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18-73 Kommentar Sukadev

Arjuna ist also am Ende klar, was er zu tun hat.

Das Geniale in der Bhagavad Gita ist, dass im Rahmen der Frage nach der richtigen Entscheidung in einer schwierigen Situation alle wichtigen Fragen des spirituellen Lebens behandelt werden, insbesondere, wie wir unseren Alltag spiritualisieren können.

Ich möchte hier nochmals die Lehren der Bhagavad Gita in Bezug auf die Entscheidungsfindung zusammenfassen.

Kriterien, die du anwenden kannst, wenn du vor einer wichtigen Entscheidung stehst: 

Die Frage an Gott richten.
Du kannst dich an Gott, Göttin, kosmisches Bewusstsein, wie immer du es ausdrücken willst, oder an deinen Meister/Meisterin wenden.

Mir persönlich fällt es bei Entscheidungsfragen am leichtesten, mich an Swami Sivananda zu wenden und zu fragen: „Sag mir, was Du von mir willst“ oder „Was kann ich machen?“ – und fast immer kommt eine Antwort. Nicht immer ist sie ganz klar, und man kann sich auch täuschen oder sie fehl interpretieren, aber in der Regel hilft sie irgendwie weiter.

Die Wichtigkeit zu relativieren; das Ganze in einen größeren Zusammenhang stellen bzw. aus einer übergeordneten Perspektive zu sehen.
Krishna macht das abwechselnd mit dem Jnana Yoga Standpunkt und dem Bhakti Yoga Standpunkt.

Das Selbst ist unsterblich. Egal, wie du dich entscheidest, Brahman bleibt stets gleich. Das ist Jnana Yoga.

Gott macht alles und wir sind nur Zellen im kosmischen Körper Gottes, bzw. Instrumente in den Händen Gottes. Das schließt ein, dass Gott sogar durch unsere Unvollkommenheiten und  unsere offensichtlichen Fehlentscheidungen wirkt. Das ist Bhakti Yoga.
Die Vorstellung, dass wir als kleine Einzelzelle, als ein Staubkorn im Universum, mit unseren Entscheidungen nicht wirklich so wichtig sind, hilft oft, das Ganze zu relativieren und damit etwas gelassener zu sehen.

Swami Sivananda schreibt in seinem BuchSadhana“: „Halte die selbst geschaffene Last auf deinen Schultern gering.“

Das Gesetz des Karma berücksichtigen
Letztlich können wir uns nur für etwas entscheiden, wofür auch Karma für uns angelegt ist. Wir können uns nicht für etwas entscheiden, wofür wir kein Karma haben.

Ein Beispiel: Bei Yoga Vidya haben wir uns vor einigen Jahren für ein Seminarhaus an der Ostsee entschieden. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, über das Für und Wider, die Finanzierung usw. und dann in der Mitarbeiterversammlung mehrheitlich dafür gestimmt. Trotzdem hat es dann aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Es spielte keine Rolle, dass wir uns dafür entschieden hatten, es gab einfach kein Karma dafür, also konnte es nichts werden.

Hier stellt sich oft die Frage von Freiheit oder Determinismus. Haben wir überhaupt Entscheidungsfreiheit? – Nach dem Gesetz des Karma haben wir sehr wohl eine gewisse Freiheit, nämlich in gewissem Maße zu entscheiden, welcher Teil unseres Karmas sich zuerst  entwickelt, und oft auch, wie stark sich eine karmische Verwicklung tatsächlich physisch manifestieren muss.

In der zeitlichen Abfolge unserer Aufgaben haben wir in jedem Fall eine gewisse Freiheit, dann läuft eben ein Zweig des Lebens erst mal in eine andere Richtung und das andere holen wir später nach bzw. holt uns später ein.

Angenommen, du hättest dich entschieden, nach Mauritius auszuwandern, statt zu einer Weiterbildung ins Haus Yoga Vidya zu kommen. Wenn es nicht in deinem Karma angelegt ist, bekommst du die Einwanderungspapiere nicht, alle möglichen anderen Hindernisse treten ein, das Geld, das du dafür gespart hast wird gestohlen oder jemand Nahestehender braucht dich plötzlich, usw.

