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02-24 Kommentar Sukadev

Zuerst argumentiert Krishna vom Jnana Yoga Standpunkt, von der Vedanta  Philosophie aus. Doch nun beginnt er seinen Argumentationsstandpunkt zu verändern. Er bemerkt, dass Arjuna mit den Gedanken abdriftet, wie dessen Gesichtsausdruck langsam ausdruckslos wird. Es ist eine Erfahrung, die alle großen Yogameister machen, wenn sie einen längeren Vortrag über Vedanta halten. Die Zuhörer driften ihnen ab.

Bei diesen subtilen Gedanken können nur wenige Menschen folgen. Deshalb wechselt Krishna jetzt den Standpunkt, so wie alle großen Yogameister es machen.

 

Sogar Shankaracharya, ein bedeutender Jnana Yoga Meister, hat nicht nur Jnana Yoga Schriften geschrieben. Er hat ebenfalls Schriften der Hingabe geschrieben und auch praktische Kommentare über Yoga Schriften verfasst. Shankaracharya systematisierte Pilgerreisen und Pujas. Er galt als der größte Jnani aller Zeiten. Gleichzeitig war er aber auch ein Bhakta, ein Karma Yogi und ein Raja Yogi. Des Weiteren hat er einen Kommentar über Pranayama geschrieben, weswegen er auch als Hatha und Kundalini Yogi bezeichnet wird.

Es gibt zwar einige Gelehrte, die behaupten Shankaracharya, könne das alles nicht geschrieben haben. Das müsse irgendjemand anderes in seinem Namen veröffentlicht haben. Aber ich glaube, das beruht auf einem Vorurteil von westlichen Philosophen, die denken, dass es nicht möglich ist, dass ein Mensch, der noch dazu nur 32 Jahre alt geworden ist, eine solche Bandbreite an spirituellem Wissen gehabt haben kann. Doch Krishna besaß sie. Shankara besaß sie und ebenfalls Swami Sivananda. In Indien ist das durchaus sehr üblich, dass große Meister verschiedenste Standpunkte einnehmen können.

 

Um Yoga ganzheitlich leben zu können, müssen wir öfter den Standpunkt wechseln. Wir müssen es so machen wie Hanuman (ein beispielhafter Aspirant in der Ramayana) es in folgender Geschichte zum Ausdruck brachte: Die Gottinkarnation Rama war zusammen mit seiner Frau Sita und seinem Bruder Lakshmana ins Exil geschickt worden. Ihm wurde seine Frau geraubt. Mit seinem Bruder Lakshmana durchstreifte er den Wald und suchte seine entführte Frau Sita. Eines Tages traf er auf Hanuman. Hanuman war ein Diener von Sugriva. Sugriva war ein Affenkönig, der ebenfalls ins Exil geschickt worden war. Bei ihrer Begegnung fragte Rama den Hanuman: „Wer bist du?“ und in dem Moment, wo Rama Hanuman fragte: „Wer bist du?“ fiel Hanuman in Ekstase, hatte eine Vision und antwortete: „Auf der physischen Ebene bin ich dein Diener. Auf der geistigen Ebene bin ich ein Teil von dir und auf der höchsten Ebene bin ich du.“

Diese gleiche Einstellung können wir selbst haben: Wenn wir im Alltag handeln, können wir uns als Gottes Diener fühlen. Wenn wir nachdenken, können wir uns als Teil Gottes empfinden. Und in tiefer Meditation und Kontemplation spüren wir, dass wir eins sind mit Gott.

Ähnliche Aussagen werdet ihr in allen Schriften großer Meister immer wieder finden, so auch bei Krishna. Krishna spricht zuerst von der Unsterblichkeit der Seele. Manche Menschen fragen dann: „Was spielt es für eine Rolle, was wir tun? Es wäre ja egal, was wir machen, wenn die Seele sowieso unsterblich ist.“ Doch alleine diese Ebene zu betrachten reicht nicht aus.

Auf der praktischen Ebene nämlich sind wir ein Diener Gottes. Auf dieser Ebene geht es darum, herauszufinden, was unsere Aufgaben sind, unser Dharma zu tun, unsere Aufgaben erfüllen.

Auf einer höheren Ebene sind wir ein Teil von Gott. Und auf der höchsten Ebene sind wir eins mit Gott.

