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05-12 Kommentar Sukadev

Alles was wir tun, entspringt aus der Einheit und führt zum Frieden. Woher weiß man, wann man den Früchten des Handelns entsagt hat und wann nicht?

Früchte sind etwas anderes als Erfolg und Misserfolg. Früchte sind der Lohn, den wir für etwas bekommen. Angenommen ihr helft jemandem außerordentlich und anschließend bittet ihr den gleichen Menschen, dem ihr geholfen habt, um einen Gefallen und er lehnt ab euch zu helfen. Dann merkt ihr sehr schnell, ob ihr an den Früchten verhaftet seid oder nicht. Wenn ihr sehr ärgerlich seid, dass er euch nicht hilft, dann wisst ihr, ihr wart doch verhaftet. Wenn ihr euch drüber freut, im Sinne von: „Ich hab meine Aufgabe erledigt. Ich hab mein Karma abgearbeitet und jetzt bin ich zusätzlich noch damit konfrontiert, dass jemand mir eben diesen Gefallen nicht tut, dann heißt es, ich bekomme eine zusätzliche karmische Lektion.“ Über diese Lektion kann ich mich dann wiederum freuen. Vielleicht habe ich noch Mitgefühl mit dem anderen, denn wenn er es aus Egoismus ablehnt, mir diesen Gefallen zu tun, dann schafft er sich selbst dadurch schlechtes Karma. Aber wenn ich mich gekränkt fühle, weil jemand den Gefallen nicht erwidert, dann ist das ein typischen Beispiel für: „Ich hab an meinen Früchten gehangen.“

Krishna gibt uns durchaus hohe Ideale. Aus sich selbst heraus diese Ideale zu erfüllen, ist oft sehr schwierig. Der Grund, warum alle großen Meister uns immer wieder hohe Ideale setzen oder Aufgaben geben, die schwierig zu erfüllen sind ist: sie wollen uns Demut lehren. Wenn wir demütig sind, wenden wir uns an Gott und er hilft uns. Auch in der protestantischen Theologie findet man das. Evangelisch reformierte Theologie, wie sie z.B. im Heidelberger Katechismus formuliert ist, geht in etwa so:

Gott hat dem Menschen Gebote gegeben, die ein Mensch nicht erfüllen kann. Zuerst einmal die 10 Gebote an sich. Dann die Gebote der Nächsten- und Gottesliebe: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (z.B. Markus XII,31), „Liebe Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt, mit all deiner Kraft.“(z.B. Markus XII, 30) „Wenn jemand dir auf die rechte Wange schlägt, halte ihm auch die linke hin.“ (Matthäus V, 39) „Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.“ (Matthäus V, 40) und so weiter. All diese Forderungen aus eigener Kraft zu erfüllen, ist unmöglich (Heidelberger Katechismus, Fragen 1-5). Wir können uns nur an Gott wenden, uns für unsere Unzulänglichkeiten entschuldigen (also unsere Sünden bekennen und um ihre Vergebung bitten) und Gottes Gnade erbitten (Heidelberger Katechismus, Fragen 13-19). Laut protestantischer Theologie ist Gott als Jesus für die Vergebung unserer Sünden gestorben. Wenn wir daran glauben, werden wir erlöst. Mit Gottes Segen und Gnade gelingt es, uns von Sünden zu befreien.

Ähnlich gibt uns Krishna, nachdem er in den ersten Kapiteln sehr hohe Ideale aufgestellt hat, in der zweiten Hälfte der Bhagavad Gita Möglichkeiten und Tipps an die Hand, wie wir Gott verehren können. Wir sollten niemals nachlässig sein und sagen: „Ich kann das sowieso nicht.“ Wir sollten uns immer bemühen, alles so gut umzusetzen, wie es uns möglich ist. Wenn es uns ansatzweise gelingt, sind das oft die Momente im Leben, wo wir am glücklichsten sind und die Gnade Gottes in uns empfinden. Wir empfinden bedingungslose Liebe. Liebe, die nicht von Früchten abhängt. Liebe, die nicht davon abhängt, ob ich etwas zurückerhalte. Liebe um der Liebe willen. Sobald ich etwas tue, damit es mir gut geht, bin ich verhaftet. Bedingungslose Liebe kann nicht enttäuscht werden. Doch sie ist auch nicht immer einfach. Es heißt auch sich aufzuopfern. Es heißt auch, die eigenen Interessen zurückzustellen. Es heißt, Raga (Mögen/Wunsch) und Dwesha (Nichtmögen/Abneigung) zurückstellen. Mütter erleben es oftmals am stärksten, was bedingungslose Liebe ist. Für ihre Kinder müssen sie besonders in den ersten Lebensjahren viele ihrer eigenen Interessen zurückstellen. In gewisser Weise hat die Natur die Instinkte dazu geschaffen, dass es ganz natürlich geschieht. Diese mütterliche Liebe ist die Grundlage des Karma Yogas. Es kann sein, dass das Kind dann mal lächelt und die Mutter glücklich ist. Es kann aber auch sein, dass die Mutter alles für das Kind tut und es nur schreit. Ich habe mal gelesen, dass manche Mütter sogar mal das Bedürfnis haben, ihr Kind aus dem Fenster zu werfen. Natürlich tun sie es dann doch nicht, auch wenn so ein Baby manchmal sehr undankbar scheint. Manchmal hat eine Mutter die Lernaufgabe, durch eine solche Situation bedingungslose Liebe zu entwickeln. Elternschaft kann Menschen also helfen, auf dem spirituellen Weg zu wachsen.

