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06-09 Kommentar Sukadev

Krishna sagt nicht, dass man alle gleich behandeln soll. Vielmehr sagt er: „Wer allen im gleichen Geiste begegnet, ist vortrefflich.“ In welchem Geist sollen wir ihnen begegnen? Im Geist der Liebe. Krishna gebraucht den Ausdruck „Liebe“ selten in der Bhagavad Gita. Doch verstehen können wir Krishnas Aussagen nur, wenn wir sie im Geist der Liebe sehen, wenn wir den Geist der Liebe in uns tragen. Krishna handelt in der gesamten Bhagavatam[1] aus Liebe heraus. Wann immer wir anderen begegnen, sollten wir das im Geist der Liebe und des Verständnisses tun. Aus Liebe heraus tun wir anderen Gutes und nehmen Wohltaten anderer an. Manchmal fällt Aspiranten letzteres schwerer: Sie haben Schwierigkeiten zuzulassen, dass andere ihnen gegenüber wohltätig sein, ihnen helfen möchten. Liebe heißt auch, dass wir anderen erlauben, uns gegenüber Wohltäter zu sein, Hilfe zu geben. Liebe heißt auch um Hilfe zu bitten. Ein Sprichwort besagt: „Geben ist seliger als Nehmen“. Also sollten wir dem anderen auch die Gelegenheit geben, etwas zu tun, was seliger ist. Für zufriedenstellende zwischenmenschliche Beziehungen ist es notwendig, anderen zu erlauben, uns etwas Gutes zu tun.

Geist der Liebe heißt ferner auch, Feinden in Liebe gegenüber zu treten. Eigentlich mag ich den Ausdruck Feind gar nicht– wisst ihr warum? Es gibt nicht wirklich Feinde. Patanjali sagt: „Wenn Ahimsa fest verwurzelt ist, triffst du auf keine Feindschaft.“ (Yogasutra II, 35) Diesen Vers mag ich mehr, als das Jesuswort „Liebe deine Feinde“ (Lukas VI 27) und diesen Vers der Bhagavad Gita, wo Krishna von Freunden und Feinden spricht.

Wie kann Patanjali aber behaupten: „Wenn Ahimsa fest verwurzelt ist, triffst du auf keine Feindschaft.“ Schon Patanjali wusste, dass es Heilige gibt, die umgebracht wurden. Auf Buddha z.B. wurden einige Mordanschläge verübt. Jesus wurde gekreuzigt. Gegen Swami Sivananda wurde ein Mordanschlag verübt. In den 30er Jahren wurde er immer wieder angefeindet, weil er mit einigen Konventionen gebrochen hatte. Er schrieb und veröffentlichte Bücher, in denen er bis dahin geheime Mantras niederschrieb, veröffentlichte Pranayama-Techniken in seinem Buch „Wissenschaft des Pranayama“. Er wurde dafür kritisiert, dass er solch machtvolle Techniken beschrieb. Er nahm Frauen im Ashram auf. Frauen in einem Männerkloster – das war ein Skandal. Swami Sivananda hat im Ashram Kastenunterschiede aufgehoben. Menschen höherer Kasten mussten Aufgaben erledigen, die Menschen niederer Kasten vorbehalten waren und umgekehrt. Er hat als Swami von Moslems Bettelgaben angenommen, sogar bewusst gesucht. Für die Gesellschaft damaliger Zeiten hat er sich skandalös verhalten und wurde dafür angefeindet. Ende der 50 er Jahr haben seine Gegner und auch die Traditionalisten erkannt, dass Swami Sivananda genau das Richtige getan hat. Es gibt einige Bücher, in denen über Meister schlecht gesprochen wird. Mir ist kein solches Buch über Swami Sivananda bekannt. Gegner haben erkannt, dass Swami Sivananda die uralten Prinzipien umgesetzt und an eine Unterrichtsweise angepasst hat, die in die moderne Zeit passen. So war er derjenige, der die klassische Spiritualität in die moderne Zeit gerettet hat.