Mit dieser Gewissheit, dass wir uns nicht für etwas entscheiden können, wofür kein Karma da ist, können wir unsere Last gering halten.

Auch hier muss man aber achtsam sein. Wenn sich ein kleines Hindernis in den Weg stellt, heißt das noch lange nicht, dass kein Karma diesbezüglich da ist und das, was man sich vorgenommen hat, nicht sein soll. Manchmal ist es gerade die Aufgabe, das Karma, Hindernisse zu überwinden. Man muss sich eine ganze Weile lang ernsthaft auf jede erdenkliche Art bemühen. Wenn wirklich kein Karma dafür da ist, dann wird es sich trotz aller Anstrengung nicht manifestieren.

Man kann natürlich durch eigene Wünsche neues Karma schaffen und dann geht es langfristig auch – dann geht es nicht in dem Moment, aber später, denn wenn wir etwas sehr stark wünschen, was im Moment nicht vorgesehen ist, schaffen wir dadurch neues Karma, welches sich dann später manifestiert. Aber zunächst einmal können wir uns grundsätzlich nicht für etwas entscheiden, wofür kein Karma da ist.

Nach diesen übergeordneten Gesichtspunkten, die uns die Gewissheit geben, letztlich ist es nicht ganz so schlimm, auch wenn wir uns mal “falsch” entscheiden, gibt uns Krishna noch konkretere Entscheidungskriterien:

Abwägen, ob etwas als sattwig, rajasig oder tamasig einzuordnen ist und dann nach Möglichkeit das Sattwige machen. (14., 17. Kapitel und 18. Kapitel)

Ethische Prinzipien beachten, und uns zum Beispiel bei jeder Entscheidung an Satya (Wahrhaftigkeit), Ahimsa (Nichtverletzen), Brahmacharya (Vermeiden von sexuellem Fehlverhalten, Treue), Aparigraha (Unbestechlichkeit) und Asteya (Nicht stehlen) halten.

Abwägen zwischen Daiva, dem Lichtvollen, Hilfreichen für die spirituelle Entwicklung und Asura, dem, was uns in eine andere Richtung zieht.

Yajna (Opfer), Dana (Geben) und Tapas (Disziplin, Askese).
Wenn du vor verschiedenen Alternativen stehst, ist bevorzugt das zu tun, was entweder für andere gut ist oder was im Kontext steht mit spirituellen Ritualen, was deine spirituelle Praxis verbessert bzw. deinem spirituellen Fortschritt und persönlichen Wachstum in Ethik usw. dient. (16. Kapitel)

„Yajna, Dana, Tapas – diese drei sind besonders zu tun, diese läutern den Weisen.“ Wenn also ein spiritueller Aspirant vor verschiedenen Alternativen steht, muss er sich unter anderem auch fragen, „Welchen Einfluss hat das, was ich tue, auf meine spirituellen Rituale? Wie viel Gutes kann ich anderen tun? Hilft es meinen spirituellen Praktiken?“

8) Dharma aus karmischer Situation. Wenn man in einer bestimmten karmischen Situation ist, ergeben sich daraus bestimmte Verpflichtungen (Dharma).

Bestimmte Entscheidungen, die man einmal getroffen hat, führen zu bestimmten Konsequenzen, Verantwortungen und Verpflichtungen.

Alles als karmische Lernaufgabe zu sehen.

Patanjali sagt im Yoga Sutra, Karma ist sowohl dazu da, dass wir Erfahrungen machen, wie auch um uns zur Befreiung zu führen. (Yoga Sutra, II.18)

Krishna sagt, man soll nicht am Ergebnis und nicht an den Früchten hängen. Eine richtige Entscheidung lässt sich nicht unbedingt daran messen, ob das Ergebnis wie gewünscht ausfällt. Es kann sein, dass es zum Beispiel die Aufgabe war, etwas aufzubauen und die nächste Aufgabe ist, die Fähigkeit des Loslassens zu entwickeln. Deshalb war es gut, dass man etwas aufgebaut hat, auch wenn es sich im Nachhinein nicht als Erfolg im herkömmlichen Sinne erweist, und es ist genauso gut, dass man lernt, es wieder loszulassen.

