Karma erzeugt haben und dieser Körper muss durch einiges Karma hindurchgehen. Gerade wenn Yogis nicht mehr wiedergeboren werden wollen, gibt es noch einiges an Karma, das sie durchleben müssen. Und gerade dann passiert es oft, dass in den letzten Jahren des Lebens sehr viel geschieht und oft auch die verschiedensten Krankheiten auftreten.

Bis in die 80ziger und 90ziger Jahre gab es im Westen oft eine „monokausale“ Betrachtung von Krankheit. Jim Fixx z.B. behauptete, dass man nur Joggen müsste. Dann würde man nie krank werden. Mit ca. 50 Jahren hatte er einen Herzinfarkt und starb.

Helmut Wandmaker behauptete, man müsse nur Rohkost essen und würde nie krank. Tatsächlich hat er selbst auch Milchprodukte zu sich genommen, wurde einmal zwischendurch wegen Eiweißmangel ins Krankenhaus eingeliefert und soll u.a. auch Krebs bekommen haben. Zwar hat er ein gutes Alter erreicht – aber eben nicht Freiheit von Krankheiten.[1]

Es gibt immer wieder Leute, die behaupten, dass man nur dies oder das machen muss und dann würde man immer gesund sein. In England gab es mal einen Club der so genannten „Immortals“. Sie behaupteten, dass Sterblichkeit nur auf Einbildung beruht. Wenn man nur richtig denkt, würde man niemals sterben. Als ich in den 80ziger Jahren einen Artikel über diesen Verein gelesen hatte, war das Durchschnittsalter der Mitglieder Mitte Dreißig. Ich weiß jetzt nicht, was aus dem Club geworden ist – man hört nichts mehr von ihm…

Manche deutsche Aspiranten haben die Bücher von Dahlke und Dethlefsen einseitig und damit falsch verstanden. Sie denken, dass jede Krankheit kommt, weil man nicht richtig lebt. Mindestens Dahlke hat aber einen sehr viel differenzierteren Ansatz und gesteht neben geistigen auch körperliche und etwas komplex-karmischere Ursachen zu.

Manche Anhänger der Neugeist-Bewegung von Joseph Murphy und von „Course in Miracles“ denken, dass jede Krankheit von negativem Denken herrührt.

All das sind monokausale Betrachtungsweisen, die durch die moderne empirische Forschung alle widerlegt sind. Menschsein, Gesundheit und Krankheit sind hochkomplex. Man kann einiges tun, um gesund zu sein – Menschsein endet aber immer mit dem Tod. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die moderne Medizin sehr viel ganzheitlicher geworden ist als manche (!) Anhänger der Naturkeilkunde, welche oft für alles eine einfache Erklärung suchen.

Weit verbreitet im Westen ist folgende „Populärphilosophie“: „Mir wird nichts passieren, solange ich mich einigermaßen vernünftig verhalte. Katastrophen passieren nur anderen.“ Wie viele Menschen rechnen tatsächlich damit, dass sie einen Autounfall haben werden? Die Wahrscheinlichkeit, in seinem Leben einmal in einen Autounfall verwickelt zu werden, ist relativ hoch.

Manchmal frage ich eine größere Yogaseminargruppe: „Wer von euch hatte schon einen Autounfall? Wer von euch hatte einen Autounfall, der anschließend zu Schmerzen geführt hat?“ Da heben sehr viele Menschen die Hand. Die Hälfte der Menschen wird vor ihrem Tod einen Autounfall haben, der zu starken Schmerzen führt. Dennoch, wenn man fragen würde: „Glaubst du, dass du in diesem Leben noch einen Autounfall baust, der dir Schmerzen zufügt?“, würde die Mehrheit sagen: „Mir passiert das nicht, ich fahre vorsichtig.“ Oder wenn man fragen würde: „Glaubst du, dass du jemals Krebs haben wirst?“, sagen über 90%: „Nein“. Wenn ich in einer großen Yoga-Gruppe frage: „Wer von euch glaubt, dass er in diesem Leben höchstwahrscheinlich Krebs bekommt?“, meldet sich fast nie jemand. Wisst ihr, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass man in diesem Leben Krebs bekommt? Über 50%. Diese Täuschungen sind allgemeiner Populärglaube. Katastrophen geschehen anderen, mir nicht.

In Meinungsumfragen wird regelmäßig gefragt: „Wie denken Sie, wird sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland entwickeln?“ Die Mehrheit sagt immer: Schlecht. Wenn man fragt: „Wie wird sich Ihre persönliche Situation entwickeln?“ Dann antwortet die  Mehrheit: „Gut.“ In einer Umfrage 2007 dachten 80% der Menschen, dass es im kommenden Jahr mit der wirtschaftlichen Situation in Deutschland schlechter ginge. Und 80% haben gesagt: „Mir persönlich wird es nächstes Jahr wirtschaftlich besser gehen.“ Das passt nicht zusammen. Das ist also so ein gewisser Optimismus, den wir haben. Das ist auch ein Vorteil bei westlichen Menschen, die grundsätzlich einen gewissen Optimismus haben, der sie auch zur Tat anregt. Aber die Kehrseite davon: Sowie irgendetwas schief geht, bekommen sie schnell ein posttraumatisches Belastungssyndrom.

