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10-07 Kommentar Sukadev

Eine Weise, um zu Gott zu kommen, ist, sich bewusst zu werden, dass alles göttlichen Ursprungs ist. Das ist hier die große Aussage. Man findet diese in vielen indischen Schriften. Auch die Devi Mahatmyam wird nicht müde, zu betonen, dass alles eine Manifestation der Göttlichen Mutter ist.

Hier gibt es einen Unterschied zu manchen religiösen Traditionen, die das dualistisch sehen: Da wird unterschieden zwischen Gott und Materie, zwischen Spirituellem und Weltlichem, zwischen dem göttlichen Guten und dem teuflichen Bösen.

Dieser starke Dualismus hat vermutlich über den Zoroastrismus Eingang in die westlichen Religionen wie Judentum, Christentum und Islam gefunden, ohne endgültig verankert zu sein. Im Zoroastrismus gibt es zwei Pole, den Schöpfergott Ahura Mazda (der „Gute“) und den Dämonen Ahrima (der „Böse“): „Und im Anbeginn waren diese beiden Geister, die Zwillinge, die nach ihrem eigenen Worte das Gute und das Böse im Denken, Reden und Tun heißen. Zwischen ihnen haben die Guthandelnden richtig gewählt.“ (Zend Avesta)

Da wird also gesagt, dass zwei Urprinzipien von Anbeginn sind, die um jede Seele kämpfen. Und jeder einzelne muss sich entscheiden, ob er dem Guten oder dem Bösen folgen will? Das ganze Leben geht es dann darum, sich immer wieder zu entscheiden, was gut und was schlecht ist? Das sind zwei Grundprinzipien, die irgendwann auch in die Bibel, ins alte Testament, Eingang gefunden haben. In der ursprünglichen Schöpfungsgeschichte gibt es auch schon so etwas, nämlich die Schlange. Zu einem späteren Zeitpunkt spielt diese Dualität eine immer größere Rolle.

Man findet das im 16. Kapitel der Bhagavad Gita als „Yoga der Unterscheidung zwischen dem Göttlichen und dem Dämonischen“ beschrieben. Dort gibt es auch die Unterscheidung zwischen den Daivas (den Göttlichen) und den Asuras (den Dämonen). Aber bevor Krishna dort hinkommt, sagt er erst einmal immer wieder: „Letztlich ist alles göttlichen Ursprungs.“ Selbst die Asuras sind mit eingeschlossen, auch sie sind göttlichen Ursprungs. Als spiritueller Aspirant muss man immer wieder unterscheiden, was einen näher zum Höchsten führt und was davon wegführt. Aber das heißt nicht, dass das eine göttlich ist und das andere einen bösen Ursprung hat. Es gilt, von Dualitäten Abstand zu nehmen. Als spiritueller Aspirant sollte man Ahimsa pflegen, also niemanden verletzen, geschweige denn  töten. Jemand, der einen anderen umbringt, ist deshalb noch lange kein teuflisches, böses, abgrundtiefes Geschöpf. Denn was wäre die Konsequenz, wenn man meint, der andere ist von Grund auf böse und teuflisch? Wenn man es gut meint mit der Welt und jemand abgrundtief schlecht ist, dann müsste er getötet, ausradiert bzw. ausgemerzt werden. Genau darin liegt eine Grundlage von vielen Kriegen und Gewalt. So sind grundsätzlich die dualistischen Vorstellungen von Gut und Böse notwendigerweise oder fast notwendigerweise zu gewalttätigen Philosophien mutiert, der Zoroastrismus selbst vielleicht noch am wenigsten, aber gerade Christentum und Islam sobald sie sich auf diesen Dualismus Gott-Teufel bezogen haben. Durch ein solch dualistisches Weltbild tut der, der eigentlich etwas Gutes tun will, genau das, was er dem anderen vorwirft: Handlungen, die der Grundethik aller Religionen widersprechen, Ahimsa, Asteya, Satyam.

Wenn du bedenkst, dass alles göttlichen Ursprungs ist, kannst du dir selbst sagen: „Für mich treffe ich jetzt diese Entscheidung.“ Du versuchst, auch einmal jemand Anderen davon abzuhalten, etwas zu tun, womit er sich oder jemand anderen verletzten könnte. Du kannst ihn auch weiter lieben, ihm weiter Mitgefühl entgegenbringen, sogar noch dann, wenn es deine Aufgabe ist, ihn davon abzuhalten, etwas zu tun, was andere Menschen verletzten könnte und er durch dein Abhalten selbst verletzt wird.

Wenn du daher diese mannigfaltigen Manifestationen der Wesen als Schöpfung und Teile Gottes ansiehst, kannst du im festen, unerschütterlichen Yoga begründet werden. Es gibt nichts dauerhaft und ewig Schlechtes im Universum. Alles ist göttlichen Ursprungs. Du hast bestimmte Aufgaben und Pflichten. Alles Schlechte zu bekämpfen und auszurotten gehört nicht dazu.