Ich kannte mal eine Frau, die eine hervorragende Organisatorin und Büroleiterin war. Sie hat sehr effektiv 8 Stunden am Tag gearbeitet, mit großem Engagement. Ihr freier Tag und ihre Freizeit allerdings waren ihr heilig. Überstunden durfte es nicht geben. In der Freizeit durfte niemand sie um etwas bitten. Wenn es Notfälle gab, dann musste jemand anderes die Notfälle bearbeiten. Sie brauchte die Zeit für sich. Das brachte ihre Kollegen auch manchmal in Probleme. In jeder kleineren Firma gibt es manchmal auch Notfälle. In solchen Fällen blieb sie dann außen vor, und andere mussten einspringen. Dann wurde diese Frau schwanger. Jetzt musste sie sich ganztägig um ihr Kind kümmern. Es war aus mit geregelter Arbeitszeit, fester Freizeit etc. Dies war eine überaus wertvolle Lektion für sie.

Wenn wir anderen dienen wollen, gilt es, Swarupa zu folgen und gleichzeitig auf unser Karma zu achten. Es gibt den Ausdruck: „Swarupa plus Karma gleich Swadharma.“ Swadharma heißt „die eigene Pflicht“. Woher weiß man, was die eigene Pflicht ist?

Die Pflicht ergibt sich aus zwei Dingen: Zum einen aus dem Karma und zum anderen aus der eigenen Swarupa. Swarupa ist die Wesensnatur. In der Bhagavad Gita werden darunter die Talente, die Fähigkeiten und die Persönlichkeit verstanden[1]. Paulus spricht in der Bibel von Talenten, die wir geschenkt bekommen haben. Diese Talente sollten wir nutzen und sie entfalten. Paulus predigt in seinen Briefen an die Leiter der Gemeinden, ihre Aufgabe sei es, die Talente ihrer Gemeindemitglieder zu nutzen zum Wohl von anderen.

Krishna verwendet in der Bhagavad Gita zwei weitere Ausdrücke, die gleichbedeutend sind mit Swarupa: Prakriti[2] und Swabhava. Krishna rät uns, unsere eigenen Talente zum Wohl anderer zu nutzen und gleichzeitig unser Karma dabei zu beachten. Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedlichen Einsatz. So sollte nicht jeder Mensch in der gleichen Situation auf die gleiche Weise reagieren. Jeder hat unterschiedliche Pflichten. Folgendes Beispiel soll das verdeutlichen:

Ich habe einige Jahre in Paris ein YogaZentrum geleitet. Es lag im 5. Stock und es gab keinen Aufzug. Jeden Tag hatten wir durchschnittlich 100 bis 150 Schüler zu Kursen und offenen Stunden und etwa 30 bis 40 Menschen zum Essen im Center. Letzteres hieß, es mussten Unmengen von Nahrungsmitteln täglich nach oben transportiert werden. Es war immer auch die Aufgabe, das Karma des Küchenchefs, die Nahrungsmittel hochzubringen. Sie mussten es erfüllen. Doch die Art, wie sie es erfüllt haben, war sehr verschieden. Ich hatte 3 verschiedene Küchenchefs, die drei verschiedene Weisen hatten, dass Essen nach oben zu bringen:

Der erste war ein sehr kräftiger Typ, ein Pitta-Typ. Er hat es höchstpersönlich jeden Tag nach oben gebracht. Er hat seine ganze Körper- und Willenskraft dafür eingesetzt.

Der zweite war ein sehr kommunikativer Typ, ein Vata-Typ. Er hat jeden Tag die Einkäufe so erledigt, dass er kurz vor einer Yogastunde vom Markt kam. So konnte er die ankommenden Yogaschüler dazu motivieren, ihm zu helfen, das Gemüse nach oben zu tragen. Jeder bekam eine Tasche in die Hand gedrückt.