Es ist eine schlimme Sache, wenn z.B. ein Kind stirbt. In früheren Zeiten sind der Durchschnittsmutter bis sie 50 Jahre wurde, fünf bis acht Kinder gestorben. Die Hälfte der Kinder ist kein Jahr alt geworden. Die Hälfte von der anderen Hälfte ist vor der Mutter gestorben. Und viele Menschen sind ohne ihre Mutter bzw. Vater aufgewachsen, weil einer oder beide jung gestorben sind. Heute sterben glücklicherweise Kinder sehr viel seltener. Und die meisten Neugeborenen werden ihre Eltern überleben. Früher haben Kinder ihre Eltern wegen Krankheiten verloren. Heute gibt es dafür erheblich mehr Trennungen und Scheidungen.

So gehören schlimme Erfahrungen zum Menschsein, heute zwar seltener als früher, dafür umso häufiger einfach geleugnet. Da die Populärphilosophie Leiden nicht als etwas Sinnvolles mit einbezieht, leiden Menschen heute umso mehr unter ihren Krankheiten und quälen sich oft überflüssigerweise mit der sinnlosen Frage: „Warum passiert das ausgerechnet mir?“

Diese Populärphilosophie hat sich dann auch als Mythos in die moderne Spiritualität eingeschlichen: „Wenn ich alles richtig mache, werde ich nie krank.“ Ich kenne keine traditionelle spirituelle Richtung, die so etwas sagt. Und ich kenne keinen Selbstverwirklichten, der gesagt hat: „Wenn du alles richtig machst, wirst du nicht krank. Das ist einer der modernen neospirituellen Mythen. Es gibt keinen Meister, der das behauptet, wenigstens kein mir bekannter, der diesen Charakteristika der Bhagavad Gita entsprechen würde.

Ich erlebe das immer wieder: Menschen bekommen durch Hatha Yoga einen Energieschub, sie werden gesünder, Kopfweh verschwindet, der Schlaf wird besser, Magen-Darmprobleme verschwinden, vielleicht verschwindet der Heuschnupfen, Gewohnheiten fallen weg. Sie sind überglücklich. Und dann geschieht es: Sie werden doch einmal wieder krank. Dann sind diese Menschen maßlos enttäuscht oder bekommen ein schlechtes Gewissen. Entweder denken sie, sie hätten etwas falsch gemacht, sie seien schlecht oder sie denken, Yoga taugt nichts. Denn wenn Yoga etwas taugen würde, dürfte kein Mensch, der Yoga übt, jemals krank werden.

Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass Yoga für viele gesundheitliche Probleme hilfreich ist. Yoga erhöht die Langlebigkeit. Yoga ist gut gegen Rückenprobleme, Schlafprobleme, Bluthochdruck, Wechseljahrebeschwerden, Reizdarmsyndrom, Asthma, Diabetes, Gelenkprobleme, um nur einige der empirisch gesicherten Resultate zu nennen. Wenn man alle  Ratschläge des Yoga befolgt, wird man wahrscheinlich 10 gesunde Jahre als Lebenserwartung dazufügen können. Aber es sind 10 Jahre, keine 100. Gesunde Ernährung mit wenig Fett, nicht Rauchen, positiv denken, liebevolle Beziehungen aufbauen, kein Alkoholmissbrauch, Körperübungen, Entspannungstechniken, frische Luft, positive Lebenseinstellung helfen. Das kann beim Durchschnittsdeutschen zu einer Lebenserwartung von 10 zusätzlichen Jahren führen. Und das ist ja auch etwas. Vielleicht sind es nur 8 oder 12, so genau kann man das nicht berechnen. Durchschnitt heißt aber auch, dass der eine oder andere trotzdem jung stirbt.

Es ist gut, optimistisch zu sein und auch zu bleiben, wenn Katastrophen kommen. Das geht am leichtesten, wenn man einen Sinn in der Katastrophe sehen kann. Und das ist die Überzeugung der Yogis: „Alles, was kommt, ist Karma im Sinn von Aufgabe. Alles, was geschieht, macht einen Sinn. Ich kann von allem lernen, auch wenn ich in der Situation nicht weiß, was.“ So kannst du auch schmerzhafte Erfahrungen machen, musst aber nicht dauerhaft daran leiden.

 


[1] Er starb 2007 im Alter von 90 Jahren

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