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09-31 Kommentar Sukadev

Das ist die transformierende Kraft von Bhakti. Öfters stellen sich Menschen die Frage, was sie zuerst tun sollen. Angenommen jemand weiß, dass er viele schlechte Taten begangen hat und er schlechte Angewohnheiten hat: Soll er sich zuerst darum bemühen, ein besserer Mensch zu werden oder soll er zuerst Gott verehren? Je nach Temperament ist mal das eine das Richtige, mal das andere.

Manchen Menschen fällt es erst einmal schwer, Gott zu verehren, weil ihr Herz voller Unreinheiten ist. Dann müssen sie vielleicht erst mehr an sich arbeiten. Vielen Menschen fällt es sehr viel leichter, wenn sie gleich Gott verehren. Denn Liebe hat im Grunde genommen jeder Mensch. Und wenn man plötzlich einsieht: „Ich habe etwas falsch gemacht“, seine Fehler bereut und Gott um Vergebung bittet, dann spürt man Gnade und Liebe. Und aus dieser Gnade und Liebe heraus, fasst man gute Vorsätze. Aufgabe ist es dann, diese Vorsätze auch umzusetzen, was wir manchmal aus eigener Kraft nicht schaffen, da wir noch viele negative Samskaras in uns tragen. Manche Menschen denken auch, sie wären die größten Sünder und hätten die größten Probleme von allen Erdenwesen. Man sollte sich gar nicht so damit identifizieren und seine eigenen Probleme/Sünden überbewerten.

Es gibt darüber so eine kleine Geschichte, die ich euch erzählen möchte. Es ist die Geschichte eines Königs und eines Weisen. In damaliger Zeit war es üblich, dass, wenn man einem Weisen traf, man ihm eine Frage stellte. Und so traf unser König eines Tages auf diesen Weisen, der als Mönch durch das Land reiste und fragte ihn: „Was sind die beiden größten Wunder, Oh Weiser, die du gesehen hast?“ Der König hatte erwartet, dass der Weise ihm vielleicht antwortete, das größte Wunder wäre ein Mensch, der 10 Meter über dem Boden schwebte oder jemand, der durch die Kraft seiner Gedanken Tote wieder zum Leben erweckt hätte. Auch hätte er gerne gehört, das größte Wunder wäre, wenn jemand über Wasser wandelt, Nahrung vervielfältigt, seinen Körper mit Fleischerhaken malträtiert und sich dann an einen Wagen gebunden durchs Land ziehen lässt oder ähnliches. Der Weise aber, der sehr wohl wusste, was der König hören wollte, antwortete ihm: „Oh König, fast jeden Tag kommt jeder Mensch in Kontakt mit dem Tod. Dennoch lebt fast jeder Mensch so, als ob er nie sterben würde. Das, Oh König, ist das größte Wunder! Das zweitgrößte Wunder ist: Jeden Tag sieht fast jeder Mensch andere Menschen Leiden, dennoch denkt jeder Mensch, das sein Leiden das Besonderste und Speziellste sei. Das, Oh König, ist das zweitgrößte aller Wunder.“

Auch wenn wir denken, wir hätten die größten Schwierigkeiten und Fehler, brauchen wir uns nur Gott zuzuwenden, uns ihm hinzugeben, ihn um Hilfe bitten, um Vergebung unserer Sünden. Dann werden wir rechtschaffen und erlangen ewigen Frieden. Natürlich sollten wir uns bemühen, an uns selbst zu arbeiten.

Diese Erkenntnis ist auch für therapeutische Bereiche sehr hilfreich. Die Anonymen Alkoholiker z.B. haben ein 12-Schritte-Programm entwickelt. Dies ist ein sehr spirituelles, nicht religionsgebundenes Programm, das sich am effektivsten erwiesen hat, um Alkoholiker trocken werden zu lassen. Bei dem 1. Schritt soll man erkennen, dass man es nicht aus eigener Kraft schafft, dem Alkohol zu entsagen. Bei dem 2. Schritt erkennt man eine höhere Macht an, die einem hilft, die eigene Gesundheit wieder herzustellen. Bei dem 3. Schritt fasst man den Entschluss, den eigenen Willen und das Leben Gott anzuvertrauen. Im 4. und 5. Schritt betreibt man Innenschau und gesteht seine Fehler ein, um danach im 6. und 7. Schritt bereit zu sein, die gefundenen Schwächen und Fehler von Gott beseitigen zu lassen, ihn um Hilfe zu bitten. Danach folgt im 8. Schritt die Vorbereitung auf die Wiedergutmachung und im 9. Schritt die Wiedergutmachung, soweit es möglich ist. In den letzten 3 Schritten übt man erneut Innenschau, betet zu Gott, sein Instrument werden zu dürfen, und den Menschen mit dem erworbenen Wissen auf ihrem Weg zu dienen.

Im Grunde genommen kann man dieses Programm auch auf drei wesentliche Punkte zusammenfassen:

  1. Anerkennung der eigenen Fehler und Schwächen
  2. Hinwendung an eine höhere Kraft mit der Bitte um Hilfe
  3. Dienst an der Menschheit.