Ohne Meister wie Swami Sivananda – er war nicht der Einzige – wäre Indien nicht mehr das spirituelle Land, das es durchaus bleiben wird, vermutlich auch, wenn der größte Teil der Inder mehr daran denkt, wie sie ein Auto kriegen oder einen Kühlschrank, Satellitenfernsehen, und eigenen Internetanschluss als an die Selbstverwirklichung.

Patanjali sagt nun: „Wenn Ahimsa fest verankert ist, triffst du auf keine Feindschaft.“ Das heißt, selbst wenn man vom objektiven Standpunkt aus betrachtet Feinden begegnet, hat man subjektiv nicht mehr das Gefühl der Feindschaft. Es gibt niemanden, der wirklich etwas Schlechtes will. Ein Weiser weiß in den Tiefen seines Herzens: im Grunde genommen will der andere das Gute. Auch der Attentäter ist der Überzeugung, er tut der Menschheit etwas Gutes. Der Fanatiker folgt seinen Überzeugungen. Es kann sein, dass ein Polizist im Zweifelsfall einen Attentäter mit einem gezielten Todesschuss erschießen muss, um bedrohte Opfer zu retten. Aber er kann es ohne Hass tun. Ein Beispiel aus dem Alltag ist, wenn eine Mutter ihrem Kind etwas verbieten muss. Oder wenn ein Vorgesetzter jemandem kündigen muss. Auch Swami Sivananda hat Menschen aus dem Ashram verwiesen. Sei es, weil sie zu faul waren, weil es nicht mehr gepasst hat, weil er spürte, dass sie ihre eigenen Wege gehen wollen etc. Er handelte nicht immer nur freundlich und diese Menschen fühlten sich verletzt. Er hat es aber aus bedingungsloser Liebe heraus getan. Das ist ein Kennzeichen eines Vollkommenen. Es ist hilfreich sich zu verdeutlichen, dass alle Menschen nach Glück streben. Alle streben danach, Liebe zu geben und Liebe zu erhalten.

Es hilft sicherlich, wenn wir uns vergegenwärtigen: jeder Mensch strebt nach Glück, jeder Mensch will Liebe geben, jeder Mensch will Liebe bekommen.

Dieses Grundstreben des Menschen nach Liebe, nach Glück, nach Erkenntnis, nach Freiheit ist gefiltert durch Avidya, Unwissenheit. So kommt es, dass Menschen, obgleich sie tief im Inneren das Beste für sich und andere wollen, in der Lage sind, aus Verblendung schlimmste Sachen zu machen.

Das Gute im Menschen kann z.B. gefiltert sein durch Traumata, Instinkte, Flucht-Kampf-Mechanismus aufgrund wahrgenommener oder eingebildeter Bedrohung. Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir Mitgefühl gegenüber allen anderen haben. Aus diesem Geist von Mitgefühl und Liebe heraus sollten und können wirallen Menschen begegnen. Das ist nicht irgendein hohes Ideal. Es ist umsetzbar und Schritt für Schritt lebbar.

Wenn es einen Menschen gibt, wo wir das Gefühl haben: DER ist mein Feind, dann müssen wir schauen, ob wir den Menschen vielleicht besser verstehen können, seine Beweggründe besser verstehen können. Oder schauen, ob ich vielleicht meine Beweggründe besser verstehen kann, warum er bei mir solche Aggressionen auslöst. So kann man verzeihen und aus dem Geist der Liebe heraus handeln.

