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09-01 Kommentar Sukadev

Diese Aussage Krishnas haben wir von ihm auch schon im 2. Vers des 7. Kapitels in ähnlicher Form gehört, wo er sagt:„Ich werde dir diese Erkenntnis vollständig erläutern, die gepaart ist mit direkter Verwirklichung, und nach deren Erkennen hier nichts mehr zu erkennen verbleibt.“

Zwei Dinge sind wichtig: 1. Erkenntnis und 2. Selbstverwirklichung. Wenn wir logisch schlussfolgern können, dann kommen wir zu der Erkenntnis, dass wir nicht der Körper, nicht das Denken und nicht die Gefühle sind. Hier im Haus Yoga Vidya haben wir ja auch Jnana Yoga Seminare und Seminare zu Upanishaden, Vedanta, Viveka Chudamani. Da versuchen wir, Wahrheit intellektuell stringent zu ergründen. Aber alle intellektuelle und philosophische Erkenntnis muss gepaart sein mit innerer Erfahrung. Mittels vedantischer Analyse kommen wir zu Schlussfolgerungen, was Glück ist, was Ewig ist. Man kann sogar logisch schließen, dass die Welt die Manifestation von einem einzigen Prinzip sein muss. Es kann keine zwei Prinzipien, vom Standpunkt der Logik aus betrachtet, geben. Einige der deutschen Philosophen, die ja im Unterschied zu den französischen Philosophen weniger praktisch, sondern eher theoretisch gedacht haben, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Doch die Erkenntnis allein reicht nicht aus. Vielleicht sind einige der großartigen deutschen Philosophen in geistiger Umnachtung gestorben, da die Höhe ihres Denkens mit ihrer Alltagserfahrung nicht mehr korrelierte. Man braucht sowohl die Erkenntnis darüber, was wirklich und was unwirklich ist, als auch die Erfahrung, die einem das zeigt, was jenseits des sinnlich und intellektuell Begreifbaren ist.

Umgekehrt gilt aber auch: Angenommen, wir hätten nur spirituelle Erfahrungen, haben aber keine Erkenntnisse darüber, dann bekommen wir auch Probleme. Angenommen, wir würden unseren Körper verlassen und nicht wissen, was das für ein Phänomen ist und darüber zu einem Psychiater sprechen: der würde uns sofort nette farbige Pillen verschreiben, die dazu verhelfen, dass wir eine solche Erfahrung nicht noch einmal machen.

Würden wir jemanden erzählen, wir hätten eine schöne Energieerfahrung, dann würde jemand Unwissendes gleich antworten: „Pass bloß auf, das ist die Kundalini, du kannst verrückt werden!“ Dann ist die schöne Erfahrung plötzlich angstbehaftet. Oder wenn wir eine tolle Erfahrung haben, die nicht direkt mit Jesus verbunden war und sie einem evangelikalen Pfarrer erzählen, dann wird er einen warnen und vielleicht sagen, es könnte der Teufel dahinterstecken. Ebenso kann es sein, dass wir eine Bewusstseinserweiterungserfahrung, eine Gotteserfahrung machen und dann denken, wir hätten das Höchste erreicht. Manch einer ist dadurch größenwahnsinnig geworden.

So ist es durchaus notwendig, wenn wir eine mystische oder transzendente Erfahrung machen, dass wir diese auch deuten können, spätestens dann, wenn wir im Normalbewusstsein zurück sind.

Wir brauchen also sowohl Erfahrungen, als auch den richtigen Bezugszusammenhang.

Wenn wir immer wieder schöne, spirituelle Erfahrungen machen, dann kann es auch sein, dass wir danach gierig werden. Wir können uns daran verhaften. Krishna bezeichnet das an mehreren Stellen der Bhagavad Gita als Verhaftung an Sattva. Wenn wir später diese Erfahrung nicht mehr haben, sind wir traurig.