Alles, was einen Anfang hat, hat ein Ende. Egal was wir machen, in tausend Jahren wird vermutlich nichts mehr davon bestehen. Weder ein Baum, den man pflanzt, noch ein Haus, das man baut.

10.) Gemäß seiner Swabhava bzw. Prakriti zu handeln.
Wenn wir bei Entscheidungen auf unsere innere Natur hören, auf das, was tief vom Herzen her kommt, bzw. aus dem, was wir an besonderen Talenten und Fähigkeiten haben, dann erkennen wir oft auch, was unsere besondere Aufgabe ist – sowohl im Großen wie auch bei Einzelentscheidungen.

Praxistipps

– Wenn du vor einer wichtigen Entscheidung stehst, kannst du dich zum Beispiel fragen, „Für welche dieser beiden Alternativen habe ich mehr Fähigkeiten?“ Und zwar nicht nur entwickelte Eigenschaften, sondern auch, „Wo habe ich vielleicht Talente und Fähigkeiten, die noch nicht so entwickelt sind, die aber in mir angelegt sind und die in dieser Situation zum Ausdruck kommen können.“

– Oder du malst dir die Alternativen aus.

Wie verläuft zum Beispiel Alternative A. Angenommen es geht gut, wie fühle ich mich dann, was mache ich, wie spreche ich, wie gestalte ich dann den Tag? Wie sind die Beziehungen mit anderen? Und du spürst dabei in dich hinein, wie es sich anfühlt.

Als nächstes spielst du Alternative A durch in der Annahme, sie geht schief. Was sind dann die Konsequenzen, wie fühlt sich das an?

Dasselbe machst du anschließend für Alternative B, sowohl, es geht gut, als auch, es scheitert und fühlst dich hinein. Manchmal kommt dann eine Klarheit:  „Ja, das scheint das Richtige zu sein.“

– Dieselbe Technik kannst du anwenden, wenn es nicht um mehrere Alternativen geht, sondern um die Frage, „Wie mache ich etwas?“ Man hat eine Aufgabe, weiß aber nicht genau, wie man sie umsetzen soll. Auch da kann man sich wieder fragen, „Wie setze ich meine besonderen Fähigkeiten und Talente ein?“ Jeder Mensch hat eine andere Weise, etwas zu erledigen. Und dann kann man die verschiedenen Handlungsalternativen, ihre Ergebnisse, wie man sich dabei fühlt, was man dabei macht etc., durchspielen.

11.) Eine Kombination verschiedener Techniken kann besonders bei weitreichenden Entscheidungen hilfreich sein.

Du kannst zum Beispiel schrittweise vorgehen und der Reihe nach überlegen:
– Wie kann ich meine Fähigkeiten in mein Aufgabengebiet hineinbringen
Die Gunas sagen klar, das ist sattwig, das ist weniger sattwig
– Die Ethik sagt klar, das ist zu tun
– So ist es für mein spirituelles Leben, für meine Praktiken am besten. Da kann ich auch anderen am besten helfen
– Ich mache mir jetzt so viele Gedanken, aber wenn ich mir überlege, aus meiner Verantwortung und Pflicht heraus ergibt sich ganz klar, was ich zu tun habe.

Manchmal wird einem dabei auch klar, „Was ich als Alternative überlege, versucht mir jemand anders schmackhaft zu machen. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich dazu weder Lust noch Talent. Vielleicht werde ich schnell und leicht Geld verdienen – behauptet der andere mindestens -, aber ich werde mich todunglücklich fühlen. Also, klar, das mache ich nicht.“

12.) Gott um Führung bitten.

Manchmal geht aus dem Abwägen obiger Kriterien die Entscheidung klar hervor, manchmal aber auch nicht.

In diesem Fall kann man Gott um Führung, um ein Zeichen bitten.