Die indischen mythologischen Geschichten verdeutlichen das manchmal. Oft werden sie beim Erzählen stark vereinfacht und die differenziertere Betrachtungsweise des Urtextes geht dabei verloren. Nehmen wir als Beispiel Ravana aus der Ramayana. Er ist der Gegenspieler von Rama und gilt als Dämon. Bisher kennst du Ravana hauptsächlich als den Dämonen, der Ramas Gefährtin Sita geraubt hat. Rama hat Ravana schließlich besiegt und letztlich hat er ihn sogar töten müssen. Aber Ravana gilt auch als einer der größten Verehrer von Shiva. Es gibt sogar Loblieder von Ravana, die heute noch rezitiert werden. Ravana hatte also auch eine spirituelle Ader. Er gilt als Dämon, weil er die Kräfte, die er durch die Verehrung bekommen hat, missbraucht hat. Er hat das durch spirituelle Praxis erzeugte Prana für egoistische Zwecke missbraucht. Aber er war nicht einfach nur schlecht, er hatte auch die Fähigkeit zur Hingabe, zur Selbstbeherrschung, hat viel Pranayama gemacht und meditiert. Er war blind vor Hass gegen Rama. Er hat Sita nicht geraubt, weil er in sie verliebt war, sondern weil er hörte, wie groß Rama war und weil dieser immer gelobt wurde. Er wollte Rama schaden, rührte Sita jedoch selbst nicht an. Er vergewaltigte sie nicht, obwohl dies die größte Schande für Rama gewesen wäre und er ihm so hätte schaden können. Bei allem Unrecht folgte er immer noch bestimmten ethischen Prinzipien. Ravana hatte also eine Reihe  positiver Eigenschaften. Es heißt sogar, dass Ravana am Ende die Gottesverwirklichung erreicht hat. Durch seinen großen Hass dachte er so stark an Rama, die Inkarnation Gottes, dass er schließlich in allem nur noch Rama, also Gott sah.

Selbst Duryodhana, der Gegenspieler von Arjuna, hatte positive Eigenschaften. Ein Beispiel aus der Mahabharata: Karna war eigentlich ein Halbbruder Arjunas. Er war jedoch von seiner Mutter nach der Geburt weggegeben worden. Er ist dann in einer einfachen Kutscherfamilie aufgewachsen, ohne etwas von seiner Mutter zu wissen. Er wurde ein mächtiger Bogenschütze und geschickt im Umgang mitallen Waffen. Auf einem Turnier wollte Karna Arjuna herausfordern. Arjuna weigerte sich, weil er meinte, mit jemandem von niedriger Herkunft würde er sich nicht duellieren. Damals hatte Arjuna diese Arroganz. Duryodhana aber, obgleich er König war, sagte zu Karna, er sei sein Bruder. Er sagte ihm auch, dass er  sich nichts aus dieser Kastengeschichte mache. Er war zwar nicht der physische Bruder, aber er nahm ihn auf und behandelte ihn wie einen Prinzen. Dass Karna eigentlich ein Halbbruder der Pandavas war, wussten zu diesem Zeitpunkt weder Arjuna noch Duryodhana. Aber Arjuna hat Karna links liegen lassen, weil er nicht die gleiche gesellschaftliche Kaste hatte. Duryodhana hat ihn aus seinem Wert heraus gesehen. Karna war Duryodhana deshalb zu Dank verpflichtet und wurde einer seiner wichtigsten Gefolgsleute. Karna wurde nach Arjuna der machtvollste Krieger seiner Zeit. Man sieht hier, dass auch Duryodhana Tugenden hatte.

Es gibt niemanden, der abgrundtief schlecht ist und niemanden, der unendlich gut ist.

Dass dieses Verständnis heute weite Verbreitung gefunden hat, haben wir der modernen Psychologie zu verdanken. Viele, und besonders die westlichen Religionen, haben diesen Dualismus zwischen göttlich und dämonisch, Himmel und Hölle, stark betont. Das hat zu viel Gewalt geführt. Seit Sigmund Freud wissen die Psychologen, dass in jedem Menschen das Gute wie auch das Schlechte steckt. Und jede gute Eigenschaft des Menschen kann in einem anderen Kontext zu viel Leiden führen. Es ist also eine gute Entwicklung, dass auch  Verbrechern Mitgefühl entgegengebracht wird. Man versucht heutzutage zu verstehen, warum ein Gewaltverbrecher so geworden ist. Die Kindheit mag eine Rolle spielen, die Genetik, verschiedene Umstände. Eigentlich ist dieser Mensch therapiebedürftig. Vielleicht ist man heute auch einfach noch nicht weit genug, diesen Menschen tatsächlich so zu therapieren, dass er zu einem mitfühlenden Mitglied der Gesellschaft wird. Deshalb muss man ihn vielleicht eine Weile oder für den Rest des Lebens wegsperren. Aber eigentlich ist das ein Versagen der Gesellschaft und der Psychotherapie und nicht, weil der Mensch abgrundtief schlecht ist.

Krishna sagt also, wie es auch in der Devi Mahatmyam steht, dass sowohl gute wie auch schlechte Eigenschaften in jedem Menschen vorhanden sind. Alle sind Manifestationen des Göttlichen. Der Einzelne muss sehr wohl Entscheidungen treffen und das Ethische tun. Er sollte es aber unterlassen, andere zu verachten oder zu bekämpfen.

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