Manche Menschen gehen durch eine Phase von tiefen spirituellen Erfahrungen, viel Energie, manchmal etwas erschreckend für sie selbst, für andere ist es noch erschreckender, nachher ist es ganz toll und in vielen Fällen hört es nach ein paar Monaten wieder auf. Und dann sind sie traurig. Wenn wir während dieser Erfahrungen wirkliche spirituelle Erkenntnisse bekommen haben, finden wir Antworten auf die ewigen Fragen: „Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer ist Gott?“ Wir können die Erfahrung in Verbindung setzen mit den Aussagen der Schriften und logischer Analyse. Wenn dann die Zeit mystischer Erfahrung vorbei ist, bleibt die spirituelle Erkenntnis auch danach bestehen und bleibt lebendig im Alltag.

Nur die volle Verwirklichung lässt uns vollständig  aus diesem Traum der Maya aufwachen und zur vollen Erkenntnis gelangen. Wir kommen zwar wieder zurück zum Wachtraum, sind uns aber weiterhin der Urnatur bewusst. Dann gibt es keine unbeantworteten Fragen mehr.

Aber die Vorerkenntnisse und die vorspirituellen Erfahrungen allein reichen nicht aus. Es braucht beides. Manchmal baut man einen überflüssigen Dualismus zwischen Vernunft und Gefühl oder Intellekt und Intuition auf. Es heißt dann, wir müssten weg vom Intellekt/Vernunft und hin zum Gefühl, zur Intuition. Das ist aber unsinnig. Wenn wir nur dem Gefühl folgen, dann kommen wir in Probleme. Wenn wir z.B. einem Meister folgen wollen, brauchen wir erst einmal einiges an Wissen. Wir dürfen nicht einfach nur unserem Gefühl folgen. Es gibt genügend Menschen, die Pseudomeistern folgen. Sie denken: „Ah, in seiner Gegenwart fühle ich mich so toll, das ist mein Meister.“ Um manch einen Menschen wird eine richtige Show inszeniert. Er wird als Selbstverwirklichter bezeichnet. Dann wird er auf einen schönen Thron gesetzt, mit einem wunderbaren Strahler beschienen, bekommt die richtige Kleidung und die Schüler verneigen sich ausreichend vor ihm. Es gibt viele Ruhmreden über ihn und er gilt als ein besonders großer Meister. Swami Vishnu hat uns immer gewarnt. Er sagte: „Passt auf, dass ihr nicht scheinspirituellen Hollywood Shows zum Opfer fallt.“ Manche Pseudomeister oder oft ihre Schüler wissen, wie man diese Show aufrechterhält.

Wir müssen unseren Intellekt benutzen und zu Anfang auch etwas skeptisch sein und tiefer schauen. Und je höher der Anspruch des Meisters ist, desto strenger sollten wir in unseren Prüfungskriterien sein. Wenn jemand sagt, er sei ein selbstverwirklichter Meister, dann müssen wir das sehr genau überprüfen. Einige Meister, von denen gesagt wird, dass sie selbstverwirklichte Meister sind, sind Scheinheilige. Man kann anhand von bestimmten Kriterien herausfinden, ob jemand selbstverwirklicht ist oder nicht, z.B. anhand von Schriften oder ihrem Respekt anderen Meistern gegenüber. Wenn ein Meister schon sagt: „Ich bin der einzige Meister dieses Zeitalters“, dann ist es besser, man packt seine Sachen und geht. Es gibt auch eine andere, etwas vornehmere und moderne Ausdrucksweise: „Bei anderen Techniken kommst du auch zur Verwirklichung aber das dauert 1000 Inkarnationen. Ich habe die Abkürzung. Es dauert nur eine halbe Inkarnation.“ Mehr Informationen darüber findet ihr in meinem BuchDie Yogaweisheit des Patanjali für den Menschen von heute“.

Bei allem gilt zu beachten, dass Intellekt genauso wichtig ist wie Intuition. Mit dem Intellekt allein kommen wir nicht übermäßig weit. Und nur mit reiner Intuition und dem Herzen auch nicht.

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