Bei aller Liebe muss man aufpassen, dass man auch mit Unterscheidungskraft handelt. Ich hatte einmal in der Schule einen Pfarrer, der alle bedingungslos geliebt hat und allen Einsen und Zweien gegeben hat. In seiner Situation war er für uns ein schönes Beispiel. Er hat einige von uns im Herzen berührt. Intellektuell gelernt haben wir von dem nächsten Religionslehrer wesentlich mehr. Der hatte weniger diese bedingungslose Liebe, aber dafür eine größere Strenge. Er hat zwar auch keine Fünfen verteilt, aber sein Notenspektrum ging schon von 1-4. Wenn es unsere Aufgabe ist, Menschen zu motivieren und wir etwas erreichen wollen, dann müssen wir auch mal Konsequenzen ziehen. Manche mögen dann denken, dass man herzlos ist. Aber auch den Vorwurf der Herzlosigkeit muss man verkraften, wenn er einen manchmal stärker trifft als vieles andere.

Die Bhagavad Gita würde sogar einen Tyrannenmord rechtfertigen. Wenn also jemand Hitler umgebracht hätte, dann wäre das durchaus in Übereinstimmung mit der Bhagavad Gita. Wenn er ihn noch dazu umgebracht hätte ohne Hass, dann wäre es die richtige Handlung gewesen. Hitler selbst war ständig im Leiden, verrückt, getrieben, im psychologischen Sinne hätte er in die Psychiatrie gehört. Er hat Stimmen gehört und er war der Meinung, dass er von der Vorsehung geführt wird. Irgendwann kam ein immer größerer Realitätsverlust dazu. Er selbst konnte auch niemanden umbringen, das hat er Andere machen lassen. Also ein höchst kranker Mensch, der ein riesiges Karma auf sich geladen hat. Dieses Land und diese Welt – für das, was er angerichtet hat wird er, dafür wird er sicherlich in künftigen Leben viel Negatives erfahren müssen. Es wäre richtig gewesen, alles zu tun, was verhindert hätte, dass ein solcher Psychopath so viele Verbrechen begeht. Und selbst beim Umbringen von Hitler hätte man Mitgefühl auch mit Hitler empfinden können.

Man muss sehr aufpassen und unterscheiden: Verzeihen heißt nicht, Unrecht zu rechtfertigen und geschehen zu lassen. Natürlich sollte man verstehen, dass andere Menschen Hass entwickeln. Aber selbst sollte man nicht aus Hass heraus handeln. Selbst dem größten Schurken kann man aus dem Gefühl der Liebe heraus begegnen. Selbst wenn das dazu führen muss, dass man zum Schutz Anderer sehr konsequente Maßnahmen ergreifen muss, natürlich unter Beachtung des Prinzips der Verhältnismäßigkeit. Nicht dass der Leser jetzt denkt: „Wenn beim nächsten Mal jemand etwas Schlechtes tut, muss man ihn gleich erschießen.“ Da gelten die rechtsstaatlichen Grundsätze: Erstens der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und zweitens der Grundsatz des kleinsten Mittels. Die Grundsätze, die im Rechtsstaat umgesetzt werden sollten, stammen aus einer tief verstandenen Ethik. Wenn die Polizei kann, versucht sie Leben zu schützen, auch das Leben des Geiselnehmers. Und nicht, dass ich falsch verstanden werde: In einem demokratischen Rechtsstaat gilt aus gutem Grund das Gewaltmonopol des Staates.

Krishna schreibt also: Wer allen Menschen im selben Geist begegnet, nämlich im Geist der Liebe, der ist vortrefflich. Wir können uns zwischendurch immer wieder fragen: „Was kann ich tun, um Liebe gegenüber allen Menschen zu empfinden?“ Zum einen kann es helfen, ihnen einfach Licht zu schicken. Zum anderen kann es helfen, wenn wir uns bewusst werden: „Mein Selbst ist sein Selbst – wir sind eins.“ Oder es kann helfen zu empfinden: „Wir sind Teil des kosmischen Körpers.“ Manche Menschen lösen diese Aufgabe auch, indem sie die Sache aus psychologischer Sicht betrachten und überlegen, was dahinter steckt. Vielleicht steckt verletzte Liebe dahinter, vielleicht hat der andere nicht genügend Liebe erhalten oder er strebt sehr nach Aufmerksamkeit usw.