Der dritte war ein etwas behäbigerer, sehr liebevoller Mensch, also ein Kapha-Typ. Er hat mit jedem Verkäufer gesprochen, bis er erstens gute Preise erzielt hat und zweitens ihm der Verkäufer die Lebensmittel in den 5. Stock gebracht hat. Bei jeder Lieferung hat er dem Verkäufer auch Tee angeboten und ihn liebevoll umsorgt, so dass er uns stets treu blieb.

Alle drei Küchenchefs haben die Aufgabe auf unterschiedliche Weise gemäß ihrer Swarupa und ihrem Swadharma erledigt. Der Pitta-Typ hat es selbst geschafft und war auch stolz auf seine Kraft, welche niemand sonst im Zentrum hatte. Der Vata-Typ war sehr jovial, kommunikativ, hat mit allen gesprochen, sich gefreut, einen Grund zu haben, sich mit so vielen Menschen auszutauschen. So hat er auch einiges, was im Zentrum verbessert werden sollte, erfahren, während er gemeinsam mit ihnen fünf Stockwerke die Lebensmittel nach oben brachte. Der dritte Mensch war ein Kapha-Typ. Er war am längsten Küchenchef. Der Vata-Mensch war am kürzesten Küchenchef.

Alle drei hätten ja auch sagen können: So ein Blödsinn, warum soll ich das machen? Soll doch mal jemand anderes das machen. Dann hätten sie ihr Karma nicht erfüllt. Zu einem Küchenchef gehört der Einkauf der Lebensmittel dazu.

Wir können öfters überlegen: „Was ist die Aufgabe hier? Was ist mein Karma?“ Oft weiß man, was eigentlich getan werden müsste, mag es aber nicht. Stattdessen schimpft man vielleicht. Viel Energie geht verloren, wenn man gegen anstehende Aufgaben innerlich ankämpft. Im Karma Yoga lernen wir, unsere Aufgaben anzunehmen. Dann können wir uns weiter fragen: „Wie erledige ich am besten die anstehende Aufgabe? Wie kann ich meine Fähigkeiten am besten einsetzen, um das, was ansteht, zu erledigen?“ Zwei Menschen mögen vor der gleichen Aufgabe stehen. Wenn ihre Prakriti/Swarupa unterschiedlich ist, ist ihr Swadharma unterschiedlich.

Nehmen wir einmal das Bespiel der vorzüglichen Büroleiterin. Sie hatte ihre Weise, ihre Prakriti in ihre Aufgabe zu bringen. Sie wusste, sie kann effektiv arbeiten in ihren 8 Stunden. Sie war da effektiver in diesen 8 Stunden als manch anderer in 10, 11 oder gar 12 Stunden.

Aber wir sollten an unserer Prakriti nicht verhaftet sein. Denn es kann tatsächlich eine Notsituation entstehen, wo es niemanden gibt, außer einem selbst. Da muss man aufpassen, wenn man meint: „Meine Prakriti ist es, 8 Stunden zu arbeiten, und was danach passiert ist mir egal.“ Dann kann es sein, dass man andere ausnutzt und neues Karma schafft. Man wird zur Ursache des Leidens für andere. Da wäre es besser zu sagen: „Jetzt muss ich die Verhaftung an meine Prakriti aufgeben.“ Das Karma ist in manchen Situationen eindeutig, in anderen nicht. Situationen verändern sich und bergen Schwierigkeiten in sich. Deshalb gibt Krishna uns immer wieder verschiedene Tipps und sagt am Ende der Bhagavad Gita doch zu Arjuna: Ganz sicher weiß man es nie. Wir müssen schauen, was die Situation erfordert, wie man seine Talente am besten zur Lösung einbringen kann und dabei verhaftungslos bleibt.



[1] Bei Shankaracharya heißt Swarupa etwas anderes, nämlich „wahre Natur“ und bezieht sich auf das höchste Selbst. „Satchidananda Swarupo-`ham“- Meine wahre Natur ist absolutes SeinWissenGlückseligkeit

[2] Prakriti heißt wörtlich „Natur“. In der Samkhya Philosophie bezieht sich Prakriti auf die gesamte manifeste Schöpfung. Im Ayurveda bezieht sich Prakriti auf die Natur des Menschen (z.B. die Dosha-Konstitution). Krishna verwendet den Ausdruck Prakriti in manchen Stellen der Bhagavad Gita für die gesamte Natur/Schöpfung, in manchen Stellen für die individuelle Natur des Menschen

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