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02-71 Kommentar Sukadev

Dieser Vers beinhaltet einen wichtigen Gedanken. Wenn wir sagen, das ist „Mein“, mein Yogacenter, meine Yogaschüler, mein Kooperationscenter und mein Gebiet, dann müssen wir in irgendeiner Weise damit umgehen lernen. Wir haben Verpflichtung für etwas. Ich z.B. bin der Leiter von Yoga Vidya, was bestimmte Verpflichtungen beinhaltet. Doch es ist nicht „mein“ Yoga Vidya. Es kann sein, dass wir Pleite gehen. Es kann sein, dass eines Tages ein großartiger Meister kommt und er die Leitung des Hauses übernimmt. Vieles ist möglich. Wir identifizieren uns mit etwas. Und diese Identifikation und das Sagen: „Das ist meins“ schafft uns Probleme. Verschiedenste Beispiele, die ich öfters gebrauche, verdeutlichen das. Nehmen wir einmal an, ich identifiziere mich besonders mit dieser Uhr, die ich am Handgelenk trage. Ich sage: „Das ist meine Uhr.“ Während der Meditation lege ich die Uhr ab und vergesse manchmal hinterher sie wieder an mich zu nehmen oder es tritt jemand auf sie. Angenommen ich sage: „Das ist meine Uhr“ und es tritt jemand auf sie, dann bin ich sehr ärgerlich. Wenn ich aber nicht denke, dass das meine Uhr ist, und jemand tritt auf sie, dann ist es zwar immer noch ein finanzieller Verlust und ich muss mir eine andere Uhr anschaffen, aber ich bin nicht so ärgerlich. Bei manchen ist es aber mehr als nur ein finanzieller Verlust. Sie sagen: „Das ist meine Uhr. So eine Uhr finde ich nie wieder. Sie ist ein Erbstück. Was wird der Schenker von mir denken.“

Swami Vishnu hat gerne Wortspiele gemacht. Er sagte z.B. einmal „Mine is a mine“, was man mit „Mein ist eine Miene“ übersetzen kann. Entschärfen können wir diese Miene indem wir sagen: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Oh Gott, du hast mich als deinen Verwalter eingesetzt und deshalb habe ich bestimmte Aufgaben dort.“

Es gibt auch noch eine interessante Geschichte aus der Ramayana. Janaka, der König von Videha, ist zu Ashtavacra in die Lehre gegangen, um die Weisheit des Selbst zu erfahren. In Indien ist es üblich, wenn man zu einem Lehrer geht, dass man ihm am Ende des Gesprächs oder der Unterweisung ein Dakshina, eine „Gabe“, gibt. Man bezahlt nicht im Voraus, sondern erst hinterher. Oft sind diese Gaben nennenswerte Summen, da man das Wertvollste bekommen hat. Janaka war König, er konnte also viel geben. Allerdings sah er, dass sein Meister viele reiche Schüler hatte, die ihm wertvolle Geschenke gaben. Er lebte in einer Hütte, hatte eine zweite, in der alle Geschenke untergebracht waren. Wenn ein Bedürftiger kam, dann schenkte der Meister diesem etwas von den Geschenken. Eigentlich brauchte der Meister nichts. Deshalb entschloss sich Janaka den Meister zu fragen, was er ihm geben könnte. Er sagte: „Meister, ich weiß nicht, was ich dir als Dakshina geben soll. Bitte wünsche dir etwas. Egal, was es sein wird, ich werde es dir geben, wenn ich es dir geben kann.“ Ashtavacra schaute Janaka verschmitzt an und fragte nach: „Egal was?“ „Das Wort eines Königs gilt.“

Darauf hin lächelte Ashtavacra Janaka an und sagte: „Okay, dann möchte ich dein Königreich haben.“ Ashtavacra beobachte Janakas Gesichtsausausdruck und Janaka antwortete nur: „Okay, mein Wort gilt. Du sollst mein Königreich haben.“ Ashtavacra reichte Janaka ein Blatt Papier und forderte ihn auf, seine Abtretungserklärung zu unterschreiben. Janaka unterschrieb und setzte das königliche Siegel auf den Briefbogen. Mehrere Menschen bezeugten dieses Treffen mit ihren Siegeln auf dem Papier. Am Ende teilte Ashtavacra Janaka mit, dass er jetzt gehen könnte. Janaka eilte davon und überlegte, was er denn jetzt machen sollte. Er hatte als Beruf nur König gelernt. In die Hauptstadt wollte er nicht gehen. Kurz bevor er ganz außer Sichtweite war hörte er Ashtavacra aus der Ferne rufen: „Janaka, komm noch mal zurück.“ Und weiter fragte er ihn: „Weißt du Janaka, was soll ich mit einem Königreich. Ich bin hier in der Hütte viel zufriedener. Ich gebe dir eine neue Aufgabe. Du wirst der Verwalter meines Königreichs. Für mich regierst du dieses Königreich und zwar so, als ob du der König wärst. Du erzählst niemandem, dass das Königreich mir gehört, sondern du regierst es und tust so, als ob du der König wärst. Ich habe hier in meinen Händen die Abtretungserklärung und es kann jederzeit passieren, dass ich zu dir komme und mein Recht dort behaupte.“ Nach diesen Worten ging Janaka zurück ins Königreich und regierte es als Verwalter von Ashtavacra. Die Untertanen wussten es nicht. Nur Janaka und die eingeweihten Schüler wussten es. Janaka lebte, als würde ihm das Königreich gehören. Aber es machte einen Unterschied aus, da er es für seinen Guru verwaltet hat.