Solche psychologischen Überlegungen sollten aber nicht dazu führen, die psychologische Keule gegenüber dem Anderen zu  schwingen. Eine der besten Weisen, zwischenmenschliche Probleme zu großen Gräben werden zu lassen, ist es, zu behaupten, man würde den anderen verstehen! Oder zu sagen: „Du projizierst jetzt.“ Wunderbare moralische Keulen, mit denen wir Menschen versuchen zu erschlagen und gegen die sich jeder zu Recht zur Wehr setzt. Auch zu fragen: „Welche Laus ist dir denn heute über die Leber gelaufen?“ wenn jemand ärgerlich ist, ist unangemessen. Das Gegenüber fühlt sich dann nicht ernst genommen. Man kann versuchen, den Menschen zu verstehen. Manchmal hilft es zu überlegen, welches Anliegen der Andere momentan hat. Dann kann ich schauen, ob ich diesem Anliegen gerecht werden kann oder nicht.

Manchmal hilft es auch anzuerkennen, dass wir unterschiedliche Interessen haben. Manchmal kann man schauen, wie ich den beiden Seiten gerecht werden kann. Ich kann fragen: „Worum geht es dir eigentlich?“ Dann kann das Gegenüber klar äußern, worum es ihm geht. Man kann überlegen, ob es eine Möglichkeit gibt, beiden Interessen gerecht zu werden. Viele von euch kennen das, wenn ihr Urlaubspläne mit eurem Partner macht: der eine will in die Berge, der andere ans Meer. Diese Diskussion hatte ich auch mit meiner Frau. Sie wollte ans Meer reisen, ich lieber in die Berge. Wir fuhren dann auf eine Insel, die hohe Berge hat. Ab und zu gingen wir dann zusammen am Strand spazieren oder schwimmen, ab und zu Wandern in die Berge; ab und zu lag sie am Strand und ich ging allein in die Berge.

Ein anderes Beispiel: Ein Partner möchte zelten gehen und der andere die Mutter besuchen. Kompromiss ist: Man geht vielleicht zum Campingplatz in der Nähe von der Mutter.

Wenn man kompromissbereit ist, gelingt es oft eine Lösung zu finden. Manchmal muss man auch nachgeben und manchmal auf seinem Standpunkt beharren. Es heißt: „Der Klügere gibt nach“. Bei Vielem ist das angebracht. Andererseits: Wenn der Klügere immer nachgibt, regieren die Dummen die Welt. Es ist nicht gut, wenn der Klügere immer nachgibt. Er sollte sich überlegen, in welchen Situationen er nachgibt. Wir sollten geschickt handeln wozu Krishna uns rät: „Yoga Karma Kaushalam – Yoga ist Geschick im Handeln“ (II 50). Man kann überlegen, wo es Dinge gibt, die einem nicht so wichtig sind und in denen man leichter nachgeben kann. Bei Dingen, die einem wichtiger sind, gibt man dann nicht nach. Es ist für die meisten Menschen verständlich, wenn man schon drei Mal seinen Willen bekommen hat, macht man beim vierten Mal, was der andere will. Wenn man Glück hat, ist es so, dass man dann nachgibt, wenn es für einen selbst weniger wichtig ist und für den anderen wichtiger. Und man setzt sich durch, wenn es für einen selbst wichtiger und für den anderen weniger wichtig ist.

In 90-95 % der Fälle gelingt es, entweder gemeinsame Interessen oder gemeinsame Synergien zu finden, Kompromisse zu schließen oder mal nachzugeben und sich dann mal durchzusetzen. In anderen Fällen gelingt es vielleicht nicht und dann muss man um der guten Sache willen auch mal einen Machtkampf ausfechten. Dabei kann man entweder gewinnen oder verlieren… In allen Fällen sollte man es aber im gleichen Geist tun, das ist der Geist der Liebe.

 


[1] Indische Schrift, welche die Lebensgeschichte von Krishna erzählt

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