Wir sollten uns immer bewusst sein, dass auch Krishna in der Bhagavad Gita öfters den Standpunkt wechselt. Es gibt relative und absolute Standpunkte. Ähnlich ist es in der modernen Physik, die auch kein kohärentes Weltbild entwirft. In der Physik gibt es widerstreitende Theorien, die das gleiche Phänomen unterschiedlich interpretieren und, die beide als richtig gelten. Das wahrscheinlich bekannteste Modell, von dem viele von euch schon mal gehört haben, ist das Modell des Teilchen-Wellencharakters des Lichts. Da haben sich Newton und Huygen schon darüber gestritten. Auch Einstein hat sich damit auseinandergesetzt. Die einen sagen, Licht sei ein Teilchenstrom. Die anderen behaupten, Licht sei ein Wellenstrom in einem Äther. Vertreter der Teilchenstromtheorie behaupten, es gäbe Teilchen, die von einem Ort zum anderen wandern. Und das Interessante ist, manchmal verhält sich das Licht wie ein Teilchenstrom und manchmal wie eine Welle. Z.B. gibt es viele Experimente mit Lichtinterferenzen, die klar und schlüssig beweisen, dass Licht eine Welle ist. Diese Interferenzmuster, die es dort gibt wenn man Strahlen von links und von rechts durch einen Doppelschlitz hindurchführt und wie sich dann das Licht verhält, zeigt ganz klar, dass Licht eine Welle ist und kein Teilchenstrom sein kann. Und dann gibt es andere Experimente. Dazu gehört vor allem der fotomechanische Effekt, der bei der ganzen Fotografie ausgenutzt wird. Er zeigt einwandfrei, dass Licht ein Teilchenstrom sein muss. Demnach kann Licht keine Welle sein. Somit stehen die Physiker vor einem Problem. Manchmal verhält sich Licht wie ein Teilchenstrom. Manchmal verhält sich Licht wie eine Welle. Doch physikalisch ist es nicht denkbar und nicht erklärbar, dass etwas gleichzeitig Welle und Teilchenstrom sein kann. Beides schließt sich aus. Es ist ein logischer Widerspruch. Die Physiker versuchen diesen Widerspruch bis heute irgendwie zu lösen. Einstein war das immer schon unsympathisch. Er hat viele große Entdeckungen gemacht und hat sein Leben lang versucht, alles in der Unified Field Theory, der einheitlichen Feldtheorie, zu verbinden. Ihm hat es nicht gefallen, dass es scheinbar so viele Zufälle in der Welt gab. Gott könne nicht würfeln. Meines Erachtens nach hat er vergessen, dass nur dadurch, dass die Welt physikalisch nicht determiniert ist, überhaupt Raum für ein Einschreiten Gottes in die Welt da ist. Nur dadurch, dass Zufälle theoretisch möglich sind, nur dadurch ist überhaupt denkbar, dass von einer physikalischen Warte aus betrachtet, die physische Welt durch eine höhere Kraft verändert wird. Gerade dadurch, dass das Gesetz der Kausalität, wie es von Newton aufgestellt worden ist, auf der physischen Ebene eben nicht hundertprozentig gilt, nur dadurch ist die Existenz eines ins Weltall eingreifenden Gottes denkbar. Wenn auf der physischen Ebene alles streng determiniert wäre, hätte Gott irgendwann die Welt geschaffen. Seitdem läuft alles mechanisch und determiniert ab. Im 19. Jahrhundert glaubten alle, irgendwann könnten sie diese Welt in ein logisches, erklärbares System hineinbringen und alle Gesetze des Universums verstehen. Im 19. Jahrhundert gab es die Aussage eines brillanten Menschen, ich weiß leider nicht mehr, wie er hieß, der einen großen Physiker gefragt hatte: Er würde gerne Physik studieren, wo er denn Physik studieren sollte? Und dieser antwortete ihm: Er solle überhaupt keine Physik studieren. In zehn bis zwanzig Jahren wären die gesamten Gesetze der Physik erforscht. Physik wäre kein interessantes Gebiet, wo neue Forschungsergebnisse zu erwarten seien. Er solle sich etwas anderes aussuchen.

Die größte physikalische Forschungsgesellschaft Englands hat auch mal behauptet, dass sie es in 20-30 Jahren geschafft haben wollen, das ganze Universum vollständig und schlüssig zu erklären. Kurze Zeit darauf wurde die Atomphysik entdeckt, dann kam Einstein, danach kam die Quantentheorie. Im Anschluss daran kam die Heisenbergsche Unschärferelation und dann Quarks. Erst seitdem haben die Physiker Abstand davon genommen zu behaupten, dass sich das Universum vom Menschen wirklich vollständig und schlüssig erklären lasse. Es gibt immer noch Physiker, die es versuchen. Wer weiß, vielleicht gelingt es auch in einem ganz übergeordneten Sinn und einer Logik, die der normale Mensch niemals nachvollziehen kann. Aber es bleibt die Frage: Warum sollte sich die Welt so verhalten, dass es vom Menschen her logisch zu erkennen wäre?

Dessen sollten wir uns immer bewusst sein. Unterschiedliche Standpunkte können auf unterschiedliche Lebenswirklichkeiten angewandt werden, ohne sich zu widersprechen. Sie haben in verschiedenen Lebensumständen ihren Sinn. So wie ja auch die Vaishesika Philosophie, die materielle Philosophie, auch ihren Sinn hat. Nicht umsonst lehren wir in den Yogalehrer Aus- und Weiterbildungen auch Anatomie und Physiologie. Nicht umsonst muss man lernen, wie man einen Beruf richtig ausführt. Und es ist auch gut zu wissen, wie man eine Steuererklärung macht und solche Sachen. Alles Sachen, die aus der Vaishesika Philosophie heraus verstanden werden können. Auch Krishna sagt an späterer Stelle im 2. Kapitel, als er eine Definition von Yoga gibt: „Yoga ist Geschick im Handeln“. (Kap.2 Vers 50)

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