Im Grunde genommen ist es auch so. Gibt es irgendetwas, was wirklich uns gehört? Jeden Moment kann Gott uns sagen, dass gehört nicht dir, sondern mir und mir gefällt es jetzt, dir das wegzunehmen. Wir besitzen nichts, mit dem uns das nicht passieren könnte. Alles, was wir haben, haben wir als Verwalter bekommen. Ob wir Vermögen vererbt bekommen haben, ob wir geistige Fähigkeiten besitzen, ob wir Menschen in unserer Nähe haben, die liebevoll und freundlich mit uns umgehen, all das gehört uns nicht. Wir sind nur Verwalter, mit anderen Menschen haben wir für einen beschränkten Zeitraum gemeinsames Karma, bestimmte Aufgaben und können uns gegenseitig unterstützen. Wir können uns gegenseitig helfen, gegenseitig Freude schenken. Die anderen Menschen gehören uns aber nicht. Yama, der Totengott, kann sie uns jederzeit wegnehmen.

 

Frei von Mein und auch ohne Ichbewusstsein bedeutet, dass wir nicht denken: „Ich bin dieses oder ich bin jenes.“ Wir sagen oft: „Ich bin der und der. Ich bin klug. Ich bin klein. Ich bin dünn. Ich bin ein Handwerker. Ich bin eine liebevolle Mutter. Ich bin ein Mensch, der immer wieder Abwechslung braucht. Ich bin jemand, der sehr beständig ist. Ich bin Wassermann, Aszendent Schütze. Ich bin 70% Vata, 20% Kapha und 10% Pita.“ Wir identifizieren uns auf vielfältigste Weisen. Dennoch sind wir weder dies noch das. Wir sind das unsterbliche Selbst. Alles, womit wir uns identifizieren, vergeht irgendwann. Identifikation ist immer ein Grund für Leiden. Angenommen, wir identifizieren uns damit, dass wir sehr musikalisch sind. Wir bekommen einen Hörsturz und was passiert dann?

Ich kannte mal einen Menschen, der ein sehr guter Hornspieler war. Er hatte alle Wettbewerbe, an denen er teilgenommen hat, gewonnen. Er selbst bezeichnete sich als den weltbesten Hornspieler. Außerdem hat er sich für eine Millionen Euro versichern lassen. Wenn ihm irgendetwas passieren würde und er nicht mehr Horn würde spielen können, dann würde er eine Million Euro bekommen. Er war auch ein Yogi. Er hat in einem Yogazentrum gewohnt. Dort hat er ein bisschen mitgeholfen. Er war auch ein sehr guter Yogalehrer. Eines Tages musste er zum Zahnarzt. Dort hat er eine Wurzelbehandlung bekommen und etwas ist schief gegangen. Er musste operiert werden und das Ergebnis war, dass die Hälfte des Gesichts gefühllos wurde. Er konnte keinen einzigen Ton mehr auf dem Horn hervorbringen. Er bekam also eine Million Euro und eigentlich könnte er als Yogi doch froh sein. Er bräuchte nichts mehr zu tun und könnte von den Zinsen leben. Er könnte sich ein gutes, bequemes Leben machen. Er selbst aber war am Boden zerstört, denn seine wichtigste Identifikation war Hornspieler. Er hat dann überlegt, ob er vielleicht singen könnte, da er ja eine fantastische Stimme hatte. Der Mensch hat auch sofort Gesangsunterricht genommen, um zu schauen, ob er eine Sängerkarriere starten könnte. Außerdem hat er Swami Vishnu gefragt, was er tun sollte. Swami Vishnu hat ihm geraten einfach weiter Horn zu spielen und Gerstensaft zu trinken. Der Mann ist Swami Vishnus Rat gefolgt und nach einem Monat kam das Gefühl in seine Lippen wieder zurück. Obwohl der Nerv zertrennt worden ist, hat er es geschafft, neue Verbindungen herzustellen und so konnte er bis heute Hornist bleiben. Diese Geschichte hatte ein Happy end. Sie zeigt uns aber auch, wie wir uns identifizieren und Dinge uns verloren gehen können. Wenn wir kein „Mein“ und kein Ich-Bewusstsein haben, dann erlangen wir Frieden. Dann können wir unsere Wünsche und unser Verlangen aufgeben.

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