In der Bhagavad Gita heißt es ja, „Richte deinen Geist ganz auf Mich. Bringe deine ganze Hingabe zu Gott.“ So kann man zu Gott oder zum Meister oder zu dem Bezug, den man zu etwas Höherem hat, beten: „Lieber Gott, bitte hilf mir. Sage mir, was zu tun ist.“ Und vielleicht das noch mit einer Frist verbinden: „Lieber Gott, bis Dienstag muss ich mich entschieden haben. Bitte sage mir bis Dienstag, was Du von mir willst bzw. was das Richtige ist.“

Ich halte es noch nicht einmal für falsch, Gott um ein Zeichen zu bitten. Damit meine ich jetzt nicht so ein Zeichen wie zum Beispiel, wenn eine Schwalbe von links nach rechts am Fenster vorbeifliegt, dann mache ich das, wenn sie von rechts nach links fliegt, mache ich das andere. –  Aber man kann schon bitten, „Gib mir ein Zeichen, das mir zeigt, dass diese Weise besser ist als die andere.“

Oder man hat ein Gefühl, was das Richtige wäre, ist sich aber nicht ganz sicher. Dann kann man zu Gott beten, „Irgendwie habe ich das Gefühl, Du willst, dass ich das und das mache. Du hast bis Donnerstag Zeit, mich davon abzuhalten. Wenn bis Donnerstag nichts Gravierendes passiert, entweder von innen heraus ein schwerer Zweifel oder ein äußeres Hindernis, dann werde ich das machen.“

So gehe ich durchaus bei komplexen Dingen vor, wo mir die Entscheidung schwer fällt. Natürlich in einer Gruppe wie zum Beispiel bei Yoga Vidya fällt das noch leichter. Da fälle ja letztlich nicht ich die Entscheidung allein, sondern es wird in der Mitarbeiterbesprechung diskutiert und abgestimmt. Da stelle ich mir dann vor, dass Swami Sivananda durch mehrere Menschen hindurch wirkt, nicht nur durch einen Einzigen, und dass die Entscheidung, die dann dabei heraus kommt, von ihm gewollt ist, um seine Mission durchzuführen, denn letztlich beruht ganz Yoga Vidya auf einer Vision, die ich vor vielen Jahren von Swami Sivananda bekommen hatte.

Und wenn man sich einmal für etwas entschieden hat, bleibt man erst mal dabei und sieht Hindernisse, die eventuell kommen, als ebenfalls von Gott geschickt an, damit man sie überwinden und daran wachsen kann. Man sollte dann nicht seine Energie damit verschwenden, sich dauernd wieder anders zu entscheiden und das Vorherige gleich wieder in Frage zu stellen.

 

Der nächste Schritt, wenn man sich entschieden hat, ist, es Gott darzubringen und umzusetzen.

Krishna versichert uns, wenn wir so vorgehen, begehen wir keine Fehler, und selbst wenn es nachher schief geht, war es trotzdem richtig und wichtig für unser spirituelles Wachstum.

Vielleicht sollten wir die Erfahrung eines Verlustes machen.

Manchmal muss man einfach durch Durstphasen hindurchgehen, das gehört auch zum Karma.

Wenn es sich langfristig herausstellt, dass das, wofür man sich dort entschieden hat, nicht innere Energien weckt, dann kann es sein, dass es nicht das Richtige ist oder nicht mehr das Richtige ist. Dann muss man auch die Kraft und den Mut aufbringen, irgendwann damit aufzuhören.

Aber bevor man eine radikale Veränderung macht, kann man sich auch noch einmal fragen, „Wie könnte ich in diese Aufgabe meine besonderen Talente hinein bringen?“ Vielleicht ist man festgefahren und hält sich zu strikt an das, was man denkt, was richtig wäre, ohne seine Talente hinein zu bringen. Dann gelingt es einem vielleicht, die eigenen Denkschablonen zu überwinden und man findet einen kreativen Ansatz, der einem besser liegt. Dann sind auch das Herz und die Energie wieder dabei.

Gerade in unserer doch sehr freien Welt hat man häufig sehr viel mehr Möglichkeiten, als man denkt. Natürlich eckt man auch mal an, das gehört dazu.

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