Manche ausgebildete Yogalehrer sagen auch, sie wären noch nicht bereit zu unterrichten, weil sie denken, sie wären selbst keine guten Yogis. Sie denken: „Wie kann ich selbst Meditation unterrichten, wenn ich selbst noch keine tiefen Meditationen habe?“ oder sie denken: „Wie kann ich anderen etwas über Positives Denken erzählen, wenn ich selbst nicht positiv denke?“ Krishna selbst lehrt, derjenige, der die spirituelle Weisheit weitergibt, ist stets in Liebe und es ist der höchste Dienst, den man Menschen tun kann. Wenn wir unterrichten, ist uns vielleicht manchmal am schmerzlichsten bewusst, wie unvollkommen wir sind. Wie viel wir noch zu lernen haben, wie wenig wir doch wissen. Und trotzdem hilft auch das wenige Wissen – was oft mehr ist als wir denken – Menschen sehr. Wenn wir uns demütig an Gott richten, dann hilft er uns.

Ich gebe euch mal ein Beispiel: Ich habe mich lange Zeit bemüht, das Vamana Dhauti, das Schlucken einer Mullbinde, zu lernen. Kunjar Kriya (das Trinken von 1-1 ½ Liter Salzwasser und wieder ausspeien) war für mich kein Problem, aber Vamana Dhauti fiel mir unheimlich schwer. Eines Tages wurde meine Kollegin im Zentrum, die zwei Tage später einen Kriya Workshop halten sollte, krank. Da wir damals nur zu zweit waren, blieb mir nichts anderes übrig, als den Workshop zu leiten. Ich habe dann zwei Tage Zeit gehabt, Vamana Dhauti zu üben. Ich habe zu Gott gebetet und ihn um Hilfe gebeten.  Am Workshoptag ist es mir bei der Vorführung erstmals gelungen, das Tuch zu schlucken. Das war eine sehr hilfreiche Erfahrung. Schon die Lerntheorien besagen, wenn wir etwas nur hören, behalten wir es zu etwa 15%. Wenn wir es aufschreiben, behalten wir es zu 40% und wenn man es in den nächsten Tagen noch mal durchliest, behält man es zu 50-60%. Erst wenn man etwas lehrt, bleiben einem die Inhalte zu etwa 90% im Gedächtnis. Wenn wir also etwas lernen wollen, müssen wir es lehren. Das gilt für intellektuelle Inhalte. Aber es gilt auch für das, was auf dem spirituellen Weg noch wichtiger als intellektuelles Wissen ist, nämlich für die Eigenschaften, die wir in uns entwickeln. Zuerst müssen wir an uns arbeiten, dann die Arbeit Gott darbringen und eventuell es auch an andere weitergeben. Dabei sollten wir nie von einem Perfektionismus und der Überzeugung ausgehen, es vollständig verwirklicht zu haben, sondern uns als Instrument sehen, hilfreiche Techniken, hilfreiches Wissen weiterzugeben.

Auf ähnliche Weise hat Swami Sivananda seine Schüler unterwiesen. Angenommen, jemand war jähzornig. Swami Sivananda hat ihm erst Tipps gegeben, wie er den Jähzorn überwinden konnte. Wenn das nicht ausreichte, empfahl er ihm, den Ärger Gott darzubringen und Gott um Hilfe zu bitten. Und bei einem der Abendsatsangs bat er ihn, eine Viertelstunde über Gleichmut zu sprechen.

Wenn jemand Sünden begeht und hingebungsvoll Gott verehrt ist er nicht von der Ernte des Karmas befreit. Das Karma ist nicht vollständig aufgelöst. Die Reue, die der Sünder für seine Sünden empfindet, hilft ihm allerdings dabei, das Prarabdha Karma etwas zu mildern, jedoch nicht vollständig aufzulösen. Reue ist ein Schritt, uns zu Gott zu wenden. Tiefer Glauben hilft den Menschen, aus einem Gefühl des Fehlverhaltens  zu einem Gefühl der Ganzheit zu kommen. Tiefer Glauben hilft allgemein, negative Gefühle zu überwinden, Schuldgefühle, Wutgefühle, Ohnmachtsgefühle, etc. Menschen mit tiefem spirituellem Verstehen leiden sogar unter traumatischen Erfahrungen sehr viel weniger bzw. weniger lange als Menschen, die keinen tiefen Glauben besitzen. Man hat zum Beispiel festgestellt, dass die buddhistischen Mönche, die aus Tibet nach Indien geflohen sind, nachdem sie gefoltert worden sind oder gezwungen worden sind, zuzuschauen, wie Vergewaltigungen und Morde an ihren Familienangehörigen begangen wurden, 20 Jahre später erheblich weniger an den Folgen leiden, als nicht spirituelle, ungläubige Menschen. Natürlich haben sie in dem Moment gelitten, in dem es passiert ist, und auch die Wochen und Monate danach. Auch wenn sie heute über diese Zeiten sprechen, fällt es ihnen noch schwer. Aber sie haben nicht solche Alpträume wie andere Menschen, die keine Nacht durchschlafen können ohne schweißgebadet aufzuwachen. Eine wirklich tiefe Spiritualität beinhaltet die Erkenntnis, dass Leiden einen Sinn hat, dass Leiden zum Leben dazugehört, auf dem Lehrplan steht und die Welt nicht erschüttert wird. So gerät man auch bei schlimmen Erlebnissen nicht so stark und so lange aus dem psychischen Gleichgewicht. Man behält spirituelles Vertrauen, wenn einen Leiden trifft. Gott schickt uns Leiden als Lernaufgabe, damit wir wachsen können. Wenn wir dies erkennen, kann man auch mit eigener Schuld besser umgehen. Auch die eigenen schlechten Taten sind Teil des kosmischen Geschehens. Man kann es bereuen, Gott darbringen, sich Gott ganz hingeben. So können wir uns davon lösen und künftig nicht mehr die gleichen Fehler begehen.

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